11.06.2019

Gastbeitrag: Journalistische Verantwortung

Die WZ lehnt gelegentlich Leserbriefe ab. Nach eigenen Angaben geschieht dies, wenn sich zwei Leserbriefschreiber nur noch gegenseitig die Bälle zuschieben. Es soll aber auch schon vorgekommen sein, dass Leserbriefe unerwünscht waren, weil sie an der Geschäftspolitik der WZ kratzen.

Mein geschätzter Kollege Volkmar Heitmann hat einen Leserbrief an die WZ geschrieben und darauf hingewiesen, dass doch bitte Leserbriefe nicht mehr gedruckt werden sollen, die z.B. den Klimawandel leugnen und dies mit vorgetäuschter Autorität eines Professorentitels unterstreichen.

Hier ist der abgelehnte Leserbrief in voller Länge:

Todbringende Lügen
Ja, wir haben Meinungsfreiheit. Und das finde ich richtig gut. Allerdings haben alle unsere Rechte da ihre Grenze, wo die Rechte Anderer beeinträchtigt werden. So hat auch die Meinungsfreiheit Ihre Grenzen, nämlich bei Beleidigung, Betrug und Volksverhetzung. Dazu hat man kein Recht, es ist dann eine Straftat. Lügen ist zwar grundsätzlich erlaubt, aber nur, solange keinem Anderen Schaden zugefügt wird. Das Leugnen der menschenverursachten Klimakatastrophe ist zuerst mal nur eine große Dummheit. Eine so große Dummheit, dass ein Straftatbestand schon mangels geistiger Reife nicht zum Tragen kommt. Das Leugnen des anthropogenen Klimawandels hat in etwa die gleich intellektuelle Qualität wie die Behauptung „Die Erde ist eine Scheibe“.
Im Meinungstreff der WZ aber treten Klimawandelleugner auf, die beispielsweise einen Professoren-Titel der Technischen Hochschule Mittelhessen tragen und als wissenschaftliche Experten für das Klima auftreten. Das wirft nicht nur ein ziemlich schlechtes Licht auf die Lehrqualität an der THM, es überschreitet aus meiner Sicht auch die Grenze zur Straftat: Hier wird gelogen, um die Leser der WZ davon abzuhalten, die Klimakatastrophe zu verhindern. Da die Klimakatstrophe mehrere Hundert Millionen Menschenleben bedroht, sehe ich solche Lügen nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt. Es ist schlichtweg eine todbringende Lüge, wenn der anthropogene Klimawandel mit vorgeblicher Wissenschaftlichkeit und der Autorität eines Professoren-Titels „widerlegt“ wird. Es ist schlichtweg eine todbringende Lüge, wenn beispielsweise einzelne Veröffentlichungen, die von den Autoren selbst oder von Fachkolleginnen und -kollegen längst revidiert wurden, als Gegenbeweis gegen den anthropogenen Klimawandel in Stellung gebracht werden. Liebe Leute, hier hört der Spaß auf!
Wissenschaft ist kein Wunschkonzert. Auch ist Wissenschaft nicht demokratisch in der Hinsicht, dass die Mehrheits-MEINUNG ausschlaggebend ist. Ausschlaggebend ist kein „Mainstream“, sondern die Mehrheit der wissenschaftlichen BELEGE. Und die wissenschaftlichen Belege zeigen mit überwältigender Mehrheit, dass die sich anbahnende Klimakatastrophe vom Menschen verursacht wurde. Damit aber kann sie auch vom Mensch aufgehalten werden. Wenn wir es denn wollen. Deutschland steht zwar „nur“ an 6. Stelle der aktuellen Hauptverursacher. Allerdings haben wir einen großen Teil der CO2-Produktion nach China und in andere Regionen der Welt ausgelagert, indem wir unsere Produkte dort herstellen lassen. Das dort erzeugte CO2 müssten wir also eigentlich unser eigenen Menge zuschlagen. Und wenn wir dann noch die gesamte CO2-Menge betrachten, die Deutschland seit Beginn der Industrialisierung in die Atmosphäre gepustet hat, haben die Länder in Asien und Afrika noch einiges gut. Deutschland und seine europäischen Nachbarn sind und bleiben im Spitzenfeld der Katastrophenverursacher. Und sind damit auch in erster Linie dafür verantwortlich, die Katastrophe so weit wie möglich abzuwenden.
Auch die WZ darf sich nicht hinter einer vermeintlichen Meinungsfreiheit verstecken. Die Redakteurinnen und Redakteure der WZ hatten genügend Zeit und Gelegenheit, sich die notwendigen Kompetenzen hinsichtlich des anthropogenen Klimawandels anzueignen. Die Pflicht dazu hatten sie allemal, allein schon wegen der Wichtigkeit und Dringlichkeit des Themas. Lügen, die Menschenleben gefährden, sollten ein Ausschlusskriterium für den Meinungstreff sein. Statt dessen aber veröffentlicht die WZ sogar immer wieder redaktionelle Beiträge, die eine umfassende Energiewende ausbremsen. Ein Beispiel ist die folgende Meldung vom 5. April: „Windkraftanlagen töten im Sommer Milliarden Insekten“. Eine reißerische Überschrift ohne Fragezeichen. Deren Blödsinn wird dann zwar im Laufe des Textes etwas relativiert. Seriosität aber sieht anders aus. Solche Meldungen gibt es von Russia Today kostenlos. Warum also noch Geld für die WZ ausgeben? Die Familie Rempel, die inzwischen die hessische Zeitungslandschaft dominiert, sollte sich langsam ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen.“