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01.09.2024

Was in der Ampel wirklich schiefläuft - Leserbrief

[veröffentlicht am 30.08.2024]

Neben Sattler schreibt sich auch der Glossist Anastasiadis die Finger wund, um die Ampel schlecht zu machen. In der Glosse vom 21.08. zählt er diverse Regierungsentscheidungen auf und behauptet, dass die Wähler all diese Entscheidungen für schlecht hielten und erwartet von Scholz, "zur Seite zu treten".

Das einzige, was man korrekterweise aus der Aufzählung herauslesen kann, ist die Tatsache, dass Scholz sich von der FDP als destruktive Opposition in der Koalition auf der Nase herumtanzen lässt.

Zu den Punkten, die Anastasiadis aufzählt:

Es gibt nach Studien ca. 75.000 Tote pro Jahr durch Alkohol, von Tabak fange ich erst gar nicht an. Im Vergleich dazu ist das Gesundheitsrisiko durch Cannabis vernachlässigbar gering.

Von den Geflüchteten, die seit 2015 hier angekommen sind, konnten 86 % in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Der Wirtschaft geht es überraschend gut, z.B. werden in Sachsen und Thüringen trotz der dortigen rechtsextremen Risiken über 30 Mrd. Euro in Zukunftstechnologien wie Chips und E-Autos investiert. Wem es schlecht geht, ist die konservative deutsche Autoindustrie, und das ist das Verdienst von FDP, CDU und CSU, die immer noch auf “Technologieoffenheit” beharren statt der Industrie klare, technisch sinnvolle Vorgaben für die Zukunft gemacht zu machen. Das ewige Hin und Her und das Verbreiten von Schlagworten hat den deutschen Autoherstellern mehr geschadet als sogar die Verhinderung von Euro 7-Grenzwerten auf EU-Ebene. Es gibt und gab nie ein “Verbrenner-Aus”, und trotzdem wird diese Behauptung immer noch wie eine Tatsache durch Presse und Medien geprügelt. Die FDP jubelt über Wasserstoff, E-Fuels und HVO und weiß genau, dass die Herstellungskapazitäten auf Jahre hinaus nie den Bedarf werden decken können und deren Herstellung eine immense Energieverschwendung bedeutet.

Es wäre stattdessen nötig, den ÖPNV zu stärken und Wissing in die Pflicht zu nehmen, in seinem Ressort CO2 einzusparen statt durch Gesetzesänderungen und Rechentricks seine Defizite auf andere Ressorts zu verschieben. Zur Erinnerung: auf EU-Ebene gibt es nach wie vor die Sektorziele, und wenn Wissing (und Nachfolger) bei den verpflichtenden CO2-Einsparungen bis 2030 nicht zu Potte kommt, wird uns das geschätzte 55 Mrd. Euro Strafzahlungen an die EU kosten.

Wenn insbesondere die FDP seit Beginn der Corona-Pandemie nicht den Fetisch “Freiheit” vor sich her getragen hätte, so dass es seitdem so gut wie keinerlei Hygiene- und Schutzmaßnahmen mehr gibt, hätte die deutsche Wirtschaft wesentlich weniger Ausfälle durch Krankheit gehabt und das Wirtschaftswachstum wäre sogar um deutlich ein Prozent höher ausgefallen. Zur Erinnerung: Corona ist leider endemisch geworden und wütet immer noch, die WHO hat lediglich die “globale Notlage” für beendet erklärt.

Der Industriestrompreis ist seit Monaten stetig am Fallen, und liegt je nach Region und Vertrag bei ca. 7,5 ct/kWh. Der niedrige Strompreis liegt insbesondere daran, dass wir seit über einem Jahr keine Kernkraftwerke mehr haben, die mit teurem Strom die Netze verstopfen, und sogar die Verstromung von Kohle liegt historisch niedrig (mehr als 40 % weniger als im Vorjahr, und unter dem Stand von 1965).

Zur Wirtschaft in Deutschland ein paar Fakten:

  • Der DAX ist knapp vor der Marke von 18.700 (27.08.2024).
  • Die Arbeitslosenquote ist die drittniedrigste seit 1990.
  • Es sind fast 46 Mio. Menschen in Lohn und Brot - ein Rekordwert.
  • Der Mindestlohn funktioniert und sorgt für mehr Steuereinnahmen, dürfte aber gern höher sein.
  • Die Inflationsrate ist wieder nahezu auf dem von der EZB erwarteten Niveau vor dem Ukraine-Krieg.
  • Massive Entbürokratisierung, z.B. bei Windkraftgenehmigungen.

Die Probleme, die wir angeblich haben, werden entweder durch die Hetze der rechten und konservativen Parteien und der Krawallpresse herbeigeredet oder wurden in 30 Jahren CDU-Regierung geschaffen. Die Ampel verdient Kritik, aber sie muss andererseits auch historisch nie dagewesene Probleme bewältigen.

29.06.2024

Europawahl, Jugend und TikTok - Leserbrief

[veröffentlicht am 29.06.2024, Änderungen der WZ-Red. in rot]

Einige Analysen der Wahlergebnisse schimpfen auf “die Jugend” und das Wahlergebnis, insbesondere der Jugendlichen unter 18, die zum ersten Mal wählen durften.

Dazu ein paar Gedanken, zuerst zur Wahlstatistik, dann zur Umweltzerstörung und zum Internet:

das Wahlergebnis für die AfD und die anderen extremen Parteien (Heimat, Basis, usw.) liegt bei dieser Altersgruppe ziemlich genau im Durchschnitt. Zusammen mit der Beobachtung, dass die Über-50-jährigen besonders wenig extrem gewählt haben, bleibt als Schlussfolgerung also nur übrig, dass gerade die mittlere Altersgruppe überdurchschnittlich stark diese Parteien gewählt haben. Umgekehrt finde ich es überraschend, dass die Jugendlichen aus Verdrossenheit nicht noch stärker diese Parteien gewählt haben, sondern wirklich im Durchschnitt liegen.

Das sind nämlich die Jugendlichen, die einige Jahre lang mit einer verkürzten Schulzeit durch G8 gequält wurde, und deren Uni-Zeit durch die Bologna-Reform verkürzt werden sollte, damit sie früher in den Arbeitsmarkt eintreten können, und denen jetzt eventuell auch noch ein Pflichtdienst droht. Das sind die Jugendlichen, die zahlenmäßig nicht genügend Wähler darstellen, um bei Wahlen etwas zu verändern - 55 % der Wahlberechtigten sind 50 Jahre oder älter. Das sind die Jugendlichen, die in der Welt leben müssen, die wir - insbesondere in den letzten 40 Jahren - massiv geschädigt haben und es jetzt nicht gebacken bekommen, rechtzeitige und hinreichende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Wir sind zwar auf einem Weg dahin, aber es gibt zuviele Bremser, sowohl in der Regierung, als auch in der Opposition, als auch in der Industrie, die nach wie vor zu stark von fossilen Geschäften profitiert, als auch in den Medien, die im Hintergrund zu stark von fossilen Interessen ihrer Besitzer gesteuert werden (Stichwort “Heiz-Hammer” in den Springer-Medien, großer Anteilseigner KKR).

Geradezu ironisch, dass Merz jetzt plötzlich “voll hinter der Wärmewende steht”, weil Blackrock 880 Mio. Euro in Enpal investiert.

  • Die Anzahl der PKW in Deutschland hat sich seit 1985 von 25 Millionen auf 50 Millionen verdoppelt.
  • Das Gewicht der Autos hat sich fast verdoppelt (700 kg Ur-Mini vs. 1200 kg Mini, 800 kg Golf 2 vs. 1500 kg Golf 8)
  • Allein seit 1985 haben wir die CO2-Konzentration von 350 ppm auf 420 ppm erhöht (das ist dreimal schneller als in der Zeit von 1850 bis 1985!).

Auch wenn “die Jugend” bei dieser Wahl “nur” im Durchschnitt liegt: die Propaganda der extremen Parteien auf TikTok und anderen sozialen Netzwerken ist bedenklich und beunruhigend. Hier müssen die anderen Parteien unbedingt nachziehen und die Angebote dort unterbreiten, wo das digitale Leben dieser Altersgruppe stattfindet! Es nutzt nichts, Angebote zum Faxabruf bereit zu halten, wenn die Zielgruppe Instagram, Snapchat und TikTok verwendet. Auch ein billiges Video des Kanzlers mit Aktentasche trägt nicht dazu bei, dass Politik erklärt wird. Die AfD hatte einer kürzlichen Statistik zufolge über 17 Mio. Abrufe bei TikTok, und alle anderen Parteien zusammen erreichten nicht einmal eine Mio. Abrufe! Zusammen mit dem ausschließlichen “Gefälligkeitsalgorithmus” von TikTok (man kann nicht aktiv Themen oder Personen abonnieren, sondern TikTok passt sich gemäß den bisherigen Abrufen dynamisch an) ist das extrem gefährlich, wenn die Nutzer immer tiefer in ihren eigenen Blasen und Themen versinken und nichts anderes mehr wahrnehmen (wollen oder können).

Insgesamt ist mein Fazit aus dieser Wahl: die Medienkompetenz muss in allen Altersgruppen deutlich besser werden, und die Politik muss die Bürger aktiv besser informieren. Insbesondere sollte die Opposition aufhören, Desinformation zu verbreiten (krasses Beispiel “300.000 € für eine Wärmepumpe”).

Anekdote zum Schluss: Christian Lindners Haus hat eine Wärmepumpe.

04.12.2023

Private Wasserstoff-Autos sind sinnlos - Leserbrief

[veröffentlicht am 02.12.2023]

In der Kolumne von Prof. Breckow am 22.11. erwähnt er sehr häufig Wasserstoff (H2) als Treibstoff für PKWs. Wasserstoff wird üblicherweise durch Elektrolyse aus Wasser gewonnen und wird gerade sehr intensiv diskutiert. Medienwirksam werden dazu von Politikern gern “Elektro-Lyseure” eingeweiht. Dazu ein paar Gedanken über die Effizienz.

Für die elektrolytische Produktion von 1 kg Wasserstoff benötigt man ca. 55 kWh an Strom und mehr als 10 Liter Wasser. Der Energiegehalt von 1 kg Wasserstoff ist aber “nur” 33 kWh bei der Nutzung in einem PKW. Ganz offensichtlich ist Wasserstoff also keine sinnvolle Option für den Antrieb von PKW oder LKW. Auch Busse und Schienenverkehr erscheinen unter diesem Aspekt nicht brauchbar. BMW hat die Produktion von wasserstoffgetriebenen PKW aufgegeben. Mercedes forscht seit Jahrzehnten an Brennstoffzellen und liefert nicht.

Falls man Wasserstoff aus Kohlenwasserstoffen herstellt (z.B. Methan), erhält man wiederum unerwünschte Abfallprodukte.

Mit 55 kWh Strom fährt ein E-Auto knapp 400 km, und man vermeidet den Verlust von 22 kWh Strom, wenn man den Zwischenschritt Wasserstoff einfach weglässt und die Energie direkt im Akku eines E-Autos speichert. Nebenbei ist jedes Wasserstoff-Auto ein E-Auto, denn der Wasserstoff wird in einer Brennstoffzelle wieder in elektrischem Strom umgewandelt.

Abgesehen davon gibt es nicht genügend Strom, um umweltverträglich “grünen” Wasserstoff für den Individualverkehr zu produzieren. Wasserstoff wird jetzt und künftig in großem Umfang in der Industrie benötigt. Wenn man nun “blauen” oder gar “grauen” Wasserstoff verwenden muss, ist man umweltmäßig ganz schlecht unterwegs.

Genau wie die Totgeburt E-Fuels ist Wasserstoff für private PKW sinnlos, weil die nötige Größenordnung der Herstellung absolut unpraktikabel und vor allem eine gigantische Energieverschwendung ist. Der Weg zum E-Auto ist alternativlos, alle Autohersteller haben angekündigt, bis zu welchem Zeitpunkt sie keine Verbrenner mehr herstellen und verkaufen wollen.

Wasserstoff ist kein Treibstoff, sondern ein Speichermechanismus, wenn man überschüssigen Strom hat, und in der Industrie nützlich, aber auf keinen Fall im Verkehrs- und Transportwesen.

Für lebenswerte Innenstädte wäre natürlich weniger Individualverkehr noch viel besser, vorausgesetzt, der ÖPNV wird so stark ausgebaut, dass Politiker nicht mehr mit dem Strohmannargument hantieren können, der “Rentner auf dem Land” müsse mobil bleiben und ein Auto zum Einkaufen verwenden.

Außerdem hat Prof. Breckow die Zahlen für den Energiegehalt von Benzin und Diesel etwas übertrieben: Benzin hat einen Heizwert von ungefähr 8 kWh pro Liter, Diesel von etwa 10 kWh pro Liter, also nicht 10 bzw. 12, wie er schrieb. Der Wirkungsgrad ist nochmals schlechter: ein Otto-Motor erreicht keine 25%, ein Diesel auch nur knapp 30%. Im Vergleich dazu kann ein E-Auto mehr als 80% der aufgewendeten Energie in Bewegung umsetzen statt in Wärme und Abgase, und beim Bremsen wird sogar Energie zurückgewonnen (rekuperiert).

12.07.2022

Das Märchen von den e-Fuels - Leserbrief

[veröffentlicht am 12.07.2022]

Diverse fachfremde und offensichtlich wissenschaftsferne Politiker wie z.B. der Finanzminister werfen immer gern das Wort "Technologieoffenheit" in den Raum, wenn ihnen oder einer interessierten Lobby die bereits vorhandenen, einsetzbaren Lösungen nicht gefallen.

Besonders massiv fällt dies im Moment auf, wenn Lindner und der VDA davon träumen, dass Neuwagen mit Verbrennermotor länger eine Neuzulassung erhalten sollen als die EU und selbst die Autohersteller planen.

Generell ein paar Anmerkungen hierzu: nahezu alle großen und kleinen Autohersteller haben sich mit dem Umstieg auf E-Autos abgefunden, der Zeitrahmen geht von 2024 (DS) über 2025 (Jaguar), 2026 (Audi), 2028 (Opel), 2030 (Fiat, Bentley, Volvo, Cadillac, Ford), 2031 (Mini), 2033 (VW) bis 2035 (Hyundai), dem Ende der Neuzulassungen nach den aktuellen EU-Plänen. Deshalb ist es so überraschend, dass sich der VDA mit dem Cheflobbyisten Wissmann (früherer Verkehrsminister) so massiv für e-Fuels einsetzt. Auch der Spiegel findet diesen Lobbyismus nicht gut. Vermutlich breitet sich eher bei den Zulieferbetrieben Panik aus.

Der Otto- bzw. Dieselmotor als Antriebsquelle für den Individualverkehr ist "ausentwickelt", es gibt keine wesentlichen Verbesserungen mehr zu erfinden, die rechtzeitig auf den Markt kommen könnten. Die Hersteller versuchen jetzt noch, mit kleinen Tricks die Emissionen zu verringern, aber niemand kann an den physikalischen Grundlagen rütteln. Ein Ottomotor hat einen Wirkungsgrad von ca. 30 %. Mehr als Zweidrittel der Energie, die man aus fossilem Sprit gewinnen könnte, verpuffen als Wärme und müssen aufwändig abgeleitet und entsorgt werden. Es gibt zwar Wärmekraftmaschinen wie den Stirling-Motor mit einem Wirkungsgrad von 80 %, aber nicht als Antrieb für Autos. Ein E-Auto erreicht diesen Wirkungsgrad!

Gasthermen als Heizung erreichen rechnerisch einen hohen Wirkungsgrad, weil sie die Abwärme aus dem "Auspuff" ebenfalls verwerten können. Die Abwärme bei Automotoren verpufft buchstäblich.

Wir müssen uns davon trennen, flüssige Brennstoffe zu verwenden, die nicht vollständig klimaneutral hergestellt wurden. Die grundlegende chemische Tatsache ist: ein Liter Diesel verbrennt zu 2,6 kg klimaschädlichem CO2.

Das umfasst auch die eingangs erwähnten e-Fuels, also Brennstoffe, die mit elektrischer Energie hergestellt wurden. Die Fabrik, die z.B. Porsche mit Exxon in Chile für 500 Mio. Liter e-Methanol pro Jahr plant, stellt eine Form von Alkohol her, der nur als Beimischung zu maximal 40 % verwendet werden kann ("blending").

Durch die aufwändige Herstellung aus Wasserstoff und CO2 und den Strombedarf ergibt sich insgesamt bei der Verwendung in Autos ein Wirkungsgrad von ca. 10 % (Quelle: ADAC), also nochmals einen gigantischen Faktor schlechter als bei der Verwendung von raffiniertem Erdöl. Auch der Wasserstoff als Zwischenprodukt muss zunächst unter Einsatz von immensen Strommengen durch die Aufspaltung von Wasser hergestellt werden. Um die linksgrüne Kampfzeitschrift "Auto Motor Sport" zu zitieren: "e-Fuels verursachen 4-fache CO2-Emissionen" und "e-Fuels sind zu ineffizient und zu teuer".

e-Fuels und Wasserstoff sind in gewissem Umfang sinnvoll in Situationen, in denen man Treibstoff braucht, aber nicht im Individualverkehr. Durch die Herstellung sind e-Fuels viel zu teuer für die Verwendung in Autos, gerade, wenn man nicht genügend umweltfreundlichen Strom hat, weil z.B. die Atomkraftwerke wegen Wassermangel abgeschaltet werden müssen

Opel hat einen Prototypen auf e-Fuel umgerüstet, laut Pressemitteilung mit "massiven Veränderungen" am Motor. Technisch ist es möglich, aber industriell und in großem Maßstab sinnlos und zu teuer. Zudem sind wasserlösliche e-Fuels (Alkohole wie 2-Butanol) bei Unfällen eine große Umweltkatastrophe.

Wenn man bedenkt, wie groß der öffentliche Aufschrei war, als das E10-Benzin mit einer Beimischung von Ethanol eingeführt wurde, bin ich gespannt darauf, wie man den Autobesitzern nun die Verwendung von e-Fuels verkaufen will, wenn das nur mit starken Veränderungen am Motor möglich sein wird.

29.01.2020

Siemens liefert Technik nach Australien - Leserbrief

Auf Seite 4 veröffentlicht die WZ täglich Glossen zu verschiedenen Themen, die in den Tagen vorher ein wichtiges Thema waren. In der letzten Woche hat der Kolumnist Dieter Sattler einen Kommentar verfasst, der Siemens den Rücken stärkt, den schon abgeschlossenen Vertrag mit Adani einzuhalten, bei dem es um die Lieferung von Signaltechnik für Transportzüge für Kohle geht. Dies würde bedeuten, dass Adani in Australien Kohle fördern will, die 700 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre entlassen würde (und damit den Ausstoß Australiens verdoppeln würde), und der Transport würde jährlich 500 Schiffe durch das Great Barrier Reef schicken.
[veröffentlicht am 29.01.2020]

Leserbrief zur Glosse von Hr. Sattler, 14.01.2020
Wieder einmal zeigt sich der Glossist Sattler neoliberal uneinsichtig, indem er genau wie Siemens-Chef Kaeser auf der Einhaltung von fragwürdigen Verträgen pocht und die zugrundeliegende Situation vollkommen unzulänglich beschreibt.
Fakt ist: es gibt drei Firmen weltweit, die die benötigte Signaltechnik für die Transportzüge der Kohlemine liefern könnten. Alsthom und Hitachi haben das Geschäft aus Umweltschutzgründen bereits abgelehnt. Der Vertrag zwischen Siemens und Adani wurde von Kaesers designiertem Nachfolger im Dezember erst eingefädelt, während die katastrophale Situation in Australien sich seit mehreren Monaten immer mehr zuspitzt.
Das Geschäft zwischen Siemens und Adani hat einen Umfang von 18 Mio. Euro, ist also in der Bilanz von Siemens kaum sichtbar. Die Vertragsstrafe ist vermutlich an diesen Betrag angepasst und Siemens könnte das aus der Portokasse zahlen. Der Imageschaden hingegen, den Siemens nun durch das uneinsichtige Beharren auf diesem Geschäft und dem durchsichtigen Versuch, Neubauer in den Aufsichtsrat zu holen und dadurch mundtot zu machen, wird langfristige Auswirkungen haben.
Interessanterweise gibt es andere Verträge von Siemens mit Partnern, in denen ausdrücklich Rückzugsklauseln festgelegt sind, falls sich äußere schwerwiegende Umstände oder Gesetzesänderungen ergeben, die die Vertragserfüllung behindern sollten. Gibt es solche Ausstiegsklauseln im Vertrag mit Adani wirklich nicht? Ich kann mir kaum vorstellen, dass ausgerechnet in diesem Fall die Hausjuristen so geschwächelt haben sollen.
Noch ein pikantes Detail: Siemens hat sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben und einen eigenen Ausschuss gebildet, der alle Projekte auf Umweltschutz abklopft. Dieser Ausschuss hätte sich mal Werner von Siemens zum Vorbild genommen, der sich als ehrbarer Kaufmann den Grundsatz gab "Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht". Davon ist Siemens nach der Adani-Entscheidung weit entfernt.

05.03.2019

Klimawandel x+1

Der emeritierte Professor L. ist genervt vom "Ping-Pong" unserer Leserbriefe. Ich stimme ihm zu, dass es ermüdend ist, auf seine unwissenschaftlichen Leserbriefe zu antworten. Außerdem beklagt er, dass die WZ seinen Titel weglässt, der eine Autorität suggeriert, die er auf dem Forschungsgebiet gar nicht vorweisen kann, über die er spricht.
[Veröffentlicht am 22.02.2019, wie üblich an den falschen Stellen von der WZ redigiert]

Herr L., ich gebe Ihnen Recht.
Wir sollten dieses unwürdige Ping-Pong-Spiel beenden, da wir offensichtlich unterschiedliche Vorstellungen von wissenschaftlicher Methodik und Diskurs haben.
Bitte unterstellen Sie keine Verschwörungstheorien und schwammige Behauptungen, dass missliebige Forscher gemobbt und "mundtot" gemacht werden.
Sie begeben sich damit auf das schäbige Niveau von Tichy, der auch gerade publikumswirksam jammert, dass man ja doch nicht alles sagen dürfe.
Es gibt Meinungsfreiheit und Forschungsfreiheit, aber das garantiert nicht, dass man unwidersprochen bleiben kann.
Die Realität ist, dass jede Studie durch Peer-Reviews angezweifelt werden kann - das ist kein Mobbing, sondern einfach wissenschaftlicher Standard.
Forscher, die eine gegenläufige Theorie entwickeln, müssen sich dem genauso stellen wie jeder andere.
Alle die wenigen Studien, auf die Sie und andere Zweifler sich stützen, wurden kurze Zeit später widerlegt.
Ich kann nach wie vor nicht nachvollziehen, warum ein seit Jahrzehnten bestehender wissenschaftlicher Konsens von einzelnen fachfremden Zweiflern immer noch angefochten wird.
Schon die Meldungen der Tagespresse widerlegen, was Sie zum Klimawandel behaupten: die letzten 5 Jahre gehören mit zu den wärmsten seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen.
Obwohl v. Storch, den Sie zitieren, den Klimawandel grundsätzlich bestätigt, nutzt er gern statistische Tricks, wie z.B., nur die Daten seit 1998 zu betrachten, statt den gesamten Zeitraum.
Von daher ist sein Zitat von 2013 auch heute sinnlos, dass die Temperaturen nicht mehr gestiegen seien, genauso wie die damalige Spekulation "wenn die Temperatur fünf Jahre nicht mehr steigen würde ...".
"Nur in drei Jahren seit 1880 waren die Temperaturen auf der Erde noch höher, als 2018. Das haben die NASA und die US-Ozean- und Atmosphärenbehörde in unabhängigen Analysen ermittelt. NASA und NOAA warnen deswegen, die Erderwärmung halte unvermindert an. Lediglich die Jahre 2015, 2016 und 2017 seien noch wärmer gewesen, als das vergangene und die jüngsten fünf Jahre seien zusammen auch die wärmsten fünf seit Beginn der weltweiten Messungen. Seit 1880 sei die Durchschnittstemperatur auf der Erdoberfläche um 1 Grad Celsius angestiegen. Schuld sei der vom Menschen verursachte Ausstoß von Treibhausgasen." (Zitiert aus https://heise.de/-4301316)
Dieselbe traurige Geschichte passiert gerade bei der Diskussion um Schadstoffe - hier folgt die Politik willig einzelnen Schreihälsen wie Köhler, der nachweislich Zahlen um einen Faktor 1.000 und mehr falsch in die Welt gesetzt hat.
Seine einzige Entschuldigung für die gravierenden Fehler: er sei Rentner und habe nicht einmal eine Sekretärin.
Ist das wirklich eine Rechtfertigung, aufmerksamheischend mit so einen Paukenschlag an die Medien zu gehen und durch alle Talkshows zu tingeln?
Die Mitunterzeichner seines fragwürdigen Papiers sind nicht nur eine Minderheit unter den Lungenärzten, sondern auch Motorkonstrukteure und andere Akteure aus der Autoindustrie und Politik.
Abgesehen davon haben weder Köhler noch die unterzeichnenden Ärzte Expertise in der wissenschaftlichen epidemiologischen Forschung - von keinem der Namen auf der Liste sind wissenschaftliche Arbeiten zum Thema bekannt.
Die weiteren 3900 Ärzte in der DPG (Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V.) vertreten genau die gegensätzliche Position - Feinstaub und NOx sind definitiv gefährlich.
Wenn urplötzlich so ein "Rufer in der Wüste" auftritt, sollte man erst einmal die Frage stellen, wem nutzt diese bequeme Gegenposition?
Ganz offensichtlich handelt es sich um handfeste wirtschaftliche Interessen, sonst nichts.
Die Umwelt soll hier hintan treten, damit die Quartalszahlen bloß nicht leiden.
Und Minister Scheuer, der seinen tschechischen "kleinen" Doktortitel in Deutschland gar nicht führen dürfte, springt begeistert über das Stöckchen, weil es gerade opportun ist.
Ich wiederhole gern erneut meinen Lesetipp: 10 Fakten über den Klimawandel bei ZEIT Online.

22.01.2019

Klimawandel zum x-ten Mal - Leserbrief

Und noch ein Leserbrief als Antwort auf einen notorischen Gegner der Forschung zum Klimawandel. Diesmal mit einem Hinweis, dass angeblich Hunderte von Einsteins Zeitgenossen seine Theorien ablehnten. Herr L. vergisst nur zu erwähnen, dass kein einziger dieser Kollegen wissenschaftlich in der Lage war, Einsteins Forschungen zu widerlegen. Ganz im Gegenteil - zahllose Experimente und Beobachtungen bestätigen seit mehr als 100 Jahren eindrucksvoll sowohl die Spezielle als auch die Allgemeine Relativitätstheorie.
[abgedruckt am 19.01.2019]

Herr L., Ihre Antwort auf meinen Leserbrief enthält wieder genau dieselben rhetorischen Tricks, mit denen Sie gern arbeiten. Sie picken sich eine einzelne Studie oder eine Zahl heraus und stützen darauf Ihre Argumentation. Und wenn das nicht klappt, weichen Sie zur Seite aus und bringen eine Anekdote, die keinerlei Erkenntnis bringt.
Es mag durchaus sein, dass Einstein zu seinen Lebzeiten auch kollegiale Zweifel erfahren hat. Zugegeben, es ist nicht ganz einfach, sich in die Konzepte der Speziellen und Allgemeinen Relativitätstheorie einzuarbeiten. Wer rechnet schon täglich mit Tensorfeldern?
Aber: es gibt keinerlei wissenschaftliche Forschung, die Einsteins Erkenntnisse widerlegen konnte. Hingegen gibt es unglaublich viele Experimente und Forschungen, die auf seinen Arbeiten basieren und diese immer wieder bestätigen. Zum Beispiel könnten wir ohne Einstein und die Relativitätstheorie keine GPS-Satelliten verwenden.
Das hat nichts mit "Demokratie" in der Wissenschaft zu tun, sondern es ist ein selbstverständlicher Vorgang, Ergebnisse anzuzweifeln. Allerdings muss man dann auch die Größe besitzen und zugeben, dass die Zweifel wissenschaftlich exakt ausgeräumt wurden oder der Gegenbeweis gescheitert ist. Genau darum geht es bei der Diskussion um den Klimawandel: je weniger Fakten, desto lauter und schriller, wie man ja leider an der Buchbesprechung von Thüne sieht.
Es gab und gibt wissenschaftliche Studien, die versucht haben, den Klimawandel zu widerlegen. Diese Studien beschränken sich auf winzige Aspekte des Themas oder wurden wenig später von der Fachwelt sämtlich zerlegt und widerlegt. Alle diese Versuche wiesen schwere methodische Mängel auf und dienen nur dazu, die Diskussion am Kochen zu halten, wie man auch an Ihnen leider immer wieder bemerkt.
Der Spiegel bemerkte dazu schon vor mehr als zehn Jahren: "'Wir haben ein Handlungsproblem, kein Erkenntnisproblem". Das Handlungsproblem rührt daher, dass zuviele Lobbyisten unterwegs sind und in die falsche Richtung Einfluss auf die Politik nehmen. Deutschland fällt leider in Brüssel seit Jahrzehnten immer wieder unangenehm auf, wenn es um die Verwässerung oder Verzögerung von Normen geht, die angeblich der Autoindustrie schaden.
Jeden Tag gibt es neue Schreckensmeldungen über die Auswirkungen des Klimawandels: die kalten Meereströmungen sind bald unumkehrbar erwärmt, die Antarktis verliert mehr Eis als je zuvor und die Wetterschwankungen werden immer extremer in beide Richtungen - wir erleben Dürre und Schneechaos.
Ich wiederhole gern meinen Lesetipp: 10 Fakten über den Klimawandel bei ZEIT Online.

21.01.2019

Grenzwerte bei Schadstoffbelastung - Leserbrief

Einmal mehr hat der emeritierte Professor L. zugeschlagen und einen Leserbrief geschrieben, in dem er sich über die unterschiedlich hohen Grenzwerte für NOx von 40 bzw. 950 µg/m³ Raumluft mokiert. Für einen Naturwissenschaftler ist es ein Armutszeugnis, nicht einmal eine Minute zu recherchieren, um zu verstehen, welche Bedeutung diese Unterschiede haben.

Herr L., ich verfolge seit einiger Zeit Ihren Kreuzzug gegen den Umweltschutz, sei es durch Verharmlosung des Klimawandels oder das Anzweifeln von Schadstoffgrenzwerten. 
Mag sein, dass Ihr Interesse an einem nachhaltigen Wirtschaften mit unserer Erde nicht besonders ausgeprägt ist - Sie sind emeritierter Professor, und eine Zukunft, die mehr als 20 oder 30 Jahre entfernt liegt, scheint Ihnen ziemlich egal zu sein. 
Ich hingegen bin ein paar Jährchen jünger, und ich halte es für wenig ratsam, wenn wir jetzt die vielleicht letzte Chance verpassen, für eine saubere(re) Umwelt zu sorgen. Der Temperaturanstieg seit Beginn der Industrialisierung ist messbar und wissenschaftlich längst nicht mehr umstritten. Es gibt nur noch ein paar wenige gallische Dörfchen (darunter eins mit Häuptling Föhnwelle), die versuchen, durch Ignorieren den Klimawandel weg zu wünschen. 
Genauso wie bei Ihren früheren Leserbriefen zum Thema Klimawandel versuchen Sie nun erneut mit halben Wahrheiten und unvollständigen Zitaten, das Problem der Stickoxide zu negieren und die Festlegung von Grenzwerten ins Lächerliche zu ziehen. Man kann definitiv über Messmethoden und Vorschriften diskutieren, aber das sollte objektiv geschehen und nicht durch zusammenhanglose Details. Ihre unbeholfene Argumentation zeigt, dass es nicht reicht, ein Fakt zu zitieren. Man muss den Kontext kennen, um die Höhe der Grenzwerte und die Begründung zu verstehen. Warum arbeiten Sie sich an zwei Zahlen ab, deren unterschiedliche Bedeutung sich so leicht recherchieren lässt, und Sie damit widerlegt werden? 
Der Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Raumluft gilt in Außenbereichen und soll alle Bevölkerungsschichten schützen, auch besonders empfindliche Menschen, wie Kranke oder Kinder. 
Der andere Grenzwert von 950 µg/m³, den Sie nennen, gilt, wie man z.B. beim Umweltbundesamt leicht nachlesen kann, nur für bestimmte Arbeitsplätze und für einen begrenzten Zeitraum der Arbeitszeit, als Beispiel wird hier vom UBA genannt: "Arbeitsplatzgrenzwerte gelten nur für Arbeitende an Industriearbeitsplätzen und im Handwerk, bei denen aufgrund der Verwendung oder Erzeugung bestimmter Arbeitsstoffe eine erhöhte Stickstoffdioxid-Belastung zu erwarten ist. Stickstoffdioxid entsteht beispielsweise – bzw. wird verwendet – bei Schweißvorgängen, bei der Dynamit- und Nitrozelluloseherstellung oder bei der Benutzung von Dieselmotoren. (...) Der Wert gilt für gesunde Arbeitende an acht Stunden täglich und für maximal 40 Stunden in der Woche. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die berufsbedingt Schadstoffen ausgesetzt sind, erhalten zusätzlich eine arbeitsmedizinische Betreuung und befinden sich somit unter einer strengeren Beobachtung als die Allgemeinbevölkerung."
Auch wenn es immer wieder Verharmloser gibt, die die globalen Veränderungen als Folge der naturgegebenen Klimawechsel darstellen wollen, sind sich 99 % aller Klimaexperten und Wissenschaftler aus benachbarten Fachgebieten einig, dass die fortgesetzte Verbrennung von toten Dinosauriern und versunkenen Wäldern keine gute Idee ist. Wir stehen tatsächlich am Abgrund der Erderwärmung, und in wenigen Jahren ist der Temperaturanstieg unumkehrbar geworden. Es gilt, jetzt zu handeln und nicht durch verquere Argumentation Zeit zu verschwenden. 
Einen Lesetipp habe ich noch am Schluss: das Buch "Ausgebrannt" von Andreas Eschbach behandelt als Thriller das fiktive, aber nicht mehr unwahrscheinliche Thema "Was wäre, wenn die Ölfelder im Nahen Osten versiegen". Es ist sehr gut recherchiert und spannend geschrieben (Buchbesprechung online in meinem Blog).

19.05.2014

Peter Tauber, MdB, wirbt für TTIP - Leserbrief

Letztens am 08.05.14 hatte die WZ über den MdB Peter Tauber aus Gelnhausen berichtet, der bei einer Veranstaltung für das Transatlantische Partnerschaftsabkommen "TTIP" geworben hat.

Erfreulicherweise gibt es in letzter Zeit immer mehr kritische Stimmen zu TTIP in der Öffentlichkeit, so letztens auch in einer Talkshow mit Anne Will (wobei die Kritiken z.B. bei FAZ oder Spiegel durchwachsen ausfallen, aber jedes bißchen Öffentlichkeit ist besser als gar keine Diskussionen darüber).

Da ich TTIP auch sehr kritisch sehe, habe ich zu diesem WZ-Bericht einen Leserbrief geschrieben, der auch am Samstag, 17.05.14, veröffentlicht wurde. Hier ist die Originalfassung, die ich eingeschickt habe, Kürzungen sind in blau markiert, sonstige Änderungen der Redaktion in rot, leider ...

Leserbrief zur Meldung "Peter Tauber wirbt für das TTIP-Abkommen" (08.05.2014)

Die WZ berichtet, dass der CDU-Generalsekretär Dr. Peter Tauber bei einer Veranstaltung für das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP wirbt.

Im Prinzip ist so ein Abkommen eine gute Sache, um einheitliche Produkt- und Rechtsstandards zu erreichen. Wenn aber dafür die staatliche Souveränität aufgegeben wird und Konzerne wegen "entgangenem Gewinn" gegen unliebsame Gesetze klagen können, hört der Spaß auf. Seit Wochen geht durch die Presse, dass z.B. in USA "Chlorhähnchen" erlaubt sind und genmanipulierte Lebensmittel nicht gekennzeichnet werden müssen. Solch schwacher Verbraucherschutz könnte dann als Folge von TTIP auch in Europa durchgesetzt werden können.

Weitere abschreckende Beispiele, die wegen vergleichbarer Abkommen jetzt schon Realität sind:
* in Kanada klagt eine Firma wegen entgangenem Gewinn, weil die Regierung ein Moratorium zur Frackingmethode (Gasförderung) erlassen wurde.
* in Australien klagt eine Tabakfirma wegen entgangenem Gewinn gegen das Anti-Raucher-Gesetze (Warnungen auf Verpackungen).
* Vattenfall klagt derzeit gegen Deutschland wegen des Atomausstiegs.
* Trotz rechtswidrigen Handelns wurde dem US-Ölriesen Oxy in Ecuador eine Entschädigung von fast zwei Milliarden Dollar zuerkannt.

Vage Aussagen über "entgangene Gewinne" können also dazu führen, dass vor geheimen Schiedsgerichten gegen Staaten geklagt werden kann. Diese Schiedsurteile sind nicht überprüf- und anfechtbar. Nach meiner Meinung schafft dieses Abkommen nationale Regierungen und demokratisch verabschiedete Gesetze so gut wie ab. Es gibt noch etwas, das Schiedsgerichte wie das ICSID verdächtig macht: Der Staat ist immer der Beklagte, und es gibt für ihn keine Möglichkeit, die Entscheidung des Gerichts anzufechten. (Quelle: Spiegel Online, http://goo.gl/J2iUSK).  Wenn einem internationalen Konzern ein Gesetz nicht passt, wird dagegen geklagt. Würden Staaten also gegen die TTIP-Vertragsregelungen verstoßen, könnten hohe Entschädigungen an Unternehmen fällig werden. Umgekehrt gibt es kein vergleichbares Klagerecht für Regierungen gegen Konzerne.

Auch Vereinheitlichungen bei Arbeitnehmerrechten stehen an. Warum sind dann aber keine Gewerkschaften in den Arbeitsgruppen vertreten, die mit darüber beraten?

Mal ernsthaft: welcher Privatmann würde einen Vertrag unterzeichnen, dessen Inhalt ihm nicht bekannt ist und an dem fremde Lobbyorganisationen mitgeschrieben haben, die ganz bestimmt keine deutschen staatlichen Interessen vertreten? Nach eigener Auskunft ist nämlich der Bundesregierung der Vertragstext nicht bekannt (wie man an dieser Pressemitteilung des Bundestags ablesen kann: http://goo.gl/0ceAAH).

Warum genau ist die CDU also für einen Vertrag, der für Deutschland offensichtlich nur Nachteile bringt? Meine Antwort darauf: die Lobbys und Think-Tanks haben uns fest im Griff.

In Deutschland formiert sich Widerstand gegen dieses Abkommen, u.a. sprechen sich Gewerkschaften Ver.di, NGOs und Umweltschutzorganisationen wie ver.di, ATTAC, BUND, DNR uvm. dagegen aus. Ver.di bezeichnet TTIP als "Angriff auf Löhne, Soziales und Umwelt". Die wirtschaftsfreundliche Bertelsmann-Stiftung, die übrigens an diesem Abkommen mitschreiben darf, schreckt nicht vor methodisch unsauberen Studien zurück, die schon widerlegt wurden (http://goo.gl/zSfU1R).

17.02.2014

Der Klimawandel nach Galileo

Den Leserbrief im Januar von Herrn L. habe ich noch ignoriert. Der Schluss des Beitrags mit der Behauptung, dass Gott uns ganz bestimmt helfen wird, ist mir zwar ziemlich aufgestoßen, und ich hatte zwar einen ersten Entwurf für den Leserbrief fertig, aber irgendwie bin ich nicht dazu gekommen, ihn soweit abzuschließen, dass ich ihn dann abschicken wollte.

Dann kam aber diesen Dienstag (4. Februar) noch so ein schrecklicher Leserbrief. Darin behauptet Herr H., dass er aufgrund seiner antiautoritären Erziehung in der Lage ist, alles anzuzweifeln. Außerdem meint er, dass selbst eine große Menge von Menschen unrecht haben kann, und bringt dazu das Beispiel, dass der "einzelne" Wissenschaftler Galileo ja auch Recht gehabt hätte. Diese Analogie beruhigt ihn so sehr, dass er alle Studien, die den Klimawandel dem Menschen zuschreiben, getrost ignorieren kann.

Diese Ansammlung von merkwürdigen Aussagen musste ich dann aber doch kommentieren. Ich suchte den alten Entwurf wieder und ergänzte noch ein bißchen 'was, um auf beide Leserbriefe zu antworten.

Leserbrief zu Leserbriefen von Hr. L., WZ 03.01.14, und Hr. H., 04.02.2014

Herr L. und Herr H., meiner Meinung nach machen Sie denselben Fehler wie Herr G. in einem früheren Leserbrief. Ihr Standpunkt fußt auf genau einer Studie, und das ist eine Schwachstelle. Sie glauben, dies sei der derzeitige Wissensstand der Forschung. Empirie aufgrund einer einzigen Studie ist aber das exakte Gegenteil von Wissenschaft.

Ich finde es glaubwürdiger, wenn eine große Anzahl von Wissenschaftlern derselben Überzeugung ist und dazu Arbeiten veröffentlicht wurden. Wissenschaft gründet sich auf Nachvollziehbarkeit, und ich finde 4.000 Studien mit demselben Ergebnis in der Summe deutlich glaubwürdiger als eine einzelne mit einem gegensätzlichen Ergebnis. Selbst mit antiautoritärer Erziehung sollte man den Unterschied erkennen, ob ein Wissenschaftler etwas veröffentlicht, oder ob eine fünfstellige Zahl von Wissenschaftlern unabhängig voneinander übereinstimmend zum grundsätzlich selben Ergebnis kommen.

Kürzlich wurde eine interessante Zahl bekannt: die Summe an Geld, die von bekannten Lobbyorganisationen in der Zeit von 2003 bis 2011 bezahlt wurde, um Studien zu finanzieren, die den Klimawandel leugnen. Diese Summe beträgt unglaubliche 900 Millionen Dollar, also mehr als 600 Millionen Euro. Dieses Geld wurde ausgegeben, damit Firmen ihr umweltschädliches Geschäftsmodell weiter betreiben können.

Der Klimarat der UN, IPCC, hat von 2007 bis 2013 die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch die Verantwortung trägt, von 90 auf 95 % erhöht. Der Spiegel schrieb dazu letztes Jahr: "Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem".
Eine wissenschaftliche Einzelmeinung kann zu schrecklichen Verzerrungen führen: ein englischer Wissenschaftler stellte in den 90ern in einer Arbeit einen Zusammenhang zwischen Autismus und der MMR-Schutzimpfung her (Mehrfachimpfung gegen Mumps/Masern/Röteln). Später stellte sich heraus, dass die Arbeit vollkommen haltlos und die Ergebnisse größtenteils gefälscht waren. Sie wurde von einer Firma bezahlt, die Einzelimpfungen gegen diese Krankheiten herstellt. Bis heute hält sich leider unter Impfgegnern der Irrglaube, dass die Masernimpfung schuld an Autismus wäre. Der Schaden für die Glaubwürdigkeit der Fachzeitschrift "Lancet" war verheerend, der Aufsatz wurde zurückgezogen.

Besonders erschreckend finde ich, dass Sie, Herr H., als Gegenargument ausgerechnet Galileo nennen, der das heliozentrische Weltbild begründet hat. Er war einer der Vorreiter der modernen Wissenschaft, und gerade, weil seine Erkenntnisse so bestechend nachvollziehbar waren, konnten sie sich gegen den Widerstand der Kirche so schnell durchsetzen. Vollständig rehabilitiert wurde Galileo übrigens erst 1992 (z.B. dieser Artikel in Spektrum der Wissenschaft). Um genauer zu sein: die Welt nahm vom ptolemäischen Weltbild sehr schnell Abschied, nur bei der katholischen Kirche dauerte es etwas länger ...

Ich finde es absolut faszinierend, wie groß der Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen Stand der Forschung und der öffentlichen Wahrnehmung ist. Die allermeisten wissenschaftlichen Experten sind nahezu einhellig einer Meinung, nämlich der, dass der Klimawandel definitiv menschgemacht ist. In der Öffentlichkeit und in den Medien wird aber nach wie vor nicht über Maßnahmen oder über die krampfhaften Versuche des Leugnens diskutiert, sondern immer noch darüber, ob es nicht auch andere Ursachen geben kann.

Nun gut, Wissenschaft besteht auch zum Teil darin, vorhandene Erkenntnisse anzuzweifeln - aber das sollte mit sachlichen Argumenten geschehen und nicht mit bezahlten Studien, bei denen das Ergebnis vorher schon feststeht. Und insbesondere sollten wir die Sache selbst anpacken und uns nicht darauf verlassen, dass Gott es schon irgendwie regeln wird. Religion ist eine moralische Richtschnur, an der wir unser Handeln orientieren können, aber handeln müssen wir selbst. Und mal ganz ehrlich: "die Erde untertan machen" heißt nicht, dass wir sie nach Belieben verdrecken und kaputtmachen dürfen.

[Update: abgedruckt am 18.02.14, den blau markierten Absatz wollte ich nachreichen, war aber zu spät.
Link zu MMR in Wikipedia nachgetragen.]

12.11.2013

Leserbrief zum Leserbrief "Ideologie in der Energiewende" - WZ 05.11.13

Letzte Woche war mal wieder ein Leserbrief von einem emeritierten Professor für industriellen Ofenbau (THM Mittelhessen) in der WZ.

In diesem Leserbrief wirft er einem anderen Leserbriefschreiber vor, dass dieser die Energiewende als Ideologie betrachte und deshalb nicht realistisch sei.

Außerdem behauptete der Herr Professor, dass (a) das Öl mindestens bis 2050 reicht, dass es (b) möglich ist, Atomkraftwerke zu bauen, bei denen eine Kernschmelze physikalisch unmöglich ist, und dass (c) die "Transmutation" in industriellem Maßstab in der Lage ist, Atommüll in ungefährliche Stoffe umzuwandeln.

Das fand ich in Summe so abstrus, dass ich das kommentieren musste.

Leserbrief zum Leserbrief "Ideologische Energiewende" WZ 05.11.2013

Herr L., ich verfolge seit einiger Zeit Ihren Kreuzzug gegen alles, was nicht mit Feuer und Flamme arbeitet oder Atomkerne kaputtmacht.

Sie versuchen sich und uns damit zu beruhigen, dass die Ölvorräte doch geschätzt immerhin bis 2050 reichen. Nun gut, mag sein, dass Ihnen das nicht beunruhigend vorkommt, Sie sind emeritierter Professor, und die Zeit nach 2050 kann Ihnen ziemlich egal sein.

Ich hingegen bin ein paar Jährchen jünger, und ich halte es für wenig ratsam, das kostbare Erdöl einfach zu verbrennen, bis keins mehr da ist. Es gibt viel bessere Anwendungsmöglichkeiten dafür, und ich hoffe ernsthaft, dass der Lobbyismus in Zukunft nicht mehr dafür sorgt, dass die Auto-Industrie unliebsame, weil strenge, Abgasgrenzwerte von der Kanzlerin in Brüssel torpedieren oder verzögern lässt.

Alchimistische Begriffe wie "Transmutation" und die Behauptung, dass man Atomkraftwerke bauen kann, die eine Kernschmelze unmöglich machen, finde ich sehr fragwürdig.

Selbst wenn Sie behaupten, dass es möglich ist, 100 % sichere Atomkraftwerke zu bauen (was physikalisch unmöglich ist), bleiben uns nach der aktiven Zeit Bauruinen übrig, die noch jahrzehntausendelang hoch radioaktiv sind. Und nicht nur das: die meisten radioaktiven Brennstoffe sind auch chemisch höchst giftig - schon millionstel Gramm Plutonium oder Polonium töten, wie man an Arafat und Litwinenko gesehen hat. Sind Sie sicher, dass niemals etwas von diesen Stoffen freigesetzt wird?

Auch wenn es immer wieder Verharmloser gibt, die die globalen Veränderungen alles als Folge der naturgegebenen Klimawechsel darstellen wollen, sind sich 99 % aller Klimaexperten und Wissenschaftler aus benachbarten Fachgebieten einig, dass die fortgesetzte Verfeuerung von fossilen Brennstoffen keine gute Idee ist.

Sogar die WZ berichtet am 06. November, dass rund 100 Zuhörer zu einem Vortrag von Jürg Luterbacher ins Ober-Mockstädter Bürgerhaus kamen. Herr Luterbacher ist Professor am Geografischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen, wie die WZ berichtet. Das Fazit seines Vortrags lässt sich so zusammenfassen: ja, es gibt den Klimawandel, vermutlich sind es nicht nur, aber hauptsächlich, menschgemachte Faktoren, die das Ausmaß dieses Klimawandels bestimmen, und dieses Ausmaß ist objektiv zu groß.

Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben, aber denken Sie daran: wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen, und wir sollten sie so übergeben, dass auch unsere Kinder noch eine lebenswerte Welt vorfinden - auch nach 2050. Immerhin haben wir keine andere.

Einen Lesetipp habe ich noch am Schluss: das Buch "Ausgebrannt" von Andreas Eschbach behandelt als Thriller das fiktive, aber nicht mehr unwahrscheinliche Thema "Was wäre, wenn die Ölfelder im Nahen Osten versiegen". Es ist sehr gut recherchiert und spannend geschrieben (längere Buchbesprechung online in meinem Blog).
 

27.09.2013

Der Klimawandel und die öffentliche Wahrnehmung

In den Leserbriefen der WZ finde ich in letzter Zeit gelegentlich Äußerungen, die nach wie vor den menschengemachten Klimawandel anzweifeln, obwohl alle wissenschaftlichen Erkenntnisse nur einen Schluss zulassen.

Der aktuelle Klimagipfel verstärkt diese eindeutige Erkenntnis. Der Spiegel schreibt dazu: "Es gibt beim Klimawandel - bei allen verbleibenden wissenschaftlichen Unsicherheiten - kein allzu großes Erkenntnisproblem. Was es gibt, ist ein Handlungsproblem".

Woher kommen diese Zweifel und Unsicherheiten?

Kürzlich las ich, dass es allein aus den letzten 20 Jahren um die 4.000 wissenschaftliche Studien gibt, in denen die Frage nach der Ursache des Klimawandels eindeutig mit "menschlicher Ursache" beantwortet wird. Im Ergebnis sind fast 98% der Wissenschaftler, die zum Thema forschen und sich kompetent äußern können, aufgrund der vorliegenden Fakten zum Ergebnis gekommen, dass der Klimawandel tatsächlich vorhanden ist und mindestens seit Beginn der Industrialisierung von Menschen verursacht wird. Sicherlich lassen sich auch frühere Anzeichen finden; allein durch die Zunahme der Bevölkerung, z.B. durch bessere medizinische Versorgung, aber die industrielle Revolution und die großmaßstäbliche Verwendung von fossilen Brennstoffen waren sicherlich der Wendepunkt.

Um genau zu sein: es gab ein Forschungsprojekt, in dem andere Studien geprüft wurden (eine sogenannte "Meta-Studie", also eine Studie über Studien). Insgesamt wurden über 12.000 Forschungsarbeiten ausgewertet, ob darin eine eindeutige Aussage für oder gegen den Menschen als Verursacher des Klimawandels. Die Forscher stellten in 8.000 Studien keine Aussage fest. Das bedeutet, dass insbesondere in diesen 8.000 Studien auch nicht ausgesagt wurde, dass der Mensch nicht der Verursacher ist. Diese Studien sagen darüber gar nichts aus. In 98% der verbleibenden 4.000 Studien gab es eine eindeutige Aussage: Ja, der Mensch ist der Verursacher des Klimawandels.
Wie kann es möglich sein, dass die Kritiker dieser These in der Öffentlichkeit immer noch so laut und selbstbewusst auftreten? Fast alle Wissenschaftler geben eine deutliche Antwort, aber Journalisten, die Medien und die Öffentlichkeit geben sich allergrößte Mühe, diese Fakten nicht anzuerkennen.

Wem wollen diese Kritiker imponieren? Ist es modern, gegen etwas zu sein, auch wenn es sachlich vollkommen daneben ist? Oder sind das wirtschaftliche Interessen und die Auto-Lobby führt Gehirnwäschen durch?