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30.12.2023

Serienkritik der Kurzserie "Bodies" bei Netflix

In den letzten Tagen habe ich mir die kurze Serie "Bodies" (8 Teile) auf Netflix angeschaut. Gleich vorneweg: gute Unterhaltung, gute Schauspieler, einigermaßen in sich logische Handlung. Wertung: 9 von 10 Zeitmaschinen.

Natürlich habe ich jetzt schon einen Teil der Pointe vorweggenommen, aber nicht viel dabei verraten. Natürlich ist eine Zeitreise im Spiel, wenn dieselbe Leiche in vier verschiedenen Epochen aus dem Nichts erscheint und forensisch untersucht wird. Die Epochen sind 1891, 1941, 2023 und (erst später) 2053.

Was mich dazu veranlasst hat, mal wieder eine Kritik über eine Serie zu schreiben, ist der philosophische Aspekt, der hier zum Tragen kommt. Der Aufhänger der Serie ist eine in sich geschlossene Zeitschleife, die im Verlauf der Serie gezeigt wird.

Einige Vorkommnisse geschehen, die zunächst ohne Zusammenhang erscheinen. Dies klärt sich, während die Handlung voranschreitet.

Wer die Serie ohne Vorkenntnisse genießen will: ab hier folgen diverse Spoiler, ohne die sich die Handlung nicht diskutieren lässt; also dann bitte hier aufhören zu lesen :-)

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In kurzen Worten zusammengefasst: ein eher unglücklich im englischen Pflegesystem ("the system" oder "foster system") aufgewachsener junger Mann erfährt von seinen Pflegeeltern, dass er dazu ausersehen ist, die englische Gesellschaft umzuformen und England zu einem besseren Ort zu machen. Dazu ist allerdings die Explosion einer riesigen Bombe nötig ("the blast"), wobei nach diesem Terroranschlag mit mehreren Hunderttausend Toten die Nation zusammensteht und geeint wird. Der Wahlspruch dieser neuen Gesellschaft ist "Know you are loved" (KYAL).

Die Serie erzählt in der Kulisse mehrerer Epochen die Hintergrundgeschichte, warum ein nackter Mann aus dem Nichts erscheint und jeweils von einem Londoner Polizisten dieser Zeit gefunden wird. Jeder versucht auf seine Weise, das Rätsel zu lösen. Erst spät kommt die vierte Epoche im Jahr 2053 dazu, und diese Polizistin Iris Maplewood findet sowohl die spätere Leiche (noch als lebenden Menschen) als auch die Auflösung: Der Zeitreisende ist ein Wissenschaftler, der die Zeitmaschine entwickelt hat, um die Explosion zu verhindern. Zunächst ist Maplewood fest im System verankert, weil sie dadurch ihre Lähmung mit Hilfe eines Rückenimplantats ("spyne") überwinden kann. Sie ändert allerdings ihren Standpunkt, als ihr klar wird, wie manipulativ das System ist und welche Absichten der Commander verfolgt.

Der Wissenschaftler Defoe diskutiert mit ihr über Schicksal, den freien Willen und die Unabänderlichkeit von Geschehnissen. Er glaubt, dass der freie Wille nur eine Illusion ist und alle Abläufe genauso geschehen, wie sie es tun. Er hintergeht sie, flüchtet vor ihr, entführt sie dann mit Hilfe von Komplizen und zeigt ihr die Zeitmaschine. Da ihr Implantat zu orten ist, führt er aber somit den Commander zum Versteck der Zeitmaschine und ermöglicht ihm die Zeitreise. Als der Wissenschaftler ihm folgen will, schießt Maplewood auf ihn, während er sich schon auf der Reise befindet. Die Kugel trifft ihn ins Auge.

Das ist der Kernpunkt der Geschichte, die hier erzählt wird: der alte "Commander" im Jahr 2053 ist 2023 der junge Mann mit den Pflegeeltern. Diese Pflegeeltern haben ihm Sprachnachrichten in Form von Schallplatten vorgespielt, die angeblich von seinem Urgroßvater besprochen wurden. Tatsächlich ist es aber so, dass der Commander 2053 in die Zeitmaschine tritt und ins Jahr 1890 reist, um dort mit dem Wissen aus der Zukunft viel Geld an der Börse zu machen und eine Geheimgesellschaft zu gründen, die den Bau der Bombe vorbereitet, die 2023 explodieren soll.

Der Commander nimmt die Identität eines Kriegshelden an und überzeugt dessen Mutter mit dem Versprechen auf Reichtum, seine Identität zu bestätigen, auch wenn er dem echten Julian Harker nicht ähnlich sieht. 

Diese geheime Gesellschaft ist so gut in allen Kreisen vernetzt, dass sie 1891 den Polizisten Hillinghead mit Intrigen ins Gefängnis bringt und dann tötet, so dass er keine Gefahr für die Gesellschaft darstellt. Harker plant, die Tochter Polly zu heiraten und seine Nachkommen sollen die Gesellschaft weiter führen. Der letzte Sohn dieser Dynastie wird dann mit Absicht ein Kind zeugen und die Mutter verlassen, damit die Pflegeeltern ihn manipulieren können.

Der Polizist Charles Whiteman (ein geflüchteter Jude Karl Weissmann) versucht 1941, den Fall zu lösen und wird ebenfalls mit Intrigen zerstört. Zunächst lässt er sich von der Gesellschaft bestechen, um kleinere schwarze Geschäfte durchzuführen, Beweise zu vernichten etc. Dabei wird er von einem 11-jährigen Mädchen Esther beobachtet, die er später zu retten versucht. Sie wird während eines Luftangriffs der Deutschen in einem U-Bahn-Schacht von einem Mitglied der Gesellschaft vergiftet, um Whitemans Identität zu schützen. Dieses Ereignis führt dazu, dass Whiteman ebenfalls versucht, die Gesellschaft zu zerstören und die Mitglieder zu entlarven.

Im Finale der Serie reisen Maplewood und die gealterte Polizistin Hasan, die schon 2023 versucht hat, den Fall zu lösen, in die vorangegangenen Epochen, um dort die Vergangenheit zu ändern und somit die Zeitschleife zu durchbrechen, durch die Elias Mannix immer wieder zu Julian Harker wird und seinen eigenen Urgroßvater zeugt.

Ein Hauptplot der Geschichte ist die Art der Zeitreise: durch "Quantum" wird bei der Zeitreise ein Duplikat des Reisenden erzeugt und somit reisen zwei Personen gleich "weit" sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Das Defoe-Duplikat, das in die Zukunft reist, kann gerettet werden und überlebt Maplewoods Schuss. Dadurch erfahren sie von ihm, wo die Zeitmaschine sich befindet und wie sie benutzt wird. Kritik hier: laut Defoe wird ein Duplikat erzeugt, aber es reisen ja insgesamt vier Defoes nach 1891, 1941, 2023 und 2053?

Spoiler: das Verhindern der Explosion gelingt, weil Elias nach der Explosion immer Gewissensbisse hatte und die Tat bereut. Diese Zweifel wachsen durch die Zeitreise der Polizistinnen, die 1891 und 2023 eintreffen. Der sterbende Julian Harker bespricht 1941 eine letzte, geheime Schallplatte, in der er Elias auffordert, die Bombe nicht zu zünden. Whiteman versteckt die Schallplatte in einem Bilderrahmen einer Polizistenkneipe, die Hasan 2023 erkennt. Elias hört die Schallplatte und beschließt, die Bombe nicht zu zünden. Die Zeitschleife ist gebrochen, und keine der Zeitreisen findet statt. Elias hat nie existiert, vermutlich ist die Zukunft 2053 auch vollkommen anders. Die zeitgereiste Hasan verschwindet aus 2023 und vermutlich auch Maplewood aus 1891. Auch die zeitreisenden Defoes verschwinden aus der Realität.

Die Serie umgeht die übliche schmerzliche Diskussion über ein Zeitparadoxon: da die Explosion nicht stattfindet, weil die Gesellschaft nie gegründet wird, gibt es auch keinen Grund für die Zeitreise in der Zukunft, da die Bombe nie gebaut wird; möglicherweise wird die Zeitmaschine auch gar nie entwickelt, weil es keinen Antrieb dafür gab (eben: die Exposion zu verhindern). Elias hat nie existiert und kann deshalb nicht die Zeitreise antreten.

Ob also nun der freie Wille existiert oder nur eine Illusion ist, wie Defoe behauptet, ist irrelevant: wenn die Illusion "gut genug" ist, entscheidet sich jeder Mensch, das zu tun, was sich in der entsprechenden Situation gerade anbietet. Elias hat seinen freien Willen ausgeübt und sich dazu entschlossen, die Bombe nicht zu zünden. Die Geschichte hat also eine andere Wendung genommen und offensichtlich ist "freier Wille" möglich. Elias hat sogar sich und seine Existenz geopfert und daneben natürlich auch seine (kurze) Ahnenreihe, weil er ja auch als Harker nie den Sohn Hayden mit Polly gezeugt hat.

In der Serie werden Ideen und Anklänge aus anderen Zeitreisefilmen aufgegriffen: ähnlich wie bei Terminator kann nur lebendes Gewebe eine Zeitreise durchführen. Maplewood verliert ihr Implantat und kommt dadurch querschnittsgelähmt in der Vergangenheit an. Aus demselben Grund finden die Forensiker auch keine Kugel und keine Austrittswunde bei Defoes Leiche.

Die Polizisten hinterlassen eingekratzte Hinweise in einer Backsteinmauer neben dem Fundort der Leiche(n), die den anderen Polizisten dann in die Lage versetzen, z.B. die Verbindungen zwischen den Leichenfunden zu erkennen bzw. das Versteck der Schallplatte zu finden. Diese Idee hatte schon der 11. Doktor im 50-Jahre-Jubiläum von "Doctor Who", als er, von Elizabeth I. eingekerkert, den Code des Vortex-Manipulators in die Wand des Tower-Gefängnisses einritzt. Clara kann dann 2013 mit diesem Code den Zygonen entkommen (Fun Fact: es ist das Datum der Erstausstrahlung von Doctor Who, "2311631716", der 23. 11. 1963 um 17:16).

Die Diskussion um den "freien Willen" findet sich auch besonders prominent in "Good Omens" von Sir Terry Pratchett, als Adam sich entscheidet, die Apokalypse nicht auszulösen und sich somit seinem höllischen Vater zu widersetzen. Die Geschichte gibt es auch als Theaterstück von den Hanauer Dramateuren.

Was mir unangenehm aufgefallen ist, weil es aufgesetzt erschien, ist die homosexuelle Episode von Hillinghead mit dem Journalisten. In letzter Zeit habe ich oft das Gefühl, dass LGBTQ-Themen in Filmen und Serien auftauchen müssen, weil es Mode ist. In "Umbrella Academy" war das perfekt gelöst und passte in die Handlung: aus dem Mädchen Vanya wird der Mann Viktor und es ist einfach normal. In "Bodies" wirkt es gezwungen und künstlich und stört den Fluss der  Handlung. Harker inszeniert zwar mit dem betäubten Hillinghead Fotos in homosexuellen Posen, um ihn damit erpressen zu können, aber dies geschieht dann doch nie. Es wirkt, als ob das Drehbuch hier geändert wurde und der Handlungsteil nie bis zum Ende verfolgt wurde.

21.03.2019

The Umbrella Academy - Staffel 1

Über das letzte Wochenende habe ich die neue Serie "The Umbrella Academy" bei Netflix gesehen. Die Serie wurde vor dem Start massiv beworben, u.a. auch durch Werbespots im traditionellen Fernsehen, und der Ansatz klang wie eine Mischung aus Avengers, X-Men, Justice League und ähnlichen Superheldenserien, nur "kaputter".

Mein Fazit: durchwachsen. Interessante Ideen, aber für eine zehnteilige Serie hatten die einzelnen Folgen enorme Längen, die mir den Spaß ein wenig vergällt haben.

Die Handlung in kurz: eine Gruppe von jungen Menschen mit besonderen Fähigkeiten versucht, die Apokalypse zu verhindern. Spoiler: sie scheitern und vielleicht doch nicht. Bei Zeitreise-Geschichten weiß man ja nie.

Die Handlung in lang: aus ungeklärten Umständen wurden am 1. Oktober 1989 43 Frauen spontan innerhalb eines Tages schwanger und entbinden ein Kind. Ein exzentrischer Milliardär nimmt sieben dieser Babys als Adoptivkinder auf und zieht sie mit Hilfe eines genmanipulierten Schimpansen und eines Androidenkindermädchens auf. Er trainiert ihre Fähigkeiten und bringt sie dazu, als Superheldenteam aufzutreten. Allerdings hat das Team nur sechs Mitglieder: "7" oder "Vanya" glaubt, dass sie keine besonderen Fähigkeiten hat, was sich aber im Verlauf als falsch erweist. Der Zuschauer ahnt das natürlich sofort, aber der erste Gedanke, dass die Fähigkeiten von 7 wichtig für das Team sind, entpuppt sich als falsch.

In der ersten Staffel wird die Entstehung des Teams geschildert und retrospektiv gezeigt, wie die Gruppe wieder auseinanderbricht und das Haus des Adoptivvaters Hargreeves verlässt. Er ist streng, unbarmherzig und absolut unempathisch. Er verletzt permanent die Gefühle und die gesunde Entwicklung der Kinder und ordnet alles seinem Ziel unter. Eins nach dem anderen verlassen ihn die Mitglieder des Teams, die er nur mit Nummern und nicht mit Namen anspricht.

In der Gegenwart der Erzählung treffen die Kinder zu Hargreeves Beerdigung zusammen, bis auf "6" bzw. Ben, der unter unerzählten Umständen bei einem Einsatz starb. Nach und nach wird in Rückblicken gezeigt, wie rücksichtslos Hargreeves ist und den Kindern dadurch seelische Verletzungen zufügt.

Nummer 5 ist ein Teleporter durch Raum und Zeit. Hargreeves verbietet ihm, durch die Zeit zu reisen. Er tut es trotzdem und erreicht eine postapokalyptische Erde, von der er nicht mehr zurückreisen kann - der Grund dafür bleibt unklar. Dort verbringt er Jahre, bis er von einer mysteriösen Frau für eine Organisation, die "Kommission", angeworben wird. Diese Organisation aus Zeitreisenden will dafür sorgen, dass die Geschichte immer einen bestimmten Verlauf nimmt, z.B. stellt sie sicher, dass der Zeppelin Hindenburg wirklich in Lakehurst in Flammen aufgeht. Die "Zeitagenten", auch "temporal assassins" genannt, bekommen Aufträge von Analysten, um bestimmte Ereignisse zu forcieren, und dabei gehen sie buchstäblich über Leichen.

Nach Jahren im Dienst der Kommission kann 5 zurückkehren und wird dabei wieder zu seinem 13-jährigen Ich verjüngt, ist aber geistig auf dem Stand seines 58-jährigen Selbst geblieben. Er will unbedingt die Apokalypse verhindern und weiß, dass sie in den nächsten acht Tagen stattfinden wird, aber nicht, durch wen oder warum. Sein einziger Hinweis ist ein Glasauge mit einer Seriennummer.

All das ist aber effektiv vollkommen unwichtig: alle Handlungen zur Aufklärung führen nur dazu, dass die Apokalypse tatsächlich herbeigeführt wird. Schlussendlich war Hargreeves sogar der Auslöser durch die folterähnlichen Methoden und die seelischen Schäden an seinen Adoptivkindern. Im Bemühen, den Weltuntergang zu verhindern, führen die sieben Kinder ihn gerade herbei. Im letzten Moment kann 5 sie alle durch eine Zeitreise retten und dadurch den Cliffhanger zur zweiten Staffel aufbauen.

Was mich immer wieder an Filmen und Serien wundert: viele Situationen, die man als Zuschauer erkennt, führen in  der Handlung zu vorhersehbaren schlimmen Folgen und hätten vermieden werden können, wenn die Figuren ihr Wissen teilen würden. Fünf z.B. weiß unglaublich viele Details, aber er teilt sie nicht mit seinen Adoptivgeschwistern. Vanya nimmt täglich Tabletten zur Unterdrückung ihrer Fähigkeiten. Außer dem Affen und der Nanny weiß das aber niemand, und Vanya hinterfragt nicht ein einziges Mal die Einnahme. Offensichtlich wissen auch die anderen Geschwister nichts von ihren Fähigkeiten. All diese Nichtkommunikation führt letztendlich zum Showdown während des Konzerts, in dem Vanya die erste Geige spielt. Ich verstehe nicht, warum Drehbuchautoren so eklatante logische Schwächen verzapfen, statt die Figuren sinnvoll handeln zu lassen.

Aber wie schon gesagt: bei Zeitreisegeschichten darf man die Logik ein wenig beiseite schieben. Insgesamt war es gute Unterhaltung.

12.01.2015

Der Jesus-Deal - Andreas Eschbach - Buchbesprechung

Andreas Eschbach hat eine Fortsetzung seines genialen Thrillers "Das Jesus-Video" geschrieben. Zu Weihnachten hab ich uns das Buch geschenkt (meine Frau mochte "Das Jesus-Video" auch sehr gern) und ich kann sagen: dies ist seit langem das beste und spannendste Buch von ihm. Bei einigen früheren Büchern habe ich mehrfach kritisiert, dass der Schluss abrupt und aufgesetzt wirkt und nicht zum bisherigen Spannungsverlauf passt, aber beim "Jesus-Deal" passt einfach alles zusammen. Die Spannung wächst langsam, mittendrin platzt eine Bombe (nicht wortwörtlich ...), es gibt einen plausiblen Abschluss und für einige offene Fragen sogar noch eine glaubwürdige Methode, diese Fragen aufzuklären.

Das einzige, was ich für mich persönlich kritisieren kann, ist die Darstellung von Jesus als Messias, der wirklich in der Lage ist, das zu leisten, was die Bibel über ihn berichtet. Mit dieser Beschreibung habe ich als Agnostiker natürlich ein Problem: die Zeitreise findet statt und ein Video bestätigt, dass Wunderheilungen möglich sind. Dies wäre für die Handlung absolut nicht nötig gewesen. Hier was der erste Teil, "Das Jesus-Video", mit wesentlich mehr Fingerspitzengefühl unterwegs: dort wird nicht so klar gesagt, dass Jesus wirklich zu allen kolportierten "Wundern" in der Lage war, sondern nur, dass er ein unglaublich charismatischer Mensch war, dem die Lebensfreude aus allen Knopflöchern sprühte.

Nebenbei hält sich Eschbach hier noch ein Hintertürchen für einen dritten Teil offen: das Video mit der Heilung eines der Zeitreisenden wurde von keinem aus der Gruppe gefilmt, und in einem Nebensatz findet sich "das muss ein anderer Zeitreisender gefilmt haben".

Ein paar Stichworte zur Handlung und ein paar Anmerkungen muss ich noch loswerden. Ich versuche mal, nicht allzuviele Spoiler einzubauen, denn hier gibt es wirklich einige Pointen, die man selbst "erlesen" sollte.

Beide Teile sind unabhängig voneinander zu lesen, im zweiten Teil gibt es viele Rückblicke und Querverweise, aber es macht mehr Spaß, wenn man die Bücher so liest, wie sie erschienen sind.

Der zweite Teil setzt zunächst zeitlich und handlungsmäßig dort ein, wo vermeintliche Agenten der katholischen Kirche das eine Original des Videos stehlen (es gibt zwei). In der Fortsetzung waren es allerdings (das "vermeintlich" ließ es schon vermuten ...) keine kirchlichen Räuber, sondern Söldner eines religiösen amerikanischen evangelikalen Fanatikers, der eine Zeitmaschine bauen will, nachdem er erfahren hat, dass Zeitreisen möglich sind.

Im Verlauf des "Deals" erfährt man, wie er zu seinem milliardenschweren Reichtum gelangt ist: er wird Zeuge einer unfreiwilligen Zeitreise, einer Art "Zeitloch", eine Frau stürzt von 1994 nach 1959 und hat zufällig, weil sie Autorin ist, ein Belegexemplar eines Magazins bei sich, und "rein zufällig" enthält dieses Magazin auch wirtschaftliche Informationen von 1959 bis 1994, z.B. Aktiendaten und weitere Hinweise auf Firmen etc. Diese Idee ist natürlich beim zweiten Teil von "Back to the future" abgeguckt, nur eben nicht mit Sportwetten, sondern mit realen Börsendaten (obwohl das ja auch eine Art von Wette ist - die Kurse der meisten Firmen haben wenig mit ihrem wirtschaftlichen Stand gemein).

Das Buch ist größtenteils aus der Sicht des jüngeren Sohns Michael dieses Milliardärs, Samuel Barron, geschrieben. Anfänglich ist er überzeugter Christ und dem Vater folgsam. Als die Zeitreise schief geht, landet er als "Schiffbrüchiger" im Jahr 1940 und beginnt zu lernen, dass sein Vater offensichtlich doch nicht ganz so berufen ist, wie er selbst von sich dachte. Der Vater ist skrupellos und radikal gläubig, er lebt genau nach der Bibel und nutzt seine finanzielle Macht, um seinen evangelikalen Glauben auch politisch zu verankern, indem er den Wahlkampf eines Glaubensbruders unterstützt, und schreckt sogar vor einem Anschlag auf den Präsidenten nicht zurück, um seinen Kandidaten an die Macht zu bringen.

Über das eigentliche Ziel der Zeitreise schreibe ich nichts, ich habe ja weiter oben versprochen, keine brutalen Spoiler aufzuschreiben ;)

Die erste Andeutung von Kritik gegen den Vater kommt auf, als eine Diskussion um die Rolle von Judas beginnt. Offentlich hatte Judas keine Chance auf seinen eigenen freien Willen: er musste den Verrat begehen, damit die Geschichte so stattfinden kann, wie die Bibel sie berichtet. Dies ist gleichzeitig auch der rote Faden, der sich als Konzept durch die gesamte Geschichte zieht: Zeitreisen können nichts verändern, alles passiert, weil es passiert ist.

Ein Konzept während der Vorbereitung der Zeitreise will mir auch nach einigem Nachdenken nicht ganz einleuchten: die zeitgereisten Videokassetten enthalten eine Spur Osmium, des Elements mit der höchsten Dichte aller natürlich vorkommenden Elemente (übrigens ist das auch eine Frage bei Quizduell ...). Eschbach liefert eine etwas verschrobene Erklärung, wie der Wissenschaftlicher Dermidow mit der Originalkassette umgeht (die oben erwähnte gestohlene). Statt die Kassette zu öffnen und das Osmium zu entnehmen, verstaut er sie in einem Safe und verlangt von Barron, mit dem Hersteller zu verhandeln, genau diese Variante der Kassette herzustellen.
Erst, als diese "US-Variante" tatsächlich im Handel zu kaufen ist, prüfen sie, ob die neu hergestellten Kassetten wirklich wie verlangt einen Streifen Osmium enthalten, und erst danach wird das zeitgereiste Osmium aus der Originalkassette entnommen.
Die Erklärung basiert auf Schrödingers Gedankenspiel mit der Katze und dem nicht vorhersagbaren Zerfall eines Teilchens in der verschlossenen Kiste. Wenn Dermidow die Videokassette "einfach so" geöffnet hätte, wäre möglicherweise doch kein Osmium enthalten gewesen, aber durch den Druck auf den Hersteller wurden exakt diese umdesignten Kassetten mit einer etwas anderen Bauform für die Videokamera mit einem Streifen Osmium hergestellt.

Wie schon gesagt: die Reise in die Vergangenheit geschieht, aber die Rückreise geht schief. Michael landet 1940 direkt vor dem ersten deutschen Bombenangriff auf England. Rein zufällig, aber natürlich wichtig für den Ablauf des Buchs, interessiert er sich für die Geschichte des 2. Weltkriegs und weiß, was mit genau diesem Städtchen genau am nächsten Tag passieren wird.

Über die Identität des Zeitreisenden aus dem Vorgängerbuch erfährt man nichts. Am Ende des ersten Teils taucht er vielleicht als namenloser junger Mann auf, aber warum er sich eine Videokamera für mehrere Tausend Dollar leisten kann, wie er zeitgereist ist und wie es zu seinem Tod kam, bleibt offen.

Übrigens war die oben erwähnte "unfreiwillige" Zeitreise doch nicht ganz so unfreiwillig. Die Logik des Buchs basiert im Wesentlichen darauf, dass alles passieren wird, weil es so passiert ist. Deswegen erzwingt Samuel Barron auch die spezielle Bauform der Videokassetten, weil eben diese Bauform aufgefunden wurde. Er erzwingt als Probelauf für die Maschine die Zeitreise der Frau von 1994 nach 1959 und nimmt dabei den Tod des schwer herzkranken Opfers in Kauf, damit sein früheres Ich das Magazin mit den Wirtschaftsdaten bekommen kann.
Überhaupt sind Zeitreisen erst möglich, wenn erstmals zeitgereistes Material gefunden wurde, und die Zeitreise basiert darauf, dass dieses Material als "Katalysator" eingesetzt werden muss. Je dichter das Material, desto weniger benötigt man, deshalb verwendet man logischerweise Osmium, das dichteste Metall überhaupt.
Sogar Jesus fordert seine Jünger auf, ihm einen Esel für die Einreise nach Jerusalem zu beschaffen, weil es so geweissagt sei. Also auch hier das Befolgen der Prophezeiung, damit sie eintritt. Es gibt noch mehrere dieser Zeitschleifen, die sich im Verlauf des Buchs öffnen und schließen, teilweise überspannen diese Schleifen sogar beide Bücher. Also aufmerksam lesen für den vollen Genuss!

Das schlussendliche Fazit, das ich aus dem Buch ziehe, ist ein ganz schlichtes:
Christliche Fanatiker sind genauso schlimm wie alle anderen, egal ob Moslems, Juden oder andere.

23.05.2014

X-Men: days of future past - Kino

Ich war gestern schon wieder im Kino, diesmal im neuen X-Men-Film. Mein Nachbar ist ein ebenso großer Kino- und Comic-Fan wie ich, und es macht einen Riesenspaß, mit jemandem ins Kino zu gehen, der einen ähnlich abgedrehten Geschmack hat. Letzte Woche hatte ich einen Gast (dazu kommt auch noch mal ein Artikel), mit dem ich Godzilla angeschaut hatte, aber diese Sorte Katastrophenfilme mit viel Bums und wenig Handlung ist nicht ganz mein Geschmack, das hab ich nach langer Zeit mal wieder gemerkt.

Ich liebe ja Zeitreisen ganz besonders, weil man so schön drüber lästern kann, wenn es der Drehbuchschreiber mal wieder nicht hinbekommen hat und die Logik so gar nicht passen will.

Im aktuellen X-Men-Film trifft das in weiten Teilen zum Glück nicht zu: es gibt eine nachvollziehbare Handlung, die auf einer plausiblen Grundidee aufbaut, und insgesamt gesehen ist der Film in sich schlüssig.

Was am Ende natürlich offenbleibt, ist die Frage, ob sich durch die Zeitreise alles so entwickelt, wie wir es aus den bisherigen Filmen kennen, oder ob sich da noch subtile Änderungen einschleichen.

Auf jeden Fall war der Film großartig, und ich habe ihn von der ersten bis zur letzten Minute genossen. Sehr schön aufgebaut der ruhige Schluss, der einen "ganz normalen Tag" in der "School for gifted youngsters" zeigt, nachdem Logan zu seinem eigenen Erstaunen dort aufwacht; man sieht u.a. Rogue, Iceman, Jean Grey, und viele andere aus den früheren Filmen.

Der Einstieg war hingegen von rasanter Action geprägt: es war eine Szenerie in der Zukunft, in der extrem anpassungsfähige Roboter Jagd auf Mutanten machen und mühelos deren Kräften widerstehen können. Dank einer Mutantin, die eine besondere Form der Zeitreise beherrscht, ist es einer kleinen Gruppe möglich, zu entkommen, indem sie sich - sozusagen aus der Zukunft - warnen lässt.

Der Bildaufbau mit zerstörten Städten und knochengefüllten Straßen erinnert wohl mit Absicht an Terminator, die "andere" prominente Zeitreisegeschichte, und es wird nebenbei berichtet, dass die "Sentinels" nicht nur Mutanten jagen, sondern auch Menschen, die ihnen helfen wollen, und deshalb die Menschheit nahezu ausgerottet wurde.

Da dies aber kein Dauerzustand bleiben soll, kommen sie auf die Idee, die Vergangenheit grundsätzlich zu verändern und die Entwicklung dieser übermächtigen Jagdroboter - "Sentinels" - zu verhindern. Ähnlich wie in der Serie "Seven days" gilt es, einen besonderen Moment in der Vergangenheit zu identifizieren, an dem die Geschichte den einen oder anderen Verlauf hätte nehmen können.
Natürlich wird dieser Schicksalspunkt in der Geschichte gefunden, und der einzige, der unbeschadet - wenn auch nur geistig in seinen jüngeren Körper - in die Vergangenheit reisen kann, ist "Logan" Wolverine. Diese Begründung fand ich etwas wirr, aber hinnehmbar für die weitere Dramaturgie. Interessant dann die Beobachtung, die eine weitere zeitliche Einschätzung erlaubt: in der Vergangenheit angekommen hat Logan noch nicht die Adamantium-Panzerung, sondern noch die knöchernen Krallen.

In der Vergangenheit angekommen gibt es schrille 70er-Jahre Szenen, und natürlich gibt es ein sekundengenaues Thriller-Ende, so dass wir am Ende nicht zusehen müssen, wie der "alte" Charles von den Sentinels getötet wird.

Eine besonders schöne Szene mit tollen Trickeffekten ist während der Befreiung des jungen Magneto aus einem metallfreien Gefängnis unter dem Pentagon zu sehen, als Quicksilver in der Küche alle Wächter außer Gefecht setzt, ohne Blut zu vergießen und dabei erst noch ganz gelassen Kopfhörer und Schutzbrille aufsetzt, um "Time in a bottle" zu hören.

Viele Charaktere werden schöner und ausführlicher geschildert als in den bisherigen Filmen, insbesondere Mystique gefällt mir sehr gut, und der junge Magneto spielt genauso wunderbar wie in "First Class". Im Gegensatz zu Florian in seiner Kritik fand ich den Wissenschaftler Trask eher nicht so herausragend, weder geschauspielert noch als Rolle bzw. Figur.

Genauso unspannend fand ich den Techniker im X-Team: in einigen Szenen wird zwar tricktechnisch brilliant die Verwandlung in "Beast" gezeigt, aber trotz alledem ist diese Figur eher blass geblieben - ein typischer "support act", der halt benötigt wird, um ein bestimmtes Problem zu lösen, damit die Handlung weitergehen kann, aber sonst auch nichts.

Die Auflösung will ich natürlich nicht im Detail verraten, aber es ist eine sehr schöne und glaubwürdige Lösung: Trask wird nicht getötet, weder von Mystique, noch Magneto oder einem der anderen Mutanten, Nixon bleibt am Leben, keiner der Mutanten reißt die Weltherrschaft an sich, und obwohl die Welt nun aufgrund der Fernsehübertragungen von den Mutanten weiß, gibt es einen - wenn auch brüchigen - Frieden. Auf dem Hinweg nach Washington im Flugzeug stellt Eric auch sehr glaubwürdig dar, dass er zwar in Dallas war, aber JFK retten und nicht töten wollte, auch wenn er dafür trotzdem in einem Hochsicherheitsgefängnis gefangen gesetzt wurde. Diese Andeutungen werden aber nicht vertieft, der Rest bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.

Zwei Bemerkungen noch zum Schluss:

Zum Ersten: die Pointe, nachdem Logan aus dem Fluss gefischt wurde, und Stryker seiner habhaft wird, hat einen sehr bitteren Beigeschmack, obwohl wir natürlich schon aus früheren Filmen wissen, wie grausam seine Behandlung war.

Zum Zweiten: der traditionelle "Nachfilm" zeigt eine im Bau befindliche Pyramide oder ein ähnliches großes Bauwerk, deren Konstruktion offensichtlich von einer einzigen Person durchgeführt wird, und auf einem Nachbarhügel 4 Reiter. Aus der Sitzreihe hinter mir hörte ich "die 4 Reiter der Apokalypse", aber da ich kein allzu intensiver Marvel-Leser bin, ist mir diese Szene nicht klargeworden. Vielleicht weiß jemand mehr und hinterlässt einen Kommentar?

[Update: Link zum Besuch von Christoph Dittert nachgetragen]

19.04.2013

Night Watch - Terry Pratchett - Buchbesprechung

Die "Nachtwache" (Night Watch) ist eines der besten und spannendsten Bücher von der Scheibenwelt, die ich bis jetzt gelesen habe. Unbedingt empfehlenswert, für Fans von Sir Terry sowieso, und auch sonst, wenn man auf schräge Fantasy und Zeitreise-Geschichten steht.

Die Lebensgeschichte von Sam Vimes, dem Chef der Nachtwache, bekommt ein wesentliches neues Kapitel hinzugefügt: Lady Sybil Ramkin steht kurz vor der Entbindung. Während sie in den Wehen liegt, muss Vimes Jagd auf einen Mörder namens Carcer machen, der einen Zwerg der Night Watch ermordet hat, und verfolgt ihn bis in die Unsichtbare Universität, zusammen mit anderen Polizisten, darunter Detritus mit seiner berüchtigten Armbrust ("if Mr. safety lock is off Mr. safety lock is not your friend").

Zwischen den spannenden und witzigen Beschreibungen der Begebenheiten rund um diese Verfolgung finden sich schon mehrere Andeutungen auf das Datum 25. Mai und lila Flieder, aber noch nichts Genaues, was nun wirklich wann passiert ist. Bei einem Handgemenge auf einem Dach über der Bibliothek, bis zu dem Vimes Carcer verfolgt hat, gibt es einen Blitzeinschlag und durch die Zusammenwirkung von Blitzenergie und hoher magischer Grundsättigung rund um die Universität gehen Vimes und Carcer beide unfreiwillig auf eine Zeitreise von knapp 30 Jahren in die Vergangenheit.

Angekommen zu einer (noch) unbekannten Zeit wird Vimes überfallen und aller seiner Güter und Kleidung inklusive Rüstung beraubt. Er wird von Rosie Palm gefunden, die später die Gilde-Vorsitzende der "Seamstresses" werden wird. Zur Zeit gibt es allerdings diese Gilde noch nicht, und wie sich später herausstellen wird, gehört Rosie mit zu einer Verschwörung, um den regierenden Patrizier Lord Winder abzusetzen und durch Lord Snapcase zu ersetzen; dabei erhofft sich Rosie (die spätere "Mrs. Palm") die Gründung einer Gilde der "Damen verhandelbarer Zuneigung" ("ladies of negotiable affection"). Umgekehrt versucht Lord Winder mit der Tagwache mit Hilfe von Agents provocateurs, einen Aufruhr zu provozieren und blutig niederzuschlagen, um seine Macht zu festigen.

Als Vimes klar wird, dass es in der Vergangenheit einen jüngeren Sam Vimes gibt, tritt er dann als John Keel auf, der damals sein Ausbilder war. Beim Lesen der Geschichte, die sich in unglaublichem Tempo entwickelt, treffen wir viele bekannte Namen, und auch das alte Wachengebäude in der Treacle Mine Road, das in "Guards! Guards!" von einem magischen Drachen abgefackelt wurde. Die üblichen Verdächtigen dabei sind natürlich Nobby Nobbs, Fred Colon, Reginald Shoe (noch nicht als Zombie), und auch einige Figuren, die in anderem Zusammenhang bekannt sind, treten schon auf, wie z.B. die Monks of History mit dem Besenschwinger "Sweeper" Lu-Tze, und auch der verrückt-geniale Erfinder Qu aus "Interesting Times", charakterisiert wie "Q" aus James Bond, hat einen kurzen Auftritt, um wissenschaftliche Expertisen über Zeitreisen und die Bildung von Paralleluniversen abzugeben. Er erklärt, dass Vimes eine Zeitlang dort in der Vergangenheit bleiben muss, um die Grundpfeiler für eine möglichst ähnlich verlaufende Zukunft zu schaffen. Kleine Verwerfungen werden die Monks of History nach seiner "Abreise" noch korrigieren.

Über den späteren Patrizier Lord Vetinari gibt es neue Tatsachen: er erhielt eine Ausbildung als Assassine, und wie es aussieht, absolviert er diese Ausbildung mit Bravour. Seine Tante ist die Haupt-Fädenzieherin in der Verschwörung gegen Lord Winder.

Sam Vimes beginnt, die Nachtwache zu einer ernstzunehmenden Polizeikraft auszubilden; ähnlich wie auch in "Guards! Guards!" beschrieben, wird die Nachtwache nicht besonders ernst genommen und kündigt bei den Rundgängen nur "All's well!" an. Bei einer Schwertübung wird es ernst, als einer der Polizisten nicht nur zum Schein mit Vimes kämpfen will, und dabei stellt sich heraus, dass Ned Coates  den echten John Keel kannte. Allerdings verrät er niemanden davon, dass Sam Vimes die Identität von John Keel angenommen hat. Später ist Coates eines der Opfer des Bürgerkriegs.

Die Tagwache unter Captain Swing, den sogenannten "Unmentionables", den Unaussprechlichen ("the Particulars" in einer Anspielung auf Sherlock Holmes) sind brutale Folterer, die mit Gefangenen nicht sehr gut umgehen. Vimes und seine Männer befreien einige Opfer aus den Kellern des Gebäudes, dabei kommt Captain Swing beim Schwertkampf mit Vimes ums Leben.

Vimes und die Anwohner bauen eine Barrikade gegen Lord Winders Soldaten auf und wehren mehrfach erfolgreich, sogar ohne Verluste, die Soldaten ab. Die Barrikade wird wieder aufgelöst, und danach kommt es erneut zu Straßenkämpfen.

Der echte John Keel stirbt nicht bei der Barrikade im Beisein des jüngeren Sam Vimes, sondern viel früher durch Carcer. Im ursprünglichen Verlauf konnte sich John Keel gegen zwei Diebe wehren. Durch die Zeitreise wurde er aber von dreien überfallen und verlor den Kampf. Vermutlich wusste Carcer aber nichts von der Rolle, die Keel in Vimes' Leben gespielt hat.

Die Mönche haben den Leichnam von John Keel aufbewahrt und legen ihn dort ab, von wo Vimes und Carcer schließlich zurückreisen, nachdem sich die Revolution ähnlich der ersten Vergangenheit entwickelt. Vimes hat zwar mehrere Tage in der Vergangenheit gelebt, aber er kehrt zu einem Zeitpunkt nur ca. 30 Minuten nach seiner Abreise zurück. In der Gegenwart verläuft die Geburt glatt, nachdem Vimes den Doktor holt, den er in der Vergangenheit als zuverlässigen Arzt kennen gelernt hat. "Young Sam" wird geboren, von dem wir in den späteren Büchern noch einiges hören werden, z.B. in "Snuff".

Auf dem Friedhof beim Grab des echten John Keel trifft er auf Carcer, kämpft mit ihm und verhaftet ihn für eine Gerichtsverhandlung. Er würde ihn zwar gern im Zweikampf töten, aber er besteht darauf, dass Carcer in einem fairen Gerichtsverfahren für schuldig befunden und verurteilt wird.

Auch Vetinari besucht den Friedhof im Andenken an die Toten. Er wird Zeuge der Verhaftung, und im Gespräch danach deutet er an, in Vimes den John Keel der Vergangenheit zu erkennen. Er erzählt Vimes, dass er derjenige war, der einen anderen Mörder auf dem Dach über der Nachtwache mit der Armbrust erschossen hat, als dieser mit einem heimtückischen Mord an einem Zivilisten einen Aufruhr provozieren wollte.

Das alte Gebäude der Nachtwache in Treacle Mine Street wird wieder aufgebaut. Außerdem soll es ein Denkmal für die Verstorbenen der kurzen Flieder-Revolution geben. Reg Shoe gräbt sich jedes Jahr als Remineszenz an die Opfer auf dem Friedhof für einige Stunden ein und kehrt dann wieder an die Oberfläche zurück.

Wie schon gesagt, ein unglaublich temporeiches Buch; es gibt verhältnismäßig wenig Handlung für den Umfang des Buchs (in ein paar Stichworten: UU, Zeitreise, falscher Name, Nachtwache, Barrikade, Rückkehr, Geburt, Verhaftung), aber die Gedanken, Randbemerkungen, Fußnoten und spielerisch dahingeworfenen philosophischen Tiefen füllen den Raum des Buchs mit Leichtigkeit und bieten hohen Genuss.

Ob Vimes nun wirklich in seine eigene Welt zurückkehrt, oder in eine Art Parallelwelt, die sich in Nuancen unterscheidet, wird nicht klar und von Pratchett auch nicht weiter thematisiert. Ich vermute, dass die Mönche dafür gesorgt haben, dass die Unterschiede sich verwischen und die möglichen "Stränge" sich wieder vereinen. In anderen seiner Büchern gibt es wesentlich mehr wissenschaftliche Anspielungen, die zeigen, welche Breite das Wissen von Pratchett umfasst, wie z.B. die spielerische Andeutung von Blau- und Rotverschiebung in "Thief of Time" während der Reise Lobsangs und Lu-Tzes nach Ankh-Morpork.