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10.09.2022

Das Wörterbuch der Querdenker - Leserbrief

[veröffentlicht am 10.09.2022]

[Update: Altmaier ist CDU, nicht CSU]

Herr B. hat keinen Leserbrief geschrieben, sondern ein Wörterbuch der Querdenker. Darin ist nun wirklich alles enthalten, was im Moment die rechte Volksseele zum Kochen bringt - die Essenz aller Verschwörungstheorien von Telegram. “woke”, “cancel culture”, “Freiheit”, “Eliten”, und natürlich darf “Winnetou” auch nicht fehlen.

Genau wie andere Kommentatoren in der WZ vom 29.08. zeigt er, dass man viel Meinung haben kann, selbst wenn es dazu keine oder kaum Fakten gibt.

Die ARD hat die Filmrechte 2020 nicht verlängert, weil die Einschaltquoten zu schlecht waren. Sofort danach hat das ZDF zugegriffen und sich die Rechte gesichert. Zumindest bei den Filmen hat sich der Vorwurf “cancel culture” also schon mal erledigt.

Der Verlag hat das Buch zum Film “Der junge Winnetou” zurückgezogen und begründet dies mit “negativen Rückmeldungen” wegen (u.a.) “kultureller Aneignung” (z.B. deutsche Schauspieler im Film). Dazu kann man sich eine differenzierte eigene Meinung bilden oder mit dem Holzhammer aus dem Wörterbuch der Querdenker sofort “cancel culture” schreien. Die “negativen Rückmeldungen” kamen übrigens vom Testpublikum, Journalisten und Historikern, noch vor der Veröffentlichung des Films. Trotzdem gab es keinen “Zwang”, das Buch zurückzuziehen.

Eine genaue Analyse des im Wesentlichen von der “Bild”-Zeitung initiierten angeblichen “Shitstorms” findet sich z.B. hier. Spoiler: es gab gar keinen Shitstorm gegen den Verlag, bevor die “Bild”-Zeitung ihn losgetreten hat. Zitat: “Absahnen tut vor allem der Springer-Verlag. Die Datenanalyse zeigt, dass das Thema massiv von „klassischen“ Medien getrieben wird, also von Tageszeitungen, News-Portalen, Nachrichtenagenturen und Online-Medien, in denen ausgebildete Journalisten sitzen.”. Fazit: es geht nur um’s Geld durch Aufmerksamkeit (Klicks und Werbung) und überhaupt kein bisschen um das eigentliche Thema.

Man mag Karl May mögen oder nicht, aber eine 140 Jahre alte Buchreihe voller Stereotypen und Klischees über “gute” und “böse” Indigene sollte man heutzutage nicht mehr verherrlichen, nur weil man es als Jugendlicher unreflektiert konsumiert hat und immer noch “im Bücherregal stehen” hat. Die Bücher und die Filme der 60er Jahre sind nur sehr lose verbunden, die Filme wurden sehr “frei” nach Karl May gedreht.

In seinem Rundumschlag vergisst Hr. B. auch nicht zu erwähnen, dass der “Sozialismus” im Prinzip an allem schuld ist. Westdeutschland hat sich als Staat mit “Sozialer Marktwirtschaft” gegründet, aber die letzten 40 Jahre hat fast nur die rechtskonservative CDU (mit-)regiert - also im Westen wenig Sozialismus, und die kurze Zeit Schröders war eine Sternstunde des Neoliberalismus. Traurig, dass er die Ironie nicht erkennt, wenn er den Staat der ehemaligen DDR bejubelt und sich dabei nicht bewusst ist, dass die DDR gemäß ihrer eigenen Verfassung formell ein sozialistischer Staat war.

Die Energiewende hat im Wesentlichen Altmaier (CSUCDU) vermurkst, als er das bis dahin passable EEG von 2012 an so kaputt reformierte, dass in der deutschen Industrie für Windkraft und Solar zusammen über 120.000 Arbeitsplätze verloren gingen (zum Vergleich: die Kohleindustrie hatte und hat um die 25.000 Arbeitsplätze). Jetzt die neun Monate alte Ampelregierung für Versäumnisse der letzten 20 Jahre verantwortlich zu machen, ist reichlich unterkomplex - wobei mich das bei Querdenkern auch eher wenig wundert. Hier werden gern einfache Erklärungen für schwierige Themen gesucht, Hauptsache, sie klingen gut, selbst wenn sie noch so falsch sind.

Mein Fazit: Medienkompetenz sollte nicht nur in der Schule als Querschnittsthema in allen Fächern sinnvoll gelehrt werden. Auch die Welt der Erwachsenen, die die Schule länger hinter sich haben, hat hier deutlichen Nachholbedarf bei der Bewertung von Themen, die von interessierten Gruppen hochgepeitscht werden.

22.02.2022

"Ich beuge mich nicht" - Leserbrief

In der WZ am 18.02.22 ist ein Leserbrief als Antwort auf meinen Leserbrief über "Verachtung für die Demokratie" abgedruckt worden. Am 01.03. wurde dies als Antwort darauf abgedruckt.

Hr. B. zeigt absolut eindrucksvoll, dass er nichts verstanden hat und weiter in seiner schlichten Welt der Querdenker lebt und dort bleiben will.

Er hat mit seinem Leserbrief exakt das bewiesen und bestätigt, was ich schrieb: die Impfgegner suchen sich aus den Rechten und Pflichten eines Bürgers unserer Demokratie genau die Regeln heraus, die ihnen in den Kram passen, und den Rest ignorieren sie, weil das ja "ihr Recht" ist, sich frei zu entfalten. Das wichtigste für Impfgegner ist der Egoismus, nur für sich selbst zu entscheiden und zu leben.

Hr. B. zitiert Art. 8 unseres Grundgesetzes und betont, dass die "Spaziergänge" konform sind mit dem Recht auf Versammlungsfreiheit. Dummerweise oder vielleicht auch ganz gezielt unterschlägt er dabei den zweiten Satz dieses Artikels: "Versammlungen im Freien müssen angemeldet werden".

Diese selektive Wahrnehmung der Realität zieht sich durch das gesamte Verhalten der Impfgegner: wenn ihnen Gesetze nutzen, werden sie lauthals eingefordert. Wenn sie nicht erwünscht sind, werden sie als "Zwangsmaßnahme" genauso lauthals abgelehnt. Hr. B. vergisst nur die Kleinigkeit, das eine demokratische Gemeinschaft nur funktionieren kann, wenn man nicht nur die Rechte nutzt, sondern auch solidarisch die Pflichten befolgt, die sich aus den gewährten Freiheiten ergeben. Die Freiheit des Einen findet ihre Grenzen in der Freiheit der Anderen. Und auch aus meinem vorherigen Leserbrief hat er nur das herausgelesen, was ihn stört, damit er es kritisieren kann. Fakten interessieren nicht.

Der "verdammte Impfstoff" wurde mehr als zehn Milliarden Mal gegeben. Die WHO untersucht derzeit um die 80 Verdachtsfälle von Menschen, die vielleicht aufgrund der Impfung verstorben sind. Noch nie in der Geschichte gab es in so kurzer Zeit so viele gesammelte Daten über ein Medikament - deshalb fallen auch extrem seltene Nebenwirkungen tatsächlich so schnell auf. Traurig nur, dass so viele Menschen versuchen, Kausalitäten zu finden, wo keine sind, und fabulieren sich aus zufälligen Ereignissen eine Verbindung zurecht zwischen Krankheiten und der kurz zuvor erfolgten Impfung.

An der Herstellung von mRNA-Medikamenten und -Impfstoffen wird seit 30 Jahren geforscht, leider über sehr lange Zeit hinweg mit wenig Budget, als Heilmittel z.B. für Krebs. Eine leicht verständliche Beschreibung findet sich hier beim Heise-Verlag. Die Pandemie hat hier weltweit so viel Geld locker gemacht, dass innerhalb von wenigen Monaten tatsächlich wirksame Impfstoffe hergestellt werden konnten. Das ist eine unglaubliche und wunderbare wissenschaftliche Leistung! Biontech fertigt nun mobile Herstellungscontainer an, die z.B. nach Afrika geliefert werden können, wo mehr als 50 Staaten nach wie vor massiv unterversorgt sind.