Ich bin gerade richtig begeistert von "Supernatural" und der Art, die Geschichte zu erzählen (neudeutsch "Storytelling"). Eine Staffel führt vollkommen kausal und nachvollziehbar in die nächste. Beim ersten Mal schauen war zwischen den Staffeln soviel Abstand, dass mir das leider gar nicht so aufgefallen ist.
Was mich in den frühen Staffeln aufregt: jeder behält Geheimnisse für sich, obwohl es sinnvoller wäre, soviele Informationen wie möglich auszutauschen, um die Bösen effektiver zu bekämpfen.
Warum sind Fans so aufgehangen am ersten Kennzeichen des Autos "KAZ 2Y5"? Das hat schon in der 2. Staffel ausgedient, und seitdem fährt der Impala mit "CNK 80Q3".
Die Befreiung von Luzifer aus seinem Käfig ist wirklich spannend gemacht: die Dämonin Ruby täuscht Sam vor, ihm zu helfen, dabei ist sie eine Doppelagentin, die ihn dazu bringt, Dämonenblut zu trinken, um magische Kräfte zu entwickeln, mit denen er Lilith töten kann. Dummerweise ist ihm nicht klar, dass Liliths Tod das letzte der 66 Siegel darstellt und Lilith ihren Tod für Luzifers Freiheit in Kauf nimmt. Ruby wird in der 3. Staffel von Katie Cassidy gespielt, der Laurel Lance bzw. Black Canary aus dem Arrowverse. Nach ihrem körperlichen Tod übernimmt die echte Ehefrau von Jared Padalecki, Genevieve, die Rolle der Ruby. Sagte ich schon, dass ich es spannend finde, in welchen "anderen" Serien Schauspieler:innen auftreten?
Spannend finde ich den Bruch mit den üblichen Mythen: die Engel sind die Guten und die Dämonen die Bösen. Im Verlauf der Serie gibt es eigentlich mehr böse oder egoistische Engel, was dann sogar in einem "Krieg im Himmel" mündet und später sogar alle Engel aus dem Himmel heraus schleudert.
Die Einführung von Gott war am Anfang noch ganz spannend gedacht: er lebt als Schriftsteller unter den Menschen und erfindet quasi live die Geschichte von Sam und Dean, indem er Bücher über sie schreibt. Der endgültige Kampf gegen "Chuck" in der finalen 15. Staffel ist allerdings für meinen Geschmack zu abgehoben. Durch magische Sprüche gehen bei der üblichen Prügelei alle "göttlichen" Kräfte auf Luzifers Sohn "Jack" über, der damit zu Gott wird, während "Chuck" menschlich wird.
Bislang halte ich die 7. Staffel mit den Leviathanen für die Düsterste, einfach, weil die Bösewichte wirklich böse sind und skrupellos ihr Ziel verfolgen, aus der Menschheit (zumindest in USA) gefolgsame und zahme Schlachttiere zu machen, indem sie sie mit Drogen im Fastfood mental betäuben. Gleichzeitig wundert mich, wie dämlich Dean ist, nachdem Roman besiegt ist und die "Schwingungen" beginnen, dass er nicht sofort auf Abstand geht, sondern hirnlos in Romans Nähe bleibt, bis er auch mit erfasst wird und dann mit ins Fegefeuer (Purgatory) gesaugt wird. Die Rückblicke in der 8. Staffel, sowohl bei Dean als auch bei Sam, erinnern stark an die Rückblicke in der "Arrow"-Serie. Ironischerweise heißt die Insel, auf der Oliver Queen einige Zeit verbringt, ebenfalls "Purgatory", auch Chinesisch "Lian Yu".
Besonders schön finde ich die Querverweise auf andere Serien oder Ereignisse, z.B. die Zeitreise zur Titanic, die Comic-Folge im Scooby-Doo-Universum oder der Besuch in "unserem" Universum, wo Sam und Dean feststellen, dass sie Schauspieler in ihrer eigenen Serie sind und sich wundern, wer dies schauen würde. Umgekehrt finden sich die Figuren aus "Legends of Tomorrow" ebenfalls in einem Paralleluniversum wieder, in dem Supernatural spielt, allerdings wird dies nur durch den Impala angedeutet und nicht durch Seriencharaktere.
Die Serie entwickelt sich spannend weiter, und mit etwa der 10. Staffel funktioniert die Kommunikation zwischen den Brüdern tatsächlich besser; Dean ist wirklich in der Lage zuzugeben, dass es ihm schlecht geht.
Natürlich darf in einer amerikanischen Serie auch nicht fehlen, dass gegen böse Nazis gekämpft wird. Das hat bei "Indiana Jones" schon gut geklappt, und die Nazi-Necromancer passen gut in die Handlung. Besonders schön Deans Befriedigung, als er tatsächlich Hitler erschießen konnte, und Sams trockener Hinweis, dass ihm niemand glauben wird.
Auch filmisch und künstlerisch sind viele Episoden gut gelungen, die Schnitte und Umblendungen erinnern an den ersten Teil von "Highlander" mit den Wechseln zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Das Spin-off "Wayward Sisters" wird wirklich lang und episch aufgebaut - Jody Mills und ihre Begleiterinnen spielen regelmäßig ein- oder mehrmals in jeder Staffel in einer Episode mit. Und dann wird die geplante Serie leider doch abgesagt. Ich mag den trockenen Humor von Mills sehr.
Das Spin-off "The Winchesters" endete leider nach nur einer Staffel. Ich fand sie gelungen und die Handlung knüpft indirekt daran an, dass Gott die anderen Paralleluniversen vernichtet hat. Der Sieg über die Monster kommt mit einem ähnlichen Kniff wie beim Kampf Eowyns gegen den Hexenkönig ("ich bin kein Mann"): nur jemand aus einem anderen Universum kann das Obermonster besiegen.
Der Schluss der Serie ist ruhig und exakt so wie erwartet: Dean stirbt im Kampf, und Sam erreicht ein hohes Alter. Dean hat relativ früh seine Freundin Lisa und den (vermuteten) Sohn Ben verlassen, um sie zu schützen - Sam verliert ja schon in der Pilotfolge am Schluss seine Freundin Jessica. Sams Frau und Mutter seines Sohnes wird nicht erwähnt. Der Sohn verabschiedet Sam mit denselben Worten wie Sam nach dem letzten Kampf gegen die Vampire seinen Bruder: "you can go now. it's ok.".
Schöner Schlusspunkt. Absolut empfehlenswert.