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21.03.2019
The Umbrella Academy - Staffel 1
Mein Fazit: durchwachsen. Interessante Ideen, aber für eine zehnteilige Serie hatten die einzelnen Folgen enorme Längen, die mir den Spaß ein wenig vergällt haben.
Die Handlung in kurz: eine Gruppe von jungen Menschen mit besonderen Fähigkeiten versucht, die Apokalypse zu verhindern. Spoiler: sie scheitern und vielleicht doch nicht. Bei Zeitreise-Geschichten weiß man ja nie.
Die Handlung in lang: aus ungeklärten Umständen wurden am 1. Oktober 1989 43 Frauen spontan innerhalb eines Tages schwanger und entbinden ein Kind. Ein exzentrischer Milliardär nimmt sieben dieser Babys als Adoptivkinder auf und zieht sie mit Hilfe eines genmanipulierten Schimpansen und eines Androidenkindermädchens auf. Er trainiert ihre Fähigkeiten und bringt sie dazu, als Superheldenteam aufzutreten. Allerdings hat das Team nur sechs Mitglieder: "7" oder "Vanya" glaubt, dass sie keine besonderen Fähigkeiten hat, was sich aber im Verlauf als falsch erweist. Der Zuschauer ahnt das natürlich sofort, aber der erste Gedanke, dass die Fähigkeiten von 7 wichtig für das Team sind, entpuppt sich als falsch.
In der ersten Staffel wird die Entstehung des Teams geschildert und retrospektiv gezeigt, wie die Gruppe wieder auseinanderbricht und das Haus des Adoptivvaters Hargreeves verlässt. Er ist streng, unbarmherzig und absolut unempathisch. Er verletzt permanent die Gefühle und die gesunde Entwicklung der Kinder und ordnet alles seinem Ziel unter. Eins nach dem anderen verlassen ihn die Mitglieder des Teams, die er nur mit Nummern und nicht mit Namen anspricht.
In der Gegenwart der Erzählung treffen die Kinder zu Hargreeves Beerdigung zusammen, bis auf "6" bzw. Ben, der unter unerzählten Umständen bei einem Einsatz starb. Nach und nach wird in Rückblicken gezeigt, wie rücksichtslos Hargreeves ist und den Kindern dadurch seelische Verletzungen zufügt.
Nummer 5 ist ein Teleporter durch Raum und Zeit. Hargreeves verbietet ihm, durch die Zeit zu reisen. Er tut es trotzdem und erreicht eine postapokalyptische Erde, von der er nicht mehr zurückreisen kann - der Grund dafür bleibt unklar. Dort verbringt er Jahre, bis er von einer mysteriösen Frau für eine Organisation, die "Kommission", angeworben wird. Diese Organisation aus Zeitreisenden will dafür sorgen, dass die Geschichte immer einen bestimmten Verlauf nimmt, z.B. stellt sie sicher, dass der Zeppelin Hindenburg wirklich in Lakehurst in Flammen aufgeht. Die "Zeitagenten", auch "temporal assassins" genannt, bekommen Aufträge von Analysten, um bestimmte Ereignisse zu forcieren, und dabei gehen sie buchstäblich über Leichen.
Nach Jahren im Dienst der Kommission kann 5 zurückkehren und wird dabei wieder zu seinem 13-jährigen Ich verjüngt, ist aber geistig auf dem Stand seines 58-jährigen Selbst geblieben. Er will unbedingt die Apokalypse verhindern und weiß, dass sie in den nächsten acht Tagen stattfinden wird, aber nicht, durch wen oder warum. Sein einziger Hinweis ist ein Glasauge mit einer Seriennummer.
All das ist aber effektiv vollkommen unwichtig: alle Handlungen zur Aufklärung führen nur dazu, dass die Apokalypse tatsächlich herbeigeführt wird. Schlussendlich war Hargreeves sogar der Auslöser durch die folterähnlichen Methoden und die seelischen Schäden an seinen Adoptivkindern. Im Bemühen, den Weltuntergang zu verhindern, führen die sieben Kinder ihn gerade herbei. Im letzten Moment kann 5 sie alle durch eine Zeitreise retten und dadurch den Cliffhanger zur zweiten Staffel aufbauen.
Was mich immer wieder an Filmen und Serien wundert: viele Situationen, die man als Zuschauer erkennt, führen in der Handlung zu vorhersehbaren schlimmen Folgen und hätten vermieden werden können, wenn die Figuren ihr Wissen teilen würden. Fünf z.B. weiß unglaublich viele Details, aber er teilt sie nicht mit seinen Adoptivgeschwistern. Vanya nimmt täglich Tabletten zur Unterdrückung ihrer Fähigkeiten. Außer dem Affen und der Nanny weiß das aber niemand, und Vanya hinterfragt nicht ein einziges Mal die Einnahme. Offensichtlich wissen auch die anderen Geschwister nichts von ihren Fähigkeiten. All diese Nichtkommunikation führt letztendlich zum Showdown während des Konzerts, in dem Vanya die erste Geige spielt. Ich verstehe nicht, warum Drehbuchautoren so eklatante logische Schwächen verzapfen, statt die Figuren sinnvoll handeln zu lassen.
Aber wie schon gesagt: bei Zeitreisegeschichten darf man die Logik ein wenig beiseite schieben. Insgesamt war es gute Unterhaltung.
19.05.2015
Avengers 2 - wow
Gestern war ich mit Kind 2 im Kino - seit einiger Zeit haben wir dieselben Vorlieben für Comic-Verfilmungen ;). Mutter und Kind 1 waren zu einem Konzert unterwegs und deshalb den ganzen Nachmittag und Abend abwesend. Also gab es analog zum Vater-Tochter-Tag mit Justin Bieber jetzt mal einen Vater-Sohn-Tag. Und der hat diesmal auch dem Papa richtig gut gefallen ;)
Ich bin ja eher der "alles vorher wissen"-Typ. Ich lese die letzten paar Seiten in Büchern zuerst, und ich lese auch Filmkritiken und Zusammenfassungen, bevor ich ins Kino gehe. Für mich ist die Überraschung dann die künstlerische Ausführung und nicht so sehr das Ergebnis. Ich mag eigentlich keine Überraschungen. Das ist dann genauso wie bei Harry und Sally ("ich lese das Ende zuerst, damit ich weiß, wie es ausging, falls ich vorher sterbe").
Deshalb hatte ich vorher ein bißchen im Netz gelesen, was andere schon über Avengers 2 geschrieben haben, und hinterher mache ich mir dann meine eigenen Gedanken.
Nicht unerwähnt lassen will ich auch den finanziellen Aspekt und die Marktmacht von Disney, die bei diesem Film versucht haben, kleinen Kinos eine höhere Filmmiete abzuverlangen. Das kann man hier sehr schön nachlesen - auch die Kommentare sind hochinteressant (manche).
Bei phantanews.de findet sich eine wunderbare, recht kurz geratene Schwärmerei, die mir voll aus der Seele spricht.
Der Film ist eine geniale Mischung aus Action und ruhigen Szenen, in denen die bisherige Handlung recht intelligent reflektiert wird. Besonders gut gefallen hat mir der "Wettbewerb", Thors Hammer hochzuheben, und keinem gelingt es. Allerdings wackelt der Hammer ein bißchen, als Cap es versucht, und man sieht im Hintergrund, wie Thor das Lachen aus dem Gesicht fällt ;)
Als eher paranoid denkender Software-Entwickler mit der Tendenz, zuviele Mailinglisten über Sicherheitsprobleme zu lesen, hat mich sehr gewundert, dass Tony Stark eine Software mit "künstlicher Intelligenz", deren Fähigkeiten er nicht abschätzen kann, ungefiltert mit seinen eigenen Rechnersystemen, mit Jarvis und mit dem Internet verbindet. Eigentlich sollte ihm als passionierten Hacker doch klar sein, dass nicht nur er in Regierungssysteme einbrechen kann (wie in Iron Man 2 schön gezeigt), sondern umgekehrt auch er Opfer werden könnte. Diese Idiotie hat mich schon bei James Bond in Skyfall gewundert, als der neue, junge Q eine ähnliche Dummheit begeht, einen unbekannten Laptop über Kabel ans interne Firmennetz anzuschließen.
Genau das passiert natürlich: Ultron "erwacht" (gewisse Ähnlichkeiten mit Skynet und Terminator sind natürlich rein zufällig ...), zerstört Jarvis und erzeugt erstmal jede Menge Sicherheitskopien seines Bewusstseins im Internet.
Andere Kritiken bejammern, dass Black Widow das Frauchen-Schema bedient, indem sie bei der Diskussion mit Banner (Hulk) über ihre Sterilisation spricht, als Banner erwähnt, dass er wegen seiner Gefährlichkeit Angst hat, eine Familie zu gründen. Ich finde, dass das Gespräch ziemlich gut abgelaufen ist und die gegenseitigen Geständnisse zusammen gepasst haben - Natascha wollte ihn trösten und ihm zeigen, dass er nicht allein Probleme hat. Ganz offensichtlich wollte sie ihm eine goldene Brücke bauen, damit er sich auf die Freundschaft einlässt. Leider hat's dann doch nicht geklappt, er flieht vor ihr, oder auch vor sich selbst, und am Ende sind die ursprünglichen Avengers wieder in alle Winde verstreut. Immerhin hat Thor jetzt eine Idee, dass das kurzfristige Auftauchen von gleich 4 der 6 Infinity-Steine kein gutes Omen ist, und er plant Nachforschungen in Asgard. Offensichtlich weiß er also davon, dass der "Star Lord" ebenfalls eines dieser Artefakte gefunden hat.
Die Entstehungsgeschichte von Vision finde ich außerordentlich gelungen: durch Thors Eingreifen wird Vision Leben eingehaucht und ich bin sicher, dass Mjölnir für ein Wesen mit hohem ethischen Standard gesorgt hat - immerhin kann er den Hammer auch heben und benutzen.
Das Auftauchen von Nick Fury war relativ überflüssig. Eigentlich ist ja nicht mehr er Boss von S.H.I.E.L.D., sondern Coulson (Finale von Staffel 1 der "Agents of S.H.I.E.L.D."). Aber naja, er darf halt mal wieder einen Heli-Carrier fliegen. Ich finde diese Dinger toll, und wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich das Lego-Modell kaufen und bauen.
Bis vor einigen Wochen lief die Fernsehserie der ersten Staffel in RTL2, und genau zeitlich passend dazu hatte ich die DVD von Captain America 2 beschafft, dessen Handlung genau das Ende dieser Staffel darstellt. Ähnlich hat Marvel die zweite Staffel von S.H.I.E.L.D. konzipiert, die exakt in Avengers 2 mündet. Leider bringen es die Sender nicht fertig, die Serien zeitnah auszustrahlen. In USA ist die zweite Staffel durch, und in Deutschland gibt es sie nicht gegen Geld und gute Worte - zumindest nicht, wenn das Internet über LTE mit Volumenquote zu mir kommt.
Wunderbar finde ich den "Running Gag" durch den ganzen Film hindurch, dass Captain America keine Kraftausdrücke wünscht. Dieser Spruch rutscht ihm zu Beginn des Films einmal heraus, und durch eine gezielte Indiskretion spötteln alle anderen Figuren bei guter Gelegenheit dann darüber. Diese kleinen Scherze halten den Film inhaltlich auf einem höheren Niveau, als es reine Action- und Ballerszenen könnten.
Aus den Zwillingen hätte man mehr machen können: ich finde es bedauerlich, dass der Charakter Quicksilver schon wieder aus der Handlung geschrieben wurde, und es ist auch ärgerlich, dass es hier zu Widersprüchen kommt: in der X-Men-Reihe hat Quicksilver einen ganz anderen Hintergrund (in "Days of Future Past") und bleibt am Leben. Dumm, dass Marvel hier die Franchise-Rechte aufgeteilt hat und daraus heftige Logikbrüche resultieren. In den Comics sind Quicksilver und Scarlet Witch die Kinder Magnetos und keine künstlich leistungsgesteigerten Geschöpfe, deren Eltern bei einem Raketenangriff starben (natürlich mit damals von Stark Industries gefertigten Raketen ..., ähnlicher Ablauf wie am Anfang von Iron Man 1). Schön immerhin, dass das frisch geschlüpfte Kind von Hawkeye "Pietro" als zweiten Vornamen bekommt, hat er doch Hawkeye mit seinem Opfer das Leben gerettet.
Auch Nataschas Gefangenschaft in Struckers ehemaliger Burg finde ich halbwegs plausibel: sie kann mit einem primitiven Funkgerät ihre Position im Morsecode melden und die restlichen Avengers rufen, um gemeinsam anzugreifen. Offensichtlich erkennt sie anhand der Maschinen wieder, wo sie ist. Hydra-Chef Strucker wollte offensichtlich ebenfalls Roboter herstellen lassen, als er mit Lokis Szepter Experimente durchgeführt hat.
Der übliche Nachfilm, um die Neugierde zu wecken, kommt diesmal unmittelbar nach dem Ende - der Oberbösewicht Thanos ist zu sehen, wie er den Handschuh anzieht und ankündigt, dass er sich ab jetzt selbst der Sache annehmen wird. Es ist nicht nötig, den ewig langen Abspann bis zum Ende auszusitzen. Schade, dass hatte ich nicht kommen sehen ;)
Man erkennt die "Halterungen" im Handschuh, in die die Infinity-Steine eingesetzt werden können. Offen bleibt noch, wie Thanos an den Handschuh gelangt ist - in "Thor 1" war der "Gauntlet" noch in Odins Schatzkammer in Aufbewahrung. Am Ende von "Thor 2" ist zu vermuten, dass Loki sich zurück nach Asgard geschlichen und Odin getötet hat, aber richtig offiziell ist diese Tatsache nicht. Insbesondere weiß Thor nicht, dass Loki ihm vorgetäuscht hat, er sei Odin, und ihm Befehle gegeben hat.
Vision ist tatsächlich ein toller Charakter - ich habe nur die Befürchtung, dass aus Spannungsgründen tatsächlich im Showdown alle 6 Infinity-Steine in den Handschuh eingesetzt werden, und das impliziert, dass der gelbe Gedankenstein aus Vision herausgerissen wird. Ob er das irgendwie wird überleben können? Ich bin gespannt.
Entgegen früheren Vermutungen ist das Ende des derzeitigen 2. Zyklus erst mit "Ant-Man" erreicht, der im Sommer ansteht. Die Vorschau sah schon mal sehr nett aus, ich freu mich drauf.
20.01.2015
Das Marsprojekt (Fünf Teile) - Andreas Eschbach - Buchbesprechung
Eschbach bringt es fertig, astronomische Fakten über den Mars und die Raumfahrt zwischen den Planeten lebendig und unterhaltsam zu präsentieren. Es macht Spaß, diese Gedankenspiele aus der näheren Zukunft zu lesen. Ich würde diese Buchserie vollkommen hemmungslos mit "Lucky Starr" von Isaac Asimov vergleichen - auch dort erlebt der jugendliche Held in sechs Teilen Abenteuer im heimischen Sonnensystem, wenn auch dort etwas weiter entfernt in der Zukunft, und natürlich dürfen bei Asimov Roboter und die berühmten drei Robotgesetze nicht fehlen.
Aber zurück zu Eschbach: die Handlung spielt so nah in der Zukunft, dass ich mir problemlos vorstellen könnte, wie alles funktionieren kann. Den einzigen Kunstgriff stellt die Beherrschung der Kernfusion dar, die nötig ist, um beliebig Energie herzustellen, die die Siedlung auf dem Mars versorgt. Ganz wunderbar an diesem Randthema finde ich, dass Eschbach den Erfinder der Kernfusion als ähnlich menschenfreundlich zeichnet wie Jonas Salk, den Erfinder der modernen Polio-Impfung (Salk verzichtete auf die Patentierung, um die Herstellung nicht unnötig zu verteuern, und verlor dadurch geschätzte 5 Mrd. Dollar Einnahmen).
Wie eben schon angedeutet, handelt die fünfteilige Buchserie von Siedlern auf dem Mars und hauptsächlich von den Jugendlichen, unter ihnen sogar das erste Kind, das auf dem Mars geboren wurde. Natürlich gibt es Geheimnisse zu entdecken, natürlich können die Marskinder bestimmte Dinge besser als die Erwachsenen, natürlich finden die Jugendlichen keinen Glauben und behalten am Ende natürlich doch recht. In dieser Hinsicht enthält das Buch alles, was eine erfolgreiche Abenteuergeschichte für Jugendliche ausmacht. Nichtsdestotrotz gibt es eine handfeste Story, die mit jedem Teil der Fortsetzung spannender wird und die Bücher auch für "uns Erwachsene" problemlos lesbar macht.
Zu Beginn der Geschichte finden die "Marskinder" bei verschiedenen Exkursionen "Artefakte", d.h. edelsteinartige Gebilde. Merkwürdigerweise ist in diesen Artefakte der Name der Kinder eingebettet. Dem Auffinden der Steine geht immer eine Art "Leuchten" voran, das nur von einem der Kinder, Elinn, wahrgenommen werden kann. Im weiteren Verlauf der Geschichte ist sie auch diejenige mit einer Art Vorahnung, und sie kann mit den Außerirdischen kommunizieren.
In jedem Folgeband wird die Situation spannender, und die Kinder erleben einzeln oder gemeinsam durchaus gefährliche Abenteuer. Besonders gut beschrieben fand ich den Ausflug zweier Kinder auf eine fremde Welt, nachdem sie entdecken, dass sie mit den Artefakten als "Schlüssel" die Tore passieren können. Welche Welt das ist, und was sie dort entdecken, behalte ich als Pointe für mich, es würde viel verderben, wenn ich das verriete ;)
Als roter Faden ziehen sich sowohl persönliche Schicksale als auch politische Ränkespiele durch alle Bände, wobei letztere durchaus spannend und plausibel, aber dennoch auf jugendlichem Niveau konstruiert sind. Ein ebenfalls wiederkehrendes Thema ist die Zeit, die verstreicht, um Mails oder Funk zwischen Mars, Erde und Raumschiffen zu verschicken. Eschbach schafft es wirklich, dem Leser eine Ahnung davon zu verschaffen, wie gigantisch die Entfernungen im Weltraum sind, wenn sogar das Licht und die Funkwellen Minuten brauchen, um den Abgrund zu überqueren.
Schon früh werden Außerirdische im Kälteschlaf entdeckt, die tatsächlich im finalen Band aufwachen und den Menschen eine Aufgabe hinterlassen, ähnlich wie es beim Klassiker "2001" und der Fortsetzung "2010" der Fall ist, nur gibt es bei Arthur C. Clarke keinen wirklichen Kontakt zu den Außerirdischen. Ein ähnliches Konzept verfolgte auch W.K. Giesa mit seiner Romanserie "Star Gate", die 1986 erschien, lange vor der gleichnamigen Fernsehserie mit MacGyver ;). Auch dort gibt es ein galaxisweites "Transmitternetz", mit dem Unterschied, dass die Menschen sich mit selbstentwickelter Technik zufällig in dieses Netz einklinken. Die "Tore" auf Eschbachs Mars wurden von den Außerirdischen gebaut, und sie erwarten die Menschen, um sie in die galaktische Völkergemeinschaft aufzunehmen, sobald sie sie bedienen können.
Natürlich ist nichts an der Geschichte wirklich neu, wie man auch an meinen Querverweisen ablesen kann - Außerirdische auf Planeten des Sonnensystems gab es schon häufiger, Außerirdische im Krieg, politische Streitereien, Intrigen, Raumfahrt, Sprungtore, Telepathie - alles schon dagewesen. Trotzdem schafft es Eschbach, diese "ausgelutschten" Themen zu einem abgerundeten Ganzen zusammenzufügen und den Leser für ein paar Stunden in eine Fantasiewelt zu entführen, die fast greifbar nah erscheint, wenn die Menschheit nur ein bißchen mehr zusammenrücken würde, statt sich hier vor Ort gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
12.01.2015
Der Jesus-Deal - Andreas Eschbach - Buchbesprechung
Das einzige, was ich für mich persönlich kritisieren kann, ist die Darstellung von Jesus als Messias, der wirklich in der Lage ist, das zu leisten, was die Bibel über ihn berichtet. Mit dieser Beschreibung habe ich als Agnostiker natürlich ein Problem: die Zeitreise findet statt und ein Video bestätigt, dass Wunderheilungen möglich sind. Dies wäre für die Handlung absolut nicht nötig gewesen. Hier was der erste Teil, "Das Jesus-Video", mit wesentlich mehr Fingerspitzengefühl unterwegs: dort wird nicht so klar gesagt, dass Jesus wirklich zu allen kolportierten "Wundern" in der Lage war, sondern nur, dass er ein unglaublich charismatischer Mensch war, dem die Lebensfreude aus allen Knopflöchern sprühte.
Nebenbei hält sich Eschbach hier noch ein Hintertürchen für einen dritten Teil offen: das Video mit der Heilung eines der Zeitreisenden wurde von keinem aus der Gruppe gefilmt, und in einem Nebensatz findet sich "das muss ein anderer Zeitreisender gefilmt haben".
Ein paar Stichworte zur Handlung und ein paar Anmerkungen muss ich noch loswerden. Ich versuche mal, nicht allzuviele Spoiler einzubauen, denn hier gibt es wirklich einige Pointen, die man selbst "erlesen" sollte.
Beide Teile sind unabhängig voneinander zu lesen, im zweiten Teil gibt es viele Rückblicke und Querverweise, aber es macht mehr Spaß, wenn man die Bücher so liest, wie sie erschienen sind.
Der zweite Teil setzt zunächst zeitlich und handlungsmäßig dort ein, wo vermeintliche Agenten der katholischen Kirche das eine Original des Videos stehlen (es gibt zwei). In der Fortsetzung waren es allerdings (das "vermeintlich" ließ es schon vermuten ...) keine kirchlichen Räuber, sondern Söldner eines religiösen amerikanischen evangelikalen Fanatikers, der eine Zeitmaschine bauen will, nachdem er erfahren hat, dass Zeitreisen möglich sind.
Im Verlauf des "Deals" erfährt man, wie er zu seinem milliardenschweren Reichtum gelangt ist: er wird Zeuge einer unfreiwilligen Zeitreise, einer Art "Zeitloch", eine Frau stürzt von 1994 nach 1959 und hat zufällig, weil sie Autorin ist, ein Belegexemplar eines Magazins bei sich, und "rein zufällig" enthält dieses Magazin auch wirtschaftliche Informationen von 1959 bis 1994, z.B. Aktiendaten und weitere Hinweise auf Firmen etc. Diese Idee ist natürlich beim zweiten Teil von "Back to the future" abgeguckt, nur eben nicht mit Sportwetten, sondern mit realen Börsendaten (obwohl das ja auch eine Art von Wette ist - die Kurse der meisten Firmen haben wenig mit ihrem wirtschaftlichen Stand gemein).
Das Buch ist größtenteils aus der Sicht des jüngeren Sohns Michael dieses Milliardärs, Samuel Barron, geschrieben. Anfänglich ist er überzeugter Christ und dem Vater folgsam. Als die Zeitreise schief geht, landet er als "Schiffbrüchiger" im Jahr 1940 und beginnt zu lernen, dass sein Vater offensichtlich doch nicht ganz so berufen ist, wie er selbst von sich dachte. Der Vater ist skrupellos und radikal gläubig, er lebt genau nach der Bibel und nutzt seine finanzielle Macht, um seinen evangelikalen Glauben auch politisch zu verankern, indem er den Wahlkampf eines Glaubensbruders unterstützt, und schreckt sogar vor einem Anschlag auf den Präsidenten nicht zurück, um seinen Kandidaten an die Macht zu bringen.
Über das eigentliche Ziel der Zeitreise schreibe ich nichts, ich habe ja weiter oben versprochen, keine brutalen Spoiler aufzuschreiben ;)
Die erste Andeutung von Kritik gegen den Vater kommt auf, als eine Diskussion um die Rolle von Judas beginnt. Offentlich hatte Judas keine Chance auf seinen eigenen freien Willen: er musste den Verrat begehen, damit die Geschichte so stattfinden kann, wie die Bibel sie berichtet. Dies ist gleichzeitig auch der rote Faden, der sich als Konzept durch die gesamte Geschichte zieht: Zeitreisen können nichts verändern, alles passiert, weil es passiert ist.
Ein Konzept während der Vorbereitung der Zeitreise will mir auch nach einigem Nachdenken nicht ganz einleuchten: die zeitgereisten Videokassetten enthalten eine Spur Osmium, des Elements mit der höchsten Dichte aller natürlich vorkommenden Elemente (übrigens ist das auch eine Frage bei Quizduell ...). Eschbach liefert eine etwas verschrobene Erklärung, wie der Wissenschaftlicher Dermidow mit der Originalkassette umgeht (die oben erwähnte gestohlene). Statt die Kassette zu öffnen und das Osmium zu entnehmen, verstaut er sie in einem Safe und verlangt von Barron, mit dem Hersteller zu verhandeln, genau diese Variante der Kassette herzustellen.
Erst, als diese "US-Variante" tatsächlich im Handel zu kaufen ist, prüfen sie, ob die neu hergestellten Kassetten wirklich wie verlangt einen Streifen Osmium enthalten, und erst danach wird das zeitgereiste Osmium aus der Originalkassette entnommen.
Die Erklärung basiert auf Schrödingers Gedankenspiel mit der Katze und dem nicht vorhersagbaren Zerfall eines Teilchens in der verschlossenen Kiste. Wenn Dermidow die Videokassette "einfach so" geöffnet hätte, wäre möglicherweise doch kein Osmium enthalten gewesen, aber durch den Druck auf den Hersteller wurden exakt diese umdesignten Kassetten mit einer etwas anderen Bauform für die Videokamera mit einem Streifen Osmium hergestellt.
Wie schon gesagt: die Reise in die Vergangenheit geschieht, aber die Rückreise geht schief. Michael landet 1940 direkt vor dem ersten deutschen Bombenangriff auf England. Rein zufällig, aber natürlich wichtig für den Ablauf des Buchs, interessiert er sich für die Geschichte des 2. Weltkriegs und weiß, was mit genau diesem Städtchen genau am nächsten Tag passieren wird.
Über die Identität des Zeitreisenden aus dem Vorgängerbuch erfährt man nichts. Am Ende des ersten Teils taucht er vielleicht als namenloser junger Mann auf, aber warum er sich eine Videokamera für mehrere Tausend Dollar leisten kann, wie er zeitgereist ist und wie es zu seinem Tod kam, bleibt offen.
Übrigens war die oben erwähnte "unfreiwillige" Zeitreise doch nicht ganz so unfreiwillig. Die Logik des Buchs basiert im Wesentlichen darauf, dass alles passieren wird, weil es so passiert ist. Deswegen erzwingt Samuel Barron auch die spezielle Bauform der Videokassetten, weil eben diese Bauform aufgefunden wurde. Er erzwingt als Probelauf für die Maschine die Zeitreise der Frau von 1994 nach 1959 und nimmt dabei den Tod des schwer herzkranken Opfers in Kauf, damit sein früheres Ich das Magazin mit den Wirtschaftsdaten bekommen kann.
Überhaupt sind Zeitreisen erst möglich, wenn erstmals zeitgereistes Material gefunden wurde, und die Zeitreise basiert darauf, dass dieses Material als "Katalysator" eingesetzt werden muss. Je dichter das Material, desto weniger benötigt man, deshalb verwendet man logischerweise Osmium, das dichteste Metall überhaupt.
Sogar Jesus fordert seine Jünger auf, ihm einen Esel für die Einreise nach Jerusalem zu beschaffen, weil es so geweissagt sei. Also auch hier das Befolgen der Prophezeiung, damit sie eintritt. Es gibt noch mehrere dieser Zeitschleifen, die sich im Verlauf des Buchs öffnen und schließen, teilweise überspannen diese Schleifen sogar beide Bücher. Also aufmerksam lesen für den vollen Genuss!
Das schlussendliche Fazit, das ich aus dem Buch ziehe, ist ein ganz schlichtes:
Christliche Fanatiker sind genauso schlimm wie alle anderen, egal ob Moslems, Juden oder andere.
26.12.2014
Timeout - Andreas Eschbach - Buchbesprechung
Es war spannend geschrieben, aber das Ende war ein wenig enttäuschend, dafür, wie unbesiegbar und vorausschauend die Kohärenz in den ersten beiden Teilen geschildert wurde.
Auch der dritte Teil ist wieder eine Mischung aus Thriller, Roadmovie und Coming-of-age. Das Roadmovie beschreibt den Rückweg von Christopher und Serenity nach Europa, zunächst nach Paris, dann in die Bretagne und zum Showdown nach London. Christopher fasst sich ein Herz und gesteht Serenity, dass er in sie verliebt ist - das Erwachsenwerden nimmt breiten Raum ein, weil er sich viele Gedanken darüber macht, wie er es sagen soll, wie sie darauf reagiert, und wie er mit einer eventuellen Ablehnung zurecht kommen soll.
Ausgelöst wird die Rückkehr nach Europa durch einen geplanten Anschlag auf die Mobilfunkinfrastruktur von Cleveland, als die Gruppe im Hide-Out erfährt, dass der amerikanische Präsident mit großer Wahrscheinlichkeit bei einem Krankenhausaufenthalt dort in die Kohärenz aufgenommen werden soll. Jeremiah Jones und die anderen Helfer werden erwischt; das Hideout muss geräumt werden. In der Nacht davor flüchten Christopher und Serenity, weil Christopher eine Falle oder zumindest das Scheitern befürchtet, und er behält Recht.
Der "Penta-Byte-Mann" taucht jetzt auch als Person auf, nachdem er im ersten Teil erwähnt wurde und im zweiten Teil schon Tipps per Internet gegeben hat.
Beim Lesen des zweiten Teils hatte ich mich schon gewundert, dass Eschbach ein so merkwürdiger Fehler unterlaufen ist, den Präfix "Peta" falsch zu schreiben. Die Auflösung des Rätsels folgt nun im dritten Teil: es war nicht falsch geschrieben, sondern ein Wortspiel des Hackers mit seinem italienischen Nachnamen "Forti" - "Penta" für die griechische Fünf und "Byte" für "8 bit" - daraus ergibt sich als Produkt "Forty" - Vierzig.
Sehr schön beschrieben der Flug nach Paris als Luftfracht, die Weiterreise in die Bretagne, das Treffen mit Forti und seine cineastische Begeisterung. Ich vermute, dass die Filmaufnahmen und das Set in der Bretagne so ähnlich tatsächlich stattgefunden haben.
Die Nebenhandlung fand ich ebenso faszinierend: die Kohärenz entwickelt eine "Lightvariante" namens Lifehook, quasi ein implantiertes Mobiltelefon, und bewirbt es als logischen nächsten Schritt nach den sozialen Netzwerken (im Buch "FriendWeb", ganz klar ist Facebook gemeint). Sehr schön beschrieben, wie jemand durch die Nichtnutzung zum Außenseiter wird und durch diesen Druck der "Peergroup" seinen Widerstand schließlich aufgibt und teilnimmt.
Viele Puzzleteile aus den ersten beiden Teilen finden nun ihren Platz und fügen sich ins große Bild ein. Etwas sehr sportlich fand ich die Entwicklung einer selbstlernenden Bilderkennungssoftware, um in den Filmen, die der Penta-Byte-Mann aus seinem Leben aufgenommen hat, die eine Szene ausfindig zu machen, die vielleicht eine eklatante Schwachstelle der Kohärenz zeigen könnte.
Den Schluss fand ich eher unbefriedigend. Ich kann mir zwar durchaus vorstellen, dass eine "externe" Infrastruktur neben dem Mobilfunknetz nötig sein könnte, um die Verbindungen zwischen den "Upgradern" herzustellen, aber es ist bei der vorher so oft so stark betonten Weitsichtigkeit der Kohärenz kaum glaubhaft, dass der eine technische Knotenpunkt ohne Absicherung und ohne Redundanz verwendet werden kann, um den Sieg davonzutragen. In Fachsprache wäre das ein "Single point of Failure", und den kann sich ein neu entstandenes Intelligenzwesen einfach nicht leisten, das seine Existenz der ungestörten und ausfallsicheren Infrastruktur verdankt. Christopher sitzt also buchstäblich in einem Glaskasten (kugelsicher), durch einen Trick ganz allein gelassen, und kann an einem Terminal die "tödlichen" Befehle eingeben, weil die Kohärenz dieses Terminal nicht abschalten kann, ohne sich selbst zu gefährden? Wirklich kaum glaubhaft. Ein dummes Eingabeterminal kann man jederzeit abschalten. Den Zugang zur Datenbankschnittstelle kann man ebenso leicht blockieren. Und im allerschlechtesten Fall könnte man den Netzwerkport lahmlegen, durch den das Terminal ins Netz kommt. Oder das Kabel herausziehen. Mal wieder hatte ich das Gefühl, das Buch ist fast zu Ende, deswegen muss jetzt ein möglichst schneller Schluss her.
Fazit: gute Unterhaltung, man darf aber nicht allzusehr über die Details nachdenken, wenn man zufällig in der Branche arbeitet.
11.11.2014
Tau zero - Poul Anderson - Buchbesprechung
Vor längerem hatte ich eine Buchempfehlung gelesen und mir den Titel auf den Wunschzettel gesetzt - natürlich auf Englisch, wie meistens in letzter Zeit. Nur Eschbach lese ich im Original ;)
Dann dümpelte das Werk längere Zeit auf meiner Wunschliste herum, bis ich von Amazon ein Angebot bekam, das ich nicht ablehnen konnte: Kindle eBook für 1,62 € statt 5,99 € - das musste ich sofort kaufen. Vermutlich war genau das die Absicht von Amazon. Ich schätze, das mittlerweile die Kundenbeobachtung bei Amazon so gut ist, dass es individuelle Preise gibt, je nachdem, wie gerade Nachfrage, Lieferbarkeit etc. sind, und auch gelegentlich mal Lockangebote, um den Kunden fester zu binden. Warum fällt mir da auf, dass das fast so klingt wie "Ein Ring, sie zu ..."? ;)
Zurück zum Buch: es liest sich recht geschmeidig. Anderson hat einen sehr fluffigen, blumigen Stil, daran muss man sich erst gewöhnen. Es besteht aus knapp 20 Kapitelchen und insgesamt um die 200 Seiten. Er ist sprachlich umständlicher als z.B. Pratchett, und in Hard SF ist wenig Platz für Humor, und erst recht für Sex. Er wird zwar angedeutet, weil's vage zum Thema des Buchs passt, aber da das Buch 1970 geschrieben wurde, ist in der Richtung sonst nicht allzuviel zu erwarten - muss aber auch nicht.
Anderson hat auch einige humorige Geschichten geschrieben, die mir gut gefallen haben, aber "Tau Zero" ist von ganz anderem Kaliber. Es geht um nichts anderes als das gesamte Universum, sein Ende und den (vermutlichen) Neuanfang mit dem nächsten Urknall ("Big Bang"). Die Anspielung auf Douglas Adams spare ich mir hier ;)
Die Geschichte folgt dem Postulat von Einstein, dass sich nichts schneller als das Licht bewegen kann. Stattdessen wird ein Raumschiff angetrieben von der "Bussard-Engine", mit dem ein Raumschiff permanent beschleunigt werden kann, so dass sich seine Geschwindigkeit der Lichtgeschwindigkiet beliebig nah annähert, und diskutiert sehr ausführlich die relativistischen Effekte, die dabei auftreten. Der Titel des Buchs besteht aus dem griechischen Buchstaben, mit dem der "Abstand" zur Lichtgeschwindigkeit gemessen wird (tau), und "zero" beschreibt, dass dieser Abstand kaum messbar ist.
Der Antrieb des Raumschiffs besteht aus zwei Teilen: einem zum Beschleunigen und einem zum Abbremsen. Nach mehreren Monaten Flug, in denen das Schiff schon extrem schnell fliegt, kommt es zu einem Unfall. Ein kleiner Gasnebel ("Nebulina") wird durchflogen, und dabei wird die Bremseinrichtung beschädigt. Das Raumschiff kann also noch weiterfliegen, aber wird nicht mehr anhalten können. Im Flug kann auch kein Außeneinsatz durchgeführt werden, weil die harte Röntgenstrahlung sofort tödlich wäre - und das sogar zweifach. Der Antrieb selbst gibt Strahlung ab, und bei dieser hohen Geschwindigkeit ist schon das gelegentliche Partikel im Vakuum ebenfalls tödlich durch die Strahlung beim Zusammenstoß und durch den Doppler-Effekt. Da sich die "Bussard-Engine" aus genau diesen bei hohen Geschwindigkeiten gar nicht mehr so gelegentlichen Partikeln speist, ist es weder innerhalb der Galaxis noch im Leerraum zwischen Galaxien möglich, den Antrieb abzuschalten und im freien Fall eine Außenreparatur vorzunehmen.
Die Lösung ist so pragmatisch wie ungeheuerlich: das Raumschiff muss immer weiter beschleunigen, bis es den Leerraum zwischen Galaxienclustern erreicht, wo es so gut wie keine Teilchen gibt, die die Menschen beim Außeneinsatz durch die Strahlung töten könnten. Da der Leerraum zwischen Clustern mehrere Hundert Millionen Lichtjahre entfernt ist, muss "Tau" immer kleiner werden, damit das Ziel zu Lebzeiten der Raumfahrer erreicht werden kann. Die Schlussfolgerung daraus ist natürlich, dass das Raumschiff sich zeitlich aus der Menschheitsgeschichte verabschiedet: für einen Außenstehenden vergehen ja diese Hunderte von Millionen von Jahren tatsächlich, die das Raumschiff benötigt, um dorthin zu gelangen.
Breiten Raum nimmt in der Geschichte ein, dass sich die Raumfahrer von ihrer Ursprungswelt entfremden, weil auf einem Raumschiff die Zeit langsamer vergeht (Zeitdilatation). Einer der Raumfahrer ist von einem früheren Flug zurückgekehrt, und für ihn sind nur 11 Jahre vergangen, obwohl er 29 Lichtjahre zurückgelegt hat - auf der Erde sind schon seine Enkel unterwegs, obwohl er biologisch selbst noch sehr jung ist. Natürlich ist das Raumschiff eben doch 29 Jahre lang geflogen, aber die Zeit an Bord vergeht langsamer, nicht nur "gefühlt", sondern ganz realistisch. Ein Besatzungsmitglied könnte also subjektiv davon sprechen, dass sie mit Überlichtgeschwindigkeit geflogen sind. Kaum thematisiert wird, dass die Masse des Raumschiffs immer stärker zunimmt, je mehr es beschleunigt. Irgendwann müsste also das Raumschiff soviel Energie aufgenommen haben, dass es quasi beim Durchfliegen einer Galaxie deren gesamte Masse "auffrisst" und zur weiteren Beschleunigung verwendet.
Sehr schön finde ich, dass physikalische Effekte wie Rotverschiebung, Inertialsysteme, Parallaxenverschiebung, die Beobachtung der Außenwelt aus einem mit hoher Geschwindigkeit fliegenden Raumschiff und ähnliches sehr gut und nachvollziehbar beschrieben werden. Man merkt, dass Anderson studierter Physiker ist.
In anderen Kritiken wird bemängelt, dass sich das Buch sehr stark mit der Psyche der Besatzung beschäftigt, mit den 50 Personen, die zu einem 11 Lichtjahre entfernten Sonnensystem reisen sollen, um dort bei Auffinden eines geeigneten Planeten als Siedler dauerhaft dort zu bleiben. Ich finde im Gegenteil, dass es einer der Glanzpunkte des Buches ist, dass es eben nicht bei der kalten technischen Beschreibung des Flugs stehenbleibt, sondern sich sehr intensiv damit auseinandersetzt, wie sich Menschen in einer Krise verhalten, und diese Krise ist eigentlich die schlimmste denkbare, die ein lebender Mensch sich vorstellen kann - der Bruch mit der gesamten, restlichen Menschheit. Dabei treten kleine Diktatoren, Gewaltausbrüche, Schwangerschaften und Betrug genauso auf wie Heldentum - Anderson ist ja eher berüchtigt für archetypische, klischeehafte Persönlichkeiten. Insofern enthält das Buch auch keine detaillierten Charakterstudien und Hintergründe der einzelnen Personen, sondern eher distanzierte Beschreibungen der Verhältnisse zwischen den einzelnen Protagonisten. Persönliche Eigenschaften oder vergangene Erlebnisse werden nur ganz kurz angerissen.
Kleinere Krisen in der Besatzung treten auf, als bestimmte räumliche oder zeitliche "Marken" erreicht werden, wie z.B. das Verstreichen von 10.000 Jahren, oder das Durchfliegen des Milchstraßenzentrums, das Verlassen der Milchstraße und schließlich das Verlassen unseres lokalen Clusters, zu dem z.B. auch Andromeda und die Magellan'schen Wolken gehören.
Ich verderbe niemandem den Genuss, wenn ich verrate, dass der Antrieb tatsächlich repariert werden kann, aber danach treten neue Schwierigkeiten auf: das Raumschiff ist so schnell, dass es nicht rechtzeitig genug abbremsen kann, um in einer Galaxis einen besiedelbaren Planeten aus der Ferne anzumessen und anzusteuern.
Die finale Lösung hat mir nicht gefallen: das Raumschiff "überlebt" nach mehr als Hundert Milliarden Jahren Flug das Ende unseres Universums, indem es "Abstand" zum Nukleus des entstehenden nächsten Universums hält, und dann seine Geschwindigkeit so anpasst, dass es mit den neu entstehenden Galaxien "Schritt hält", so dass eine geeignete, besiedelbare Welt gefunden werden kann, die etwa die Eigenschaften der Erde hat. Da der Urknall voraussetzt, dass Raum, Zeit und Energie gerade erst aus einer Singularität entstehen, kann das Raumschiff eigentlich keinen "Abstand" zum Nukleus halten, da der Raum selbst wieder kontrahiert bis zum unbeschreiblichen "Nichts", in dem keine physikalischen Regelmäßigkeiten gelten. Es gibt keinen Raum mehr, innerhalb dessen sich das Raumschiff bewegen kann. Die gängige Theorie ist, dass der Kosmos vollständig in sich zusammenstürzt und das Konzept "Abstand" sinnlos wird.
Diese Inkonsistenz in einem ansonsten kosmologisch sehr präzise beschriebenen Werk hinterlässt einen etwas schalen Geschmack am Ende. Nachdem ich die Buchempfehlung gelesen hatte, habe ich mir schon selbst überlegt, was ein plausibles Ende wäre, und ich bin zu einer ganz anderen Vermutung gekommen. Ich hatte erwartet, dass das Raumschiff selbst zum Kern des Urknalls wird, weil es eben bei seinem langen Flug die gesamte Masse des bisherigen Universums in sich aufgenommen hat.
Das "Überleben" des Urknalls ist auch in einer anderen Serie schon mal Thema gewesen, nämlich bei den "Terranauten", einer leicht grün angehauchten SF-Serie aus den Achtziger Jahren, die leider mit Band 99 und nach einigen Taschenbüchern eingestellt wurde.
Passend zum Gigantismus gibt es zum Schluss ein Happy End, und die Siedler landen auf einer sehr erdähnlichen Welt.
Eine ehrliche Leseempfehlung kann ich nur abgeben für wissenschaftlich interessierte Menschen, die genug Vorstellungsvermögen haben und ein bißchen Vorbildung in Relativitätstheorie haben (nicht die Mathematik, aber die gedankliche Konstruktion dahinter). Wenn das gegeben ist, macht das Buch richtig Spaß.
03.11.2014
Hideout - Andreas Eschbach - Buchbesprechung
In dieser Trilogie, die eigentlich als Jugendbuch vermarktet wird, geht es darum (wie ich schon in meiner Buchbesprechung zum ersten Teil schrieb), dass Menschen Chips eingepflanzt bekommen und dadurch Teil einer Gemeinschaftsintelligenz werden.
Durch die Vereinheitlichung verlieren sie größtenteils ihre Gefühle und werden zu etwas "Unbeschreiblichem", einem Bewußtsein, das durch den Gleichklang aller Gehirne erst zu sich selbst findet.
Diese Absorption allen Individualismus' ist natürlich ein totaler Widerspruch zum heutigen - zumindest westlichen - Menschenbild der freien Entfaltung und der Freiheit des Einzelnen. Aber das habe ich alles schon zum ersten Teil geschrieben.
Der zweite Teil einer Trilogie ist immer eine undankbare Geschichte - es muss irgendwie weitergehen, die Spannung muss gehalten werden, aber es darf noch nix so Wesentliches passieren, weil der große Showdown ja erst im dritten Teil geschieht.
Andererseits finden viele Fans den zweiten Teil von Star Wars "Das Imperium schlägt zurück" ja richtig gut ;)
Wie auch immer, Eschbach hat auch - für einen zweiten Teil ;) - ein tolles Buch geschrieben. Ich habe es an zwei Tagen gelesen und konnte es kaum weglegen. Unbedingte Leseempfehlung!
Noch mehr als der erste Teil ist dieses Buch eine Mischung aus "Roadmovie" und "Coming of age", wie es Neudeutsch heißt ... Der siebzehnjährige Christopher erlebt seinen ersten Kuss und macht sich tatsächlich Gedanken über zwischenmenschliche Beziehungen. Er will dazulernen, realisiert also, dass seine Begabung ihn bislang davon abgehalten hat, sich stärker für andere Menschen zu interessieren. Road movies an sich finde ich ziemlich uninteressant, aber zum Glück fasst sich Eschbach hier ziemlich kurz. Die verschiedenen Gruppen legen zwar enorme Wege zurück, und es fallen auch Namen diverser amerikanischer Bundesstaaten, aber das wird nicht endlos ausgewalzt.
Inhaltlich passiert auch einiges, allerdings fühlt es sich eher nach weiteren Bausteinen an, die erst im dritten Teil richtig zur Geltung kommen: Sein Vater erwacht nach der Entfernung seines Chips aus dem Koma und berichtet, dass er Christophers Chip tatsächlich manipuliert hat - er hat unmittelbar vor dem Einpflanzen zwei Kontakte beschädigt. Christopher bemerkt, dass die Kohärenz es geschafft hat, bei den kurzen Kontakten ins Mobilfunknetz einen Virus in seinen Chip einzuschleusen, so dass er nicht mehr einschlafen darf, solange ein Netz erreichbar ist, wenn er nicht "übernommen" werden will. Chris kann mit Hilfe eines anderen Hackers namens "Pentabyte-Man" den Schaltplan des Biochips aus einem Server in Korea stehlen. Er analysiert den Plan und glaubt, wirklich eine Schwachstelle gefunden zu haben. Er kann außerdem eine Bluetooth-Verbindung zu seinem eigenen Chip herstellen. Zum Ende des Buchs lässt er sich einen zweiten Chip in die Nase einpflanzen, der ebenso manipuliert ist wie der erste. Er glaubt, dass der virusverseuchte und der zweite Chip zusammen eine Möglichkeit ergeben, ins Netz zu gehen, ohne von der Kohärenz entdeckt zu werden. Tatsächlich schafft er es, auf diese Weise Serenity und ihre Freundin Madonna Two Eagles zu retten.
Obwohl Eschbach selbst eine Zeitlang in der IT-Branche gearbeitet hat, unterlaufen ihm peinliche Fehler bei Kleinigkeiten: im ersten Teil habe ich ja schon die Verwechslung von Silikon und Silizium kritisiert, hier im zweiten Teil nennt er den anderen Hacker hartnäckig "Pentabyte-Man", obwohl die Maßeinheit für die Datenmenge in "Petabyte" (ohne n) gemessen wird, wie man z.B. in der Wikipedia nachlesen kann. Zumal auch noch lang und ausführlich erklärt wird, dass es nicht einfach ein Fantasiewort sein soll, das der Hacker sich aussucht, sondern seinen Ursprung in der Datenmenge hat, in der der Pentabyte-Man sein ganzes Leben auf Video aufzeichnet. In einer Amazon-Kritik spekuliert jemand, dass dies absichtliche Eastereggs sind, die Eschbach in seinen Büchern versteckt, aber daran glaube ich nicht.
Man könnte jetzt spekulieren, dass Chris selbst einen Virus entwickelt und in die Chips der Upgrader einschleust, der einfach nur alles abschaltet. Mal schauen ...
Das Buch enthält auch einen Teaser-Text für den dritten Teil "Timeout" - ich bin gespannt ;)
23.05.2014
X-Men: days of future past - Kino
Ich liebe ja Zeitreisen ganz besonders, weil man so schön drüber lästern kann, wenn es der Drehbuchschreiber mal wieder nicht hinbekommen hat und die Logik so gar nicht passen will.
Im aktuellen X-Men-Film trifft das in weiten Teilen zum Glück nicht zu: es gibt eine nachvollziehbare Handlung, die auf einer plausiblen Grundidee aufbaut, und insgesamt gesehen ist der Film in sich schlüssig.
Was am Ende natürlich offenbleibt, ist die Frage, ob sich durch die Zeitreise alles so entwickelt, wie wir es aus den bisherigen Filmen kennen, oder ob sich da noch subtile Änderungen einschleichen.
Auf jeden Fall war der Film großartig, und ich habe ihn von der ersten bis zur letzten Minute genossen. Sehr schön aufgebaut der ruhige Schluss, der einen "ganz normalen Tag" in der "School for gifted youngsters" zeigt, nachdem Logan zu seinem eigenen Erstaunen dort aufwacht; man sieht u.a. Rogue, Iceman, Jean Grey, und viele andere aus den früheren Filmen.
Der Einstieg war hingegen von rasanter Action geprägt: es war eine Szenerie in der Zukunft, in der extrem anpassungsfähige Roboter Jagd auf Mutanten machen und mühelos deren Kräften widerstehen können. Dank einer Mutantin, die eine besondere Form der Zeitreise beherrscht, ist es einer kleinen Gruppe möglich, zu entkommen, indem sie sich - sozusagen aus der Zukunft - warnen lässt.
Der Bildaufbau mit zerstörten Städten und knochengefüllten Straßen erinnert wohl mit Absicht an Terminator, die "andere" prominente Zeitreisegeschichte, und es wird nebenbei berichtet, dass die "Sentinels" nicht nur Mutanten jagen, sondern auch Menschen, die ihnen helfen wollen, und deshalb die Menschheit nahezu ausgerottet wurde.
Da dies aber kein Dauerzustand bleiben soll, kommen sie auf die Idee, die Vergangenheit grundsätzlich zu verändern und die Entwicklung dieser übermächtigen Jagdroboter - "Sentinels" - zu verhindern. Ähnlich wie in der Serie "Seven days" gilt es, einen besonderen Moment in der Vergangenheit zu identifizieren, an dem die Geschichte den einen oder anderen Verlauf hätte nehmen können.
Natürlich wird dieser Schicksalspunkt in der Geschichte gefunden, und der einzige, der unbeschadet - wenn auch nur geistig in seinen jüngeren Körper - in die Vergangenheit reisen kann, ist "Logan" Wolverine. Diese Begründung fand ich etwas wirr, aber hinnehmbar für die weitere Dramaturgie. Interessant dann die Beobachtung, die eine weitere zeitliche Einschätzung erlaubt: in der Vergangenheit angekommen hat Logan noch nicht die Adamantium-Panzerung, sondern noch die knöchernen Krallen.
In der Vergangenheit angekommen gibt es schrille 70er-Jahre Szenen, und natürlich gibt es ein sekundengenaues Thriller-Ende, so dass wir am Ende nicht zusehen müssen, wie der "alte" Charles von den Sentinels getötet wird.
Eine besonders schöne Szene mit tollen Trickeffekten ist während der Befreiung des jungen Magneto aus einem metallfreien Gefängnis unter dem Pentagon zu sehen, als Quicksilver in der Küche alle Wächter außer Gefecht setzt, ohne Blut zu vergießen und dabei erst noch ganz gelassen Kopfhörer und Schutzbrille aufsetzt, um "Time in a bottle" zu hören.
Viele Charaktere werden schöner und ausführlicher geschildert als in den bisherigen Filmen, insbesondere Mystique gefällt mir sehr gut, und der junge Magneto spielt genauso wunderbar wie in "First Class". Im Gegensatz zu Florian in seiner Kritik fand ich den Wissenschaftler Trask eher nicht so herausragend, weder geschauspielert noch als Rolle bzw. Figur.
Genauso unspannend fand ich den Techniker im X-Team: in einigen Szenen wird zwar tricktechnisch brilliant die Verwandlung in "Beast" gezeigt, aber trotz alledem ist diese Figur eher blass geblieben - ein typischer "support act", der halt benötigt wird, um ein bestimmtes Problem zu lösen, damit die Handlung weitergehen kann, aber sonst auch nichts.
Die Auflösung will ich natürlich nicht im Detail verraten, aber es ist eine sehr schöne und glaubwürdige Lösung: Trask wird nicht getötet, weder von Mystique, noch Magneto oder einem der anderen Mutanten, Nixon bleibt am Leben, keiner der Mutanten reißt die Weltherrschaft an sich, und obwohl die Welt nun aufgrund der Fernsehübertragungen von den Mutanten weiß, gibt es einen - wenn auch brüchigen - Frieden. Auf dem Hinweg nach Washington im Flugzeug stellt Eric auch sehr glaubwürdig dar, dass er zwar in Dallas war, aber JFK retten und nicht töten wollte, auch wenn er dafür trotzdem in einem Hochsicherheitsgefängnis gefangen gesetzt wurde. Diese Andeutungen werden aber nicht vertieft, der Rest bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.
Zwei Bemerkungen noch zum Schluss:
Zum Ersten: die Pointe, nachdem Logan aus dem Fluss gefischt wurde, und Stryker seiner habhaft wird, hat einen sehr bitteren Beigeschmack, obwohl wir natürlich schon aus früheren Filmen wissen, wie grausam seine Behandlung war.
Zum Zweiten: der traditionelle "Nachfilm" zeigt eine im Bau befindliche Pyramide oder ein ähnliches großes Bauwerk, deren Konstruktion offensichtlich von einer einzigen Person durchgeführt wird, und auf einem Nachbarhügel 4 Reiter. Aus der Sitzreihe hinter mir hörte ich "die 4 Reiter der Apokalypse", aber da ich kein allzu intensiver Marvel-Leser bin, ist mir diese Szene nicht klargeworden. Vielleicht weiß jemand mehr und hinterlässt einen Kommentar?
[Update: Link zum Besuch von Christoph Dittert nachgetragen]
Godzilla - Kino
Eins vornweg: wenn man nicht auf tiefgründiger Handlung und schlüssiger Handlung der Personen besteht, ist es ein sehr gut gemachter Unterhaltungsfilm mit toller Tricktechnik. Auch Leinwand und Tontechnik im Kino Gießen sind ein Genuss.
Es ist ein typischer Film in bester Godzilla-Manier: es gibt riesige, gefährliche Monster, und genau wie in den späteren Trashfilmchen aus der japanischen Godzilla-Reihe kommt Godzilla zur Rettung. Die menschlichen Charaktere waren eher auswechselbar, ich konnte mich mit keinem davon identifizieren. Der "menschliche Faktor" im Film sollte wohl beim Tod von Sandra Brody (Juliette Binoche) ins Spiel kommen, aber diese Szene fand ich im Ablauf vollkommen unlogisch aufgebaut und blieb mir deshalb eher schal im Gedächtnis.
Natürlich ist die gesamte Geschichte vom biologischen Standpunkt aus genauso unglaubwürdig wie alle Filme vorher: wie sollte es möglich sein, dass ein gigantischer Saurier Millionen von Jahren überlebt oder sich vollkommen unbemerkt über diesen Zeitraum fortpflanzen kann.
Genauso an den Haaren herbeigezogen fand ich die in anderen Kritiken geäußerte Behauptung, dass Godzilla hier als "Umweltgewissen" auftritt und die Zuschauer vor Atomkraft und Umweltzerstörung warnen will, indem er sie vor den Atommüll- und ICBM-fressenden Monstern rettet.
Der Schluss des Films war bombastisch, aber durch die Schnitte hatte ich den Eindruck, dass es zwei Godzillas gab: einen, der unter einem zusammenstürzenden Hochhaus begraben wurde, und einen zweiten, der dann auch Feuer speien konnte.
Ich hätte es ja lieber gesehen, dass die Atombombe auf dem Schiff entschärft werden konnte, aber stattdessen wurde nur der Hauptdarsteller gerettet und das Schiff ist einfach weiter hinaus auf die offene See gefahren, was natürlich einen tollen radioaktiven Fallout garantiert. Und vielleicht den Stoff für den nächsten Film, wenn durch die Strahlung wieder irgend etwas lustig vor sich hin mutiert ...
Wir waren im 3D-Film drin; meiner Meinung nach lohnt sich die Mehrausgabe nicht. Die 3D-Effekte wurden bei der Postproduktion eingebaut, der Film ist nicht in 3D gedreht worden. Der Effekt ist zwar vorhanden, trägt aber wenig zum Film bei.
Noch eine Fußnote: antiquarisch gibt es ein sehr lustiges Buch von einem Autoren, den ich auch sonst sehr gern lese (z.B. Königskinder liebe ich), und in dem er aus seinem Hobby ein kleines Nachschlagewerk der alten Godzilla-Filme gemacht hat.
23.04.2014
Herr aller Dinge - Andreas Eschbach - Buchbesprechung
Eins vornweg: "Herr aller Dinge" ist mit eine der besten Geschichten, die Eschbach geschrieben hat. Es ist lang, aber von vorn bis hinten kein bißchen langweilig. Wahnsinn!
Das Buch erzählt eigentlich gleich zwei Geschichten in einem Buch: die des Jungen Hiroshi Kato, der sich schon als Kind für Robotik interessiert, und die des Mädchens Charlotte Malroux, die Faszination für alte Gegenstände empfindet und versucht, alles Alte zu berühren und zu "erfühlen".
Ähnlich wie bei Harry und Sally, einem meiner absoluten Lieblingsfilme, ist dies eine lange, eigentlich unerfüllte Liebesgeschichte. Die beiden begegnen sich auf wundersame Weise immer wieder an unerwarteten Stellen des Globus.
Zunächst treffen sich die beiden als Kinder in Japan; Hiroshis Mutter ist Wäscherin in der französischen Botschaft, Charlotte ist die Tochter des Botschafters. Diese finanzielle Ungleichheit hinterlässt schon im knapp zehnjährigen Hiroshi das Ziel, es den Menschen zu ermöglichen, ohne Zwänge zu leben und das zu tun, was sie möchten, und nicht irgendetwas zu müssen.
Eigentlich ist Hiroshi die Hauptperson, aber ich persönlich finde Charlotte durch ihre übersinnlichen Fähigkeiten wesentlich faszinierender. Sie kann beim Anfassen von Gegenständen deren Geschichte erfassen und erfahren. Beim Besuch eines Shinto-Schreins mit Hiroshi zusammen berührt sie ein schwarzes Obsidianmesser und hat dadurch eine Ahnung, dass es vor Millionen von Jahren schon einmal eine Menschheit auf der Erde gegeben hat. Zu diesem Messer gibt es übrigens eine zusätzliche ebook-Geschichte, die allerdings nicht besonders spannend ist. Ich hatte von dieser Geschichte etwas über die Vorgeschichte und den früheren Besitzer zu erfahren, stattdessen ist es eine Geschichte über einen Menschen ähnlich wie Charlotte, der eine Art Lustgefühl beim Berühren alter Gegenstände empfindet. Außerdem endet diese Kurzgeschichte eher traurig und hinterlässt ein komisches, unvollständiges Gefühl.
Später treffen sie sich als Studenten in Boston am M.I.T. wieder, wo Hiroshi an Roboteralgorithmen zur räumlichen Orientierung arbeitet, und Charlotte Paläoanthropologie studiert, die Wissenschaft der Forschung über Menschheitsgeschichte in frühester Zeit. Jeder von ihnen ist mit einem Partner liiert, aber nicht wirklich glücklich in der Beziehung, und im Grunde wissen auch beide, dass sie füreinander empfinden, aber es ist kein Platz für ein Happy-End.
Es gibt noch mehrere weitere Begegnungen, während Hiroshi zunächst an realen, mechanischen Robotern forscht, finanziert durch eine private, chinesische Firma. Diese Experimente scheitern an mechanischen Ungenauigkeiten, und er kommt auf die Idee, winzige Nano-Roboter zu bauen, die einzelne Atome manipulieren können. Er zieht sich auf ein einsames Anwesen zurück und lässt dort Computer Simulationen rechnen, die auch erfolgreich sind, bis auf das Henne-Ei-Problem: er könnte sich selbst reproduzierende Nano-Roboter bauen, wenn er einen ersten solchen Roboter hätte, aber er weiß nicht, wie er dieses erste Exemplar bauen soll.
Charlotte forscht derzeit auf einer russischen Insel im Polarmeer und dort entdeckt ihre Forschergruppe etwas, was sie zunächst für außerirdische robotische Überreste halten.
Mehr zu verraten würde den Spaß an der wirklich großen, genialen und schrecklichen Pointe dieses Buches verderben. Aber einen kleinen Tipp kann ich mir dann doch nicht verkneifen: Perry-Rhodan-Leser werden mit der Idee vertraut sein, was nicht ganz zufällig kommen könnte ;), aber Eschbach hat es dann doch ganz anders umgesetzt.
Das ganze Buch hindurch zieht sich wie ein roter Faden, dass Hiroshi Charlotte liebt und ihr beweisen will, dass mechanische Helfer das ideale Werkzeug wären, um die Menschheit sorgenfrei ohne Geld leben zu lassen - wenn perfektes Recycling möglich wäre, sogar umweltfreundlicher als heutzutage. Wenn jeder auf Knopfdruck alles haben kann, was er benötigt oder sich wünscht, entfällt völlig das Besitzdenken und die Notwendigkeit von Geld als Tauschmittel.
Dieser Gedanke ist eine logische Fortsetzung der Gedankengänge aus "Eine Billion Dollar", in dem der Protagonist nach längerem Nachdenken und Erleben feststellt, dass das heutige Geld- und Zinssystem ein schweres, grundsätzliches Konstruktionsproblem hat, quasi ein immerwährendes Schneeballsystem, bei dem "Wachstum" durch die immer mehr steigende Zinslast erzwungen wird.
"Herr aller Dinge" geht auch darauf ein, woran diese visionäre Idee scheitern könnte: es gibt immer Menschen, die sich nicht über ihre eigene Leistung definieren, sondern darüber, dass sie Macht über andere Menschen haben - Charlottes Ex-Freund James in Boston ist ein typischer Vertreter des "Geldadels", der sich Gedanken darüber macht, dass er keine Diener mehr wird haben können, wenn sie nicht mehr darauf angewiesen wären, wegen Geld für ihn zu arbeiten.
Es ist keine Liebesgeschichte, die beschrieben wird, aber man spürt bei jeder Begegnung zwischen Hiroshi und Charlotte, dass es eigentlich so sein sollte; und trotzdem kann Eschbach ganz wunderbar beschreiben, warum es dann bei dieser Gelegenheit doch wieder nicht "geklappt" hat, und es ist so nachvollziehbar, dass man eigentlich kein Bedauern empfinden kann, weil die Geschichte sich weiter entwickelt.
Obwohl Hiroshi zum Schluss des Buches etwas unglaublich Tolles für die Menschheit leistet und ein Geschenk bauen lässt, das jeder mit nur ein bißchen Fähigkeit zum Träumen sich gewünscht hat, wird er zum Gejagten aller Nationen, weil sie Angst vor seiner Macht haben.
Eine Alternative wäre gewesen, dass er mit einem der gespeicherten Baupläne ein weltraumtaugliches Transportmittel bauen lässt und selbst zum Habitat fliegt, um dort zu leben oder weiterzuziehen. Ich kann mir vorstellen, dass die Naniten neben Atmosphärenfliegern auch Raumfahrzeuge im Angebot haben. Andererseits ist der Schlusspunkt der Geschichte auch so, wie es Eschbach festgelegt hat, in sich logisch und nachvollziehbar.
Das Wunderbare an Eschbachs Büchern ist die Genauigkeit, mit der sowohl die Personen, ihre Gedanken, Gefühle und Entscheidungen als auch die technischen Grundlagen seiner Idee beschrieben werden. Die gesamte Geschichte klingt von vorn bis hinten vollkommen plausibel und sogar heute schon machbar, bis auf den einen kleinen SF-Kniff, um das oben schon erwähnte Henne-Ei-Problem zu lösen. Daneben findet man viele kleine Bonbons, die das Lesen zum Vergnügen machen.
Dieses Buch hat mir von vorn bis hinten Spaß gemacht und ich konnte es kaum noch weglegen, und genau wie "Solar Station" werde ich es in einiger Zeit sicherlich nochmals lesen. Im Gegensatz zu "Eine Billion Dollar" ist das Ende der Geschichte in sich schlüssig, wirkt nicht künstlich und nicht zu abrupt herbeigeschrieben. Die Geschichte plätschert eine ganze Zeitlang angenehm dahin, und nimmt etwa in der zweiten Hälfte mächtig Fahrt auf.
Es ist kein Happy-End wie bei "Harry und Sally"; ich verrate nicht allzuviel mit dem Hinweis, dass Charlotte und Hiroshi am Ende nicht heiraten und "glücklich leben bis ans Ende ihrer Tage". Trotz dieses "unhappy" Endes war ich nicht unzufrieden, sondern im Gegenteil war es durchaus absolut nachvollziehbar, was passiert und warum Hiroshi genau diese Entscheidung trifft.
04.04.2014
Captain America 2
Sage ich schon, dass ich die verfilmten Marvel-Comics liebe? Ne, ich glaube nicht.
Also: ich liebe ja diese Comic-Verfilmungen von Marvel. Als Kind hab ich immer ganz fasziniert diese schrägen Helden gelesen, die alle auf die eine oder andere Weise eine Macke oder ein Handicap hatten.
Das wirkte damals auf mich schon wesentlich glaubwürdiger als diese blankpolierten Helden wie Superman oder Batman. Soweit man bei magischen Ringen, netzspritzenden Spinnenbissopfern, Dingen mit Steinpanzerung nach Weltraumflügen und ähnlichem überhaupt von Glaubwürdigkeit reden kann ;)
Natürlich hab ich auch Superman und Batman und alles andere gelesen, was ich in die Finger bekam. Das war einfach eine faszinierende Fantasiewelt, und die Vorstellung, dass es einen Beschützer gibt, hat doch 'was Beruhigendes, oder nicht?
Also, äh ... ja. Ich war mal wieder im Kino. Hm, sagte ich schon. Aber noch nicht, in welchem Film. Nun denn, irgendwann muss es raus. Oder lesen Sie Blogs, ohne die Überschrift wahr zu nehmen? Glaube ich eigentlich nicht. Aber ich sprech's trotzdem nochmal aus: es handelt sich um den zweiten Teil von Captain America, "The Winter Soldier".
Nervig ist die Angewohnheit, aus einem englischen Untertitel ("The Winter Soldier") einen anderen englischen Untertitel ("Return of the first Avenger") zu machen, das ist doch blödsinnig. Cap 2 handelt hauptsächlich von den Überresten der Organisation Hydra, und der "Winter Soldier" ist ein Experiment des in den 70ern verstorbenen Nazi-Wissenschaftlers Zola.
Im Moment gibt es ja sozusagen eine Flut von Filmen, die alle so ein bißchen miteinander verbunden sind. Man erkennt eine zeitliche Reihenfolge in den Filmen über Iron Man (1-3), Thor (1-2), Captain America (1-2) und den Avengers, es werden immer mal wieder Anspielungen gemacht und insbesondere die Teaser nach dem Abspann deuten an, wie es weitergeht. Außerdem findet sich in nahezu allen Filmen entweder als Andeutung oder als Handlungselement der Tesserakt (mathematisch ein vierdimensionaler Würfel - in unserer eingeschränkten Sichtweise müsste die Projektion eigentlich anders aussehen, nämlich in etwa so wie auf diesem außergewöhnlichen Gemälde über die Kreuzigung, "Crucifixion (Corpus Hypercubus)" von Salvador Dalí).
Allerdings hat mich bei diesem Film die fehlende Glaubwürdigkeit der Handlung schon ein bißchen gestört: für die Invasion aus einer anderen Dimension in "Avengers I" wurden alle Avenger gebraucht, aber wenn fliegende Monstermaschinen, angetrieben von Starks Repulsor-Antrieb, 20 Mio. Menschen gezielt auf's Korn nehmen und umbringen wollen, muss Cap alleine 'ran (ok, mit Black Widow und Falcon), und Iron Man sitzt zuhause und kuschelt mit seiner mittlerweile geheilten Pepper Potts?
Allzuviel über den Verlauf der Handlung will ich nicht verraten, es gibt einige sehr überraschende Wendungen, und wenn man die vorher weiß, geht viel vom Spaß beim Schauen verloren.
Unglaublich spannend fand ich den Anschlag auf Nick Fury und die Verfolgungsjagd mit dem Auto. Überhaupt finde ich sehr erstaunlich, wie zuverlässig die Sprachsteuerung funktioniert, sowohl in Autos als auch in Bürocomputern, Flugzeugen und so weiter. So weit ist Siri noch nicht ;)
Sehr schön auch die Szene in dem alten Rechenzentrum von S.H.I.E.L.D. mit den Bandmaschinen, den riesigen Monitoren und Klackertastaturen. Erfrischend dann als Anachronismus der USB-Hub.
Naja, ansonsten ist das Ende nicht so überraschend. Es war klar, dass es einen Countdown geben muss, und das Narrativium sorgt dafür, dass der Held immer in der letzten Sekunde die Lösung findet (hier: den Chip einsetzt). Erstaunlich nur, dass der "böse" Chip entfernt wird, dann gibt es eine minutenlange Prügelei mit leerer Fassung, und der Heli-Carrier funktioniert trotzdem problemlos. Erst mit dem Einsetzen des neuen Chips verbreitet sich in allen beteiligten Maschinen die Manipulation und alles ist gut.
Rundum empfehlenswert, wenn man Actionfilme aus einem Comic-Universum mag. Als Software-Entwickler lassen mich die Fortschritte bei der Tricktechnik (CGI) immer wieder staunend und fassungslos zurück. Es ist genial, was an Filmqualität mittlerweile aus dem Computer kommt.
Aber auch der Charakter Steve Rogers kommt nicht zu kurz: der Film besteht nicht nur aus Action. Insbesondere konstatiert Cap, dass er im 2. Weltkrieg die Freiheit verteidigt hat. Zu Anfang des Films geht es darum, die Überwachung zu verstärken, und das schmeckt ihm gar nicht. Auf die Parallelen zur aktuellen Wirklichkeit brauche ich nicht weiter einzugehen, denke ich. Die Realität hat uns hier eingeholt, wie ich vor einiger Zeit schon schrieb. Ich finde es sehr sympathisch und die Dosierung war genau richtig, in der Cap an sich zweifelt.
Beeindruckend die Leistung eines namenlosen Technikers, der am Computer sitzt, von einem der Bösewichte mit der Pistole bedroht wird, damit er die Überwachungsmaschinerie startet. Man kann genau den Widerstreit zwischen Angst vor der Bedrohung und seinen Wunsch erkennen, eben nicht zur Überwachung beizutragen. Um was es geht, hat Cap ja vorher in einer Durchsage genau erklärt. Der Zuschauer fiebert mit und rechnet schon ziemlich fest damit, dass der Techniker erschossen wird, bis im letzten Moment ... Mehr verrate ich nicht ;)
Außerdem besucht Cap seine alte Liebe Peggy, die im Gegensatz zu ihm die 70 Jahre leider nicht so frisch überstanden hat. Er erinnert sie daran, dass sie ihm immer noch einen Tanz schulde ... sehr romantisch (erwähnte ich schon, dass ich auch gern tanze? Ich mag am liebsten Tango und Quickstep).
Achja: Robert Redford spielt mit, und gar nicht mal schlecht. Aber alt geworden ist der Mann. Ui. Typisch für Geheimdienst ist seine Rolle sehr ambivalent, erst ganz am Ende zeigt sich sein wahrer Standpunkt. Mehr verrate ich auch hier nicht ;)
Also: definitiv angucken. Die Logikschwächen sind verschmerzbar. Die Bilder sind toll. Es lohnt sich!
18.03.2014
Blackout - Andreas Eschbach - Buchbesprechung
Dem Klappentext nach ein Buch für Jugendliche, aber genau wie die Bücher aus dem "Marsprojekt", über Telekinese und über das Klonen auch sehr gut für Erwachsene lesbar. Das gebundene Buch hat ca. 450 Seiten, und ich habe es an einem Wochenende durchgelesen - dies ist eines der Bücher, die richtig gut "flutschen". Eschbach hat einen sehr lebendigen Sprachstil, die Dialoge klingen realistisch - für einen alten Sack wie mich natürlich. Vermutlich würden die Jugendlichen auch mehr Jugendsprache verwenden, aber darum geht's natürlich nicht ;)
Es ist der erste Teil der Thriller-Trilogie, und es geht darum, dass mehrere Forschungsprojekte es im Geheimen geschafft haben, ein Bio-Interface zu entwickeln, mit dem man Menschen über Mobilfunk miteinander vernetzen kann. Die Forscher in der Geschichte verstehen nach wie vor nicht, wie ein Gehirn genau funktioniert und was welche elektrischen Impulse an bestimmten Orten bedeuten oder hervorrufen, aber sie haben einfach ausprobiert, diese elektrischen Impulse abzugreifen und mit einem bioelektrischen Interface über Funk an derselben Stelle in ein zweites Gehirn einzuspeisen.
Innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich daraus eine Bewegung - die "Upgrader" bilden eine Kollektivintelligenz und planen, den Rest der Menschheit ebenfalls in ihr Netz aufzunehmen. Angedeutet wird in einem Nebensatz auch, dass die verschiedenen Forschergruppen in Konkurrenz stehen, aber das wird (im ersten Teil noch ...?) nicht weiter vertieft.
Die Idee ist nicht neu, man erinnert sich sofort an die Borg bei Star Trek, und auch bei Perry Rhodan gab es schon mehrere Begegnungen mit Kollektivintelligenzen, zum Einen natürlich die Superintelligenzen, die aus einzelnen Bewusstseinen entstanden sind (wie ES), zum Anderen aber auch Lebewesen unterhalb der SI-Stufe, die vernetzt sind, z.B. sehr schön beschrieben in einem PR-Taschenbuch.
Was allerdings im Gegensatz zu den Schilderungen bei Star Trek und PR neu ist, ist die Detailstufe, in der Andreas Eschbach beschreiben kann, wie sich die Vernetzung anfühlt. Als Thriller ist es natürlich entsprechend düster geschrieben und die Vernetzung wird aus Sicht der Außenstehenden als nicht wünschenswert geschildert. Trotzdem liest es sich unglaublich faszinierend, dass die Upgrader sich wie Bewohner der Wikipedia fühlen müssen - sie haben Zugriff auf alles Wissen aller anderen Vernetzten, und das umfasst mittlerweile natürlich alles, was irgendwie eine Schnittstelle zum Internet hat, auch Abhörfunktionen, Appliances usw., was als "Internet der Dinge" auch langsam in der realen Welt Fahrt aufnimmt (intelligente Stromzähler, Kühlschränke, die selbständig nachbestellen, Autos, Autopiloten in Flugzeugen usw.usf.).
Dabei gehen die Upgrader sehr gezielt und unauffällig vor. Die Gewöhnung ("Einschwingen") dauert nach Implantation des Interfaces etwa eine Woche, deshalb wurden bislang keine hochrangigen Politiker aufgenommen, sondern hauptsächlich Entscheider aus der zweiten und dritten Reihe, die man im Urlaub o.ä. "infiziert" hat. Es ist aber natürlich absehbar, wann auch "wichtige" Menschen wie Staatschefs gezielt aufgenommen werden.
Die Hauptperson ist ein genialer Computerhacker mit leicht autistischen Zügen, Christopher Kidd, dessen Eltern in das Netz aufgenommen wurden, und der sie befreien will. Er flieht aus der Zivilisation, als er erkennt, dass zunächst sein Vater und später auch seine Mutter assimiliert wurden, und nimmt Verbindung zu einer Gruppe von ebenfalls in die Natur geflüchteten Wissenschaftlern auf, weil das Netz mittlerweile auch Zugriff auf Überwachungskameras, Banktransaktionen etc. gewonnen hat und Telefongespräche abhören kann, weil ECHELON auch integriert wurde. Der Gruppe, die ihn aufnimmt, gehört auch einer der Entwickler des Bio-Interfaces an und sie planen, gegen die Kohärenz zu kämpfen. "Computer Kid" erhielt von seinem Vater ebenfalls einen Biochip implantiert, aber es scheint, dass der Chip gezielt manipuliert wurde; Kid kann ihn auf Gedankenbefehl abschalten und sich dadurch willentlich aus der Gemeinschaft ausklinken.
Anekdote am Rand: obwohl es ein deutsches Buch eines deutschen Autors ist, enthält es den typischen Übersetzungsfehler vom Englischen ins Deutsche: die Computerchips werden als "Silikon"-Chips bezeichnet, obwohl es natürlich Silizium heißen müsste (im Englischen gibt es "silicon" - Silizium und "silicone" - Silikon, und leider verbiegen es die meisten Übersetzer).
Ich habe bislang nur den ersten Teil gelesen, so dass noch keine großen Erkenntnisse über die "Kohärenz", d.h. die Gesamtheit der vernetzten Gehirne, bekannt sind. Interessant, aber befremdlich ist bislang, dass noch nicht absehbar ist, was das Ziel der Kohärenz ist, wenn alle Menschen aufgenommen wurden - abgesehen natürlich von den üblichen Wünschen wie Weltfrieden, Abrüstung, Umweltschutz und so weiter, was ziemlich plausibel klingt. Andererseits entfällt durch die Vernetzung jede Art von Privatsphäre, und die Upgrader konstatieren, dass es nicht mehr nötig ist, etwas vor den anderen zu verbergen. Ich verstehe auch nicht ganz, woher die Sachlichkeit kommt, mit der alle Entscheidungen der Kohärenz gefällt und durchgeführt werden. Bislang sind die Beschreibungen aller Handlungen absolut zielstrebig und logisch, ähnlich wie Spock oder die Aphiliker bei Perry Rhodan. Ich würde mir eher vorstellen, dass eine Summe von Gehirnen auch Gefühle haben und deshalb nicht alle Handlungen rational wären.
Die Funktionsweise der Kohärenz wird als "Gehirne im Gleichklang" beschrieben. Der Name stammt aus der Lasertechnik - Laserlicht ist so energiereich, weil alle Wellenbündel in derselben Polarisation und Phase schwingen, d.h. alle Wellenberge und -täler treten gleichzeitig und in derselben "Richtung" auf. Nach dem ersten Teil ist (für mich) immer noch völlig offen, ob sich tatsächlich eine Gemeinschaftsintelligenz bildet, die in Summe eine Willensbildung durchführen, oder ob es ein "Mastermind" gibt, das alle anderen beherrscht und die "Richtung" vorgibt.
Wie auch immer sich die Geschichte weiterentwickelt: die Gedankenspiele, die durch diese Idee beim Leser ausgelöst werden, rütteln an den Fundamenten unserer bisherigen Menschlichkeit: die Individualität, das Recht auf Privatsphäre, das Recht auf eigene Entscheidungen, das Recht, nicht von anderen dominiert zu werden, das Recht, eben auch falsche oder wenigstens irrationale Entscheidungen zu treffen. Vielleicht haben die ersten Upgrader tatsächlich bewusst die Entscheidung getroffen, sich zu vernetzen. Aber sie nehmen immer mehr Personen mit Zwang in ihre Gemeinschaft auf, die ihnen "nützlich" erscheinen, ob diese wollen oder nicht. An dieser Stelle kollidieren die rein sachlich erscheinende Entscheidung (aus Sicht der Upgrader) mit den Menschenrechten der zukünftigen Vernetzten.
Auf jeden Fall ist die Schwachstelle der Upgrader natürlich die Mobilfunktechnik und die Abhängigkeit von der Stromversorgung der Basisstationen und natürlich die Netzabdeckung - in einem gigantischen Flächenland wie USA noch eher als z.B. in Deutschland, wo man mittlerweile sogar in Dörfern wie meinem Wohnort LTE mit knapp 10 MBit/s. bekommen kann. Die Chips selbst sind autark und speisen sich aus der Bioelektrizität des menschlichen Körpers. Eschbach versucht das gar nicht weiter zu vertiefen, das ist einfach ein Fakt, ohne dass die Geschichte nicht so gut funktionieren würde.
Sehr unterhaltsam fand ich die Schilderung von verschiedenen kleinen Situationen aus der Sichtweise von zwei Personen: Kid und einer Helferin während der Vorbereitung eines Sabotageakts gegen eine Fabrik, in der die Biochips hergestellt werden, Serenity. Zwischen diesen beiden Jugendlichen wird sich in den Folgebänden möglicherweise etwas anbahnen, wer weiß?
Eine offensichtliche Lösung wäre also, auf jegliche Art von Vernetzung zu verzichten, z.B. "das Internet" abzuschalten, um die Kohärenz zu bekämpfen. Andererseits fallen die "Netzlosen" oder "Befreiten" in ein tagelanges Koma, was in vielen Fällen sicherlich zu gefährlichen Situationen, Unfällen, etc. führen könnte - und aufgrund der heutigen bestehenden Abhängigkeit vom "Netz" schon kaum machbar erscheint. In der Geschichte sind die Upgrader - noch - eine Untergrundbewegung, von der niemand weiß. Selbst die Gruppe, der sich Kid anschließt, hält seine Geschichte und die Konsequenzen für kaum glaubwürdig.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
27.10.2012
Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes - Ted Chiang (5 Kurzgeschichten) - Buchbesprechung
Vorneweg: da ich mich zu den Agnostikern und nicht zu den Gläubigen zähle, stehe ich einigen Inhalten der Kurzgeschichten sehr kritisch gegenüber. Stilistisch ist das Buch gut, aber mit den religiösen Anteilen konnte ich mich gar nicht anfreunden. Mir war beim Lesen der Empfehlung und vor dem Kauf nicht klar, wie intensiv der Autor den Glauben in seine Geschichten einbezieht. Ich muss aber dazusagen, dass keine der Geschichten irgendwie einen missionarischen Antrieb hat. Der Glaube bleibt sozusagen in der Geschichte, wenn man ihn nicht an sich 'ranlassen will ;)
Andererseits finde ich es sehr gut gelungen, wie schön fremdartig physikalische Konzepte unseres echten Universums in den Geschichten transponiert wurden, insbesondere in der ersten und in der letzten Geschichte. Alle Geschichten handeln davon, wie die Protagonisten ihre Welt erleben und wie sich teilweise im Ablauf ihr Weltbild ändert; manchmal nachvollziehbar für mich, manchmal nicht.
Trotzdem werde ich sicherlich nix mehr von diesem Autor lesen, ich bleibe bei der "Hard SF" mit nachvollziehbarer Physik, z.B. von Autoren wie Niven/Pournelle, Clarke, Asimov.
Nun aber zu den einzelnen Geschichten aus dem Buch:
Der Turmbau zu Babel
Was wäre, wenn der Turm von Babylon wirklich hätte zu Ende gebaut werden können? Wenn das damalige Weltbild mit dem "Gewölbe des Himmels" stimmte, und die Menschen einen Turm bis ans Gewölbe bauen (an Sonne, Mond und Sternen vorbei)? Und das Gewölbe durchstoßen wollen und können? Wenn über diesem Gewölbe wirklich die Wasser des Himmels gespeichert sind?
Eine recht schöne Geschichte, mit bildgewaltigen Worten sehr ansprechend und nachvollziehbar geschrieben. Die Infrastruktur für den Turmbau und der Ablauf, der im Durchstoßen des Gewölbes kulminiert, wird ausführlich und glaubwürdig erzählt. Das Weltbild dahinter ist eine biblische Variante der uns bekannten Krümmung von Raum und Zeit, dass sich nämlich "über" dem Himmelsgewölbe wieder der Erdboden anschließt. Dies erkennt der Protagonist der Geschichte dann als Hinweis, wie toll alles von Gott konstruiert ist.
Eigentlich gar nicht so religiös; nur der Unterbau entspringt der biblischen Geschichte vom Turmbau. In diesem Szenario allerdings darf der Turm fertiggestellt werden, es gibt keinen göttlichen Zorn, der alle Beteiligten entfremdet und zerstreut. Hier gibt es nur das Erkennen der göttlichen Perfektion durch die Geschlossenheit der Welt in sich.
Geschichte deines Lebens
Diese Geschichte hat mir noch am besten gefallen, sie ist gleichzeitig die am wenigsten religiöse und eher philosophisch geprägte. Sie handelt vom Besuch einer Raumflotte von fremdartigen Wesen, deren Schrift, Sprache und Weltbild gänzlich anders aufgebaut ist als unsere, nämlich holistisch -- ganzheitlich. Stilistisch ist die Geschichte eine geschachtelte Abfolge von neutralem Bericht über die (rein videofonische) Begegnung mit den Außerirdischen und einem Brief an die Tochter im Tagebuchstil. Da die Auflösung erst spät erfolgt, ist es am Anfang etwas merkwürdig, dass die Mutter an ihre Tochter schreibt und dabei auch vom Tod der Tochter spricht.
In der Geschichte selbst wird ein hübsches Beispiel über das holistische Weltbild gebracht: eine Hochzeitszeremonie muß von Anfang bis Ende stattfinden, damit sie realisiert wird. Der Pfarrer, das Brautpaar usw. müssen die gesamte Zeremonie "abarbeiten", damit sie wirklich verheiratet sind, auch wenn der gesamte Ablauf von vornherein feststeht. Das gesamte Weltbild der Außerirdischen basiert auf diesem Konzept: sie erfassen den Zeitablauf ganzheitlich, es gibt für sie keine Vergangenheit oder Zukunft, und weil die Zukunft so ist, wie sie ist, müssen sie sich so verhalten, dass diese Zukunft eintritt.
Für mich die faszinierendste Geschichte, weil die Protagonistin nach und nach die Konzepte von Schrift und Sprache der Fremden erlernt und daraufhin dasselbe Verständnis entwickelt. Der Nexus ist die Beobachtung, wie die Fremden ihre Gedanken schriftlich festhalten und sich dabei "ganzheitlich" das Schriftbild entwickelt.
Sie nimmt durch das Erlernen des fremden Weltbilds alles gleichzeitig wahr: die Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann, die Zeugung, Geburt, Trennung und das Aufwachsen der Tochter bis hin zu ihrem Tod durch einen Unfall. Obwohl sie alles gleichzeitig wahrnimmt, ist sie dazu gezwungen, so zu handeln, damit alles eintritt. Dieser Teil wirkt etwas unrealistisch: als ob man es erlernen könnte, in die Zukunft zu schauen, dabei aber die Fähigkeit verliert, darüber zu sprechen, und dann verdammt ist, genau diese Zukunft zu erleben und sogar dabei mitzuhelfen, damit sie stattfindet.
Was mich als Anhänger von Menschenrechten und freiem Willen natürlich extrem irritiert, ist die Gelassenheit, diese Unveränderlichkeit hinzunehmen und nicht einmal daran zu zweifeln oder es zu versuchen, ein zukünftiges Unglück zu verhindern.
Die Begegnung mit den Außerirdischen ist eigentlich nur ein Hilfsmittel. Man erfährt in der gesamten Geschichte nicht, warum sie eine lichtjahrweite Reise auf sich genommen haben. Nach dem Austausch von eigentlich belanglosen Geschenken wie einem Bild der Höhlenmalereien von Lacroix reisen sie wieder ab. Das ist eigentlich eher unbefriedigend.
Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes
Diese Geschichte hat mich am meisten angestrengt; beinah hätte ich das Buch während oder nach dem Lesen weggelegt. In der Welt, die hier beschrieben wird, gibt es einen Gott, Engel und die Hölle, genauso gibt es gefallene Engel. Die Engel manifestieren sich in Form von Naturkatastrophen. Eigentlich gibt es hier also keinen Glauben, sondern Wissen. Die Hölle ist einfach nur ein Aufenthaltsort für Seelen, es gibt keine Teufel oder Dämonen, die die Seelen dort quälen. Von dieser Geschichte hat das Buch seinen Titel: es gibt in der Hölle keine Möglichkeit, zu Gott zu finden. Was natürlich nur für gläubige Menschen eine Hölle darstellt ;)
Erstaunlicherweise können die Menschen sehen, ob eine Seele beim Tod in den Himmel oder in die Hölle gelangt. Berichte über Engelserscheinungen in den Nachrichten erwähnen ganz selbstverständlich den Namen des Engels. Die Manifestationen führen sowohl zu positiven als auch negativen Effekten bei den Menschen, Verletzungen, Tote genauso wie Wunderheilungen oder einfach nur körperliche Veränderungen. Manche Menschen werden dadurch gläubiger, andere fallen vom Glauben ab.
Die Hauptperson der Geschichte hat durch einen Unfall während einer Engelserscheinung die Ehefrau verloren und der Witwer versucht nun, seinen Glauben wiederzufinden oder wenigstens das Verständnis, warum seine Frau sterben musste. Er besucht Gottesdienste und andere Menschen, die von Engelserscheinungen gezeichnet wurden. Seine Verzweiflung wächst und er entwickelt einen Plan, zu seiner Frau in den Himmel zu gelangen, indem er während einer Manifestation stirbt. Selbstmord scheidet aus, weil analog zum katholischen Glauben Selbstmörder automatisch in der Hölle landen.
Das Ende ist absolut fragwürdig und unbefriedigend: er "verfolgt" eine Engelserscheinung und kommt dabei tatsächlich zu Tode. Obwohl er dadurch als "Sucher" die Erleuchtung findet, wird er während seines Aufstiegs in den Himmel zurück und in die Hölle gestoßen. Durch diese Abweisung wird er erst endgültig zum Gläubigen und empfindet die Hölle als Qual.
Das Ende der Geschichte empfinde ich als brutal und grausam; der real existierende Gott in dieser Welt gewährt dem Mann die Erleuchtung und er beginnt seinen Aufstieg in den Himmel, wo er seine Frau weiß. Quasi im letzten Moment an der sprichwörtlichen Himmelspforte wird er wieder zurückgewiesen und stürzt in die Hölle. Dort quält er sich selbst, weil er nun aufgrund der Erleuchtung seinen wahren Glauben gefunden hat und weiß, dass er nie wieder zu Gott finden wird, und zum Anderen ist er für den Rest der Ewigkeit von seiner Frau getrennt.
Das ist eine absolut deprimierende Geschichte und entspricht überhaupt nicht dem, was heutzutage das Selbstbild der Kirchen darstellt: die bedingungslose Liebe und Vergebung (sogar die katholische Kirche hat das Fegefeuer abgeschafft ...). Das entspricht dann doch eher dem rachsüchtigen Gott aus dem Alten Testament, oder?
Der Kaufmann am Portal des Alchemisten
Diese Geschichte hat mir neben der zweiten auch sehr gut gefallen: sie handelt von einem Zeitreisenden, der von einem Händler in Bagdad mehrere Geschichten über andere Zeitreisende in die Zukunft erzählt bekommt. Die Idee mit den "Geschichten in der Geschichte" kennt man natürlich aus "1001 Nacht", als Scheherazade um ihr Leben erzählt. Der Protagonist dieser Geschichte will nun selbst eine Zeitreise in die Vergangenheit antreten. Allerdings muss er für die Reise 20 Jahre in die Vergangenheit ein anderes Zeitportal in Kairo verwenden, weil das Portal in Bagdad nur Zeitreisen in die Zukunft ermöglicht. Er plant, seine früh verstorbene Frau noch einmal zu sehen, weil er bei ihrem Unfalltod abwesend war und sich deswegen seitdem Vorwürfe macht.
Die Geschichte philosophiert über die Unveränderlichkeit der Zukunft, was ich sehr merkwürdig finde, andererseits postuliert sie, dass man die Vergangenheit ändern kann. Die Zeitreisenden in den Geschichten in der Geschichte reisen in die Zukunft, treffen sich selber und lassen sich Ratschläge geben oder stehlen ihr eigenes Geld. Dadurch ergibt sich in der Vergangenheit genau die Situation, dass die bereiste Zukunft auch exakt so eintritt. Insofern ähnelt sie also der "Geschichte deines Lebens" weiter oben.
Von meinem Standpunkt als jahrelanger SF-Leser halte ich es allerdigs eher für plausibel, dass die Zukunft von unserem gegenwärtigen Handeln abhängt und man bei einer Zeitreise in die Zukunft nur in eine von vielen "möglichen" Zukünften reist. Ted Chiang geht überhaupt nicht darauf ein, dass einer der Zeitreisenden mit seiner Zukunft unzufrieden ist und deshalb wenigstens versucht, etwas zu ändern.
Sehr schön geschrieben, märchenhafter Stil, aus der Sicht des Zeitreisenden, der nicht mehr in seine Zukunft zurückkehren kann, weil er mittellos ist und deshalb nicht zurück von Bagdad nach Kairo kommt, und sich deshalb beim Herrscher im Bagdad der Vergangenheit als "Wahrsager" verdingen will, der die nächsten 20 Jahre der Zukunft aus seiner Erinnerung schon kennt.
Das Schöne an dieser Geschichte: er kommt durch Widrigkeiten der Reise zwar auch diesmal zu spät, um seine Frau noch lebend anzutreffen, aber er trifft eine Krankenschwester, die ihm die letzten Worte vor ihrem Tod überbringt, und findet dadurch seinen Frieden. Insofern die einzige Geschichte mit einer Andeutung von "Happy End" ;).
Ich geb's zu: "Happy End" ist wichtig für mich. Ich mag Geschichten mit einer knalligen Pointe, oder wenigstens Geschichten, die ein erkennbares Ende haben. Offene Enden hasse ich. Das war auch einer der Gründe, warum ich "The Long Earth" von Pratchett und Baxter gar nicht leiden kann.
Ausatmung
Für mich war dies die fremdartigste Geschichte aus dieser Sammlung. Allerdings erkennt man trotzdem einige der physikalischen Grundkonzepte unseres Weltbilds wieder, nämlich den unabänderlichen Wärmetod (bei uns, bedingt durch die Expansion des Universums, die Hubble festgestellt hat) bzw. den endgültigen Druckausgleich (in der Geschichte).Die Story in Ich-Form handelt von den Bewohnern einer Röhre oder Kuppel aus Chrom, die sich im Verlauf als eine Art Roboter herausstellen, die mit Hilfe von "Luft" oder "Argon" aus Druckflaschen leben und täglich die Druckflaschen wechseln müssen. Das Wechseln der Flaschen erinnert an römische Badehäuser, beides hat sowohl praktischen Nutzen als auch kulturelle und soziale Bedeutung.
Die Geschichte beginnt damit, dass festgestellt wird, dass mehrere mechanische Uhren unabhängig voneinander offensichtlich falsch gehen, obwohl keine Fehler festgestellt werden können. Allen Uhren gemeinsam ist aber, dass sie zu schnell laufen. Die Schlussfolgerung der Hauptperson ist, dass die Wahrnehmung der Zeit sich bei den Robotern geändert hat.
Eben dieser Bewohner der Welt ist Wissenschaftler und Lehrer an der dortigen Entsprechung unserer Universitäten und stellt Selbstversuche an, um herauszufinden, wie sein Gehirn, sein Bewusstsein und sein Gedächtnis funktionieren. Offensichtlich können diese "Roboter" keinen Schmerz empfinden: mit Hilfe einer ausgeklügelten optischen und mechanischen Anordnung kann er seinen Schädel "von hinten" öffnen und sezieren. Dabei baut er mechanische Module aus und verlagert sie mit Hilfe von Schläuchen nach außerhalb. Die mikromechanischen Fähigkeiten der Roboter sind offensichtlich sehr stark ausgeprägt, andererseits ist das Wissen über die eigene Physiologie (oder muss man sagen "Mechanologie"?) in etwa so ausgeprägt wie im Mittelalter, als noch die Sektion von Leichen verboten war.
Dabei erkennt der Wissenschaftler, dass nicht die "Hardware" des Gehirns das Bewußtsein darstellt, sondern die Luftströmungen, die sich zwischen den goldenen Blättchen seines Gehirns bilden. Dies ist vergleichbar mit der "Hardware" eines Computers und der "Intelligenz" in Form von Programmen, die von dieser Hardware ausgeführt werden, oder der "Hardware" in Form von Nervenzellen im menschlichen Gehirn und der "Intelligenz" in Form der Verschaltung dieser Nervenzellen (d.h. welche mit welchen anderen vernetzt sind).
Durch das permanente Konsumieren von Argon ("Luft") wird immer mehr davon freigesetzt und der Druck in der gesamten Welt erhöht sich. Dadurch verlangsamt sich das Denken und die Fähigkeit zur Wahrnehmung -- daher auch das subjektive Gefühl, dass die mechanischen Uhren zu schnell gelaufen sind.
Auf der Basis dieser Erkenntnisse stellen die Wissenschaftler dieser Welt fest, dass irgendwann alles Leben enden wird, wenn nämlich der finale Druckausgleich stattgefunden hat und alles Argon konsumiert ist. Auch hier wieder ein Anklang an unser Universum: bei den Robotern wird kurzfristig die Idee entwickelt, den Druck zu verringern, indem Argon entnommen und wieder in Behältern komprimiert wird. Problem dabei: der Kompressor muss ja ebenfalls angetrieben werden. Es gibt also weder hier noch dort ein Perpetuum Mobile (dessen Unmöglichkeit bei uns sofort durch die Entropiesätze folgt).
Unbefriedigend auch hier in dieser Geschichte wieder, dass der Ursprung der Roboter und die Entstehung der Lebensgrundlage, d.h. der Füllung der Druckflaschen, weder vom Erzähler noch in einer Meta-Geschichte verarbeitet wird. Auch das "außerhalb" der Chromkuppel wird zwar angedeutet, aber die Roboter haben keine Motivation, die Kuppel zu durchstoßen, um dort nach Lösungen zu suchen. Auch die Entstehung und Lebensgrundlage der Roboter ist kein Thema: es wird zwar kurz angedeutet, dass gelegentlich Unfälle passieren, aber der Leser erfährt nicht, ob und wie neue Roboter entstehen (nicht, dass ich hier einen Roboter-Porno fordern will ...).
Also auch hier wieder kein "Happy End", sondern die Erkenntnis, dass Roboter auch nur Menschen sind. Dort das Ende des Universums durch Druckausgleich, bei uns durch die Entropie, wenn alles schön gleichmäßig verteilt ist.
Dazu passend noch der Hinweis auf einen sehr schönen Comic von xkcd: wenn Hubble einen Außenspiegel mit der (in den USA obligatorischen) Beschriftung hätte. Über den muss man mal einen Moment lang nachdenken ;).
Und auch der Querverweis zu Sir Terry darf nicht fehlen: In "Thief of time" wird ebenfalls die Blau- und Rotverschiebung beim sehr schnellen Reisen angedeutet ;). Ich verwechsle nur immer, welche Farbe vor und welche hinter dem Reisenden sein muss ;)