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04.01.2025

Plant Belgien wirklich neue Kernkraftwerke? - Leserbrief

[veröffentlicht am 04.01.2025]

Der Leserbrief von Frau K. strotzt von falschen Behauptungen. Offensichtlich sind ihr meine Leserbriefe mit realen Fakten ein Dorn im Auge. Frau K. behauptet, dass Belgien neue Kernkraftwerke plant. Das ist so offensichtlich falsch, dass sie mit ein paar Momenten Lesen z.B. in der Wikipedia festgestellt hätte, dass Belgien ganz im Gegenteil plant, vollständig aus der Kernkraft auszusteigen. Der erste Beschluss dazu stammt von 1999 (!), also noch weit vor der deutschen Entscheidung. Durch die wechselnden Koalitionen gab es ein zeitliches Vor und Zurück, aber die Marschrichtung steht fest: Belgien wird seine sieben Kernkraftwerksblöcke in Doel und Tihange abschalten. Insbesondere empfehle ich Frau K. eine Recherche über die langjährigen Sicherheitsprobleme von z.B. Tihange nah an der deutschen Grenze. Belgien hat kein KKW im Bau und auch keine Planungen für Bau oder Weiterbetrieb der vorhandenen KKW.

Auch die Nennung von Frankreich als Leuchtturm der Kernkraftnutzung ist von vorn bis hinten falsch. Das mehr oder weniger immer noch im Bau befindliche Flamanville 3 hat deutlich mehr als 19 Mrd. Euro gekostet, hat Sicherheitsprobleme mit z.B. defekten Schweißnähten, wird wie alle anderen 56 KKW in Frankreich nächsten Sommer wieder massive Probleme mit fehlendem Kühlwasser haben und läuft wegen Reparaturarbeiten seit längerem schon nur mit 20 % der geplanten Kapazität. Der Bau hat sich um mehrere Jahre verzögert und die Baukosten sind viermal höher als vorgesehen. Solch ein Verlustgeschäft funktioniert nur, wenn der Staat hier unter großen Schmerzen finanzielle Garantien gibt. Habeck hat sogar 2022 vor der Abschaltung der deutschen KKW die französische Regierung angefragt, ob Frankreich nach der Abschaltung noch genügend Strom zur Verfügung hat, mit dem Angebot, die deutschen KKW doch länger laufen zu lassen. Frankreich hat wie so oft im Sommer deutschen Strom importieren müssen.

In England sieht es beim Bau von Hinkley Point C noch viel schlimmer aus: die Baukosten sind auf mittlerweile über 62 Mrd. Euro explodiert, und der garantierte Abnahmepreis für die Kilowattstunde sind 14 ct. Im Vergleich dazu kostet eine Kilowattstunde aus erneuerbarer Stromerzeugung weniger als 4 ct.

Frau K. unterstellt mir einen politisch “grünen” Standpunkt und mutmaßt, dass meine Leserbriefe deswegen entsprechend “gefärbt” sind. Dazu stelle ich fest: Ich habe eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Ich bin politisch nicht grün, aber die Grünen sind derzeit die einzige Partei, die sich an naturwissenschaftlichen Fakten orientiert und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen überhaupt Taten folgen lassen will. Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass es einen Unterschied macht, ob man eine Meinung äußert, z.B. zum Kaufhaus Joh, oder ob man falsche Fakten in die Welt setzt. Es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung, aber kein Recht darauf, Fake News zu verbreiten und unwidersprochen zu bleiben. Auch die WZ sollte einen journalistischen Anspruch auf Korrektheit für sich in Anspruch nehmen. Für die Allgemeinbildung von Frau K. erlaube ich mir anzumerken, dass ein Abdruck eines Interviews in einer Zeitung von der Pressefreiheit im Grundgesetz geschützt wird und nicht von der Meinungsfreiheit.

Übrigens “lacht das Ausland” gerade nicht über die deutsche Energiewende, sondern ist im Gegenteil bass erstaunt, wie geschmeidig der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft vorangeht, nachdem Habeck das BMWK übernommen hat. Deutschland hat gerade über 13 Mrd. Euro bei Versteigerungen für Genehmigungen von Windkraftstandorten eingenommen.

Wie man z.B. an den regelmäßigen Veröffentlichungen der Parteispenden und im Lobbyregister des Bundestags ablesen kann, sind die Politiker insbesondere der CDU/CSU und FDP großartig darin, öffentlich die Physik zu ignorieren. Hier sieht man allzu deutlich, dass es möglich ist, in der Politik ohne Faktenkenntnisse zu überleben - Hauptsache, die Kasse klingelt. Bei vielen Politikern könnte man genausogut über “leistungsloses Einkommen” sprechen wie diese es abfällig tun, wenn sie über Kürzungen bei Sozialleistungen fabulieren.

17.05.2024

Was genau war da mit den #AKWFiles? - Leserbrief

[veröffentlicht am 17.05.2024]

Die Glosse von Hr. Deutschländer am 29.04. hat ja wenigstens eine klare Aussage: die Regierung soll sich auflösen, am besten vorgestern, damit die FDP wenigstens jetzt noch eine kleine Chance hat, bei Neuwahlen wieder in den Bundestag zu kommen.

So klar drückt sich Hr. Anastasiadis am 27.04. nicht aus: er kann sich nicht entscheiden, welche Richtung seine Glosse nehmen soll: will er hauptsächlich über das Stürmchen im Wasserglas schreiben, das gerade vom Cicero-Magazin als angeblicher Skandal “aufgedeckt” wurde, oder will er die Verschwörungstheorie pflegen, dass die Öffentlich-Rechtlichen Medien nicht darüber berichten würden.

Zur Einordnung: “Cicero” hat vom Wirtschaftsministerium ein paar Aktenvermerke (genauer: zwei Aktenordner) zusätzlich bekommen, die die Entscheidungsfindung vor der Abschaltung der letzten drei Kernkraftwerke dokumentieren. Das rechtslastige Magazin wertet dies als großen Erfolg, weil dazu ein Gerichtsurteil “nötig” war. Insbesondere ein Vermerk wird als Beweis für ein “grünes Netzwerk” zitiert: eine Anmerkung eines Referenten, dass man die KKW weiterbetreiben könne, was allerdings mit hohen Risiken verbunden sei. Das Stürmchen im Wasserglas besteht darin, dass dieser Vermerk nicht an Habeck weitergeleitet wurde. Damit das funktioniert, kürzt “Cicero” den Vermerk und lässt einen wichtigen Teil weg.

Das ist äußerst unredlich: hier wird unvollständig und aus dem Zusammenhang gerissen zitiert. Insbesondere wird hier ein Fass aufgemacht, weil auf einer der untersten Entscheidungsebenen ein kurzer Text geschrieben wurde, den - Skandal! - Habeck nicht zu lesen bekam. Dies zeigt entweder Vorsatz oder völlige Unkenntnis, wie ein Ministerium mit 2.400 Mitarbeitenden funktioniert. Beides ist enorm traurig, lässt es doch Rückschlüsse auf die journalistische Qualität des “Cicero” und des Glossisten der WZ zu. Natürlich erhält Habeck nicht jeden Aktenvermerk. Ein “Referent” ist ein rangniedriger Sachbearbeiter, über dem noch diverse Gruppen- und Abteilungsleiter den Informationsfluss filtern und steuern.

Schlussendlich formuliert der Aktenvermerk auch doch nur aus, was dann auch tatsächlich passiert ist: die KKW sind (wider besseres Wissen) noch drei Monate im “Streckbetrieb” künstlich am Leben erhalten worden. Der vom “Cicero” gekürzte Teil enthält das vollkommen unwichtige (Vorsicht Sarkasmus) Detail, dass alle KKW-Betreiber in Gesprächen schwerwiegende Einwände gegen den Weiterbetrieb hatten, sowohl in Hinblick auf die seit Jahren ausgesetzten Sicherheitsüberprüfungen, als auch in Hinblick auf die Restkapazität der Brennstäbe. Der “Streckbetrieb” erfolgte ja dann auch mit stark reduzierter Stromerzeugung. Habeck hat also entschieden, was der Aktenvermerk als “riskant” beschreibt, auch ohne ihn konkret zu kennen, zumal die Öffentlichkeit bereits wochenlang darüber diskutierte.

Schaut man genauer hin, sieht man seit längerem ein System, mit Dreck zu werfen, in der Hoffnung, dass irgend etwas hängen bleibt: zuerst der Versuch eines bis dahin auch eher unbekannten Onlinemagazins “Multipolar” (laut Wikipedia ein “verschwörungstheoretisches Alternativmedium”), aus RKI-Akten eine “Aufarbeitung” der Corona-Pandemie zu lancieren, und nun, wenige Tage später der nächste Versuch von rechts: der Verlag, in dem “Cicero” erscheint, gehört zur Hälfte dem CDU-Mitglied Dirk Notheis, der z.B. auch am milliardenschweren, überteuerten Rückkauf von EnBW-Aktien durch Baden-Württemberg eine dubiose Rolle gespielt haben soll, damals im Vorstand von Morgan Stanley.

Hieraus nun zu konstruieren, dass die “Öffentlich-Rechtlichen Medien” wichtige Nachrichten unterdrücken, ist weit hergeholt: die ÖR haben nach journalistischer Prüfung festgestellt, dass es so gut wie nichts dramatisches zu berichten gibt, und dementsprechend gab es “nur” Randnotizen statt meterhoher Schlagzeilen. Diese minimale Recherchearbeit zur Einordnung von Themen wäre den Glossisten der WZ ebenfalls zu wünschen.

15.04.2024

Brauchen wir Stromimporte aus dem Ausland? - Leserbrief

[veröffentlicht am 13.04.2024]

Fr. K. wiederholt in ihrem Leserbrief die Märchen, die seit der endgültigen Abschaltung der letzten drei Kernkraftwerke immer wieder aufgewärmt werden: aufgrund der Abschaltung müssten wir “teuer” Atomstrom aus Frankreich importieren, und dass es ein Fehler der Merkelregierung war, 2011 endgültig den Ausstieg zu beschließen. Mit einer Andeutung von Humor bezweifelt sie die Gefahr von Tsunamis in Deutschland, um damit die Abschaltung ins Lächerliche zu ziehen.

Dieses Märchen wird durch Wiederholung nicht wahrer. Wir importieren ein ganz kleines bisschen unseres Strombedarfs, derzeit um die 2 %, und davon stammt das wenigste aus Frankreich (unser Nachbar steht regelmäßig erst an vierter Stelle der Stromimporte nach Deutschland). Im Gegensatz dazu importieren wir nahezu 100 % unseres sonstigen Bedarfs an Energieträgern wie Gas und Erdöl, und ich wüsste auch nicht, dass wir in Deutschland Uran abbauen, um damit die herbeigeträumten neuen Kernkraftwerke zu betreiben. Die größten Lieferanten von Uran sind Russland und Nigeria, und einer der größten Hersteller von Brennstäben ist ebenfalls Russland. Offensichtlich wollen wir keine neue Abhängigkeit von Russland schaffen, nachdem wir uns bei Gaslieferungen gerade noch rechtzeitig lösen konnten. Je nach Tageszeit produzieren wir sogar mehr als 100% unseres Strombedarfs aus Erneuerbaren, die Kohleverstromung ist so niedrig wie seit 1965 nicht mehr.

Fr. K. scheint nicht bewusst zu sein, dass wir ein europäisches Stromverbundnetz und eine Strompreisbörse haben, so dass es sinnvoll ist, Strom dort einzukaufen, wo er billig produziert werden kann. Das heißt umgekehrt natürlich auch, dass wir nicht selbst teuren Strom produzieren müssen, wenn er am Markt billiger erhältlich ist. Das ist derzeit hauptsächlich Strom aus Erneuerbaren Energien wie Wind und Solar, aber natürlich auch z.B. Wasserkraft aus den nordischen EU-Ländern. Gerade durch die Erneuerbaren ist Strom an der Börse so billig wie nie: der Preis sinkt zeitweise unter 5 ct/kWh. Im Durchschnitt war Deutschland 2023 ein Stromexporteur, und insbesondere im Sommer, als in Frankreich 30 von 56 Kernkraftwerken wegen Wassermangel (und Sicherheitsmängeln, aber das ist ein anderes Thema) abgeschaltet werden mussten, hat Deutschland massiv Strom nach Frankreich exportiert.

Die Realität: Deutschland könnte problemlos bei der Stromerzeugung auch ohne Kernkraft autark sein. Wir haben eine Kraftwerkskapazität von ca. 260 GW, selbst ohne Wind und Solar noch 130 GW. Das jemals benötigte Maximum waren 81 GW. Aber warum teure Gaskraftwerke anwerfen, wenn es billiger geht?

Außerdem bestreitet sie, dass die Merkelregierungen für Stillstand verantwortlich seien. “Kleines” Gegenbeispiel: 2010 hatte die Bahn einen Investitionsrückstand von ca. 10 Mrd. Euro, letztes Jahr wurde dieser Bedarf auf 88 Mrd. Euro beziffert, und mal ganz ehrlich: das merkt man deutlich bei jeder Bahnfahrt (oder allein bei dem Versuch, eine solche zu buchen und anzutreten). In einem einzelnen, ganz besonderen Punkt gebe ich ihr aber Recht: Söder lobte den damaligen CSU-Verkehrsminister Scheuer dafür, wieviel Fördermittel er nach Bayern leiten konnte.

Sie behauptet auch, das Bruttoinlandsprodukt würde sinken. Dem stelle ich die Zahlen der letzten Jahre gegenüber (Quelle: Stat. Bundesamt). Der einzige (!) Knick ist 2020 wegen Corona.

2015: 3,02, 2016: 3,13, 2017: 3,26, 2018: 3,36, 2019: 3,47, 2020: 3,40, 2021: 3,61, 2022: 3,87, 2023: 4,12 (alle Zahlen in Billionen Euro). Ich sehe hier unglaubliche Einbrüche von Jahr zu Jahr. Die Deindustrialisierungspolitik der Grünen würgt die deutsche Wirtschaft ab, wie man deutlich sieht. Aktuell sinkt das BIP tatsächlich im Promillebereich, man sieht aber auch Erholungstendenzen. Der DAX ist über 18.400 gestiegen, auch ein deutliches Zeichen für die katastrophale Wirtschaftspolitik von Habeck. Eine Rekordzahl von 46 Mio. Beschäftigten ist in Lohn und Brot, und die saisonale Winterarbeitslosigkeit war eine der niedrigsten der letzten Jahre.

07.12.2023

Das Märchen von der Technologieoffenheit - Leserbrief

[veröffentlicht am 07.12.2023]

Das war mal wieder ein Leserbrief von Hr. F., der ein heftiges Kopfschütteln auslöst ob der Faktenfreiheit bei allem, was er an “Argumenten” anführt, um über die amtierende Regierung zu jammern.

Es war nicht Habeck und auch sonst war es nicht die Ampel, sondern die vorherigen CDU/FDP- bzw. CDU/SPD-Regierungen, die die meisten Kernkraftwerke abgeschaltet haben. Die letzten drei Kraftwerke sind während der Regierungszeit der Ampel abgeschaltet worden, aber das dazu erlassene Gesetz stammt noch von der Vorgängerregierung und wurde jetzt nur (fast) fristgerecht umgesetzt.

Hr. F. erwähnt “Dual Fluid Reaktoren” - auch dazu gibt es ein paar magere Forschungsergebnisse, aber nichts, was sich großmaßstäblich einsetzen ließe, um unsere derzeitigen akuten Probleme durch die Klimakatastrophe zu lösen. In den USA wurden die Bauarbeiten an einem Mini-Fusionsreaktor aus Kostengründen wieder eingestellt - Kernfusion kommt wie üblich erst in 40 Jahren.

Genauso weiß Hr. F., dass Fracking ungefährlich ist wegen der “Verdünnung”. Das Umweltministerium denkt seit 2017 anders darüber: “Erdgasgewinnung in Schiefer-, Ton-, Mergel- und Kohleflözgestein (...) aufgrund der fehlenden Erfahrungen und Kenntnisse in Deutschland grundsätzlich verboten ist. Lediglich zu wissenschaftlichen Zwecken können die Bundesländer bundesweit maximal vier Erprobungsmaßnahmen im Schiefer-, Ton-, Mergel- oder Kohleflözgestein zulassen.”.

Warum weinen Laien immer noch den Kernkraftwerken nach? Die Abschaltung war aus vielerlei Gründen vollkommen richtig. Seit dieser Entscheidung ist die Kohleverbrennung für die Stromerzeugung um fast die Hälfte zurückgegangen. Deutlich weniger Wind und Solar musste abgeregelt werden, mal ganz abgesehen davon, dass es immer noch keine vernünftige Endlagerlösung für Atommüll gibt. Atomstrom ist der teuerste Strom überhaupt. In Frankreich wurde der Energieversorger EDF verstaatlicht und häuft weiterhin massiv Schulden an, weil die Kernkraftwerke dort soviele Probleme machen.

Das derzeitige Problem in Deutschland ist der Stromtransport aus dem Norden, der jedes Jahr mehrere Hundert Windkraftanlagen baut, in den ideologisch verblendeten Süden (obwohl ich ansonsten den Begriff “ideologisch” ablehne). Söder hat sogar vor zehn Jahren mit Rücktritt gedroht, wenn die Kernkraftwerke nicht abgeschaltet werden. Allerdings haben er und sein Vize Aiwanger von der FW es ebenfalls zehn Jahre versäumt, Alternativen zu bauen: in Bayern wurden dieses Jahr gerade mal 6 Windkraftanlagen genehmigt und zwei gebaut. Im Vergleich dazu: In ganz Deutschland wurden allein im ersten Halbjahr 2023 on-shore 331 neue Windenergieanlagen gebaut.

In den letzten zwei Jahren hat die Verbrennung von Gas und Öl massiv zugenommen. Wir sind derzeit auf dem Weg zu mehr als 2,5 Grad globaler Erwärmung. Der Pazifik heizt sich unglaublich auf, und Forscher befürchten, dass die ersten Kipppunkte schon erreicht sind, nämlich die Arktis und der Amazonas. Auch wenn es gefühlt nicht so war: in Deutschland ist 2023 die durchschnittliche Temperatur 2 Grad über dem langjährigen Jahresmittel gewesen. Wir haben die gesetzlich festgelegte Grenze von 1,5 Grad (Paris 2015), der die deutsche Regierung verpflichtet ist (Grundgesetz Art. 20a), bei weitem gerissen.

“Technologieoffenheit” ist ein Schlagwort, das gern verwendet wird, um die ökologische Energiewende mit Solar, Wind, Wasser und Biogas zu behindern. Besonders die FDP liebt diesen Begriff. Das ist dieselbe FDP, die immer gern von “Der Markt regelt” spricht, bis eine Lobbygruppe anklopft und nach Subventionen fragt, weil der “Markt” zwar durchaus regelt, aber dies schlicht nicht den Wünschen der Lobbys entspricht. Das war aktuell bei E-Fuels so, als postwendend eine Porsche-Managerin nach staatlichen Hilfen rief, weil die Herstellung von E-Fuels teuer und ineffizient ist.

“Technologieoffenheit” ist ein Begriff zur Verzögerung und ein Zeichen von Entscheidungsunwillen. Während der Forschungsphase sollte man natürlich in alle Richtungen offen sein, aber wenn sich ein Lösungsweg anbietet, der besser ist als alle anderen, wird es Zeit, die vorhandenen begrenzten Mittel auf den besten Weg zu konzentrieren statt sich weiterhin zu verzetteln.

03.07.2023

Märchen über importierten Strom aus Frankreich - Leserbrief

Ein regelmäßiger Glossist schreibt in einem Nebensatz, dass wir "Atomstrom aus Frankreich importieren müssen", weil wir unsere deutschen KKW abgeschaltet hätten. Das ist eine genauso schlichte wie falsche Erklärung, warum wir Strom importieren, und das schrieb ich als Entgegnung.

[veröffentlicht am 01.07.2023]

Warum darf Hr. Seligmann unwidersprochen das FDP-Märchen wiederholen, dass wir den Atom- und Kohlestrom aus Frankreich kaufen, weil wir unsere Kernkraftwerke abgeschaltet haben?

Bevor solche Behauptungen sich weiter verbreiten, sollte sich Hr. Seligmann darüber informieren, wie das europäische Stromverbundnetz funktioniert, bevor er kausale Zusammenhänge erfindet, die nicht aus dieser Realität stammen. Es stimmt eben gerade nicht, dass wir Strom aus Frankreich kaufen, weil wir die deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet haben!

Die deutschen Kernkraftwerke hatten zuletzt weniger als 4 % Anteil am deutschen Strommix und haben im Gegenteil dafür gesorgt, dass der Strompreis an der Börse sehr hoch war (“merit order”, der teuerste Anbieter bestimmt den Preis für alle Stromarten). Nach dem Abschalten ist der Strompreis kontinuierlich gesunken, und da wir ausreichend Wind und Solar als Ersatz haben, die eben nicht abgeschaltet werden mussten, konnten wir sogar die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken im Vergleich zum Vorjahr auf die Hälfte reduzieren. Das größte deutsche Kohlekraftwerk Datteln 4 ist z.B. seit mehr als zwei Monaten abgeschaltet, weil es schlicht zu teuer ist.

Der Atomstrom aus Frankreich ist nur deshalb so billig, weil Frankreich den Energieversorger EDF nach der Insolvenz für über 18 Mrd. Euro verstaatlichen musste und der Strompreis in Frankreich staatlich gedeckelt ist, also massiv aus Steuergeldern subventioniert wird. Der Atomstrom aus Frankreich ist also gar nicht billig, sondern das französische Steuersäckel wird dafür ausgeblutet.

Die Idee beim europäischen Verbundnetz ist doch gerade, dass der billigste Strom innerhalb ganz Europas ge- und verkauft wird. Im Moment ist das zufällig und auch nur für einen kurzen Zeitraum Atomstrom aus Frankreich. Es ist aber erwartbar, dass Frankreich mit dem geringsten Anteil an Erneuerbaren Energien (unter 25 %) bei der kommenden, jetzt schon absehbaren Wasserknappheit wieder viele Kernkraftwerke wegen Kühlwassermangel abschalten muss, und dann sehr viel Strom importieren muss. Es stimmt auch nicht besonders beruhigend, dass Macron baufällige Kernkraftwerke trotz Sicherheitsvorfällen per Dekret weiter am Laufen hält, obwohl dort Risse von mehreren Zentimetern Länge im Beton des Sicherheitsbehälters klaffen.

Über das ganze letzte Jahr gesehen war Deutschland netto ein Exporteur von Strom, auch weil Bundesländer wie NRW nahezu 100 neue Windkraftanlagen bauen. Mit dem Export hat Deutschland mehrere Mrd. Euro verdient, und für den Import umgekehrt weniger als 1 Mrd. Euro ausgegeben. Jetzt fällt uns aber sehr schmerzlich auf die Füße, dass die CSU im Bund zuviel Einfluss hat und die Nord-Süd-Stromtrasse verhindert hat, und absurde Regelungen wie 10H aufgestellt hat, um keine Windkraftanlagen zu bauen. Nun will Söder auch noch verhindern, dass es mehrere Strompreiszonen in Deutschland geben soll, weil er genau weiß, dass dadurch der Strom in Bayern teurer werden würde.

Es ist sinnlos, für die eigene kurzsichtige Propaganda Momentaufnahmen der Stromerzeugung zu verwenden. Eine aussagekräftige Bewertung ist nur über einen längeren Zeitraum sinnvoll, und da steht Deutschland erstaunlich gut da (tja, bis auf Bayern). Gerade im Winter ist die Windkraft sehr stark gewesen. Gleichzeitig ist es auf lange Sicht wichtig, die Stromerzeugung zu diversifizieren, mit einem möglichst hohen Anteil an Erneuerbaren, wie Wind, Solar, Wasser, Biomasse, und für die Lücken dann kurzfristig z.B. Gaskraftwerke hochzufahren, die man dann ebenso schnell wieder abschalten kann.

Es wäre wünschenswert, wenn Kolumnisten sich erst zu Themen äußern, wenn sie vorher mit einem Fachmann zusammen recherchiert haben, um die Fakten richtig darzustellen.

Es gibt keinen einzigen Grund, den deutschen Kernkraftwerken nachzutrauern.

23.05.2023

Verschleppungstaktik bei der Energiewende - Leserbrief

[veröffentlicht am 23.05.2023]

Und erneut schließt sich der Glossist Sattler der aktuellen rechtskonservativen Mode an, die derzeitige Klimapolitik der Ampel nicht nur zu kritisieren, sondern zu verdammen. Er schließt sich damit einem Trend an, massiv halbwahre Behauptungen in die Welt zu setzen, um der Regierung zu schaden, und sich hinterher daran zu erfreuen, dass die Umfragewerte der Ampel vorgeblich sänken. Spoiler: tun sie eigentlich nicht, außer bei einer Sonntagsfrage der INSA. Andere Umfrageinstitute sehen das anders. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt ...

Ein paar Fakten: die langfristige Abschaffung der Öl- und Gasheizungen wurde 1998 von der damaligen Regierung Kohl in Gang gesetzt. Die jetzige Regierung setzt also um, was die EU vorgibt. Wenn sie das nicht tut, hagelt es Verletzungsverfahren und Strafgebühren. Andere Länder verbieten schon seit vielen Jahren den Einbau neuer Öl- und Gasheizungen. Das gesamte Ausland lacht über die schrägen Behauptungen in Deutschland, dass man mit Wärmepumpen nichts ausrichten kann, weil sie z.B. nur mit Fußbodenheizungen funktionieren würden.

Dabei gibt es sogar noch eine ganze Menge Ausnahmeregelungen: selbstverständlich darf man bestehende Heizungen weiter betreiben und so lang wie möglich reparieren. Man darf sogar neue Gasheizungen einbauen, wenn man gleichzeitig mit dem Einbau von z.B. Solaranlagen für Kompensation sorgt. Außerdem soll es gestaffelte Zuschüsse für die Anschaffung geben. Zunehmend werden bürokratische Hürden für Solaranlagen abgebaut, und eine Balkonsolaranlage gibt es schon für einige Hundert Euro.

Zur Panikmache gehört auch, Beträge im hohen fünf- und sogar sechsstelligen Bereich in die Welt zu setzen, die angeblich für eine Heizungssanierung fällig würden. Mal ehrlich: wer einen Sanierungsbedarf von 50.000 € oder mehr sieht, hat einen Sanierungsstau und hat 20 Jahre lang nichts an seinem Besitz energetisch modernisiert. Auch Hausbesitzer müssen regelmäßig Rücklagen ansparen, sowohl für Notfälle als auch für notwendige Erhaltung und Verbesserung ihrer Immobilie. Dazu gehört auch die Wärmedämmung.

Die Abschaffung der Kernkraft wurde von der Merkel-Regierung mit CDU und FDP 2011 beschlossen. Auch hier setzt die Ampel nur bestehende Gesetze um. Die Betreiber haben sich 10 Jahre lang darauf eingestellt - jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Nochmals zum Interview mit Kubicki: falscher kann jemand gar nicht liegen. Statt der behaupteten 15 Mio. t mehr an CO2 durch die Abschaltung wurden sogar im April 2 Mio. t CO2 weniger emittiert, weil weniger Solar- und Windkraftanlagen abgeregelt werden mussten. Pikante Fußnote: die Zahl “15 Mio. t CO2“ stammen aus einer Studie des Wissenschaftlers Thess, der sonst eher durch seine Mitgliedschaft in der Kernkraft-Lobbyorganisation “Nuklearia” auffällt.

Bedauerlich an dieser ganzen medialen Posse ist nebenbei, dass der bayrische Selbstdarsteller Söder jahrelang die Energiewende in Bayern verhindert hat, z.B. durch die 10H-Regel für Windkraft, oder die Blockade einer Nord-Süd-Stromtrasse. Nun muss Bayern teuer (teurer als nötig) Strom aus dem südlichen Ausland kaufen, weil unser selbst erzeugter EE-Strom aus dem Norden nicht nach Bayern transportiert werden kann. Vielleicht sollte er weniger mit dem Maßkrug für Pressefotos posieren und dafür mehr Sitzungen im Landtag wahrnehmen, um seiner Pflicht als Regierungsmitglied nachzukommen (ihm droht ein Bußgeld, weil er 25 von 30 Landtagssitzungen versäumt hat). Immerhin kann er stolz verkünden, dass Bayern dieses Jahr schon 2 Windkraftanlagen genehmigt hat. Zum Vergleich: andere Bundesländer genehmigen 100.

Wenn ich diese ganze Ansammlung von medialen Trommelfeuer gegen die (notwendigen!) Fortschritte der Energiewende betrachtet, beschleicht mich das Gefühl, dass der Investor KKR, dem 48% Anteile am Springerverlag (“Bild”-Zeitung, “Welt” usw.) gehören, Angst um seine diversen Engagements im fossilen Sektor hat. Die Ölindustrie verdient pro Tag um die 2,5 Mrd. Euro, da kann man schon mal ein bisschen Einfluss auf die Politik nehmen und in der Presse und in sozialen Netzwerken ein wenig hetzen, oder?

03.03.2023

Kernkraft und die Märklin-Eisenbahn - Leserbrief

Und wieder mal ein Leserbrief, der jammert, dass Deutschland die Kernkraftnutzung beendet. Ich musste antworten.

[veröffentlicht am 03.03.2023]

Hr. M. weint den 25 ehemaligen deutschen Kernkraftwerken mit starken Worten und vielen Zahlen heftige Tränen nach.

Er behauptet einen riesigen volkswirtschaftlichen Schaden durch die Abschaltung der Kernkraftwerke. Ich halte dem einen vergleichbaren volkswirtschaftlichen Schaden entgegen: durch die von Altmaier und Gabriel verursachte Änderung im Erneuerbare-Energien-Gesetz sind seit 2012 ungefähr 125.000 Arbeitsplätze in der Windkraft- und Solarindustrie verloren gegangen. Jetzt stehen wir vor einem Zeitverlust von zehn Jahren Ausbau und der akuten Gefahr eines Wirtschaftskriegs mit China, dem derzeitigen Hauptproduzenten von Solarpaneelen.

Auch bei Hr. M.’ einseitigem Lamento werden die Argumente gegen die Kernkraft unter den Teppich gekehrt. Fangen wir mit den rein finanziellen Aspekten an.

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat eine Ausarbeitung über Subventionen der Kernkraft in Deutschland veröffentlicht (WD 5 - 3000 - 090/21).

"In den Jahren 2007 bis 2019 betrugen die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Stromerzeugung aus Atomenergie durchschnittlich zwischen 25 Ct/kWh und 39 Ct/kWh. Davon sind 21 bis 34 Ct/kWh bisher noch nicht im Strompreis enthalten und daher ‚versteckte Kosten‘ der Atomenergie. Insgesamt summieren sich die gesamtgesellschaftlichen Kosten allein in diesem kurzen Zeitraum auf 348 bis 533 Mrd. € (real). Davon entfallen rund 25 Mrd. € auf staatliche Förderungen, die direkt den Staatshaushalt belasten."

"Im Jahre 2015 hat eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Namen der deutschen Regierung die Kosten für die Stilllegung und das Management der radioaktiven Abfälle für die 23 kommerziellen Atomkraftwerke auf diskontierte € 47,5 Milliarden geschätzt.”

"In Deutschland werden die diskontierten Kosten für eine Endlagerung für die 27.000 m3 von überwiegend abgebrannten Kernbrennstoffen auf ungefähr € 8,3 Milliarden geschätzt; die nicht-diskontierten Kosten belaufen sich auf € 51 Milliarden."

Neben finanziellen Bedenken ignoriert Hr. M. geflissentlich, dass wir seit 50 Jahren kein Endlager haben und noch nicht einmal einen Standort. Niemand will ein Endlager in seiner Nähe.

Die drei noch laufenden Kernkraftwerke hatten seit Jahren keine Sicherheitsüberprüfung mehr. Bis diese Kraftwerke wieder funktionsfähig wären, würden Monate bis Jahre an Revision und Reparatur anstehen. Die restlichen Kraftwerke sind 40 Jahre alt und größtenteils im Abbruch befindlich.

Der EnBW-Vorstand Stamatelopoulos sagte: „Ein Atomkraftwerk ist keine Märklin-Eisenbahn, die man an- und abschaltet”.

Die Brennstäbe sind alle verbraucht, Hauptproduzent ist Russland. Wollen wir Putin noch mehr Geld für Kriege geben?

In Frankreich wurden viele Atomkraftwerke abgeschaltet, teils langfristig wegen schwerer Baumängel, teils wegen Wassermangel für die Kühlung - auch diese Trockenheit ist eine Folge der Klimakatastrophe. Kernkraft ist nicht mehr versicherbar. Wer trägt das Risiko?

Deutschland hat keine Experten mehr für Konstruktion, Bau und Betrieb von Kernkraftwerken. Nachdem die CDU/FDP-Koalition den Ausstieg 2011 beschlossen hat, wurden diese Arbeitsplätze abgebaut. Wir haben keine Zeit mehr, um die Kernkraft neu aufzubauen. Das vorhandene Budget muss in erneuerbare Energiequellen fließen.

Über das gesamte Jahr 2022 war Deutschland ein Netto-Exporteur von Strom ins Ausland, der Anteil an erneuerbaren Energien lag im Schnitt über 50%, teils sogar über 100%, so dass dieser Strom gut ins Ausland verkauft werden konnte, mit einem Ertrag von fast 4 Mrd. €. Insbesondere Frankreich ist im europäischen Stromverbund ein Risikokandidat mit dem geringsten Anteil an erneuerbaren Energien (unter 25%), was bei der derzeitigen Konstruktion der Strombörse zu enorm hohen Preisen führt (“Merit Order”).

Der Ausbau von Erneuerbaren in Deutschland geht einigermaßen gut voran (es könnte besser sein, insbesondere in Bayern und Thüringen, wo die CSU bzw. AfD nach Kräften blockiert hat), und die Bauzeit von Solarparks und Windkraftanlagen ist kürzer als die Neuplanung von Kernkraftwerken oder das Festhalten an utopischen Träumen wie Kernfusion. Wir haben schon den besten und sichersten Kernfusionsreaktor in greifbarer Nähe: unsere Sonne.

Fazit: die Kernkraftnutzung in Deutschland ist zu Recht beendet.

06.12.2022

Argumente gegen Windkraftgegner - Leserbrief

Die WZ druckt weiter munter Leserbriefe von Menschen ab, die in einer Parallelwelt zu leben scheinen und denen physikalische Gesetzmäßigkeiten egal sind. Deshalb habe ich einige Fakten zu Windkraft gesammelt, um das zu widerlegen, was immer und immer wieder hervorgeholt wird.

[veröffentlicht am 06.12.2022]
Nach wie vor gilt das Prinzip: “nicht in meinem Vorgarten”, wenn es um den Bau neuer Windkraftanlagen geht. Die dürfen gern woanders stehen, aber nicht da, wo es mich stört.

Statt dies aber ehrlich zuzugeben, werden hanebüchene, längst widerlegte Argumente aus der Mottenkiste der üblichen Klimawandelleugner hervorgeholt.

Dies sind in beliebiger Reihenfolge: “Spargel”, “Vogeltod”, “Infraschall”, “Anzahl neuer Anlagen”.

Schauen wir mal genauer hin:

Für Vögel stellen Windkraftanlagen wirklich eine ernstzunehmende Gefahr dar. Die Zahl der getöteten Vögel durch Windkraftanlagen in Deutschland wird auf bis zu 100.000 pro Jahr geschätzt. Aber: rund 18 Millionen Vögel sterben jährlich in Deutschland an Glasscheiben. Auch im Straßenverkehr kommen erheblich mehr Vögel ums Leben als durch Windkraftanlagen. In den USA gehen Studien von weit über einer Milliarde durch Katzen getöteten Vögel aus, für Deutschland gibt es Schätzungen von ca. 200 Millionen Vögeln. Dieses Missverhältnis wird aber gern nicht erwähnt. 100.000 als alleinstehende Zahl ohne Kontext klingt ja auch schon ganz schön viel.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat mittlerweile bei einer von Windkraftgegnern gern und oft zitierten Studie zum Infraschall aus dem Jahr 2005 Mess- und Rechenfehler eingeräumt. Dr. Stefan Holzheu, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bayreuth, hat bemerkt, dass der BGR bei der Umrechnung des Drucksignals in Schalldruckpegel ein schwerer Rechenfehler unterlaufen ist, der zu einer Überschätzung von 36 dB führte. In Schallleistung entspricht dies einem Faktor 4.000 (Dezibel ist eine logarithmische Maßeinheit). Klartext: Infraschall von Windkraftanlagen ist nicht gefährlich.

Mit anderen Worten: ein 15 Jahre alter Rechenfehler dient als Argumentation zur Verhinderung von Windkraftanlagen. Die BGR hat sich sehr lange geziert, diesen Fehler zuzugeben. Deshalb kursiert dieses Märchen auch heutzutage noch.

Die “Verspargelung” der Landschaft wird als ästhetisches Problem genannt. Dieselben Menschen haben aber keine Probleme mit Kohlegruben, die Hunderte von Metern tief sind und Quadratkilometer Fläche - und damit wertvollen Ackerboden oder Dörfer wie Lützerath oder Baudenkmäler wie den “Immerather Dom” - zerstören.

Gern wird auch mit der Höhe der Anlagen argumentiert. Es gilt jedoch: der Ertrag von Windkraftanlagen steigt stärker als linear mit der Höhe des Spargels und der Fläche des Rotors. Das aktuell leistungsstärkste und größte Windrad der Welt hat einen Rotor von 222 Metern Durchmesser und eine Nennleistung von 14 Megawatt. Ein modernes Windrad erzeugt gut zehn GWh Strom pro Jahr. Bedarf Deutschlands derzeit: ca. 550 TWh pro Jahr.

Die Anzahl der neu zu bauenden Windkraftanlagen wird auch gern übertrieben: Gegner behaupten, man müsse über 30.000 neue Anlagen bauen. Dabei werden gern Leistungswerte von “kleinen” und alten Anlagen (um 1 MW pro Anlage) verwendet, um die Zahl künstlich aufzubauschen. Da hier die technische Entwicklung rasant fortschreitet, könnte durch Ersatz von alten Anlagen nach der üblichen Lebenszeit von 20-25 Jahren sogar die jetzige Anzahl ungefähr beibehalten werden.

Stand 2021 gibt es in Deutschland ca. 28.000 Windkraftanlagen an Land (on shore), die 57 GW Strom produzieren könnten. Zum Vergleich: die drei noch aktiven deutschen Kernkraftwerke erzeugen zusammen ca. 4,5 GW. Man sieht hier nebenbei, dass es sinnlos ist, die Laufzeiten der KKW zu verlängern. Es wird in Deutschland keinen “Blackout” geben, der gern als Schlagwort zur Panikmache in den Raum geworfen wird.

Der tägliche Bedarf in Deutschland liegt zwischen 60 und 80 GW. Da Kohle und Kernkraft nur langsam regelbar sind, werden jedoch leider immer wieder Windkraftanlagen abgeschaltet, um das Energienetz europaweit stabil auf 50 Hz zu halten. Insgesamt hat Deutschland eine Erzeugerkapazität von ca. 230 GW (Biomasse, Wasser, Gas, Kohle, Kernkraft, Wind, Solar usw.). Man sieht erneut: die Kernkraftwerke sind nicht nötig.

Noch eine Anekdote zum Schluss: China hat allein im letzten Jahr mehr Erneuerbare Energien zugebaut als Deutschland insgesamt besitzt.

27.08.2022

Ethanol und andere E-Fuels - Leserbrief

Die Rentner aus der Autozulieferindustrie verlangen "mathematische" Beweise für den Klimawandel. Schlimmer wird's heute nicht mehr.

Hoffe ich.

Hier meine Antwort auf den Leserbrief von Hr. F.

[veröffentlicht am 27.08.2022]

Der Leserbrief von Hr. F. ist ein trauriges Beispiel für selektive Wahrnehmung, verbunden mit aktiver Wissenschaftsleugnung, und von persönlichen Unterstellungen.

Hr. F. ist, soweit ich weiß, im Ruhestand und war lange Vorstand eines Autozulieferers. Ich unterstelle deshalb einen gewissen Unwillen, sich mit gegensätzlichen Positionen ergebnisoffen zu beschäftigen.

Ich weiß entgegen seiner Unterstellung, dass in Südamerika PKW mit Ethanol fahren, da diese ab Werk entsprechend gebaut werden (z.B. von Ford und VW). Der Großteil der PKW-Flotte in Deutschland, knapp 48 Mio. Fahrzeuge, ist technisch nicht für höhere Ethanolbeimischungen als E10 geeignet, und deswegen sind teure E-Fuels nicht für den Individualverkehr geeignet. Genau das war die Erkenntnis des Opel-Versuchs - es ist technisch möglich, wenn man massive Änderungen am Motor vornimmt. Welche Veränderungen das sein müssen, ist unerheblich: es geht um die schiere Anzahl der vorhandenen PKW. Und: E-Fuels werden in der Herstellung um die 5 € pro Liter kosten, Verkaufspreis dann 8-10 €?

Der Alkohol für den südamerikanischen Markt wird durch Biovergärung aus Mais und Zuckerrohr gewonnen. Für deren Anbau werden gigantische Flächen Regenwald gerodet. Auch diesen gleich zweifach ethisch relevanten Nebeneffekt erwähnt Hr. F. nicht in seiner Betrachtung - Rodung und Fehlnutzung von Lebensmitteln.

Die Klimaschädlichkeit von CO2 ist seit 1824 empirisch bekannt (Fourier), und wurde 1850 (Foote), 1862 (Tyndall) und 1896 (Arrhenius) weiter wissenschaftlich untermauert, wie man hier z.B. bei ARD alpha detailliert nachlesen kann, oder auch bei Hoimar von Ditfurth schon 1978 hören kann.

Im Übrigen muss die Klimakatastrophe nicht von Mathematikern “bewiesen” werden, sondern wurde oft genug von Klimawissenschaftlern erforscht und bestätigt. Es ist erschreckend, heutzutage noch solches Leugnen von Tatsachen zu lesen. Meinungsfreiheit ja, aber kein Recht auf Faktenfreiheit!

China baut (leider) neue Kohlekraftwerke, allerdings unterschlägt Hr. F., dass infolge der Neubauten mehrere Hundert alte, dreckigere Kraftwerke abgeschaltet werden. Das ist netto immer noch nicht gut, aber es ist eine deutliche Verbesserung zum vorherigen Ausstoß.

Hr. F., bitte unterlassen Sie rhetorische Tricks, dass die Grünen ein “psychologisches Problem” “brutal” ausnutzen. Angst ist ein wesentlicher Antrieb der Evolution, aber es ist ein Unterschied, ob Angst auf Fakten oder Gefühlen basiert. Der Atomausstieg wurde von der CDU/FDP beschlossen, nicht von den Grünen. Wenn Sie die Existenz der Klimakatastrophe ablehnen, ignorieren Sie wissenschaftliche Fakten. Wer in der Diskussion das Wort “ideologisch” verwendet, hat keine Fakten auf seiner Seite und spricht umgekehrt dem Diskussionsgegner die Kompetenz ab.

Es ist erschütternd, dass sich mittlerweile alle relevanten Wissenschaftler einig sind, dass wir wegen CO2 auf eine weltweite Erwärmung hinsteuern, die die Erde unbewohnbar machen könnte, und die Leugner dieser Tatsachen sind hauptsächlich Laien. Warum sollten wir im Angesicht von Fluten, Dürren, Hitzewellen, Stürmen und anderen Wetterereignissen auf Menschen hören, die in der Diskussion die harten Fakten nicht akzeptieren wollen und stattdessen lieber Personen angreifen?

Wen wollen Sie mit dem leeren Wort “händelbar” beeindrucken? Es gibt weltweit noch kein Endlager für radioaktiven Müll, obwohl wir schon Hunderte von Milliarden Euro in die Kernkraft gesteckt habe. Kernkraft ist mit Folgekosten die teuerste Art, Strom zu erzeugen.

Natürlich ist die Radioaktivität des Restmülls über Millionen von Jahre hinweg ein Problem und kein “Totschlag-Argument”. Wenn es so toll “händelbar” ist, dann lagern Sie bitte den Restmüll in Ihrem Vorgarten. Tote aus Verkehrsunfällen gegen Kernkraftunfälle aufzurechnen ist höchst unredlich. Ein Tschernobyl-ähnlicher Unfall im dicht besiedelten Deutschland macht Landstriche von Hunderten Kilometern Umkreis unbewohnbar. Lesen Sie doch mal in Ihrer Hausratversicherung, ob Schäden oder Umzug durch Kernkraftunfälle abgedeckt sind.

Jeder Euro, den wir jetzt noch in fossile Brennstoffe und Kernkraft investieren, ist verschwendet, weil das Ende dieser Technologien absehbar ist.

09.06.2022

Selbsttäuschung als Ausweg aus der Klimakatastrophe

Ein weiterer Leserbrief behauptet, dass Deutschland nicht aus der Kernkraft aussteigen soll. Herr F. findet, dass wir mehr kaputte Atome brauchen. Auf Bagatellen wie Versicherung, Gefahren oder Atommüll geht er nicht weiter ein - das sind vermutlich alles Probleme für nachfolgende Generationen?

All diese hilflosen Versuche sind Symptome einer Flucht vor der Wirklichkeit und ignorieren, wie aufwändig es wäre, bestehende Kernkraftwerke weiter zu betreiben oder neue zu bauen. Atomstrom ist, wenn man alle Folgekosten betrachtet, die teuerste Option. Statista hat eine Aufstellung über die Kosten der verschiedenen Arten der Stromerzeugung:

Atomkraft

37,8 ct/kWh

Braunkohle

25,5 ct/kWh

Steinkohle

23,3 ct/kWh

Solar

22,8 ct/kWh

Wind Offshore

18,5 ct/kWh

Wind Onshore

8,8 ct/kWh

Selbst wenn man annimmt, dass das Ausmaß der Klimakatastrophe verstanden wurde - was ich bezweifle - ist die Forderung nach mehr Kernkraft ein Zeichen für ein "weiter so". Man verschiebt die vermeintliche Lösung des Problems immer weiter in die Zukunft, damit jetzt in der Gegenwart keine Einschnitte nötig sind. Das ist Raubbau auf Kosten unserer Kinder. Ein Großteil der Brennstäbe kommt aus Russland. Wollen wir Putin noch mehr Geld für Kriege geben?

Die Befürworter von Kernkraft wollen nicht akzeptieren, dass der Zeitrahmen für wirksame Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu kurz ist, um neue Kernkraftwerke zu bauen und damit fossile Brennstoffe stark genug zu reduzieren. Wir sollten kein Geld in die Zukunft verschieben, das wir jetzt brauchen, um erneuerbare Energien auszubauen.

Ein neues Kernkraftwerk hat eine Bauzeit von zehn bis fünfzehn Jahren, und wenn ein Feldhamster gesichtet wird, dauert es nochmals fünf Jahre länger.

Wir haben aber insgesamt nur noch 5 Jahre Zeit, und selbst diese Zeitspanne garantiert uns nur ungefähr eine Zweidrittel-Chance, unter dem Ziel von 1,5 ° C zu bleiben, das im Pariser Abkommen 2015 festgelegt wurde. Zur Erinnerung: Deutschland hat dieses Ziel ratifiziert, es hat also Gesetzeskraft. Nur leider handelt man nicht danach.

In Frankreich sind mittlerweile die Hälfte aller Atomkraftwerke abgeschaltet, größtenteils langfristig wegen schwerer Baumängel, teilweise wegen Wassermangel für die Kühlung - auch diese Trockenheit ist eine Folge der Klimakatastrophe.

Über Pfingsten lag der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung in Deutschland bei über 70 %, Deutschland konnte zu einem guten Preis von über 10 ct/kWh Strom ins Ausland verkaufen. So schwer kann es also nicht mehr werden, den Anteil noch weiter zu steigern. Der Schritt der Ampel, länderspezifische Abstandsregeln zu verbieten, ist ein richtiger und überfälliger Schritt, um die Fortschrittsverhinderer Söder in Bayern und die AfD in Thüringen einzubremsen.

Selbst eine globale Erwärmung um "nur" 1,5 ° C hat schon gravierende Auswirkungen, die uns teuer zu stehen kommen werden. Die letzten Jahre waren in Deutschland ungewöhnlich heiß und trocken. In Indien, Pakistan, Afrika und Südamerika gibt es Hitzewellen mit über 50 ° C. Die Schwankungen des Wetters, d.h. die extremen "Ausreißer" zu beiden Seiten, werden immer stärker.

Die "National Oceanic and Atmospheric Administration" NOAA, die Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA, hat einen erschreckenden Vergleich der auf uns zukommenden Probleme erstellt:

5 ° C

Ein Großteil der Erde wird unbewohnbar

4 ° C

Hunderte überschwemmte Städte

3 ° C

Dürren und Hungersnöte für Milliarden Menschen

2 ° C

Tödliche Hitzewellen und Essensknappheit

1,5 ° C

Hitzewellen, Fluten, Dürren

1 ° C

Instabile Lebensmittelversorgung

0,5 ° C

Mehr extreme Wetterereignisse

Was wir anstatt von Kernkraftwerken brauchen, sind kurzfristige Maßnahmen, um fossile Verbrennung zu reduzieren:

  • Photovoltaik auf alle öffentlichen Gebäude
  • Mehr Windkraftanlagen statt Verhinderung wie in Thüringen oder Bayern
  • Luftfiltergeräte mit Wärmetauschern in Schulen statt Lüften
  • Billiger, gut getakteter ÖPNV
  • Weniger Individualverkehr
  • Mehr Homeoffice, wo immer möglich
  • Weniger LKW
  • Güter auf die Schiene

02.05.2022

Zurück zur Kernenergie? - Leserbrief

Die Diskussion um die Energieversorgung in Deutschland hat durch den Ukraine-Konflikt einen neuen Impuls bekommen. Immer mehr Stimmen fordern, Atomkraftwerke nicht abzuschalten, oder wieder in Betrieb zu nehmen oder sogar neu zu bauen. Einer der energischsten Verfechter schreibt dazu Leserbriefe. Auf den ersten davon antwortete ich. Nach einem ersten Widerspruch eines anderen Leserbriefschreibers kam dann als Antwort auf den Einwand "Atommüll" die lapidare Erwiderung "Atommüll haben wir doch schon, da macht ein bisschen mehr auch nichts mehr aus".

[veröffentlicht am 30.04.2022]

In letzter Zeit mehren sich die Rufe, den Atomausstieg rückgängig zu machen oder wenigstens die derzeit noch funktionsfähigen Atomkraftwerke länger als geplant zu betreiben, wie z.B. kürzlich in einem Leserbrief von Hr. F.

Diese Idee hat mehrere gravierende Nachteile:

  1. Kraftwerksbesitzer haben in Hinblick auf den Atomausstieg die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsüberprüfungen verringert oder ganz ausgesetzt. Für eine längere Laufzeit müssen diese Überprüfungen nun nachgeholt werden. Falls dabei Mängel erkannt werden, müssen diese mit hohem finanziellen Aufwand behoben werden.
  2. Kernkraftwerke sind real nicht versicherbar, weil die Schäden unabsehbar sind. Keine Versicherungsgesellschaft schließt mehr neue Haftpflichtversicherungen ab. Es gibt zwar formal den “Atompool”, einen Verbund von Versicherern, aber die Versicherungssumme für einen Schaden beträgt nur 255 Mio €. Höhere Schäden werden bis 2,5 Mrd. € vom Gesamtkonsortium der Mitglieder getragen. Das bedeutet, dass der Staat für alle weiteren Schäden aus Atomunfällen haftet. Dieser “Atompool” bestand vor 10 Jahren noch aus mehr als 30 Mitgliedern, von denen bis jetzt über 20 wieder ausgeschieden sind, weil die Risiken zu groß sind.
  3. Die Besitzer haben Entschädigungszahlungen erhalten, die der Staat zurückfordern müsste.
  4. Europaweit gibt es Vereinbarungen über Einspeisemengen. Falls "zuviel" produziert wird, müssen Anlagen abgeregelt werden, um weniger Strom zu erzeugen. Ältere Kernkraftwerke sind nicht sehr flexibel im "Abregeln" - dies hat hauptsächlich Kostengründe. Deswegen trifft es in der Regel die flexibleren Wind- oder Solarkraftwerke, die ihren Strom dann nicht mehr einspeisen können.
  5. Einer der Hauptlieferanten von Kernbrennstäben ist Russland. Wollen wir uns darauf verlassen?
  6. Die Entsorgung ist nach wie vor nicht geklärt. Es gibt kein Endlager.
Zumindest für den letzten Punkt scheint es aber eine Lösung zu geben: einer der lautesten Schreier nach einer Verlängerung der Laufzeiten ist Markus Söder. Dann wird es sicherlich auch bald einen Standort in Bayern für ein Endlager geben (das wäre natürlich blöd für uns Hessen als unmittelbare Nachbarn). Herr Söder würde sich doch nie die Blöße geben, Kernkraft zu fordern und dennoch ein Endlager in Bayern wegen der Gefahren abzulehnen.

Ein Blick ins Nachbarland Frankreich zeigt, dass die Atomkraft nicht dauerhaft handhabbar ist. Von den 56 Kraftwerken dort sind 26 langfristig (!) außer Betrieb, weil aus Sicherheitsgründen größere Instandsetzungen nötig sind. Netto ist Frankreich ein Stromimporteur, und Deutschland ist im Jahresmittel ein Stromexporteur.

Letztes Wochenende Am letzten April-Wochenende z.B. hat Deutschland nur mit erneuerbaren Energien (!) netto mehr Strom erzeugt als verbraucht (also mehr als 100 %) und konnte den Überschuss gut ins Ausland verkaufen. Eine Kombination von Photovoltaik und Windkraft kann uns langfristig von Öl, Gas und Kernkraft unabhängig machen.

Es ist also sinnvoll, in die sterbende Kernkraft kein gutes Geld mehr zu investieren, sondern dieses Geld in Technologien für erneuerbare Energien zu stecken. Dazu können Subventionen für private Photovoltaik zählen, aber auch Infrastruktur für ein “Smart Grid”, also ein leistungsfähiges Stromnetz, in das man z.B. die Akkus von E-Autos integrieren kann, während sie an einer Ladestation angeschlossen sind. Auch ein Recycling von alten E-Auto-Akkus als Puffer wird schon erforscht.