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10.09.2026

Warehouse 13 - noch ein Oldie in der Serienkritik

Bei Amazon Prime gibt es derzeit alle 5 Staffeln der Mystery-Serie "Warehouse 13" zu schauen. Da die Staffeln bis auf die vierte eher kurz sind, war ich schnell durch mit den insgesamt nur 65 Folgen. Die Serie wurde wegen schlechter Quoten abgesetzt und die fünfte Staffeln ist mit sechs Folgen der gnädig gewährte Abschluss, der viele losen Enden zusammenführt - immerhin gibt es diesen Abschluss für die Fans, im Gegensatz zu anderen Serien wie "Agent Carter" oder "Lois und Clark", bei denen die Serie abrupt mit Cliffhangern eingestellt wurde. Außerdem gibt es noch zwei Miniserien im Internet (Of Monsters and Men sowie Grand Designs), jeweils 10 sogenannte "Webisoden" mit einer Handlung ähnlich der "Telenovela" oder der "Scooby Doo"-Folge bei Supernatural. Diese Webisoden sind jeweils nur wenige Minuten lang und deshalb schnell geschaut.

Die Serie verfolgt eine ähnliche Idee wie die "Librarians" ("The Quest"), bei denen sich aus zunächst drei Kinofilmen eine Serie und dann erst kürzlich noch eine Serie als Spin-Off entwickelt hat. Es geht um die Sicherstellung von magischen Artefakten, die in den falschen Händen viel Schaden anrichten könnten und deshalb "neutralisiert" werden müssen. Hierzu gibt es eine nicht näher erläuterte Flüssigkeit, in die die Artefakten eingetaucht werden, um sie unschädlich zu machen oder bei besonders "starken" Artefakten die Magie zu bremsen. Warehouse 13 spielt im selben Serienuniversum wie die ebenso kurzlebige Serie "Eureka" über eine geheime Stadt mit Wissenschaftlern.

Die Serie nimmt viele Anleihen bei Steampunk,  Gothic und generell dem 19. Jahrhundert mit seinen frühen Gehversuchen in der Science Fiction und Technik, dabei fallen Namen wie H. G. Wells, Tesla, Mata Hari, Lewis Carroll, und natürlich viele erfundene Situationen, in denen die Artefakte entstanden sind oder magisch aufgeladen wurden, z.B. die Marie Celeste oder die Enola Gay.

Einer der Gründe für die Einstellung waren neben den schlechten Quoten der vierten Staffel die hohen Kosten, und spekulativ würde ich persönlich vermuten, dass die lange Latte an Gaststars aus anderen Serien mit ein Treiber für große Budgets war: Kate Mulgrew (Voyager), Jeri Ryan (Voyager), Mark Sheppard (Supernatural), René Auberjonois (Star Trek), Jaime Murray (Gotham, Dexter, Sleepy Hollow), Brent Spiner (Star Trek), Sasha Roiz (Grimm), Anthony Head (Buffy), James Marsters (Buffy, Angel, Torchwood), Tia Carrere (James Bond), Judd Hirsch (Independence Day, Forever), Gareth David Lloyd (Torchwood), Paul Blackthorne (Arrow, Flash), Erica Cox (Bitten), Aaron Ashmore (Lost Girl, Smallville, Locke & Key), Amy Acker (Person of Interest, The Gifted, Angel).

Im Gegensatz zu den Librarians gibt es auch hier viele dramaturgisch fragwürdige Momente, bei denen sich der Zuschauer fragt, warum gerade diese Entwicklung stattfand. Ich kritisiere in vielen Serien, dass die Helden viel zu oft viel zu lang zögern, bevor sie handeln, und dadurch dem Bösewicht einen strategischen Vorteil verschaffen, einen neuen Angriff zu starten. In dieser Serie fällt das ganz besonders stark auf.

In nahezu jeder Folge müssen ein oder sogar mehrere Artefakte identifiziert und sichergestellt werden - die Agenten haben nahezu sofort aus dem Archiv des Warehouse ein Dokument, ein Buch, einen Papyrus o.ä., um zu klären, wie dieses Artefakt neutralisiert werden kann, so dass es eingelagert werden kann ("snag it, bag it, tag it" ist das Motto - einsammeln, unschädlich machen, beschildern und einlagern).  Ich kann nachvollziehen, dass die Zuschauer diese andauernde Verwendung von "deus ex machina" nach einer Toleranzphase nicht länger goutieren wollten

Wenn es nicht um Artefakte aus der "Wildnis" geht, die seit ihrer Entstehung noch kursieren, dann passiert im Warehouse irgendeine Form von Unfall, bei dem ein Artefakt ent-neutralisiert wird (z.B. fällt es durch eine Erschütterung aus seinem Regal und löst dadurch die Aktivierung aus). Diese "Zufälle" wirken nach ein paar Ereignissen dramaturgisch arg konstruiert.

Die Agenten des Warehouse geben sich während ihrer Fälle als Mitarbeiter des "Secret Service" aus. Im Städtchen "Univille" nahe dem Warehouse täuschen sie vor, für die Steuerbehörde "I.R.S." zu arbeiten, was sie dort per se extrem unbeliebt macht. Das Konzept des Warehouse sieht eine Art Aufsicht in Form der "Regents" vor, außerdem gibt es einen "Caretaker", der eine mentale Verbindung zum Warehouse und seinem Inventarverzeichnis hat und eine ominöse "Entscheider"-Instanz, die unerklärt in manchen Situationen erscheint, entscheidet und verschwindet, was auch nicht näher erläutert wird.

Im Verlauf der Serie werden auch frühere Warehouses erwähnt, die nicht mehr in Benutzung sind, angefangen beim ersten Warehouse, das von Alexander dem Großen 1.500 v.Chr. eingerichtet wurde. Warehouse 2 wurde von den Ägyptern ca. 450 v. Chr. betreut und ist aus ungeklärten Gründen "schlafen" geschickt worden, bis es von H.G. Wells in der 2. Staffel erweckt und geöffnet wird, weil sie dort ein Artefakt stehlen will, von dem sie erstaunlicherweise weiß, dass es sich dort befindet. Warehouse 8 war in Deutschland während des Heiligen Römischen Reiches (1260). Auch das vorherige Warehouse 12 in England, für das H.G. Wells um 1895 als Agentin gearbeitet hat, und das Warehouse 9, das um 1560 zu Paracelsus "erster" Lebzeit aktiv war, werden mehrfach erwähnt bzw. spielen sogar eine tragende Rolle bei der Suche nach älteren Artefakten oder Informationen darüber. Besonders merkwürdig mutet an, dass der Bösewicht der letzten Staffel den kompletten Inhalt von Warehouse 13 in ein neues Warehouse 14 nach China teleportieren will und dabei ein "Umzugsservice" verwendet wird, um alle Artefakte in das neue Warehouse zu übertragen. Diesen "Service" gab es offensichtlich bei den früheren Lagern nicht, sonst könnte man ja dort keine alten Artefakte mehr suchen.

Ethisch handelt das Führungspersonal des Warehouse oft eher fragwürdig, z.B. gibt es eine Art Gefängnis, in der Bösewichte bei vollem Bewusstsein bewegungslos "eingefroren" werden ("bronze"). Dies ist auch die (erste) Strafe für die Agentin H.G. Wells, die hier als Schwester Helena des bekannten Autors eingeführt wird. Sie wird auf eigenen Wunsch nach mehreren Verstößen bronziert und von einem anderen bösewichtigen Ex-Agenten nach 100 Jahren wieder befreit wird. Warum sie von MacPherson befreit wird, um ihre eigenen sinistren Ziele zu verfolgen, wird nicht geklärt, weil sie nach dem Diebstahl gewisser Artefakte aus Warehouse 13 MacPherson tötet, bevor er als Gefangener weiteres gestehen kann. Helena hatte eine Tochter Christina, die als Jugendliche bei einem Einbruch getötet wurde. Die Mutter sucht nun nach verschiedenen Möglichkeiten, entweder den Mord ungeschehen zu machen, z.B. mit einer Zeitreisemaschine, und nachdem ihr dies unmöglich erscheint, die Welt zu zerstören.

Genauso ethisch fragwürdig ist die Entwicklung des Bösewichts der dritten Staffel. Hier gibt es als Artefakt ein Armband, das einem querschnittgelähmten Jungen wieder das Gehen ermöglicht. Die Agenten nehmen ihm das Armband ab, weil es Moral und Empathie zerstört und das Risiko bestünde, dass der Junge später straffällig werden könnte. Allerdings könnte man natürlich einfach den Jungen unter Beobachtung stellen und die "weltliche" Strafjustiz damit umgehen lassen, statt ihm die Lebensqualität zu nehmen und ihn zurück in den Rollstuhl zu zwingen. Erst durch diese Handlung entwickelt sich sein Hass auf das Warehouse und er wird zum bösartigen Chef einer Gruppe, die das Warehouse infiltrieren und sogar zerstören kann und vor Mord und Folter nicht zurückschreckt. Auf diese Art von selbsterfüllender Voraussage hätte das Warehouse-Personal gern verzichten können. Immerhin müssen sie dafür ein gefährliches anderes Artefakt einsetzen, um die Zeit um 24 Stunden zurückzusetzen, was wiederum aus Arties Persönlichkeit ein zweites böses Ich abspaltet, das von Zeit zu Zeit die Kontrolle übernimmt und Schaden anrichtet, indem der "böse" Artie Artefakte entwendet und irgendwo einsetzt.

Unlogisch ist die generelle Aussage des Agenten Lattimer, dass keine Artefakte verwendet werden dürfen, da dies generell zu gefährlich sei - sie werden neutralisiert und eingelagert. Andererseits funktioniert die Bronzierungsmaschine nur, weil als Artefakt eine bronzene Stele mit magischen Kräften an die Maschine angeschlossen ist, die von Paracelsus gestohlen wird, weil er die Agentin Donovan bronziert hat und dies als Druckmittel verwendet, um den Stein der Weisen (den "Philosopher's Stone") im Austausch zu erhalten. Dieses Artefakt stabilisiert die bronzierten Gefangenen, die sich ansonsten nach einiger Zeit in Bronzesplitter auflösen würden.

In dieser Serie funktioniert sehr gut, dass sie sich selbst nicht ernst nimmt und viele Anleihen bei der damaligen Popkultur (bis 2014) nimmt, z.B. genau beim Philosopher's Stone, der bei Lattimer sofort die Assoziation zu Harry Potter auslöst. Die Continuity ist über alle Staffeln sehr gut: es gibt viele Anspielungen auf frühere Folgen, zum Teil auch mit gut eingepassten und schnell geschnittenen Rückblenden in Schwarz-Weiß.

Bildlich gibt es nichts auszusetzen: die Tricks sind gut gemacht, die Schauspielerei ist glaubwürdig, die Gastauftritte machen Spaß. Nur die Logik darf man nicht besonders bemühen. Für die abendliche Berieselung zur Unterhaltung ist die Serie allemal gut geeignet. Als Fan der englischen Originalsprache ist mir unschön aufgefallen, dass Amazon in Deutschland trotz fest ausgewählter englischer Sprache für die Untertitel sehr oft deutsche Texte einblendet, z.B. bei der "Telenovela"-Episode, die fast komplett in Spanisch gesprochen wird. Auch werden viele Schilder, Tafeln und Überblendungen in Deutsch gezeigt.

28.03.2023

Serienkritik: Die Bande aus der Baker Street ("The Irregulars")

Kürzlich bin ich durch den Vorschlag von Netflix auf die Serie "The Irregulars" gestoßen, und trotz der gängigen Empfehlung, keine Serie zu schauen, die nur eine Staffel hat, oder die abgesetzt wurde, hab ich sie mir angeschaut.

Da ich Sherlock Holmes sehr gern mag (sowohl die Geschichten als auch die Verfilmungen, z.B. die BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und die beiden Filme mit Robert Downey Jr.), habe ich mir die übersichtlichen 8 Folgen gegönnt.

Die Geschichte ist gut erzählt. Es gibt einen Hintergrund, der sich über alle Folgen erstreckt und sich nach und nach dem Zuschauer erschließt. Die Charaktere werden von den Schauspielern gut gespielt. Die "Handlung der Woche" bzw. Episode passt sich gut in den Ablauf ein, und im Lauf der Handlung erfährt man, welche Ursache allen Vorfällen gemeinsam ist. Es gibt einige überraschende Enthüllungen und Wendungen. Die Bösen sind nicht so böse, und die Guten sind eigentlich auch nicht gut, all das ist nachvollziehbar und schön erzählt. Ich konnte nur mit dem royalen "Flüchtling" nicht so warm werden, der sich aus dem Palast schleicht, um Abenteuer zu erleben und sich zufällig mit den künftigen Irregulars anfreundet. Das ergibt natürlich im Lauf der Handlung die üblichen Verstrickungen, Vorwürfe der Lüge usw. Das ist erwartbar langweilig, der Ärger darüber hält sich aber in Grenzen, weil es nicht allzu breit ausgewalzt wird.

Trotz alledem bleibt am Ende ein diffuses Unbehagen: es ist eine gute gemachte Mystery-Geschichte mit einem Versatz von Ideen aus diversen Mythologien, aber der Ansatz, es eine Sherlock Holmes-Geschichte zu nennen, ist verkehrt. Die Handlung würde ohne die Nennung von Holmes und Watson genauso funktionieren. Die Figur Sherlock ist in der Handlung vollkommen bedeutungslos. Ohne groß zu spoilern: sowohl Holmes als auch Watson sind jeweils Teil der Ursache für alles, was vorgefallen ist. Aber die Figur Sherlock in der Großartigkeit und Zerrissenheit von Sir Arthur Conan Doyle wird nicht verwendet. Auch die Reduktion der "Irregulars" von Holmes auf eine einzige kleine Gruppe von 5 Jugendlichen, fast schon Erwachsenen, gefiel mir überhaupt nicht. Die einzige Anspielung auf die Figur im Sinn von Doyle ist der Vorwurf, den Alice ihm macht, als sie ihn bezichtigt, seine brillianten Deduktionen nur für den Glanz der Bewunderung zu machen und somit seine persönliche Eitelkeit zu befriedigen. Das bleibt aber vollkommen ohne weitere Konsequenzen für den Rest der Handlung.

Von daher denke ich, dass die Verknüpfung der Geschichte mit Sherlock Holmes nur von der Berühmtheit des Londoner Detektivs profitieren will und den Charakteren der Serie damit eine Hintergrundgeschichte übergestülpt werden soll, denen die Figuren nicht gerecht werden können. Die klassische Figur Sherlock Holmes wird massiv dekonstruiert, als er während seiner kalten Entziehungskur Schlussfolgerungen zieht wie sein früheres Ego, aber jedes Mal daneben liegt. Das ist eine sehr kalte Dusche für den Zuschauer. Am Schluss, vor dem Showdown, hat er einen Moment der Klarheit, als er Alice gesteht, dass er als Vater versagt hat und sich vor seiner Depression in die Sucht geflüchtet hat.

Die "Irregulars" von Doyle sind gerade keine feste Gruppe, sondern die Bezeichnung für die zahllosen Straßenkinder, die Holmes regelmäßig für Informationen bezahlt, um über alle Londoner Geschehnisse im Untergrund auf dem Laufenden gehalten zu werden. In der Serie bildet Watson (nicht Holmes) erst diese "Irregulars" für konkrete Aufträge (und versucht sie relativ schnell darauf wieder los zu werden, als sie auch über ihn unbequeme Fragen stellen) und löst dadurch die weiteren Geschehnisse aus.

Das abrupte Ende nach der ersten Staffel lässt ein wenig Raum für Spekulationen. Es hätte eine Fortsetzung geben können, aber das Ende ist in sich schlüssig und steht ohne große Schmerzen für sich selbst.

Einen Spoiler mute ich dem Blogleser zu:

Als Holmes-Fan ist es natürlich eine Katastrophe, dass Holmes sich a) verliebt hat, b) ein Kind mit Alice hatte, und c) sich hinter Alice her ins "Purgatory" (Fegefeuer) stürzt. Wir wir alle wissen, ist die einzige große Liebe in Sherlocks Leben Irene Adler gewesen. Watsons Geständnis, dass er in der Vorgeschichte Sherlock statt Alice gerettet hat, weil er in Sherlock verliebt ist, löst dann auch keine große Verwunderung aus. Watson ließ sich von seiner Eitelkeit treiben, es dem großen Holmes gleich zu tun, um von ihm als gleichwertig anerkannt zu werden, weil "Holmes" eigentlich zwei Personen seien, die nur zusammen funktioniert hätten, um Fälle zu lösen. Genau wie Holmes wird die Doyle'sche Figur Watson dekonstruiert - bei Doyle ist er ein Bewunderer von Holmes' Intellekt und Chronist der gemeinsamen Abenteuer. Diese Figur ist in ihrer Rolle verankert und sich der Anerkennung durch Holmes sicher, muss sich also nicht künstlich hervortun.

Trotz aller Schwächen würde die ich Serie empfehlen. Gute Unterhaltung mit überschaubarem Zeitaufwand.