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12.06.2025

Heart of Stone - Filmkritik

Ich bin bei Netflix auf einen Film mit Gal Gadot von 2023 ("Wonder Woman") gestoßen und hab ihn mir angeschaut.

Vorneweg: viel nette Action, gut inszeniert, interessante Wendung relativ früh im Film.

Aber: die Geschichte, die erzählt wird, ist so voller Löcher und Logikfehler, dass es eigentlich schon beim Schauen wehtut.

Zur Handlung muss ich leider etwas spoilern, sonst lassen sich die Schwächen und Fehler im Film nicht erklären. Kern der Handlung ist eine "KI" namens "Heart", die von einer geheimen supranationalen Organisation "Charter" verwendet wird, um kriminelle Aktivitäten vorherzusagen und um Aktivitäten zu planen, sie zu bekämpfen. Charter benennt seine Agenten nach dem Kartenspiel - es gibt vier "Könige", Kreuz, Pik, Herz und Karo (Club, Spades, Heart, Diamond), die Agenten nennen sich nach den einzelnen Spielkarten ("9 of Hearts", "Jack of Hearts" usw.).

Gal Gadot spielt die "Charter"-Superagentin Rachel Stone ("9 of Hearts"), die undercover bei MI6 als angebliche Computerexpertin arbeitet, aber gerade nicht an die vorderste Front darf ("in the field"), sondern nur im Hintergrund vor sich hin hackt. Bei der versuchten Festnahme eines Waffenhändlers geht einiges schief, und sie muss versuchen zu retten, was zu retten ist, ohne ihre Tarnung aufzugeben. Dabei wird sie mit Augmented Reality von einem Kollegen ("Jack of Hearts", Matthias Schweighöfer) in der Zentrale unterstützt, der ihr mit "KI"-Computerhilfe Optionen einblendet, denen sie folgt. Sie löst das Problem, ohne aufzufliegen, allerdings begeht der Bösewicht augenscheinlich Selbstmord.

Während des Einsatzes dringt eine andere Computerhackerin in den verschlüsselten Funkverkehr von MI6 ein und offenbart sich. MI6 versucht daraufhin, diese Hackerin Keya Dhawan zu finden und nach Hinweisen auf Lissabon bekommt Stone das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Tatsächlich geht der dortige Einsatz schon beim Bezug der konspirativen Wohnung fürchterlich schief. Ein Mordanschlag auf das Team von Stone schlägt fehl, allerdings muss sie ihre Tarnung aufgeben, um ihrer aller Leben zu retten.

Einer ihrer Kollegen, Parker, ist ein Maulwurf. Er tötet die beiden anderen Teammitglieder und lähmt Stone mit einem vergifteten Messer. Lissabon war eine Falle von Parker, um den Charter-Agenten in MI6 zu zwingen, sich zu offenbaren. Während sie noch wach ist, injiziert er ihr eine Kapsel mit Elektronik. Sie wird in die Zentrale von Charter gebracht und bekommt das Gegenmittel. Die Kapsel in ihrem Arm ist allerdings ein Virus und dringt in das lokale Netzwerk von Charter ein. Dort legt sie einen schlafenden Wurm ab, der sich erst später aktiviert. Parker wusste von Charter und aufgrund seiner persönlichen Vergangenheit während eines fehlgeschlagenen Einsatzes bei einem Waffenhandel will er Charter zerstören.

Es stellt sich heraus, dass das zentrale Element von "Heart" ein Bauteil ist, das in einem Zeppelin in 30 km Höhe fliegt. Parkers und Keyas Computerwurm löst ein Absinken des Zeppelins aus, damit Parker mit einem Hubschrauber das Herz von "Heart" aus dem Zeppelin stehlen kann. Stone landet ebenfalls auf dem Zeppelin, kann aber den Diebstahl nicht verhindern. Zusammen mit der Hackerin stürzt sie in der Wüste ab und kann entkommen. Die Hackerin bekommt Zweifel an Parkers Zielen, unterstützt ihn aber weiterhin.

Schlussendlich - nach mehreren Actionszenen - kommt es zum Showdown in einem Rechenzentrum, das Parker aufgebaut hat. Stone kann nach einem Zweikampf Parker mit Keyas Hilfe besiegen. Allerdings konnte Parker vorher "Heart" in Betrieb nehmen und mit dessen Hilfe die Könige von Karo und Kreuz ermorden. Karo stürzt mit ihrer Familie in einem Aufzug ab, Kreuz wird mit einem Einsatzteam in eine Falle in ein Rechenzentrum in Reykjavik gelockt, das dann explodiert.

Soweit, so Action. Die Geschichte ist im Prinzip gut, aber die Fehler in der Erzählung und die Fehler, die die Charaktere begehen, sind so eklatant, dass meine Gesamtnote auf "schwach" lautet. Eine Geheimorganisation, die nur aus 30-50 Personen besteht (Kartenspiel), hat Geldmittel und mehrere geheime Basen in einem unglaublichen Ausmaß. Nirgends wird das erklärt. Wie schon bei James Bond, wo Q in "Skyfall" den feindlichen Laptop von Silva mit einem Kabel in der Zentrale anschließt, wird eine kompromittierte Agentin in die Basis gebracht, der Tracker unter ihrer Haut offenbart den Standort und kann in das Computernetzwerk eindringen. Der Bösewicht Parker hat einen ähnlichen Antrieb wie Trevelyan in "Goldeneye" - eine persönliche Rache nach einem Einsatz; dort die Kosaken bei Lienz, hier Waffenhändler in Tschetschenien.

Was genau "Heart" ist und wer diese Technologie entwickelt hat, wird nicht erklärt. Es sieht aus wie ein Raspi in einer Glasröhre. Offensichtlich kann aber Charter kein redundantes zweites Gerät herstellen oder das gestohlene mit einem Killswitch lahmlegen.

Der Zeppelin hat eine innere Achse, die mit Solarzellen gepflastert ist. Nochmal: Solarzellen. Drinnen. Im Zeppelin. Auf der Längsachse der Konstruktion, die die Hülle trägt. Drinnen. Mitten drin im Zeppelin. Nicht außen. Drinnen. Trotz früherer Gegenbeispiele ist der Zeppelin mit Wasserstoff gefüllt und explodiert natürlich recht heftig, als eine kleine Bombe gezündet wird. Da der Auftrieb des Zeppelins mit Wasserstoff erreicht wird, leuchtet es total ein, dass auf der tragenden Innenachse ohne Atemhilfsmittel gekämpft wird. Drinnen. Im lichten Zeppelin. Drinnen.

Das Herz von "Heart" (pun intended) wird also gestohlen. Parker hat innerhalb von Stunden dieses Gerät in sein eigenes Rechenzentrum gebracht und hat dort genau die richtigen Anschlüsse und Geräte, um "Heart" in Betrieb zu nehmen. Warum der Zeppelin "nur" von 80.000 auf 40.000 Fuß Höhe abgesenkt wird, ist auch unklar - man könnte ihn auch noch niedriger steuern oder landen lassen. Aber das würde die Option auf Stunts mit Wingsuits und Fallschirmen zerstören.

Der Mord an Karokönig (eine Ex-Chefin des CIA) wird durch den Absturz eines Aufzugs durchgeführt. "Heart" kann also in die Steuerung des Gebäudes eindringen und alle - insbesondere die mechanischen! - Schutzmechanismen des Aufzugs aufheben. Üblicherweise sind Aufzüge dreifach redundant ausgelegt (sowohl zulässiges Gewicht als auch Seile). Außerdem gibt es Sperrhaken, die bei zu starker Beschleunigung ausfahren und sich in den Wänden festkrallen.

Offen ist auch die Frage, warum niemand auf die Idee kommt, dass es eine Falle sein könnte, wenn ein Rechenzentrum der Uni Reykjavik der total einleuchtende Ort ist, an dem ein Bösewicht jahrelang eine Serverfarm aufbauen kann, die nur auf das Herzstück (Wortspiel) aus dem Zeppelin wartet. Oder ob es eine Falle sein könnte, wenn die gesamte Führungsriege von Charter in ein Ausweichhauptquartier umzieht und dann dort ohne Luftaustausch eingeschlossen wird. Oder warum keiner der Angestellten der Uni sich wundert, dass ein Untergeschoss vermint wird.

Im Großen und Ganzen also ein nettes Actionspektakel, bei dem man das Mitdenken über Strategie unterlassen sollte. Respekt für die Schauspieler, die trotz der eklatanten Schwächen ihr Bestes gegeben haben.

18.03.2024

Damsel - Ritter, Drachen und das ganze in originell

Nach all den Leserbriefen mal wieder eine Filmkritik :-)

Vor ein paar Tagen habe ich den neu erschienenen Film "Damsel" bei Netflix geschaut.

Fazit: solide Unterhaltung, guter Twist am Ende, der der Geschichte nochmal eine originelle Wendung gibt.

Kleiner Spoiler: der Film könnte auch als Prequel zu "House of the Dragon" durchgehen, dem Prequel von "Game of Thrones".

Die CGI ließ teilweise etwas zu wünschen übrig, der Drachenkörper war mehr so verhungerte Katze, aber Kopf und Gesicht waren gut gemacht, auch die Mimik war sehr schön.

Die Zeichnung mit dem Ausweg, den die Prinzessin tief unten in den Höhlen fand, war verwirrend - die Wandmalerei konnte ja erst gezeichnet werden, nachdem jemand *zurück* kommt, um die Karte zu vervollständigen.

Eine offene Frage (von Logikfehler will ich nicht reden): offensichtlich muss es ja für die 3 Dracheneier auch einen Papa gegeben haben. Ich frage mich, was aus ihm geworden ist.

Falls das nicht nötig wäre - es gibt ja auch bei manchen Tier- und Pflanzenarten Fortpflanzungsmethoden, bei denen kein zweiter Partner nötig ist - verstehe ich nicht, warum die Drachin "last of its kind" sein soll.

28.03.2023

Serienkritik: Die Bande aus der Baker Street ("The Irregulars")

Kürzlich bin ich durch den Vorschlag von Netflix auf die Serie "The Irregulars" gestoßen, und trotz der gängigen Empfehlung, keine Serie zu schauen, die nur eine Staffel hat, oder die abgesetzt wurde, hab ich sie mir angeschaut.

Da ich Sherlock Holmes sehr gern mag (sowohl die Geschichten als auch die Verfilmungen, z.B. die BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und die beiden Filme mit Robert Downey Jr.), habe ich mir die übersichtlichen 8 Folgen gegönnt.

Die Geschichte ist gut erzählt. Es gibt einen Hintergrund, der sich über alle Folgen erstreckt und sich nach und nach dem Zuschauer erschließt. Die Charaktere werden von den Schauspielern gut gespielt. Die "Handlung der Woche" bzw. Episode passt sich gut in den Ablauf ein, und im Lauf der Handlung erfährt man, welche Ursache allen Vorfällen gemeinsam ist. Es gibt einige überraschende Enthüllungen und Wendungen. Die Bösen sind nicht so böse, und die Guten sind eigentlich auch nicht gut, all das ist nachvollziehbar und schön erzählt. Ich konnte nur mit dem royalen "Flüchtling" nicht so warm werden, der sich aus dem Palast schleicht, um Abenteuer zu erleben und sich zufällig mit den künftigen Irregulars anfreundet. Das ergibt natürlich im Lauf der Handlung die üblichen Verstrickungen, Vorwürfe der Lüge usw. Das ist erwartbar langweilig, der Ärger darüber hält sich aber in Grenzen, weil es nicht allzu breit ausgewalzt wird.

Trotz alledem bleibt am Ende ein diffuses Unbehagen: es ist eine gute gemachte Mystery-Geschichte mit einem Versatz von Ideen aus diversen Mythologien, aber der Ansatz, es eine Sherlock Holmes-Geschichte zu nennen, ist verkehrt. Die Handlung würde ohne die Nennung von Holmes und Watson genauso funktionieren. Die Figur Sherlock ist in der Handlung vollkommen bedeutungslos. Ohne groß zu spoilern: sowohl Holmes als auch Watson sind jeweils Teil der Ursache für alles, was vorgefallen ist. Aber die Figur Sherlock in der Großartigkeit und Zerrissenheit von Sir Arthur Conan Doyle wird nicht verwendet. Auch die Reduktion der "Irregulars" von Holmes auf eine einzige kleine Gruppe von 5 Jugendlichen, fast schon Erwachsenen, gefiel mir überhaupt nicht. Die einzige Anspielung auf die Figur im Sinn von Doyle ist der Vorwurf, den Alice ihm macht, als sie ihn bezichtigt, seine brillianten Deduktionen nur für den Glanz der Bewunderung zu machen und somit seine persönliche Eitelkeit zu befriedigen. Das bleibt aber vollkommen ohne weitere Konsequenzen für den Rest der Handlung.

Von daher denke ich, dass die Verknüpfung der Geschichte mit Sherlock Holmes nur von der Berühmtheit des Londoner Detektivs profitieren will und den Charakteren der Serie damit eine Hintergrundgeschichte übergestülpt werden soll, denen die Figuren nicht gerecht werden können. Die klassische Figur Sherlock Holmes wird massiv dekonstruiert, als er während seiner kalten Entziehungskur Schlussfolgerungen zieht wie sein früheres Ego, aber jedes Mal daneben liegt. Das ist eine sehr kalte Dusche für den Zuschauer. Am Schluss, vor dem Showdown, hat er einen Moment der Klarheit, als er Alice gesteht, dass er als Vater versagt hat und sich vor seiner Depression in die Sucht geflüchtet hat.

Die "Irregulars" von Doyle sind gerade keine feste Gruppe, sondern die Bezeichnung für die zahllosen Straßenkinder, die Holmes regelmäßig für Informationen bezahlt, um über alle Londoner Geschehnisse im Untergrund auf dem Laufenden gehalten zu werden. In der Serie bildet Watson (nicht Holmes) erst diese "Irregulars" für konkrete Aufträge (und versucht sie relativ schnell darauf wieder los zu werden, als sie auch über ihn unbequeme Fragen stellen) und löst dadurch die weiteren Geschehnisse aus.

Das abrupte Ende nach der ersten Staffel lässt ein wenig Raum für Spekulationen. Es hätte eine Fortsetzung geben können, aber das Ende ist in sich schlüssig und steht ohne große Schmerzen für sich selbst.

Einen Spoiler mute ich dem Blogleser zu:

Als Holmes-Fan ist es natürlich eine Katastrophe, dass Holmes sich a) verliebt hat, b) ein Kind mit Alice hatte, und c) sich hinter Alice her ins "Purgatory" (Fegefeuer) stürzt. Wir wir alle wissen, ist die einzige große Liebe in Sherlocks Leben Irene Adler gewesen. Watsons Geständnis, dass er in der Vorgeschichte Sherlock statt Alice gerettet hat, weil er in Sherlock verliebt ist, löst dann auch keine große Verwunderung aus. Watson ließ sich von seiner Eitelkeit treiben, es dem großen Holmes gleich zu tun, um von ihm als gleichwertig anerkannt zu werden, weil "Holmes" eigentlich zwei Personen seien, die nur zusammen funktioniert hätten, um Fälle zu lösen. Genau wie Holmes wird die Doyle'sche Figur Watson dekonstruiert - bei Doyle ist er ein Bewunderer von Holmes' Intellekt und Chronist der gemeinsamen Abenteuer. Diese Figur ist in ihrer Rolle verankert und sich der Anerkennung durch Holmes sicher, muss sich also nicht künstlich hervortun.

Trotz aller Schwächen würde die ich Serie empfehlen. Gute Unterhaltung mit überschaubarem Zeitaufwand.

07.10.2022

James Bond - No time to die - Filmkritik

Ich bin seit meiner Schulzeit ein großer James Bond-Fan. Als das Roxy-Kino in Friedberg die gesamte James Bond-Serie brachte (jeden Dienstag für 5 DM), war ich in jedem Film, um sie in der richtigen Reihenfolge zu sehen. Ich kann bei nahezu jedem Film die Dialoge mitsprechen. Ich finde die Mischung aus Spannung, leicht übertriebenen Technikgadgets (ok, unsichtbare Autos waren auch für mich etwas zuviel), Charme und Wortwitz sehr schön.

Zumindest war das der Fall, bis Daniel Craig die Rolle übernahm. Verstehen Sie mich nicht falsch - Daniel Craig ist ein guter Schauspieler. Ich mochte ihn in Tomb Raider, und "Knives Out" ist ein Film, in dem er glänzt, und ich bin auch auf die Fortsetzung im Dezember gespannt. Aber er ist nicht James Bond! Die Rolle passt einfach nicht zu ihm.

Schon Casino Royale war ein krawalliger Actionfilm, aber kein James Bond. Auch wenn die Filme mit Craig als Reboot gedacht waren (Casino Royale ist auch die erste Bondgeschichte von Ian Fleming) und Craig die Entwicklung von Bond darstellen soll, zeigt sich seit dem ersten Film, dass Craig nicht mal im Ansatz den Charakter von Bond spielen kann.

Wegen Corona konnte ich mich nicht überwinden, "No time to die" im Kino zu sehen und habe mir vor kurzem den Film im Heimkino gegönnt. Allein der Zeitabstand zum Kinorelease macht mir im Nachhinein klar, dass ich den Film nur aus Sammelleidenschaft schauen wollte. Doch, wirklich, ich wollte ihn schauen, eben weil ich mich immer noch für einen großen James Bond-Fan halte. Ich hatte keinerlei Erwartungen, und selbst darin hat sich der Film untertroffen.

Die Charaktere bleiben flach und langweilig. Der Film bemüht sich, alte Themen und Personen aufzugreifen, frühere Ereignisse zu erwähnen ("eine Kugel in Ihr Knie. Das gesunde"). Am Ende bleibt es ein Rundumschlag gegen alles, was James Bond und Star Trek ausmachte: am Filmende soll der Status Quo erreicht werden. Keine Hauptperson stirbt, der Bösewicht ist besiegt, vielleicht gibt es eine Andeutung für eine Nachfolge des Oberbösewichts, manchmal stirbt eine nahe Bezugsperson (wie Felix Leiters Frau). In diesem Sinn ist der letzte James Bond mit Daniel Craig Tabula Rasa und zerstört eigentlich alles, was für mich die Seele der Bond-Filme darstellt. In Summe verkrampft sich der Film dabei, möglichst viele Zitate aus früheren Filmen aufzuzählen.

Genau wie bei Doctor Who war es für mich vollkommen schmerzfrei, dass der Darsteller von Bond mehrfach gewechselt hat. Beim Doctor gab es dazu eine Erklärung innerhalb der Serie, bei Bond wurde der Gesichtswechsel gar nicht thematisiert. Auch der Ruhestand von Bond im Alternativ-Bond-Film "Sag niemals nie" ist mit einem Augenzwinkern zu sehen.

Anfang und Ende des Films nehmen starke Anleihen an "Im Geheimdienst ihrer Majestät", in dem Bond heiratet und Blofeld seine Ehefrau auf der Fahrt in die Flitterwochen aus dem fahrenden Auto erschießt. "We have all the time in the world" ist ein großartiges Lied von Louis Armstrong und der Rhythmus passt wunderbar zu dieser deprimierenden Szene. Diese Remineszenz für eine "normale" Autofahrt zu missbrauchen, erscheint merkwürdig. Dasselbe Lied wird am Schluss des Films verwendet, als Madeleine mit dem "anderen" klassischen Bond-Auto Aston Martin V8 Vantage (der DB5 ist eher zerstört) in den Sonnenuntergang fährt.

Der Film ist lang genug veröffentlicht, also nehme ich keine Rücksicht auf Spoiler. Felix Leiter stirbt, Blofeld stirbt, James Bond stirbt. Es gibt einen Maulwurf in den eigenen Reihen, einen verräterischen Wissenschaftler, Verfolgungsjagden mit Auto und Motorrad, aber all das wirkt nur wie Mittel zum Zweck, weil es halt in einem Bond-Film erwartet wird. Mallory droht Bond, weil der angeblich für die "Konkurrenz" CIA aus dem Ruhestand zurückgekehrt ist.

Warum Madeleines Vater ein Auftragskiller ist oder war, warum die Mutter drogensüchtig ist, bleibt im Dunkeln. Die junge Madeleine wird vom Auftragsmörder gerettet, als sie in den vereisten See einbricht, aber was danach mit ihr passiert und weshalb sie "eine Tochter von Spectre" sei, wird nicht erklärt. Wie Blofeld im Gefängnis an ein Hightech-"Bionisches Auge" gelangen konnte, das über Internet Kommunikation ermöglicht, ist enorm unrealistisch. Man sollte doch meinen, dass in einem Hochsicherheitsgefängnis auch Mobilfunkblocker eingesetzt werden, um genau das zu verhindern. Dieser Faux-Pas ist genauso peinlich wie Qs Fehler in "Skyfall", den Laptop Silvas mit einem Netzwerkkabel direkt ans MI6-Netzwerk anzuschließen, was diesem dann die Flucht ermöglicht.

Blofelds Tod durch Bonds Berührung ist fragwürdig. die "verseuchte" Madeleine hat Bond nicht berührt - also werden die Nanobots auch über die Luft übertragen. Der Film stellt es aber so dar, als ob erst die Berührung am Schluss des Verhörs die Nanobots übertragen werden. Die Analogie zu Corona und Aerosolen drängt sich auf.

Die neue weibliche 007 wirkt beim ersten Auftreten arrogant und holt sich Selbstbestätigung aus der Tatsache, dass sie die Nummer 007 bekommen hat. Gegen Ende wirkt sie wie eines der üblichen Bond-Fangirls und gibt sogar die Nummer 007 an ihn zurück.

Am Schluss bleibt: M hat ein geheimes Biowaffenexperiment durchgeführt, um DNA-programmierbare Nanobots zu erschaffen. Auf die Idee, dass die Waffe gestohlen werden könnte, kam er offensichtlich nicht, und das kostet Blofeld, Bond und einer Reihe hochrangiger Spectre-Mitglieder das Leben. Der Wissenschaftler Obruchev kann sich nicht entscheiden, ob er Doppel- oder Dreifachagent ist. Madeleine lügt Bond an, dass Mathilde nicht seine Tochter sei; am Ende ist sie es doch.

Insgesamt ist der Film mit zweieinhalb Stunden viel zu lang geraten und vollgestopft mit Dingen, die gerade nicht Bond ausmachen, aber Daniel Craig als Darsteller konsequent fortsetzen. Insofern ist der Film konsistent mit der Weise, wie Craig Bond in allen seinen bisherigen Filmen darzustellen versucht.

03.06.2020

Energieverbrauch beim Streaming - Leserbrief

Leserbrief zur Kolumne von Hr. Arnold, 26.05.2020
[veröffentlicht am 03.06.2020]

Hr. Arnold schreibt einige interessante Gedanken zum Stromverbrauch während der Corona-Krise.

Viel mehr Menschen bleiben zuhause und unterhalten sich dort mit Hilfe von Geräten, die natürlich Strom verbrauchen.
Insbesondere kritisiert Hr. Arnold das "Streaming", also das Anschauen von Filmen über Internet.

Die großen Anbieter hier sind Netflix, Amazon, Google (Youtube und Playstore Filme), Apple und zunehmend Disney+.
Der Energieverbrauch sowohl bei den Anbietern als auch bei den Konsumenten ist beträchtlich, wie Hr. Arnold zutreffend bemerkt. Aber es gibt deutliche Unterschiede zwischen ihnen, und diesen Punkt hätte ich mir stärker herausgearbeitet gewünscht.

Viele Anbieter verwenden intern Dienstleister zur Verbreitung ihrer Daten, sogenannte "Content Distribution Networks" (CDN), das sind lokale Zwischenspeicher, um die internationalen Datenleitungen zu entlasten. Hier gibt es große Unterschiede, wie effizient diese CDNs arbeiten.

Abgesehen davon sind viele große Anbieter inzwischen nahezu oder sogar schon vollständig klimaneutral, indem sie Ökostrom beziehen oder sogar selbst erzeugen (Google ist nach eigenen Angaben seit mehreren Jahren klimaneutral durch die Verwendung von eigenem Solarstrom).

Etwa ein Drittel des Stromverbrauchs von Rechenzentren wird für die Kühlung der Geräte aufgewendet. Viele moderne Rechenzentren lassen diese Abwärme nicht verpuffen, sondern leiten sie wie ein Blockheizkraftwerk nutzbringend weiter.
Der Energieverbrauch beim Streaming ist mittlerweile ca. 1% des weltweiten Gesamtverbrauchs, und das ist schon auffällig viel, aber nicht beunruhigend, z.B. durch diese Zweitnutzung.

Insgesamt kann man sagen, dass Google und Amazon sehr klimafreundlich sind und Netflix noch nicht besonders. Hier können wir als Verbraucher Druck ausüben.

Ein paar Zahlen zur Verdeutlichung: der Energiebedarf durch das Streaming wird auf weltweit 200 TWh pro Jahr geschätzt (Terawattstunden), das ist in etwa soviel wie Spanien. Deutschland hatte 2018 einen gesamten Energiebedarf von ca. 530 TWh, weltweit waren es 20.000 TWh. Zum Vergleich dagegen: der Rechenaufwand für Bitcoins erforderte immerhin 60 TWh, und der Nutzen von Bitcoins und Blockchains ist nach wie vor in der Fachwelt höchst umstritten.

Zum Schluss noch eine Anmerkung als Elternbeirat: durch die Corona-Krise wird deutlich, wie stark wir alle mittlerweile von der Digitalisierung profitieren und wo noch Mängel zu beheben sind. Auf Youtube z.B. gibt es großartige Filme und Filmchen, mit denen bestimmte Sachverhalte erklärt werden, und viele Lehrer nutzen in dieser Krise die Möglichkeiten gut, die Schüler zuhause zu erreichen und weiterhin zu bilden und zu beschulen. Vielen Dank dafür an alle Lehrer!

06.05.2019

Avengers Endgame

Das war er also, der letzte Film der aktuellen Marvel-Phase 3, der alle roten Fäden der vergangenen 20 Filme zusammenführt und die Auflösung liefert. Gut, formal gehört "Spiderman - Far from Home" noch mit dazu, der im Juli erwartet wird, aber inhaltlich ist alles erzählt.

Der Film ist genial gemacht - er fängt sehr langsam und schwermütig an und beleuchtet dabei, wie die Überlebenden damit zurecht kommen, dass Thanos seinen Plan umgesetzt hat, das halbe Leben im gesamten Universum auszulöschen. Black Widow hält einsam die Stellung im Avengers-Hauptquartier, Hawkeye ist zum brutalen Verbrecherjäger geworden, der über Leichen geht, Cap leitet eine Selbsthilfegruppe für Schnips-Hinterbliebene, Thor hat in den letzten fünf Jahren einen beträchtlichen Bierbauch angesetzt, und mit Sonnenbrille sieht er aus wie einem Video von ZZ Top entsprungen ;-). Tony Stark ist der Einzige, dessen Situation sich verbessert hat - er lebt mit Pepper und Tochter Morgan in einem Haus am See.

Die Prämisse ist natürlich vollkommen hanebüchen, dass sich das Universum besser entwickeln kann und lebenswerter ist, wenn die Bevölkerung nur noch halb so groß ist. Wenn die Umstände entsprechend sind, wird sich Leben immer wieder neu entwickeln, und die Wachstumsrate in der Biologie ist immer exponentiell. Thanos hätte also nach meinem Dafürhalten nur ein paar Jährchen Aufschub bewirkt, aber nichts wesentliches geändert. Diese Erkenntnis scheint aber in der Comic-Logik nicht zuzutreffen - Thanos denkt wirklich, er hat die Überlebenden von einer Bürde befreit. Stattdessen hat er jeden unglücklich gemacht, der Angehörige verloren hat, und durch das urplötzliche Verschwinden sind natürlich Unfälle passiert, wenn Fahrer, Piloten etc. während ihrer Tätigkeit weggeschnipst wurden. Nun ja, das ist halt Comic, muss man so hinnehmen.

Wie am Ende von Ant-Man 2 zu vermuten war, hat Scott Lang überlebt und schafft es durch einen der üblichen Hollywood-Zufälle zurück ins echte Leben. Für ihn sind nur fünf Stunden vergangen, während in der Makrowelt mittlerweile fünf Jahre verstrichen sind. Damit ergibt sich die Chance, mit Hilfe der Quantenebene ("Quantum Realm") Zeitreisen durchzuführen. Nebenbei gibt es einen Streifzug durch andere Zeitreisefilme und eine pseudowissenschaftliche Diskussion darüber, warum man die Vergangenheit nicht ändern kann (was sie natürlich dann trotzdem tun, teilweise unbeabsichtigt, teilweise geplant).

Die Zeitreisen sollen dazu verwendet werden, alle sechs Infinitysteine aus der Vergangenheit "auszuleihen" und in der aktuellen Gegenwart von 2023 die Auslöschung ("the snap") wieder rückgängig zu machen, denn Thanos hat wenige Wochen nach dem Schnips die Steine ein letztes Mal verwendet, um sie zu zerstören. Es gibt in der Gegenwart keine absehbare Möglichkeit zur Rettung, es bleibt nur die Zeitreise. Danach sollen alle geliehenen Steine wieder in ihre alte Zeit und an ihre alte Stelle zurückgebracht werden, damit die vergangene Geschichte wiederum so stattfindet, wie es sein muss.

Die Zeitpunkte sind großartig gewählt - in der Außensicht für die Zuschauer. Die Avengers kehren zurück zu Schauplätzen der vergangenen Marvelfilme und versuchen zu vermeiden, sich selbst zu begegnen. Dabei gibt es gefühlvolle Momente, wenn Cap bei S.H.I.E.L.D. seine junge Flamme Peggy Carter sieht, Thor seiner wenig später getöteten Mutter Frigga gegenübersteht, die natürlich mit ihren Hexenkräften sofort erkennt, dass er aus der Zukunft kommt, und Tony seinen Vater kurz vor der Niederkunft der Mutter trifft. Als Fan der "Agent Carter"-Serie fand ich wunderbar, dass Jarvis als Butler von Howard Stark in Person aufgetreten ist - es ist derselbe Schauspieler wie in der Serie und die Synchronstimme, die auch in den Iron Man-Rüstungen und im Avengers-Hauptquartier spricht. Hawkeye und Black Widow flachsen wie üblich und wieder erfährt man nicht, was in Budapest tatsächlich passiert ist. Etwas verwirrend fand ich zunächst, dass der späte Thor nicht nur den Stein, sondern auch seinen Hammer aus der Vergangenheit mitbringt. Der müsste ja dann dem früheren Thor fehlen. Dann wurde mir aber klar, dass nicht nur die Steine passend zurückgebracht werden können, sondern natürlich auch der Hammer.

Hier kommt ein weiterer Kritikpunkt an den typischen Filmhandlungen: fehlende Informationen untereinander. Banner begegnet der "Einen", der Vorgängerin von Dr. Strange, und erwähnt nur zufällig in einem Nebensatz, dass Strange den Zeitstein freiwillig an Thanos übergeben hat. Nur dadurch kommt es zum Ausleihen des Steins, weil die Eine feststellt, dass Strange einen guten Grund dafür gehabt haben muss. Warum haben sich die Avengers nicht vor der Zeitreise intensiv über ihre jeweiligen Erlebnisse ausgetauscht? Warum weiß Banner keine Details über den Kampf auf Titan? Schließlich hat Strange deutlich gesagt, dass es genau ein Szenario unter 14.000.605  gibt, in dem Thanos besiegt wird und er genau deshalb den Stein aufgibt und damit Tony Stark rettet. Wenn es um Zeitreise geht, braucht man sich nicht zu beeilen. Ob die Zeitreise ein paar Tage früher oder später begonnen wird, ist unerheblich. Aber gute Vorbereitung und ein einheitlicher Wissensstand sind essentiell.

Die Wahl der Zeitpunkte in der Innensicht halte ich in den meisten Fällen für fragwürdig. Es hätte für jeden der sechs Steine definitiv bessere Zeitpunkte mit weniger Gefahr des Auffallens und Scheiterns gegeben, aber wo wäre dann die Spannung geblieben? Hier bleibt ein Gefühl zurück, dass vieles um des Effekts willen absichtlich konstruiert war. Insbesondere beim violetten Machtstein, den Quill findet, wäre es deutlich besser gewesen, den Stein aus der Obhut des Nova Corps auszuleihen, also zeitlich direkt nach dem Ende des ersten Guardians of the Galaxy-Films. Den Tesserakt, also den Space stone, hätte man zu einem beliebigen Zeitpunkt ebenfalls auf Asgard ausleihen können. Statt Lokis Szepter auszuleihen, wäre ein Zeitpunkt am Anfang der Handlung von "Age of Ultron" ebenfalls besser gewesen, als Tony und Banner den Gedankenstein erforschen. Das ist aber natürlich Jammern auf hohem Niveau :-)

Captain Marvel als angeblich stärkste Figur wurde nur spärlich eingesetzt - laut den Comics hat sie auch Zeitreisefähigkeiten, und dann wäre die Geschichte mit dem Ausleihen der Infinitysteine natürlich vollkommen überflüssig. Sie darf am Anfang Tony Stark mit der havarierten "Benatar" retten (tatsächlich benannt nach Pat Benatar!), am Ende Thanos' Raumschiff angreifen und sich kurz mit Thanos prügeln.

Eine für mich vollkommen unerwartete Wendung war, dass Nebula durch ihre Cyborgimplantante mit ihrem vergangenen Körper interagiert und beidseitig Erinnerungen ausgetauscht werden. Dadurch erhält Thanos in der Vergangenheit Kenntnis von den Zeitreisen. Die "späte" Nebula wird gefangen und stattdessen reist die frühere, "böse" Nebula zurück in die Zukunft. Banner macht den Schnips rückgängig, weil er der stärkste Avenger ist (wie wir aus Thor 3 und der Szene im Quinjet wissen) und die böse Nebula holt das gesamte Raumschiff von Thanos in die Zukunft. Die übliche finale Schlacht entbrennt, und es gibt ein paar schöne Prügelszenen, Thanos nimmt den Handschuh in Besitz, den Tony Stark gebaut hat, aber durch einen Trick sind die Steine nicht mehr darin verankert. Besonders gut gefallen hat mir, wie selbstverständlich Captain America mit Thors Hammer umgehen kann und Thor begeistert ist ("ich wusste, dass er würdig ist"), was an die Szene aus "Age of Ultron" anschließt - dort wackelt der Hammer, als Cap ihn hochheben will und Thor fällt das Lachen aus dem Gesicht.

Die Schlussszene mit Captain America und Peggy Carter beim Tanz finde ich absolut angemessen, um den Figuren einen würdigen Abschluss zu setzen, ohne jemanden ins Gras beissen zu lassen. Cap hat während des gesamten Films immer wieder auf das Bild von Peggy in seiner Uhr geschaut. Die Weitergabe des Schilds des gealterten Captains an Falcon passt auch.

Insgesamt lässt der Film natürlich noch Fragen offen, wenn man tiefer über Zeitreisen nachdenkt. Thanos ist durch Nebulas Manipulation in die Zukunft gereist und stirbt dort zusammen mit seinen Handlangern und Untertanen. Das heißt natürlich, dass die Realität in der Vergangenheit ab diesem Zeitpunkt vollkommen anders verläuft. Er jagt also nicht mehr den Steinen nach, wie wir das aus den bisherigen Filmen kennen und schnipst dann, sondern versucht, auf einen Schlag die in die Zukunft "ausgeliehenen" Steine an sich zu bringen. Ich wollte das Wort "Zeitparadoxon" wenigstens mal erwähnt haben ;-)

In Interviews haben die Russo-Brüder mittlerweile einige Informationen und Gedanken über den Film nachgeschoben: man kann die Vergangenheit nicht ändern, sondern bei jeder divergierenden Entscheidung entsteht eine neue "Zeitlinie", d.h. ein alternatives Universum, in dem die Handlungen dementsprechend unterschiedliche Auswirkungen haben. Cap ist also in einem Paralleluniversum zusammen mit Peggy gealtert und erst am Ende ihres gemeinsamen Lebens, vermutlich nach ihrem Tod, zurückgekehrt, um einen Abschluss zu finden. Andere Kritiker haben eine andere Meinung zu diesem Ende, haben aber offensichtlich die Erklärung "hintendran" nicht wahrgenommen oder anders verstanden.

Die Verträge von Robert Downey Jr. (Iron Man), Chris Hemsworth (Thor) und Chris Evans (Captain America) sind mit diesem Film ausgelaufen. Da Thor mit den "Asgardians of the Galaxy" zusammen aufgebrochen ist, könnte es aber ein Wiedersehen in Teil 3 geben. Vermutlich suchen sie nach Gamora, die sich aus dem Staub gemacht hat, nachdem sie Quill verprügelt hat ("der erste hat nicht richtig getroffen"). Dies ist ja die "alte" Gamora, die durch den Zeitsprung keine Beziehung mit Quill entwickeln konnte. Schau'n mer mal.

06.04.2017

Logan

Tja, das war's also mit Hugh Jackman als Wolverine. Wie angekündigt und im Film auch ziemlich deutlich dargestellt, wird er den Charakter nicht mehr spielen.

Der Film lässt mich ein wenig ratlos zurück. Ich halte es mit Doctor Who - ich mag eigentlich keine finalen Enden mit toten Hauptcharakteren. Genauso wie in Star Wars Rogue. Der Schluss dort war absolut logisch und nachvollziehbar, aber für mich halt doch ziemlich traurig.

Kurze Übersicht: der Film spielt 2029; die Zukunft unterscheidet sich nicht wesentlich von unserer heutigen Zeit. Es gibt Autos und Straßen und den üblichen amerikanischen Way of Life. Logan lebt mit Charles X. Xavier und einem Albino namens Caliban in Mexiko auf einer entlegenen Farm; Charles hat seine Kräfte nicht mehr unter Kontrolle und nimmt Medikamente, die immer schlechter funktionieren. Logan arbeitet als Chauffeur mit eigener Stretchlimousine, quasi Uber. Auch Logan altert beträchtlich, seine Selbstheilungskräfte sind fast erloschen, und im Widerspruch zu "Der Weg des Kriegers" hat er wieder Krallen aus Adamantium.

Seit 25 Jahren wurden keine Mutanten mehr geboren, im Verlauf des Films wird angedeutet, warum das so ist - Zucker aus genmanipuliertem Mais in nahezu allen Nahrungsmitteln. Stattdessen gibt es eine Firma Alkali Transigen, die Mutanten züchtet und zu tödlichen Soldaten dressieren will. Als das neueste Forschungsprojekt ("24") erfolgreich ist, sollen alle anderen gezüchteten Kinder getötet werden. Pfleger können mit einigen der Kinder flüchten, eine Pflegerin bittet Logan um Hilfe, das Mädchen Laura in Sicherheit zu bringen in ein angebliches Paradies, das sich als Fiktion aus einem X-Men-Comic herausstellt ("Eden"). Die Helferin hat mit ihrem Handy Videoaufnahmen im Forschungslabor machen können - nicht sehr glaubwürdig. Die Kinder sind genetisch alle von Logans Erbmaterial gezeugt worden - am Ende von "Days of future past" sieht man, wie jemand Logans Blutproben in einen Koffer packt.

Der Rest ist eine Art Roadmovie und berichtet von der Flucht der drei Mutanten vor den Alkali-Söldnern. Logan und Laura bringen sehr blutig und explizit viele der Söldner bei verschiedenen Gelegenheiten um. Dabei gibt es auch viele Kollateralschäden. Beim großen Showdown überleben nur die Kinder, und Laura sagt erstmals "Daddy" zum sterbenden Logan. Dann fliehen die Kinder über die Grenze nach Kanada, wobei nicht klar wird, warum sie dort sicherer sein sollen.

Der Film war technisch gut gemacht, viel Action, gute Tricks. Die Martial Arts-Darbietung von Laura war beeindruckend; Jackman hat den gealterten Logan auch sehr glaubwürdig gespielt - ich finde den Schauspieler toll. Die FSK-16-Einstufung war mehr als gerechtfertigt, ich als Zuschauer hätte vielleicht sogar 18 vergeben.

Trotzdem bin ich irgendwie unzufrieden. Ich kann's nicht genau auf den Punkt bringen. Vielleicht liegt es wirklich nur daran, dass ich Hauptpersonen nicht sterben sehen will. Keiner von den "alten" Mutanten überlebt. Der Widerspruch zu den vorherigen Wolverine-Filmen erklären sich eingefleischte Fans vermutlich am ehesten mit der Zeitreise und der geänderten Vergangenheit in "Days of future past". Andere Mutanten wie Storm, Magneto, Jean Grey, Cyclops etc. werden gar nicht erwähnt. Was mir auf jeden Fall aufgestoßen ist: die Firma hat anscheinend beliebig viel Adamantium-Rohmaterial, und mir ist außerdem nicht klar, warum man ein Kind, das noch im Wachstum ist, schon mit einem Adamantium-Skelett ausstattet. Das würde doch nicht mehr mitwachsen?

Fazit: eingefleischte Marvel- und Comic-Fans werden sich den Film anschauen, es lohnt sich, wenn man mit drastischen Einschnitten ins Comic-Universum leben kann.

Achja: es gibt nach dem Abspann nix mehr zu sehen - ziemliche Enttäuschung für professionelle Marvel-Kinogänger.