23.04.2014

Herr aller Dinge - Andreas Eschbach - Buchbesprechung

Und schon wieder eine Buchbesprechung, und schon wieder Andreas Eschbach? Ja, wirklich. Ich habe mir letztens wieder einen Schwung Bücher geleistet, und nachdem ich von "Blackout" schon ziemlich begeistert war, hatte ich gleich den Elan, das nächste anzugehen.

Eins vornweg: "Herr aller Dinge" ist mit eine der besten Geschichten, die Eschbach geschrieben hat. Es ist lang, aber von vorn bis hinten kein bißchen langweilig. Wahnsinn!

Das Buch erzählt eigentlich gleich zwei Geschichten in einem Buch: die des Jungen Hiroshi Kato, der sich schon als Kind für Robotik interessiert, und die des Mädchens Charlotte Malroux, die Faszination für alte Gegenstände empfindet und versucht, alles Alte zu berühren und zu "erfühlen".

Ähnlich wie bei Harry und Sally, einem meiner absoluten Lieblingsfilme, ist dies eine lange, eigentlich unerfüllte Liebesgeschichte. Die beiden begegnen sich auf wundersame Weise immer wieder an unerwarteten Stellen des Globus.

Zunächst treffen sich die beiden als Kinder in Japan; Hiroshis Mutter ist Wäscherin in der französischen Botschaft, Charlotte ist die Tochter des Botschafters. Diese finanzielle Ungleichheit hinterlässt schon im knapp zehnjährigen Hiroshi das Ziel, es den Menschen zu ermöglichen, ohne Zwänge zu leben und das zu tun, was sie möchten, und nicht irgendetwas zu müssen.

Eigentlich ist Hiroshi die Hauptperson, aber ich persönlich finde Charlotte durch ihre übersinnlichen Fähigkeiten wesentlich faszinierender. Sie kann beim Anfassen von Gegenständen deren Geschichte erfassen und erfahren. Beim Besuch eines Shinto-Schreins mit Hiroshi zusammen berührt sie ein schwarzes Obsidianmesser und hat dadurch eine Ahnung, dass es vor Millionen von Jahren schon einmal eine Menschheit auf der Erde gegeben hat. Zu diesem Messer gibt es übrigens eine zusätzliche ebook-Geschichte, die allerdings nicht besonders spannend ist. Ich hatte von dieser Geschichte etwas über die Vorgeschichte und den früheren Besitzer zu erfahren, stattdessen ist es eine Geschichte über einen Menschen ähnlich wie Charlotte, der eine Art Lustgefühl beim Berühren alter Gegenstände empfindet. Außerdem endet diese Kurzgeschichte eher traurig und hinterlässt ein komisches, unvollständiges Gefühl.

Später treffen sie sich als Studenten in Boston am M.I.T. wieder, wo Hiroshi an Roboteralgorithmen zur räumlichen Orientierung arbeitet, und Charlotte Paläoanthropologie studiert, die Wissenschaft der Forschung über Menschheitsgeschichte in frühester Zeit. Jeder von ihnen ist mit einem Partner liiert, aber nicht wirklich glücklich in der Beziehung, und im Grunde wissen auch beide, dass sie füreinander empfinden, aber es ist kein Platz für ein Happy-End.

Es gibt noch mehrere weitere Begegnungen, während Hiroshi zunächst an realen, mechanischen Robotern forscht, finanziert durch eine private, chinesische Firma. Diese Experimente scheitern an mechanischen Ungenauigkeiten, und er kommt auf die Idee, winzige Nano-Roboter zu bauen, die einzelne Atome manipulieren können. Er zieht sich auf ein einsames Anwesen zurück und lässt dort Computer Simulationen rechnen, die auch erfolgreich sind, bis auf das Henne-Ei-Problem: er könnte sich selbst reproduzierende Nano-Roboter bauen, wenn er einen ersten solchen Roboter hätte, aber er weiß nicht, wie er dieses erste Exemplar bauen soll.

Charlotte forscht derzeit auf einer russischen Insel im Polarmeer und dort entdeckt ihre Forschergruppe etwas, was sie zunächst für außerirdische robotische Überreste halten.

Mehr zu verraten würde den Spaß an der wirklich großen, genialen und schrecklichen Pointe dieses Buches verderben. Aber einen kleinen Tipp kann ich mir dann doch nicht verkneifen: Perry-Rhodan-Leser werden mit der Idee vertraut sein, was nicht ganz zufällig kommen könnte ;), aber Eschbach hat es dann doch ganz anders umgesetzt.

Das ganze Buch hindurch zieht sich wie ein roter Faden, dass Hiroshi Charlotte liebt und ihr beweisen will, dass mechanische Helfer das ideale Werkzeug wären, um die Menschheit sorgenfrei ohne Geld leben zu lassen - wenn perfektes Recycling möglich wäre, sogar umweltfreundlicher als heutzutage. Wenn jeder auf Knopfdruck alles haben kann, was er benötigt oder sich wünscht, entfällt völlig das Besitzdenken und die Notwendigkeit von Geld als Tauschmittel.

Dieser Gedanke ist eine logische Fortsetzung der Gedankengänge aus "Eine Billion Dollar", in dem der Protagonist nach längerem Nachdenken und Erleben feststellt, dass das heutige Geld- und Zinssystem ein schweres, grundsätzliches Konstruktionsproblem hat, quasi ein immerwährendes Schneeballsystem, bei dem "Wachstum" durch die immer mehr steigende Zinslast erzwungen wird.

"Herr aller Dinge" geht auch darauf ein, woran diese visionäre Idee scheitern könnte: es gibt immer Menschen, die sich nicht über ihre eigene Leistung definieren, sondern darüber, dass sie Macht über andere Menschen haben - Charlottes Ex-Freund James in Boston ist ein typischer Vertreter des "Geldadels", der sich Gedanken darüber macht, dass er keine Diener mehr wird haben können, wenn sie nicht mehr darauf angewiesen wären, wegen Geld für ihn zu arbeiten.

Es ist keine Liebesgeschichte, die beschrieben wird, aber man spürt bei jeder Begegnung zwischen Hiroshi und Charlotte, dass es eigentlich so sein sollte; und trotzdem kann Eschbach ganz wunderbar beschreiben, warum es dann bei dieser Gelegenheit doch wieder nicht "geklappt" hat, und es ist so nachvollziehbar, dass man eigentlich kein Bedauern empfinden kann, weil die Geschichte sich weiter entwickelt.

Obwohl Hiroshi zum Schluss des Buches etwas unglaublich Tolles für die Menschheit leistet und ein Geschenk bauen lässt, das jeder mit nur ein bißchen Fähigkeit zum Träumen sich gewünscht hat, wird er zum Gejagten aller Nationen, weil sie Angst vor seiner Macht haben.

Eine Alternative wäre gewesen, dass er mit einem der gespeicherten Baupläne ein weltraumtaugliches Transportmittel bauen lässt und selbst zum Habitat fliegt, um dort zu leben oder weiterzuziehen. Ich kann mir vorstellen, dass die Naniten neben Atmosphärenfliegern auch Raumfahrzeuge im Angebot haben. Andererseits ist der Schlusspunkt der Geschichte auch so, wie es Eschbach festgelegt hat, in sich logisch und nachvollziehbar.

Das Wunderbare an Eschbachs Büchern ist die Genauigkeit, mit der sowohl die Personen, ihre Gedanken, Gefühle und Entscheidungen als auch die technischen Grundlagen seiner Idee beschrieben werden. Die gesamte Geschichte klingt von vorn bis hinten vollkommen plausibel und sogar heute schon machbar, bis auf den einen kleinen SF-Kniff, um das oben schon erwähnte Henne-Ei-Problem zu lösen. Daneben findet man viele kleine Bonbons, die das Lesen zum Vergnügen machen.

Dieses Buch hat mir von vorn bis hinten Spaß gemacht und ich konnte es kaum noch weglegen, und genau wie "Solar Station" werde ich es in einiger Zeit sicherlich nochmals lesen. Im Gegensatz zu "Eine Billion Dollar" ist das Ende der Geschichte in sich schlüssig, wirkt nicht künstlich und nicht zu abrupt herbeigeschrieben. Die Geschichte plätschert eine ganze Zeitlang angenehm dahin, und nimmt etwa in der zweiten Hälfte mächtig Fahrt auf.

Es ist kein Happy-End wie bei "Harry und Sally"; ich verrate nicht allzuviel mit dem Hinweis, dass Charlotte und Hiroshi am Ende nicht heiraten und "glücklich leben bis ans Ende ihrer Tage". Trotz dieses "unhappy" Endes war ich nicht unzufrieden, sondern im Gegenteil war es durchaus absolut nachvollziehbar, was passiert und warum Hiroshi genau diese Entscheidung trifft.