Leserbrief zur Glosse Hr. Gillies, 23.12.2014
Herr Gillies schreibt über die "Hacker", die Webseiten und andere öffentlich erreichbare Dienste im Internet angreifen.
Zu diesen Diensten gehören leider seit langem auch Einrichtungen der Infrastruktur wie Kraftwerke, Industrieanlagen usw.
Gerade bei solchen Einrichtungen ist es sträfliche Dummheit, sie schlecht gesichert im Internet öffentlich erreichbar zu machen.
Und auch "normale" Webseiten werden gern angegriffen. Bei *diesem* Hacken geht es meistens um Erpressung ("ich lege Deine Seite lahm, und Du machst kein Geschäft mehr") oder um das verdeckte Einschleusen von Infektionsprogrammen, die dann beim Empfänger Viren und Trojaner installieren. Eine andere Form von Hacken versucht gezielt, interessante Opfer auszumachen ("spear fishing") und dann von *innen* Spionage zu betreiben. Dazu zählen auch bösartig veränderte USB-Sticks ("Bad USB", z.b. in c't 18/2014, S. 44).
Es wäre aber ein Fehler, allein auf die "bösen Hacker" zu schimpfen.
Was meiner Meinung nach viel stärker dazu beiträgt, dass das Internet unsicher ist, sind die diversen Geheimdienste, die Verschlüsselungsalgorithmen unterwandern und durch gezielte Manipulationen Standards verschlechtern, um sich selbst das "Hacken" zu erleichtern.
Genauso trägt dazu bei, dass die Geheimdienste, u.a. auch der BND, angekündigt haben, von "Hackerfirmen" wie Vupen bislang unveröffentlichte Sicherheitslücken zu kaufen, um einen Informationsvorsprung beim eigenen Hacken zu erlangen. Sicherheitslücken müssen so schnell wie möglich an den Hersteller der Software gemeldet werden und dürfen nicht zur Handelsware werden.
Diese Verhaltensweise ist genau das Gegenteil von verantwortungsvollem Handeln zur Sicherheit aller im Netz. Wenn der Geheimdienst eine Sicherheitslücke kennt, heißt das nämlich auch, dass Bösewichte diese Lücken genauso kaufen oder sogar selbst herausfinden können. Schließlich ist der Verkauf durch solche gewissenlosen Firmen nicht exklusiv. Wer Geld hat - und das haben Geheimdienste!, der hat einen Wissensvorsprung.
Abgesehen davon: wer glaubt denn ernsthaft, dass ausländische Geheimdienste wirklich zu den "Guten" gehören? Wer an der Quelle der Informationen sitzt (wie z.B. am Frankfurter Internetknoten DE-CIX), wird schwerlich zum Nachteil der eigenen Industrie Geheimnisse für sich behalten, sondern sie auf dem kurzen Dienstweg in die Heimat weitermelden. Das Abhören des Kanzlerhandys, das Ausspähen der Klimakonferenz in Kopenhagen, und sogar das Ausspähen der PCs von Mitgliedern des amerikanischen CIA-Untersuchungsausschusses sprechen Bände.
* Android * Linux * Terry Pratchett * Science Fiction * Fantasy * Bücher * Politik * Die Wetterau * Berstadt
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06.01.2015
Staatliche Hacker machen das Internet unsicher
Gelegentlich berichtet die Wetterauer Zeitung doch tatsächlich noch über Abhören und Hacken. Die Tendenz ist uneinheitlich, in manchen Glossen wird das Abhören kritisiert, generell klingt es für mich nach "kann man eh nix dran ändern" und "es geht um Terrorismus" bis hin zu "denkt doch an die Kinder". Letzte Woche war mal wieder eine etwas verwirrte Veröffentlichung, auf die ich einen Leserbrief schrieb:
19.08.2014
SSL-Verschlüsselung und die Vertrauenswürdigkeit
In letzter Zeit wird immer so viel über die Abhöraffäre gesprochen. Manche, insbesondere Politiker, sagen dann immer gern, man müsse sich selber schützen. Das mag natürlich Ablenkung sein, weil sie es sich nicht mit den USA verderben wollen, kann aber auch genausogut das völlige Fehlen von Sachkenntnis bedeuten. Wer weiß das schon so genau bei Politikern.
Zwei Dinge kann man natürlich aus dieser heißen Luft trotzdem mitnehmen: wer aus Prinzip verschlüsselt, macht es den Geheimdiensten schwerer - die Masse macht's. Und man fällt auf und ist damit automatisch verdächtig. Das kann sich jetzt jeder selbst überlegen.
Wie man Emailverschlüsselung einrichtet, wird übrigens hier ganz gut erklärt (am Beispiel von Thunderbird in Windows, das Grundprinzip ist aber bei Mac und Linux fast identisch), und ich hatte das vor einiger Zeit auch schon mal beschrieben.
Was genau passiert nun bei Verschlüsselung, und wie funktioniert Abhören?
Normalerweise nimmt man einen Browser oder ein Emailprogramm und der Computer zuhause - der Client - baut eine Verbindung zu einem anderen Computer auf, dem sogenannten Server, der eine Dienstleistung anbietet, sei das nun WWW oder Email oder Chat oder etwas ganz anderes; für unsere Betrachtungen ist das vollkommen unerheblich.
Ich will jetzt auch gar nicht so ganz im Detail darauf eingehen, wie diese Verbindung funktioniert, aber das OSI-Schichtenmodell spielt dabei eine Rolle, und die üblichen Verbindungen laufen über das TCP-Protokoll im TCP/IP. Wer tiefer Bescheid wissen will, möge den Links folgen.
Bei unverschlüsselten Verbindungen fragt der Client den Server im Klartext, und die Antwort des Servers darauf erfolgt ebenfalls im Klartext. Hier ist es natürlich vollkommen problemlos, den kompletten Inhalt in beiden Richtungen abzuhören, wenn man sich an einer der Knotenstellen dazwischen einklinken kann - Geheimdienste machen das gern am DE-CIX in Frankfurt, da trifft sich so gut wie alles, was Rang und Namen hat ... Die Bundesregierung verweigert übrigens die Antwort auf die Frage, ob deutsche Geheimdienste ebenfalls am DE-CIX abhören. Allein diese Weigerung finde ich schon sehr bezeichnend.
Man erzeugt ein Duplikat des Datenstroms, und schon mit billigen Sniffer-Werkzeugen wie Wireshark kann man gezielt herausfiltern, dass man an einer bestimmten Verbindung des Typs "T" von "A" nach "B" interessiert ist (T=email, A=Thomas, B=pop.gmx.net).
Gut, das wollen wir natürlich nicht (ich zumindest), und deswegen wollen wir es dem Lauscher an der Wand etwas schwieriger machen, und schalten TLS ein. Was bedeutet das technisch? Zunächst einmal bedeutet es, dass wir den modernen neuen Namen verwenden. Früher hieß das nämlich noch SSL, und von diesem Namen stammt auch das "s" für "secure" in den URLs, wie z.B. https://www.ccc.de.
TLS ist eine Sammlung von Methoden und Protokollen, mit denen man ver- und entschlüsseln kann, sowie Prüfsummen nach allen möglichen Standards berechnen kann. Es gibt mehrere Softwarepakete, die TLS bzw. SSL anbieten, darunter das am häufigsten verwendete OpenSSL oder auch GnuTLS.
Das Tolle an TLS ist, dass man die Ver- und Entschlüsselung mit unterschiedlichen Codes durchführen kann (asymmetrische Verschlüsselung). Der Code zum Verschlüsseln kann ruhig bekannt werden; deshalb wird er auch "öffentlicher Schlüssel" genannt. Selbst wenn man ihn besitzt, kann man einen verschlüsselten Text damit nicht wieder lesbar machen. Nur wenn man den dazugehörigen "privaten Schlüssel" besitzt, kann man den Text dechiffrieren. Ein bekanntes Verfahren heißt RSA und wurde nach den Entwicklern Rivest, Shamir, Adleman benannt.
Das asymmetrische Prinzip mit der Aufteilung in einen öffentlichen und einen geheimen Schlüssel hat zwei besondere Eigenschaften, die beide sehr nützlich sind und verwendet werden. Zum Einen kann man mit dem öffentlichen Schlüssel etwas unlesbar machen und nur der Empfänger kann es mit seinem geheimen Schlüssel wieder lesbar machen. Nicht einmal der Absender kann die Verschlüsselung rückgängig machen! Zum Anderen kann der Besitzer des geheimen Schlüssels eine elektronische Unterschrift (Signatur) erzeugen, und jeder kann mit dem öffentlichen Schlüssel prüfen, ob die Unterschrift korrekt ist.
Beim ersten Verbindungsaufbau sendet der Client eine Anfrage, ob der Server Verschlüsselung unterstützt. Falls ja, bietet er eine Liste von Verschlüsselungsverfahren an und sendet auch gleich seinen öffentlichen Schlüssel mit (in Wahrheit ist es etwas komplizierter, aber das ist das Prinzip). Mit diesem öffentlichen Schlüssel kann also der Client schon mal chiffrierten Text an den Server schicken, und nur der Server kann ihn wieder lesbar machen.
Soweit, so cool ... aber wie geht der Rückweg?
Im Prinzip funktioniert der Weg der Serverantworten genauso, nur andersrum ;).
Der Client und der Server einigen sich auf ein bestimmtes Verschlüsselungsverfahren (z.B. AES) und tauschen beim Verbindungsaufbau einen geheimen Schlüssel aus, der nur für diese eine Verbindung verwendet wird. Diesen etwas komplizierten, umständlichen Weg geht man, weil das asymmetrische Verfahren sehr rechenaufwändig ist. Man setzt es deshalb nur einmal ein, um einen zufällig gewählten Code für ein schnelleres, typischerweise symmetrisches Verfahren auszutauschen.
Soweit, so cool ... aber woher weiß ich, dass der Server wirklich die Maschine ist, die ich ansprechen will und nicht eine andere Kiste, vielleicht wurde ich sogar umgeleitet mittels Angriffsmechanismen wie DNS-Fälschung, ARP-Fälschung usw.?
Jetzt wird's komplizierter ;). Erst mal weiß ich das nicht. Der Server bietet mir beim Verbindungsaufbau seinen öffentlichen Schlüssel an. Aber ich weiß noch nicht, ob das alles zusammenpasst. Ich kann natürlich über einen anderen Weg prüfen, ob der "Fingerabdruck" (fingerprint) des öffentlichen Schlüssels korrekt ist, aber dann müsste ich mir selbst eine Liste von Fingerprints aufbauen für alle Webserver, Emailserver usw., mit denen ich sprechen will.
Üblicherweise geht man einen anderen Weg: man lässt sich den öffentlichen Schlüssel "signieren" von einem vertrauenswürdigen Dritten, einer sogenannten Zertifizierungsstelle. Und man vertraut dann nicht jedem einzelnen öffentlichen Schlüssel jedes Servers, sondern einmalig der Zertifizierungsstelle. Das sind die "Vertrauenswürdigen Institutionen" in den Interneteinstellungen bei Windows bzw. die "Authorities" im Firefox-Browser.
Das ganze scheitert dann, wenn diese Zertifizierungsstellen unterwandert oder kompromittiert werden, und dafür gibt es leider mehr als genug Beispiele, eben weil diese Abhörmöglichkeit extrem attraktiv ist.
Das Problem ist nämlich: wenn das Zertifikat gefälscht ist, d.h. "falsch" signiert ist, funktioniert es technisch immer noch problemlos und sieht immer noch genauso vertrauenswürdig aus, obwohl es jemand mit böser Absicht erzeugt hat und verwendet. Nur die "Unterschrift" ist von einer anderen Stelle, der mein Browser aber ebenfalls vertraut. Nur wenn man weiß, dass das Zertifikat normalerweise von Verisign signiert wird und eben nicht von "NIC India", dann springt einem die Fälschung sofort in's Auge.
Das wäre genauso, als ob man bei einem Brief nur darauf schaut, dass er handschriftlich unterschrieben ist, aber man prüft nicht, ob die Handschrift wirklich "echt" ist.
Googles Chrome-Browser prüft übrigens bei einigen Hostnamen, ob das Zertifikat von der richtigen Instanz unterschrieben wurde, und schlägt Alarm, wenn man auf diese Weise auf eine Fälschung trifft. Diese Prüfung heißt "certificate pinning" - man legt in der eigenen Software fest, welche Signatur erwartet wird.
Als Fazit lässt sich sagen: die Mathematik lässt sich (derzeit) nicht austricksen, aber das System der vertrauenswürdigen Signaturstellen ist gehörig angeknackst, um nicht zu sagen: es ist kaputt.
Das Problem ist natürlich offensichtlich und wird auch bereits unter Sicherheitsforschern diskutiert. Eine Möglichkeit ist, dass jede Certificate Authority, die Signaturdienstleistungen anbietet, öffentlich macht, für wen sie Zertifikate ausgestellt hat. Damit könnte jeder Browser prüfen, ob ein Zertifikat wirklich hochoffiziell von dieser CA signiert werden durfte.
Bislang gab es eine gewisse Vertrauenswürdigkeit in die Signaturstellen, aber das ist in's Wanken geraten mit Bekanntwerden der Tatsache, dass insbesondere amerikanische Geheimdienste gern man mit geheimgehaltenen Gerichtsurteilen die Herausgabe aller Schlüssel erzwingen, wie etwa im Fall des Emaildienstleisters Lavabit.
Ein weiterer Ansatz ist eine Sperrliste. Da greift aber erst, wenn einem Besitzer aufgefallen ist, dass ein gefälschtes Zertifikat im Umlauf ist oder ein echtes gestohlen wurde. Die Browser können bei einer Auskunftsinstanz nachfragen, ob ein gegebenes Zertifikat (noch) gültig ist oder widerrufen wurde. Einerseits hat dies mächtige Performance-Probleme, weil für jedes Zertifikat eine Anfrage abgeschickt werden muss. Andererseits ist das ein riesiges Problem für die Privatsphäre, wenn ich einer weiteren Instanz mitteile, wo ich gerade surfe. In Firefox und Chrome gibt es diese Technik, da aber Google diese Probleme als zu schwerwiegend ansieht, ist das Feature abgeschaltet. Es gibt aber technische Weiterentwicklungen, wie z.B. eine einzelne zentrale Sperrliste.
Zwei Dinge kann man natürlich aus dieser heißen Luft trotzdem mitnehmen: wer aus Prinzip verschlüsselt, macht es den Geheimdiensten schwerer - die Masse macht's. Und man fällt auf und ist damit automatisch verdächtig. Das kann sich jetzt jeder selbst überlegen.
Wie man Emailverschlüsselung einrichtet, wird übrigens hier ganz gut erklärt (am Beispiel von Thunderbird in Windows, das Grundprinzip ist aber bei Mac und Linux fast identisch), und ich hatte das vor einiger Zeit auch schon mal beschrieben.
Was genau passiert nun bei Verschlüsselung, und wie funktioniert Abhören?
Normalerweise nimmt man einen Browser oder ein Emailprogramm und der Computer zuhause - der Client - baut eine Verbindung zu einem anderen Computer auf, dem sogenannten Server, der eine Dienstleistung anbietet, sei das nun WWW oder Email oder Chat oder etwas ganz anderes; für unsere Betrachtungen ist das vollkommen unerheblich.
Ich will jetzt auch gar nicht so ganz im Detail darauf eingehen, wie diese Verbindung funktioniert, aber das OSI-Schichtenmodell spielt dabei eine Rolle, und die üblichen Verbindungen laufen über das TCP-Protokoll im TCP/IP. Wer tiefer Bescheid wissen will, möge den Links folgen.
Bei unverschlüsselten Verbindungen fragt der Client den Server im Klartext, und die Antwort des Servers darauf erfolgt ebenfalls im Klartext. Hier ist es natürlich vollkommen problemlos, den kompletten Inhalt in beiden Richtungen abzuhören, wenn man sich an einer der Knotenstellen dazwischen einklinken kann - Geheimdienste machen das gern am DE-CIX in Frankfurt, da trifft sich so gut wie alles, was Rang und Namen hat ... Die Bundesregierung verweigert übrigens die Antwort auf die Frage, ob deutsche Geheimdienste ebenfalls am DE-CIX abhören. Allein diese Weigerung finde ich schon sehr bezeichnend.
Man erzeugt ein Duplikat des Datenstroms, und schon mit billigen Sniffer-Werkzeugen wie Wireshark kann man gezielt herausfiltern, dass man an einer bestimmten Verbindung des Typs "T" von "A" nach "B" interessiert ist (T=email, A=Thomas, B=pop.gmx.net).
Gut, das wollen wir natürlich nicht (ich zumindest), und deswegen wollen wir es dem Lauscher an der Wand etwas schwieriger machen, und schalten TLS ein. Was bedeutet das technisch? Zunächst einmal bedeutet es, dass wir den modernen neuen Namen verwenden. Früher hieß das nämlich noch SSL, und von diesem Namen stammt auch das "s" für "secure" in den URLs, wie z.B. https://www.ccc.de.
TLS ist eine Sammlung von Methoden und Protokollen, mit denen man ver- und entschlüsseln kann, sowie Prüfsummen nach allen möglichen Standards berechnen kann. Es gibt mehrere Softwarepakete, die TLS bzw. SSL anbieten, darunter das am häufigsten verwendete OpenSSL oder auch GnuTLS.
Das Tolle an TLS ist, dass man die Ver- und Entschlüsselung mit unterschiedlichen Codes durchführen kann (asymmetrische Verschlüsselung). Der Code zum Verschlüsseln kann ruhig bekannt werden; deshalb wird er auch "öffentlicher Schlüssel" genannt. Selbst wenn man ihn besitzt, kann man einen verschlüsselten Text damit nicht wieder lesbar machen. Nur wenn man den dazugehörigen "privaten Schlüssel" besitzt, kann man den Text dechiffrieren. Ein bekanntes Verfahren heißt RSA und wurde nach den Entwicklern Rivest, Shamir, Adleman benannt.
Das asymmetrische Prinzip mit der Aufteilung in einen öffentlichen und einen geheimen Schlüssel hat zwei besondere Eigenschaften, die beide sehr nützlich sind und verwendet werden. Zum Einen kann man mit dem öffentlichen Schlüssel etwas unlesbar machen und nur der Empfänger kann es mit seinem geheimen Schlüssel wieder lesbar machen. Nicht einmal der Absender kann die Verschlüsselung rückgängig machen! Zum Anderen kann der Besitzer des geheimen Schlüssels eine elektronische Unterschrift (Signatur) erzeugen, und jeder kann mit dem öffentlichen Schlüssel prüfen, ob die Unterschrift korrekt ist.
Beim ersten Verbindungsaufbau sendet der Client eine Anfrage, ob der Server Verschlüsselung unterstützt. Falls ja, bietet er eine Liste von Verschlüsselungsverfahren an und sendet auch gleich seinen öffentlichen Schlüssel mit (in Wahrheit ist es etwas komplizierter, aber das ist das Prinzip). Mit diesem öffentlichen Schlüssel kann also der Client schon mal chiffrierten Text an den Server schicken, und nur der Server kann ihn wieder lesbar machen.
Soweit, so cool ... aber wie geht der Rückweg?
Im Prinzip funktioniert der Weg der Serverantworten genauso, nur andersrum ;).
Der Client und der Server einigen sich auf ein bestimmtes Verschlüsselungsverfahren (z.B. AES) und tauschen beim Verbindungsaufbau einen geheimen Schlüssel aus, der nur für diese eine Verbindung verwendet wird. Diesen etwas komplizierten, umständlichen Weg geht man, weil das asymmetrische Verfahren sehr rechenaufwändig ist. Man setzt es deshalb nur einmal ein, um einen zufällig gewählten Code für ein schnelleres, typischerweise symmetrisches Verfahren auszutauschen.
Soweit, so cool ... aber woher weiß ich, dass der Server wirklich die Maschine ist, die ich ansprechen will und nicht eine andere Kiste, vielleicht wurde ich sogar umgeleitet mittels Angriffsmechanismen wie DNS-Fälschung, ARP-Fälschung usw.?
Jetzt wird's komplizierter ;). Erst mal weiß ich das nicht. Der Server bietet mir beim Verbindungsaufbau seinen öffentlichen Schlüssel an. Aber ich weiß noch nicht, ob das alles zusammenpasst. Ich kann natürlich über einen anderen Weg prüfen, ob der "Fingerabdruck" (fingerprint) des öffentlichen Schlüssels korrekt ist, aber dann müsste ich mir selbst eine Liste von Fingerprints aufbauen für alle Webserver, Emailserver usw., mit denen ich sprechen will.
Üblicherweise geht man einen anderen Weg: man lässt sich den öffentlichen Schlüssel "signieren" von einem vertrauenswürdigen Dritten, einer sogenannten Zertifizierungsstelle. Und man vertraut dann nicht jedem einzelnen öffentlichen Schlüssel jedes Servers, sondern einmalig der Zertifizierungsstelle. Das sind die "Vertrauenswürdigen Institutionen" in den Interneteinstellungen bei Windows bzw. die "Authorities" im Firefox-Browser.
Das ganze scheitert dann, wenn diese Zertifizierungsstellen unterwandert oder kompromittiert werden, und dafür gibt es leider mehr als genug Beispiele, eben weil diese Abhörmöglichkeit extrem attraktiv ist.
- Vor einigen Jahren wurde die niederländische DigiNotar gehackt und gefälschte Zertifikate für bekannte Hostnamen von Google und anderen signiert (insgesamt gab es über 500 gefälschte Signaturen)
- neulich gab es eine schlimme Panne in der Türkei
- aus dem Iran ist bekannt, dass 2011 zum Abhören gefälschte Zertifikate für google.com erkannt wurden, vermutlich vom Einbruch bei DigiNotar
- das israelische Unternehmen StartSSL wurde angegriffen
- ein Angriff auf die französische ANSSI ist noch ungeklärt
- und jetzt aktuell wurde bekannt, dass die staatliche NIC von Indien ebenfalls versucht hat, mit Zertifikaten für Hostnamen bei Google und Yahoo ihre Bürger abzuhören.
Das Problem ist nämlich: wenn das Zertifikat gefälscht ist, d.h. "falsch" signiert ist, funktioniert es technisch immer noch problemlos und sieht immer noch genauso vertrauenswürdig aus, obwohl es jemand mit böser Absicht erzeugt hat und verwendet. Nur die "Unterschrift" ist von einer anderen Stelle, der mein Browser aber ebenfalls vertraut. Nur wenn man weiß, dass das Zertifikat normalerweise von Verisign signiert wird und eben nicht von "NIC India", dann springt einem die Fälschung sofort in's Auge.
Das wäre genauso, als ob man bei einem Brief nur darauf schaut, dass er handschriftlich unterschrieben ist, aber man prüft nicht, ob die Handschrift wirklich "echt" ist.
Googles Chrome-Browser prüft übrigens bei einigen Hostnamen, ob das Zertifikat von der richtigen Instanz unterschrieben wurde, und schlägt Alarm, wenn man auf diese Weise auf eine Fälschung trifft. Diese Prüfung heißt "certificate pinning" - man legt in der eigenen Software fest, welche Signatur erwartet wird.
Als Fazit lässt sich sagen: die Mathematik lässt sich (derzeit) nicht austricksen, aber das System der vertrauenswürdigen Signaturstellen ist gehörig angeknackst, um nicht zu sagen: es ist kaputt.
Das Problem ist natürlich offensichtlich und wird auch bereits unter Sicherheitsforschern diskutiert. Eine Möglichkeit ist, dass jede Certificate Authority, die Signaturdienstleistungen anbietet, öffentlich macht, für wen sie Zertifikate ausgestellt hat. Damit könnte jeder Browser prüfen, ob ein Zertifikat wirklich hochoffiziell von dieser CA signiert werden durfte.
Bislang gab es eine gewisse Vertrauenswürdigkeit in die Signaturstellen, aber das ist in's Wanken geraten mit Bekanntwerden der Tatsache, dass insbesondere amerikanische Geheimdienste gern man mit geheimgehaltenen Gerichtsurteilen die Herausgabe aller Schlüssel erzwingen, wie etwa im Fall des Emaildienstleisters Lavabit.
Ein weiterer Ansatz ist eine Sperrliste. Da greift aber erst, wenn einem Besitzer aufgefallen ist, dass ein gefälschtes Zertifikat im Umlauf ist oder ein echtes gestohlen wurde. Die Browser können bei einer Auskunftsinstanz nachfragen, ob ein gegebenes Zertifikat (noch) gültig ist oder widerrufen wurde. Einerseits hat dies mächtige Performance-Probleme, weil für jedes Zertifikat eine Anfrage abgeschickt werden muss. Andererseits ist das ein riesiges Problem für die Privatsphäre, wenn ich einer weiteren Instanz mitteile, wo ich gerade surfe. In Firefox und Chrome gibt es diese Technik, da aber Google diese Probleme als zu schwerwiegend ansieht, ist das Feature abgeschaltet. Es gibt aber technische Weiterentwicklungen, wie z.B. eine einzelne zentrale Sperrliste.
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16.07.2014
Niemand macht sich Sorgen - Leserbrief
Am Samstag und heute waren aus aktuellem Anlass mal wieder Artikel bzw. Glossen in der WZ, und ich stelle fest, dass die Journalisten es immer noch nicht auf die Reihe bringen, was der Unterschied zwischen freiwilligen Daten in sozialen Netzen und dem Abhören durch staatliche Organe ist.
Nach Einsendung des Leserbriefs als Email erhielt ich diesen Hinweis von der Redaktion: "vielen Dank für die Zusendung Ihres Leserbriefes. Den letzten Satz können wir nicht veröffentlichen, da er einen Hinweis auf einen Artikel im Spiegel enthält. Vielen Dank für Ihr Veständnis." (sic)
[Update 20140716: heute veröffentlicht, Änderungen und Auslassungen markiert]
Nach Einsendung des Leserbriefs als Email erhielt ich diesen Hinweis von der Redaktion: "vielen Dank für die Zusendung Ihres Leserbriefes. Den letzten Satz können wir nicht veröffentlichen, da er einen Hinweis auf einen Artikel im Spiegel enthält. Vielen Dank für Ihr Veständnis." (sic)
[Update 20140716: heute veröffentlicht, Änderungen und Auslassungen markiert]
Leserbrief zur Glosse Hr. B. WZ 05.07.2014, Artikel Hr. S. 07.07.2014
Hr. B., Ihre Glosse ist im Prinzip eine Bankrotterklärung an das Grundgesetz und die Menschenrechte, wenn Sie schreiben, dass wir "andere Sorgen" haben und uns deshalb nicht um das Abhören durch unsere "Freunde" kümmern.
Ganz im Gegenteil: ich mache mir enorme Sorgen, gleichzeitig habe ich ein schreckliches Gefühl der Machtlosigkeit. Dazu kommt noch die Beobachtung, dass unserer Regierung offensichtlich alles egal ist. Ein zahnloser Untersuchungsausschuss, in dem auch noch ein Doppelagent sass; ein Generalbundesanwalt, der trotz der vielfältigen Veröffentlichungen keinen Anfangsverdacht sieht; ein Minister, der sich abspeisen lässt und die Affäre für beendet erklärt; ein Regierungshandy, dessen neueste Technik schon wieder als geknackt gilt - kein Wunder, der Kryptochip darin kommt von Blackberry aus Kanada; ein Geheimdienst, der jeden automatisch für einen Extremisten hält, wenn er sich für Verschlüsselung interessiert (für TOR z.B.). Und eigentlich auch kein Wunder, das Hr. Range so dezent vorgeht: er ist ein politischer Beamter, dem Justizminister unterstellt und eben kein unabhängiger Jurist, der nur dem Gesetz verpflichtet ist.
Wenn Staaten ihre eigenen Bürger so extrem bespitzeln: kann man das noch Demokratie nennen? Was sind das für Menschen, die sich als Entwickler und Programmierer für so etwas hergeben? Die Stasi brauchte noch riesige Mengen an Informanten und Akten. Die Geheimdienste heutzutage brauchen nur noch gigantische Mengen an Speicherplatz. Die Abhörmöglichkeiten geben ihnen willfährige Telekommunikationsfirmen und sogar die "befreundeten" Geheimdienste. Hier fragt man sich ernsthaft, wo die Loyalitäten liegen - und ob die Politik das wusste oder nicht. Und natürlich werden die Kosten für das Abhören auf alle Kunden umgelegt. Wir bezahlen unser eigenes Abhören!
Hr. B., leider vermischen Sie immer noch die freiwillige Teilnahme an sozialen Netzwerken mit dem grenzen- und schrankenlosen Abhören durch Geheimdienste. Eine einzelne Firma kann niemals soviele Daten über mich sammeln. Abgesehen davon gibt es ein deutsches Datenschutzgesetz (zugegeben, etwas zahnlos), und auf europäischer Ebene wird ebenfalls darüber diskutiert.
Gefährlich wird es einerseits, wenn Daten aus vielen verschiedenen Quellen zusammengeführt werden. So etwas kann Facebook nicht in derselben Größenordnung wie die NSA und die "five eyes". Und noch gefährlicher wird es andererseits, wenn nicht nur die persönlichen Vorlieben, sondern auch die Verbindungsdaten ausgeforscht werden. Die Verbindungsdaten sagen aus, wer mit wem wann gesprochen hat und meistens auch noch, von welchem Ort aus. Schlimm wird es, wenn daraus automatisiert Folgerungen und Schlüsse gezogen werden, und am Ende sagt dann ein Geheimdienstchef ganz lapidar öffentlich "wir töten aufgrund von Meta-Daten".
Hr. S., es ist vollkommen falsch, davon zu sprechen, es werden "nur" Meta-Daten gesammelt. Schon allein diese Meta-Daten sind brandgefährlich und können unangenehm viele Informationen liefern und ausreichend Anlass bieten, weiter in den Fokus zu rücken.
Hoffentlich wurde die Drohne nicht durch einen falschen Schluss in Marsch gesetzt; Richter und Henker in einem, ohne ein rechtsstaatliches Verfahren zwischen Anklage, Verurteilung und Hinrichtung, und das alles unter der Regierung eines Friedensnobelpreisträgers. Vermutlich sogar gefüttert mit Daten auch vom BND, und vielleicht sogar gesteuert von einem Kontrollzentrum in Deutschland. Damit ist Deutschland am Morden beteiligt, obwohl unser Grundgesetz die Todesstrafe verbietet.
Selbst wenn *Sie* denken, dass Sie nichts zu verbergen haben: Kommunikation braucht zwei Partner. Wissen Sie alles über Ihren Gesprächspartner? Wissen Sie, ob *er* nicht vielleicht im Fokus der Überwachung steht? Dann sind *Sie* automatisch auch verdächtig, allein aufgrund Ihrer Bekanntschaft. Upps.
Ich weise nochmals auf diesen etwas älteren Artikel in Spiegel Online hin: "5 schlechte Argumente für mehr Überwachung".
13.06.2014
Märchenstunde mit Oswin Veith - Leserbrief
Unser MdB Oswin Veith, der ja gemäß amtlichem Endergebnis immerhin von 60.118 Menschen im Wetteraukreis gewählt wurde (von 175.085 Wahlberechtigten und 131.480 gültigen Stimmen), denkt an seine Heimat und kommt zu Besuch, wie die WZ berichtet (06.06.2014).
Ein Ziel seines Besuchs sind die Schüler eines Politik-Grundkurses an einer Schule. Dort erzählt er lustige Sachen über die NSA-Abhöraffäre und über das transatlantische Investitionsschutz- und Partnerschaftsabkommen, die er sich ausgedacht hat und nicht im Mindesten der Realität entsprechen, wie ich schon mehrfach auch hier im Blog bemängelt hatte.
Dazu habe ich der WZ einen Leserbrief geschickt (veröffentlicht am 13.06.14):
Ein Ziel seines Besuchs sind die Schüler eines Politik-Grundkurses an einer Schule. Dort erzählt er lustige Sachen über die NSA-Abhöraffäre und über das transatlantische Investitionsschutz- und Partnerschaftsabkommen, die er sich ausgedacht hat und nicht im Mindesten der Realität entsprechen, wie ich schon mehrfach auch hier im Blog bemängelt hatte.
Dazu habe ich der WZ einen Leserbrief geschickt (veröffentlicht am 13.06.14):
Leserbrief zur Meldung "Veith besucht PoWi-Grundkurs" (06.06.2014)
Die WZ berichtet, dass "unser" CDU-MdB Oswin Veith eine Schule in seinem Wahlkreis besucht und dabei auch über den Abhörskandal und das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP spricht.
Ja, ist denn schon wieder Märchenstunde? Zum Jahrestag der ersten öffentlichen Erwähnung müssen sich die Schüler erzählen lassen, dass die USA mit sich reden lassen und dass man nur ein bißchen Zeit und Diplomatie bräuchte? In welchem Traumland lebt denn Herr Veith? Die USA haben klipp und klar festgestellt, dass es kein "No-Spy"-Abkommen geben wird. Heute lese ich sogar in den Schlagzeilen, dass die USA "verärgert" über die Ermittlungen des Generalbundesanwalts sind. Bekanntlich ist der ja betriebsblind und sieht keinerlei Anfangsverdacht bei irgend etwas außer dem Abhören von Merkels Handy.
Nicht einmal eine gerichtliche Verfügung kümmert die NSA. Sie setzen einfach ungeniert weiter das Löschen von Beweismitteln fort. Besser kann man doch nicht demonstrieren, über dem Gesetz zu stehen. Und der deutsche Generalbundesanwalt Range geniert sich im Gegensatz dazu, mehr als "ein bißchen" zu ermitteln, obwohl der "begründete Anfangsverdacht" nach Meinung anderer hochrangiger Juristen definitiv gegeben ist.
Ich finde ja, dass es Sache deutscher Behörden und deutscher Politiker ist, sich für Bürgerrechte ihrer eigenen Bewohner einzusetzen. Gab es da nicht mal so etwas wie einen Amtseid mit "Schaden vom deutschen Volk abwenden", Herr Veith? Das Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof haben unabhängig voneinander festgestellt, dass flächendeckendes Abhören gegen die Menschenrechte verstößt. Wann passiert da etwas Konkretes?
Die Fachzeitschrift c't hat eine erschreckend detaillierte Zusammenfassung der Enthüllungen des letzten Jahres über das Ausmaß der Überwachung aufgestellt. Bitte lesen Sie hier weiter, auch wenn Sie danach vermutlich nicht mehr gut schlafen können: http://heise.de/-2214943
Beim Freihandelsabkommen TTIP (genau wie deren Pendants CETA, NAFTA und TISA) kommt mir auch langsam die Idee, dass die Politiker sich nicht um die Belange der Bürger kümmern wollen, sondern nur um die Rendite der Konzerne, die von den Klagemöglichkeiten gegen nationale Gesetze fasziniert sein dürften.
In meinen Augen geben die beteiligten Länder ihre staatliche Souveränität auf, wenn Konzerne wegen "entgangenem Gewinn" gegen unliebsame Gesetze klagen können.
Herr Veith glaubt doch selbst nicht daran, dass sich mit TTIP besserer Verbraucherschutz durchsetzen lässt! Das kostet doch wieder Geld, und das wird kein Konzern ausgeben wollen. Dazu sind sie viel zu sehr ihren Aktionären verpflichtet und eben gerade nicht dem Allgemeinwohl. Die Konzernleitungen müssen geradezu alles einsetzen, um dem Unternehmen nicht zu schaden, und entgangener Gewinn ist sicherlich ein "Schaden" im Sinne der Rendite.
Ich hoffe sehr, dass ihn die Schüler ordentlich gegrillt haben, damit er die Stimmung von der Basis wahrnimmt. Immerhin finde ich es ein sehr gutes Zeichen, dass ein Grundkurs in Politik und Wirtschaft sich für Themen interessiert, einen Politiker einlädt und ihn mit unbequemen Fragen löchert.
27.02.2014
Über Oswin Veith, CDU, MdB für den Wetteraukreis
Ich fühle mich richtig gut in Berlin vertreten, seit ich nicht Oswin Veith gewählt habe und er trotzdem die Leiter hinaufgefallen ist bis nach Berlin in den Bundestag. Nach nur vier Jahren, wenn er die aushält, hat er somit rentenmäßig ausgesorgt. Wenn er bei der Landratswahl gescheitert ist und jetzt im Bundestag sitzt, was sagt uns das über das Peter-Prinzip?
Er stimmt für die Erhöhung der Diäten, für das kaputte Gesetz zur Abgeordnetenbestechung (man beachte die ausdrückliche Formulierung in der Strafvorschrift: "... auf Anordnung oder Weisung ..." - wie will man das denn nachweisen?), und auch wenn es derzeit keine konkreten Zeitpläne gibt, prescht er schon mal vor und kündigt an, dass er die Vorratsdatenspeicherung wieder einführen will. So zumindest berichtet die WZ in ihrer Ausgabe vom 21.02.14. Natürlich völlig unbeeindruckt von der offiziellen Linie der Koalition, dass erst das Urteil des EuGH abgewartet werden soll, ob die VDS prinzipiell mit den Menschenrechten in der EU vereinbar sein kann.
Dies finde ich so doof, dass ich dazu einen Leserbrief geschrieben habe, in dem ich beschreibe, was bei der VDS gespeichert wird, und ein bißchen spekuliert habe, was überwacht werden könnte, wenn es sie (wieder) gäbe. Es gab ja schonmal für ein paar Monate eine VDS in Deutschland, aber es gibt keine belastbare Untersuchung, dass in dieser Zeit die Aufklärung von schweren Verbrechen so signifikant zugenommen hat, dass man einen Zusammenhang zur VDS herstellen kann.
[Der Leserbrief wurde am 27.02.2014 abgedruckt. Blau markiert die Kürzung durch die WZ]
Er stimmt für die Erhöhung der Diäten, für das kaputte Gesetz zur Abgeordnetenbestechung (man beachte die ausdrückliche Formulierung in der Strafvorschrift: "... auf Anordnung oder Weisung ..." - wie will man das denn nachweisen?), und auch wenn es derzeit keine konkreten Zeitpläne gibt, prescht er schon mal vor und kündigt an, dass er die Vorratsdatenspeicherung wieder einführen will. So zumindest berichtet die WZ in ihrer Ausgabe vom 21.02.14. Natürlich völlig unbeeindruckt von der offiziellen Linie der Koalition, dass erst das Urteil des EuGH abgewartet werden soll, ob die VDS prinzipiell mit den Menschenrechten in der EU vereinbar sein kann.
Dies finde ich so doof, dass ich dazu einen Leserbrief geschrieben habe, in dem ich beschreibe, was bei der VDS gespeichert wird, und ein bißchen spekuliert habe, was überwacht werden könnte, wenn es sie (wieder) gäbe. Es gab ja schonmal für ein paar Monate eine VDS in Deutschland, aber es gibt keine belastbare Untersuchung, dass in dieser Zeit die Aufklärung von schweren Verbrechen so signifikant zugenommen hat, dass man einen Zusammenhang zur VDS herstellen kann.
[Der Leserbrief wurde am 27.02.2014 abgedruckt. Blau markiert die Kürzung durch die WZ]
Leserbrief zur Meldung "MdB Veith befürwortet die Vorratsdatenspeicherung" 21.02.2014[Fußnote: ich habe technisch nichts mit der eGK zu tun, das ist alles spekulativ]
Mit Schrecken, aber auch nicht wirklich verwundert, las ich die Meldung, dass Herr Veith nun aktiv das Speichern von Verbindungsdaten in Deutschland vorantreiben will. Die SPD und die CDU schaffen es innerhalb kürzester Zeit, der Demokratie schweren Schaden zuzufügen. Es gibt trotz mehrjähriger medialer Beeinflussung bislang keinerlei Nachweise oder Untersuchungen, dass die Vorratsdatenspeicherung bei irgend etwas helfen kann.
In Deutschland gab es einige Zeit lang die Vorratsdatenspeicherung für Verbindungsdaten. Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht fand keine Hinweise darauf, dass die Speicherung auch nur einen Terroranschlag verhindert hätte - oder dass sich damit Kinderpornografie wirksamer bekämpfen ließe. Forscher der Technischen Universität Darmstadt kommen zu dem Ergebnis, dass die Vorratsdatenspeicherung nicht zur Prävention geeignet ist.
Was aber bedeutet denn die Speicherung von "Verbindungsdaten", und ist das wirklich so harmlos, wie unsere Politiker es darstellen wollen? Ganz im Gegenteil! Die Verbindungsdaten (auch Meta-Daten genannt) sind sogar kritischer und wichtiger als der eigentliche Inhalt. Unter Verbindungsdaten versteht man (im Sinne des geplanten Gesetzes), dass die Anbieter Daten darüber speichern müssen, wer die Kommunikationspartner sind, wann sie kommuniziert haben, und je nach Medium gehören dazu auch die Standortdaten oder die Internetnummer (die IP-Adresse) -- bei Handytelefonaten wird gespeichert, in welcher Funkzelle ich mich befinde; bei Email, Chat usw. wird gespeichert, wer mein Anbieter ist und in gewissem Umfang ebenfalls, wo ich mich befinde. Bei Email wird gespeichert, was im "Briefkopf" enthalten ist, also die Emailadressen. Handy-Standortdaten in Großstädten sind auf ca. 200 m genau, auf dem flachen Land je nach Abstand der Funkmasten 1-5 km.
Im Licht des nichtvorhandenen Aufklärungswillens in der Abhöraffäre, in die sicherlich auch die deutschen Geheimdienste verwickelt sind, kann ich nur feststellen: wenn Daten vorhanden sind, weckt das ganz schnell Begehrlichkeiten. Da die Schlapphüte sich offensichtlich nicht kontrollieren lassen, können und müssen wir davon ausgehen, dass der "Richtervorbehalt" zur Nutzung der Vorratsdaten das Papier nicht wert ist, auf dem er im Bundesgesetzblatt gedruckt wird. Wir werden also abgehört und ausgeforscht und bezahlen auch noch dafür! Das meine ich im Wortsinn: die Datenspeicherung geschieht bei den Anbietern, z.B. Telekom, eplus, 1&1 usw.usf. Die gigantischen Datenmengen, die bei der Speicherung anfallen, müssen eine bestimmte Zeitlang auf Speichermedien vorgehalten werden. Das kostet natürlich Geld, und ebenso natürlich werden diese Kosten solidarisch auf alle Kunden umgelegt.
Ein kleines Beispiel, was man aus den Verbindungsdaten ablesen kann: ich telefoniere mit einem Arzt. Mein Handy meldet sich in einer Funkzelle in Praxisnähe an. Der Arzt telefoniert mit einem Krankenhaus. Mein Handy meldet sich in einer Funkzelle in Krankenhausnähe an. Ein paar Tage später telefoniere ich mit dem Arzt. Dann telefoniere ich mit einer Versicherung. Danach rufe ich bei der Telefonseelsorge an.
Welches Szenario hat sich hier abgespielt? Es gehört nicht viel Phantasie dazu, nicht wahr? Und all das, ohne zu beschreiben, welche Inhalte hier jeweils transportiert wurden, allein aus der Abfolge der Ereignisse kann man erstaunlich detaillierte Schlüsse ziehen. Wollen wir, dass unser Leben in diesem Umfang für Monate gespeichert wird? Ohne dass es eine wirksame Kontrolle darüber gibt, wer auf diese Daten Zugriff hat und zu welchem Zweck? Könnte ein paranoider Schlapphut nun mutmaßen, dass solch eine Person zu einem Selbstmordattentäter werden könnte?
Zu meinem oben erwähnten Schreckensszenario gibt es noch eine Verschärfung: die elektronische Gesundheitskarte bietet einen allumfassenden Zugriff zu Patientenakten, die nach dem derzeitigen Design zentral gespeichert werden. Wäre es nicht denkbar, dass es Hintertüren gibt, um diese Daten abzugreifen? Welches Droh- und Erpressungspotential bietet es, wenn man die Krankenakten aller Deutschen unter seiner Kontrolle hätte?
13.02.2014
Das Abhören - neue Wege für die EU?
In letzter Zeit kommentiert die WZ erstaunlich kritisch zum Thema "Abhören". Die Autoren Ferber und Spang schreiben richtig gute und tatsächlich sachliche Glossen. Deshalb habe ich die beiden in einem Leserbrief auch ein bißchen gelobt:
[Update: abgedruckt 13.02., von de WZ-Red. gekürzte Stellen markiert]
Leserbrief zu Kommentaren am 18.01.2014 und 06.02.2014
Herr Spang und Herr Ferber, Ihre Kommentare sind erfrischend und benennen genau, worum es geht:
das Abhören ist ein Zeichen amerikanischer Machtausübung. Es geht bei weitem nicht um Terrorismusabwehr, auch wenn uns das immer eingeredet wird. Die USA sind nur an Erdöl und Informationen interessiert. Seit dem Anschlag 9/11 dreht sich die Eskalationsspirale immer schneller.
Genauso wie bei der Vorratsdatenspeicherung, die in Deutschland diskutiert wird, fehlt jeder sachliche Nachweis, dass das Abhören und Speichern der diversen amerikanischen Geheimdienste notwendig, angemessen und verhältnismäßig ist.
Jeden Tag hören wir in den Nachrichten von neuen Anschlägen. Sollte nicht genau das verhindert werden können, wenn das Abhören wirklich so umfassend ist, wie wir jeden Tag in immer neuen Details erfahren?
Der internationale Aufruhr ist entstanden, weil die Kanzlerin festgestellt hat, dass die Amerikaner keine Rücksichten nehmen und keine Freunde kennen, wenn es um ihre Interessen geht. Seit langem ist bekannt, dass alle Geheimdienste untereinander Daten austauschen. Vielleicht ist die Kanzlerin auch nur deshalb ärgerlich geworden, weil es bekannt wurde?
Offensichtlich fehlt der politische Wille sowohl zur Aufklärung als auch zum Abstellen dieser Zustände. Es gäbe durchaus Hebel, die die EU einsetzen kann: die Überlassung von Banktransferdaten (SWIFT), die Übermittlung von Fluggastdaten (Passenger Name records), internationale Abkommen wie ACTA, TTIP uvm.
Eine mittelfristige Überlegung wäre auch, die gesamte EU in der Außen- und Sicherheitspolitik neu und klar zu positionieren. Das ginge, allerdings sollte dazu das amerikanische U-Boot namens Großbritannien(diese Formulierung habe ich bei Bronski aus dem Blog der Frankfurter Rundschau entliehen)sich entweder deutlich zur EU bekennen oder die EU verlassen.
Nicht einmal die offensichtliche Gefahr von Wirtschaftsspionage bringt unsere Regierungen dazu, mit mehr Selbstbewusstsein aufzutreten. Es ist erstaunlich, dass die üblichen Lobbys sich so bedeckt halten, statt die Probleme anzusprechen und Lösungen einzufordern. Die Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 wurde massiv abgehört, und weil die USA vorher wussten, dass ein Plan B als Kompromiß schon vorbereitet war, konnten sie bei den regulären Verhandlungen ungeniert alles Unliebsame ablehnen.
Wie Sie schon ganz richtig gefordert haben: wenn die USA weiter spionieren, müssen wir technisch dagegen vorgehen und nicht zahnlose Reisebittsteller wie Pofalla in die USA schicken und uns dann die Beendigung der Affäre vorlügen lassen.
Technische Möglichkeiten sehe ich genug:
1. flächendeckender Einsatz von Verschlüsselung, sowohl im privaten als auch geschäftlichen Bereich. Jeder sollte grundsätzlich seine Emails verschlüsseln (installieren Sie Thunderbird mit dem Zusatzprogramm Enigmail, das gibt es für Windows, Linux und Mac). Jeder sollte nur noch verschlüsselte Webseiten aufrufen und unnötige Signaturstellen, denen man nicht vertrauen kann, aus dem Browser löschen.
2. Amerikanische Signaturfirmen für SSL-Zertifikate sollten gemieden werden, weil nicht sicher ist, ob die Geheimdienste nicht Zugriff auf deren Basisschlüssel haben (sog. Rootzertifikate). In diesem Fall wären nahezu unerkennbare "man in the middle"-Attacken möglich.
3. Jeder sollte bei der Auswahl von Dienstleistern darauf achten, ob diese ihr Rechenzentrum in der EU betreiben, oder eine Mutterfirma in USA haben, die der Jurisdiktion mit Geheimgerichten und Schweigeanordnungen unterliegt (prominente Beispiele: Facebook, Google, Amazon, Twitter).
4. Die Telekom sollte am Frankfurter Internet-Austauschknoten DE-CIX teilnehmen statt mit jedem Partnerunternehmen eigene Internetrouten auszuhandeln ("peering"), die unkontrolliert durch ausländisches Gebiet verlaufen können.
5. Da der englische Geheimdienst GCHQ die Seekabel zwischen der Insel und USA abhört und die Daten mit den Geheimdiensten von USA, Australien, Kanada und Neuseeland austauscht ("5 eyes-Gruppe"), könnten langfristig Seekabel vom Kontinent aus gebaut werden, wie z.B. jetzt gerade ein Seekabel von Europa nach Brasilien in Planung ist.
[Update: abgedruckt 13.02., von de WZ-Red. gekürzte Stellen markiert]
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15.11.2013
Die Telekom und das Schland-Routing
Von allerorten tönt es derzeit, dass "man" ja unbedingt etwas gegen die ausufernde Schnüffelei tun muss.
Es hagelt Vorschläge, und man bekommt den Eindruck, wenn man nicht mindestens alle diese Vorschläge befolgt, steht der Geheimdienst quasi schon hinter der nächsten Wand und wenn man nur aus Versehen "Bombe" sagt oder schreibt, hört man im nächsten Moment das "hoi hoi hoi", wenn sich das SEK vom Dach abseilt.
Da gibt es Vorschläge für Emails mit Verschlüsselung (GPG), da gibt es Vorschläge, anonym mit dem Browser zu surfen, indem man Zwischenstationen verwendet, die keine Verbindungen aufzeichnen (TOR als Proxyfunktion), und es gibt auch Vorschläge, dass Datenverbindungen von den großen Providern nicht mehr durch das weltweite Warten geschickt werden, wenn Anfang und Ende der Verbindung doch beide im selben Land liegen.
Prinzipiell eine gute Idee, nur: größtenteils wird das schon längst umgesetzt, weil sich über 200 Provider in Frankfurt am DE-CIX zusammengetan haben, um genau das umzusetzen.
Nur: wer beteiligt sich nicht? Ausgerechnet die Telekom, die immer noch ihrer Monopolstellung aus dem letzten Jahrhundert nachtrauert und sich dem Prinzip der "kurzen Wege" verweigert. Die Telekom findet, dass sich alle nach ihr richten sollen, und versucht, die anderen Provider zu "privatem Peering" zu zwingen, d.h. zum Einrichten von bilateralen Übergabestellen, statt sich am genossenschaftlichen Multilateralismus in Frankfurt zu beteiligen.
Genau diese engstirnige Geschäftspolitik führt ja gerade dazu, dass ein Risiko besteht, dass eine Verbindung von einem Provider ohne direktes Peering zur Telekom durch Nichtschland geroutet werden muss, damit es letztendlich doch wieder bei der Telekom landet. Immerhin hat die Telekom einen Marktanteil von knapp 30 % auf dem deutschen DSL-Markt.
Abgesehen davon löst selbst das "Schlandrouting" (oder Schengen-Routing, wie es die Telekom nennt), nicht das grundsätzliche Problem, dass am DE-CIX fröhlich weiter direkt an den Knotenstellen des Austauschs abgehört wird. Auch das wissen wir ja leider und zum Glück durch Edward Snowden. Ich hätte mir bis vor kurzem nicht vorstellen können (und wollen ...), dass tatsächlich jemand die Chuzpe besitzt, die gigantischen Datenmengen (mehrere TB/s) anlasslos zu durchsuchen und vermutlich auch komplett zu speichern.
Lösen ließe sich dieses Problem nur, wenn man eine starke Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einführt, die nicht auf der kaputten Vertrauenshierarchie von SSL beruht. Zur Erinnerung: wenn ich ein SSL-Zertifikat nicht persönlich kenne (also mein PC oder sonstiges Endgerät ...), muss ich darauf vertrauen, dass die Zertifizierungsstelle sorgfältig gearbeitet hat, dass also die Root-CA-Stelle ordentlich geprüft hat, wem sie ein Zertifikat ausstellt.
Bis vor einem Jahr hätte ich als grundsätzliche Empfehlung geschrieben, dass man auf https-Verschlüsselung beim Browsen im WWW achten soll. Viele Anbieter haben inzwischen eine automatische Umleitung eingebaut, so dass man bei http-Verbindungen automatisch auf https umgelenkt wird. Allerdings setzt dies voraus, dass man der SSL-Verschlüsselung vertraut. Das schützt also nur gegen Mitlauschen durch böse Buben, die es auf Geld oder ähnliches abgesehen haben.
Da wir aber mittlerweile wissen, dass auch die Root-CA-Stellen korrumpiert sind, weil die fast alle in USA sitzen und deshalb von amerikanischen Gerichten zu allen möglichen Schweinereien gezwungen werden können, kann sich mit großer Sicherheit ein Geheimdienst selbst ein gültiges Zertifikat für eine belauschte Verbindung ausstellen und somit eine "man in the middle"-Attacke ausführen, die fast nicht erkannt werden kann.
Statt der zentralisierten Behauptung von Vertrauenswürdigkeit durch Root-CA-Stellen müsste es peer-to-peer-Schlüsselaustausch geben, wie z.B. in Bruce Schneiers "Applied Cryptography" beschrieben, mit einer Vertrauenswürdigkeit ähnlich wie bei GPG, wobei hier natürlich das Problem von Agenten existiert, die verdeckt für einen Geheimdienst arbeiten und sich in so ein "web of trust" einschleichen können.
Die Angriffe, die (vermutlich) staatliche Stellen letztes Jahr im Iran gegen Google Mail durchgeführt haben, sind nur deshalb aufgeflogen, weil im Google-Chrome-Browser geprüft wird, ob beim empfangenen Zertifikat der Signierer wirklich der ist, von dem Google das Zertifikat gekauft hat. Hier ist der Geheimdienst daran gescheitert, dass sie von dieser zusätzlichen Kontrolle nichts wussten und einfach mit der falschen Identität das Zertifikat signiert haben, mit dem die Antwort nach dem Lauschen weitergegeben wurde.
Auch wenn das alles ziemlich düster aussieht, was Bürgerrechte und Privatsphäre angeht, sollte man nach wie vor im Privat- und Geschäftsleben die Tipps für sicheren Umgang mit WWW, Email und dem Internet beherzigen, die ich schon mal zusammengestellt hatte, etwa hier und hier und hier. Elternbeiräte, Lehrer oder andere interessierte Gruppen können mich für einen kostenlosen Vortrag über Datenschutz und Privatsphäre einladen, den ich hier etwas genauer beschrieben habe.
[Update 20131206: Tippfehler in URL]
Es hagelt Vorschläge, und man bekommt den Eindruck, wenn man nicht mindestens alle diese Vorschläge befolgt, steht der Geheimdienst quasi schon hinter der nächsten Wand und wenn man nur aus Versehen "Bombe" sagt oder schreibt, hört man im nächsten Moment das "hoi hoi hoi", wenn sich das SEK vom Dach abseilt.
Da gibt es Vorschläge für Emails mit Verschlüsselung (GPG), da gibt es Vorschläge, anonym mit dem Browser zu surfen, indem man Zwischenstationen verwendet, die keine Verbindungen aufzeichnen (TOR als Proxyfunktion), und es gibt auch Vorschläge, dass Datenverbindungen von den großen Providern nicht mehr durch das weltweite Warten geschickt werden, wenn Anfang und Ende der Verbindung doch beide im selben Land liegen.
Prinzipiell eine gute Idee, nur: größtenteils wird das schon längst umgesetzt, weil sich über 200 Provider in Frankfurt am DE-CIX zusammengetan haben, um genau das umzusetzen.
Nur: wer beteiligt sich nicht? Ausgerechnet die Telekom, die immer noch ihrer Monopolstellung aus dem letzten Jahrhundert nachtrauert und sich dem Prinzip der "kurzen Wege" verweigert. Die Telekom findet, dass sich alle nach ihr richten sollen, und versucht, die anderen Provider zu "privatem Peering" zu zwingen, d.h. zum Einrichten von bilateralen Übergabestellen, statt sich am genossenschaftlichen Multilateralismus in Frankfurt zu beteiligen.
Genau diese engstirnige Geschäftspolitik führt ja gerade dazu, dass ein Risiko besteht, dass eine Verbindung von einem Provider ohne direktes Peering zur Telekom durch Nichtschland geroutet werden muss, damit es letztendlich doch wieder bei der Telekom landet. Immerhin hat die Telekom einen Marktanteil von knapp 30 % auf dem deutschen DSL-Markt.
Abgesehen davon löst selbst das "Schlandrouting" (oder Schengen-Routing, wie es die Telekom nennt), nicht das grundsätzliche Problem, dass am DE-CIX fröhlich weiter direkt an den Knotenstellen des Austauschs abgehört wird. Auch das wissen wir ja leider und zum Glück durch Edward Snowden. Ich hätte mir bis vor kurzem nicht vorstellen können (und wollen ...), dass tatsächlich jemand die Chuzpe besitzt, die gigantischen Datenmengen (mehrere TB/s) anlasslos zu durchsuchen und vermutlich auch komplett zu speichern.
Lösen ließe sich dieses Problem nur, wenn man eine starke Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einführt, die nicht auf der kaputten Vertrauenshierarchie von SSL beruht. Zur Erinnerung: wenn ich ein SSL-Zertifikat nicht persönlich kenne (also mein PC oder sonstiges Endgerät ...), muss ich darauf vertrauen, dass die Zertifizierungsstelle sorgfältig gearbeitet hat, dass also die Root-CA-Stelle ordentlich geprüft hat, wem sie ein Zertifikat ausstellt.
Bis vor einem Jahr hätte ich als grundsätzliche Empfehlung geschrieben, dass man auf https-Verschlüsselung beim Browsen im WWW achten soll. Viele Anbieter haben inzwischen eine automatische Umleitung eingebaut, so dass man bei http-Verbindungen automatisch auf https umgelenkt wird. Allerdings setzt dies voraus, dass man der SSL-Verschlüsselung vertraut. Das schützt also nur gegen Mitlauschen durch böse Buben, die es auf Geld oder ähnliches abgesehen haben.
Da wir aber mittlerweile wissen, dass auch die Root-CA-Stellen korrumpiert sind, weil die fast alle in USA sitzen und deshalb von amerikanischen Gerichten zu allen möglichen Schweinereien gezwungen werden können, kann sich mit großer Sicherheit ein Geheimdienst selbst ein gültiges Zertifikat für eine belauschte Verbindung ausstellen und somit eine "man in the middle"-Attacke ausführen, die fast nicht erkannt werden kann.
Statt der zentralisierten Behauptung von Vertrauenswürdigkeit durch Root-CA-Stellen müsste es peer-to-peer-Schlüsselaustausch geben, wie z.B. in Bruce Schneiers "Applied Cryptography" beschrieben, mit einer Vertrauenswürdigkeit ähnlich wie bei GPG, wobei hier natürlich das Problem von Agenten existiert, die verdeckt für einen Geheimdienst arbeiten und sich in so ein "web of trust" einschleichen können.
Die Angriffe, die (vermutlich) staatliche Stellen letztes Jahr im Iran gegen Google Mail durchgeführt haben, sind nur deshalb aufgeflogen, weil im Google-Chrome-Browser geprüft wird, ob beim empfangenen Zertifikat der Signierer wirklich der ist, von dem Google das Zertifikat gekauft hat. Hier ist der Geheimdienst daran gescheitert, dass sie von dieser zusätzlichen Kontrolle nichts wussten und einfach mit der falschen Identität das Zertifikat signiert haben, mit dem die Antwort nach dem Lauschen weitergegeben wurde.
Auch wenn das alles ziemlich düster aussieht, was Bürgerrechte und Privatsphäre angeht, sollte man nach wie vor im Privat- und Geschäftsleben die Tipps für sicheren Umgang mit WWW, Email und dem Internet beherzigen, die ich schon mal zusammengestellt hatte, etwa hier und hier und hier. Elternbeiräte, Lehrer oder andere interessierte Gruppen können mich für einen kostenlosen Vortrag über Datenschutz und Privatsphäre einladen, den ich hier etwas genauer beschrieben habe.
[Update 20131206: Tippfehler in URL]
27.08.2013
Leserbrief zum Leserbrief: Einfältigkeit
Heute fiel mir bei der Lektüre der Leserbriefe mal wieder die Kinnlade 'runter
... Oder eigentlich auch nicht, von diesem Autor hatte ich nicht wirklich etwas wesentlich anderes erwartet. Die übliche Rot/Grün-Hetze und dann plötzlich ein Rundumschlag: alle Menschen, die das Abhören durch die NSA nicht gut finden, sind einfältig.
Genauer gesagt, schrieb er in einem Absatz dieses hier:
Dazu musste ich eine Antwort schreiben. Leider ist mir zu der Bemerkung mit dem "gewissen" Vorsprung erst jetzt aufgefallen, dass hier der Grundsatz "Der Zweck heiligt die Mittel" durchschimmert und die Idee, dass der Staat -- natürlich nur heimlich -- auch illegale Mittel anwenden darf, um mit den Bösewichten mitzuhalten. Das tut schon ganz schön weh zwischen den Ohren, sowas zu lesen.
... Oder eigentlich auch nicht, von diesem Autor hatte ich nicht wirklich etwas wesentlich anderes erwartet. Die übliche Rot/Grün-Hetze und dann plötzlich ein Rundumschlag: alle Menschen, die das Abhören durch die NSA nicht gut finden, sind einfältig.
Genauer gesagt, schrieb er in einem Absatz dieses hier:
"Auch die NSA-Panikmache beeindruckt nur einfältige Menschen, denn es ist logisch, dass keine Lauscher weltweit den Smalltalk von Lieschen Müller und Karlchen Mustermann verfolgen. Wäre personell gar nicht möglich. Computer durchforsten die aufgezeichneten Daten nach verdächtigen Inhalten, und das ist auch gut so. Terroristen und Kriminelle haben ohnehin immer einen gewissen Vorsprung. Herr Snowden hat diesen Individuen jedenfalls mitgeteilt, worauf sie in Zukunft achten müssen, um nicht entdeckt zu werden."
Dazu musste ich eine Antwort schreiben. Leider ist mir zu der Bemerkung mit dem "gewissen" Vorsprung erst jetzt aufgefallen, dass hier der Grundsatz "Der Zweck heiligt die Mittel" durchschimmert und die Idee, dass der Staat -- natürlich nur heimlich -- auch illegale Mittel anwenden darf, um mit den Bösewichten mitzuhalten. Das tut schon ganz schön weh zwischen den Ohren, sowas zu lesen.
Leserbrief zum Leserbrief WZ 23.08.2013
Lieber Herr von N., ich bin beeindruckt von der Schärfe und Knappheit, in der Sie den Rest der deutschen Bevölkerung als "einfältig" bezeichnen. Ich bekenne mich schuldig: ich bin einfältig und naiv.
Ich habe nämlich bislang (halbwegs) daran geglaubt, dass wir in einem Rechtsstaat leben, und dass unsere Nachbarn ebenfalls eine demokratische Grundeinstellung haben, die sich hauptsächlich an den Menschenrechten orientiert und nicht an einem vagen Sicherheitsbedürfnis des Staats.
Mittlerweile ist es ja soweit gekommen, dass in England Antiterrorgesetze zur Abschreckung von Journalisten missbraucht werden, um ausländische Staatsbürger im Transit festzuhalten, ihre Passwörter abzupressen und ihre elektronischen Geräte zu beschlagnahmen, weil dort *vielleicht* journalistische Quellen gespeichert sind.
Selbstverständlich ist es so, dass die Emails von Lieschen Müller unwichtig sind. Ist es trotzdem in Ordnung, dass sie routinemässig durchsucht werden? Sie finden also, das es nicht schlimm ist, wenn ausländische Geheimdienste, teilweise sogar auf deutschem Hoheitsgebiet (z.B. in Darmstadt-Griesheim oder in Bad Aibling), gegen das deutsche Grundgesetz verstoßen, Abhörzentralen unterhalten und alles mitlauschen, und vor allem auf Vorrat mitschneiden und aufzeichnen? Und Sie finden es ebenfalls nicht schlimm, dass Geheimdienste die UNO und EU-Diplomaten abhören? Natürlich ist das alles nur zu unserem Besten, ganz klar. Nicht, um den USA wirtschaftliche oder politische Vorteile zu verschaffen. Nein, nein.
Nicht mal unser Bundespräsident teilt Ihre Meinung. Er hat kürzlich in einer Stellungnahme gesagt, "Die Angst, unsere Telefonate oder Mails würden von ausländischen Nachrichtendiensten erfasst und gespeichert, schränkt das Freiheitsgefühl ein". Ich denke, er weiß als Ostdeutscher und vor allem als ehemaliger Chef der Stasi-Aufklärungsbehörde sehr genau, wovon er spricht.
Selbst wenn Sie denken, dass Sie nichts zu verbergen haben: Kommunikation braucht zwei Partner. Wissen Sie alles über Ihren Gesprächspartner? Wissen Sie, ob er nicht vielleicht im Fokus der Überwachung steht? Dann sind Sie automatisch auch verdächtig, allein aufgrund Ihrer Bekanntschaft. Upps.
Bitte lesen Sie diesen Artikel in Spiegel Online: "5 schlechte Argumente für mehr Überwachung".
Das Problem ist ja nicht, dass Daten von einer Quelle oder einem Gespräch gespeichert werden, sondern die Verknüpfung von Daten aus vielen Quellen, und die Gefahr von Fehlschlüssen und wildgewordenen Algorithmen - oder schlichten menschlichen Fehlern. Ich erinnere an Terry Gilliams dystopischen Film "Brazil", in dem durch eine tote Fliege im Drucker der Name "Tuttle" zu "Buttle" wird, und deswegen ein Unschuldiger von der Polizei getötet wird. Von 2008 bis 2011 wurden durch "technische Fehler" in USA verbotenerweise mehr als 50.000 inländische Emails (jährlich!) abgeschnorchelt. Hoppla. Ich dachte bislang, Geheimdienste sind unfehlbar? Hoffentlich wurde nicht durch einen weiteren technischen Fehler eine Drohne in Marsch gesetzt; Richter und Henker in einem, ohne ein rechtsstaatliches Verfahren zwischen Anklage, Verurteilung und Hinrichtung, und das alles unter der Regierung eines Friedensnobelpreisträgers.
Es geht um die flächendeckende Abschöpfung des Internetgebrauchs, nicht nur um sogenannte Metadaten, sondern um alle Daten inklusive der https-verschlüsselten: E-Mails, Chat, Suchanfragen, Videotelefonate, Käufe. Das wäre so, als ob jeder Mensch dauerhaft per Video total überwacht wird. Wer weiß, was man in ein paar Jahren mit diesen gespeicherten Daten anstellen kann?
Das eigentliche Ziel von Terrorismus ist es, Angst zu verbreiten. Viel mehr Angst, als tatsächlich Gefahr besteht. Bei Ihnen hat es schon geklappt.
Wäre ich Amerikaner, hätte ich mehr Angst vor meinen "normalen" Mitmenschen oder vor Kühen als vor Terroristen. Durch privaten Waffenbesitz sterben jedes Jahr knapp 35.000 Menschen in den USA, von Kühen werden jährlich mehr als 100 Menschen totgetrampelt.
02.08.2013
"Ich habe nichts zu verbergen" - Leserbrief zum Leserbrief
Es ist wirklich unglaublich: es gibt wirklich und immer noch Leute, die in der Öffentlichkeit behaupten, dass sie nichts zu verbergen haben. Immerhin gehört Mut dazu, diese Lebenseinstellung auch noch als Leserbrief an die Wetterauer Zeitung zu schicken. Hut ab.
Natürlich war ich gezwungen, darauf zu antworten (Name der Red. bekannt):
Leserbrief zum Leserbrief WZ 26.07.2013
Liebe Frau W., ich finde es schön, dass Sie Ihr Leben so unwichtig einschätzen, dass Sie "nichts zu verbergen haben". Sie finden also, das es nicht schlimm ist, wenn ausländische Geheimdienste, teilweise sogar auf deutschem Hoheitsgebiet, gegen das deutsche Grundgesetz verstoßen, Abhörzentralen unterhalten und alles mitlauschen, und vor allem auf Vorrat mitschneiden und aufzeichnen?
Nicht mal unser Bundespräsident teilt Ihre Meinung. Er hat jetzt in einer Stellungnahme gesagt, "Die Angst, unsere Telefonate oder Mails würden von ausländischen Nachrichtendiensten erfasst und gespeichert, schränkt das Freiheitsgefühl ein". Ich denke, er weiß als Ostdeutscher sehr genau, wovon er spricht.
Und das ist genau das Problem: wenn ich weiß, dass ich (wenn auch nur vielleicht) abgehört werde, bedeutet das schon, dass ich mindestens unbewusst mein Verhalten ändere. Das Bundesverfassungsgericht hat allein diese Möglichkeit der Einschränkung der Meinungsfreiheit schon kritisch bewertet (das Schlagwort von der "Schere im Kopf").
Selbst wenn Sie denken, dass Sie nichts zu verbergen haben: es geht niemanden etwas an, ob ich etwas zu verbergen habe, und Sie dürfen das auch nicht stellvertretend für Ihre Gesprächspartner entscheiden. Kommunikation braucht zwei Partner. Wissen Sie alles über Ihren Gesprächspartner? Wissen Sie, ob er nicht vielleicht im Fokus der Überwachung steht? Dann sind Sie automatisch auch verdächtig, allein aufgrund Ihrer Bekanntschaft. Upps.
Bitte lesen Sie diesen Artikel in Spiegel Online: "5 schlechte Argumente für mehr Überwachung".
"Prism" habe doch keine fünf konkreten Terroranschläge in Deutschland verhindert, wie es zunächst hieß. "Vielleicht mehr, vielleicht weniger", sagte Friedrich jetzt. Dafür musste also unsere gesamte Kommunikation überwacht werden?
Welche Schäden gehen denn von FÜNF Terroranschlägen aus? Wieviele erfolgreiche Terroranschläge gab es denn in Deutschland vor der Internetüberwachung? Können Sie sich daran erinnern? Ich nicht. Mit anderen Worten: es waren so wenig Schäden und Opfer, dass Sie erkennen müssten: das Ausmaß der Überwachung ist absolut unverhältnismäßig. Und trotz Totalüberwachung sind die Geheimdienste an der Aufklärung der NSU-Morde gescheitert. Hmmmm ...
Jeder ist betroffen: nicht durch durch eigenes aktives Verhalten, sondern auch, weil Firmen Daten über uns speichern und natürlich über's Internet miteinander austauschen. Bedenken Sie dieses Beispiel: die Krankenkassen, Ärzte und Apotheken arbeiten an der elektronischen Gesundheitskarte und wollen alle Gesundheitsdaten aller Deutschen zentral speichern. Wenn die Geheimdienste wirklich die Offenlegung der Verschlüsselung erzwingen, liegen diese sämtlichen Gesundheitsdaten offen. Das sind wunderbare Informationen. Irgendein paranoider Schlapphut könnte auf die Idee kommen, dass alle Menschen mit tödlichen Krankheiten potentielle Selbstmordattentäter sind. Spinnen Sie den Gedanken selbst weiter!
Das Problem ist ja nicht, dass Daten von einer Quelle oder einem Gespräch gespeichert werden, sondern die Verknüpfung von Daten aus vielen Quellen, und die Gefahr von Fehlschlüssen und wildgewordenen Algorithmen - oder schlichten menschlichen Fehlern. Ich erinnere an Terry Gilliams dystopischen Film "Brazil", in dem durch eine tote Fliege der Name "Tuttle" zu "Buttle" wird, und deswegen ein Unschuldiger von der Polizei getötet wird.
Es geht um die flächendeckende Abschöpfung des Internetgebrauchs, nicht nur um sogenannte Metadaten, sondern um alle Daten inklusive der https-verschlüsselten: E-Mails, Chat, Suchanfragen, Videotelefonate, Käufe. Das wäre so, als ob jeder Mensch dauerhaft per Video total überwacht wird. Wer weiß, was man in ein paar Jahren mit diesen gespeicherten Daten anstellen kann?
Das eigentliche Ziel von Terrorismus ist es, Angst zu verbreiten. Viel mehr Angst, als tatsächlich Gefahr besteht. Bei Ihnen hat es schon geklappt.
Wäre ich Amerikaner, hätte ich mehr Angst vor meinen "normalen" Mitmenschen als vor Terroristen. Durch privaten Waffenbesitz sterben jedes Jahr knapp 35.000 Menschen in den USA.
25.07.2013
Der Terrorismus hat den Freiheitsstaat abgeschafft - Leserbrief
Die Empörung über die Abhöraffäre nimmt und nimmt keine Fahrt auf, obwohl jeden Tag schreckliche neue Details zutage treten.
Dazu mein Leserbrief mit einer Zusammenfassung des bisher Bekannten an die WZ.
Mein Fazit: allein durch die Veränderung vieler demokratischer Staaten hin zu dieser extremen Überwachung haben die Terroristen unglaublichen Schaden angerichtet. Dieser ideelle Schaden überwiegt bei weitem alles andere, was Terroristen im Namen welchen Gottes oder welcher Ideologie auch immer bislang verursacht haben.
Leserbrief zum Dauerthema Abhören
Wenn sogar der "Spiegel" das Abhörthema zum Dauerthema auf der Website macht und dauerhaft extrem kritisch berichtet, ist das schon ein deutliches Warnzeichen für unsere Demokratie und unser Verhältnis zu sogenannten "befreundeten" Staaten. Eigentlich ist es schlimm, dass man dieses Adjektiv in Anführungszeichen setzen muss, aber es scheint nicht weit her zu sein mit der Freundschaft. In den vergangenen 12 Jahren haben sich die USA von einem freien in einen Überwachungsstaat verwandelt.
In Deutschland gab es einige Zeit lang die Vorratsdatenspeicherung für Verbindungsdaten (keine Inhalte). Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht fand keine Hinweise darauf, dass die Speicherung einen Terroranschlag verhindert hätte - oder dass sich damit Kinderpornografie wirksamer bekämpfen ließe. Forscher der Technischen Universität Darmstadt kommen zu dem Ergebnis, dass die Vorratsdatenspeicherung wohl nicht zur Prävention geeignet ist.
Zunächst schien es "nur" Internetüberwachung zu sein, bis bekannt wurde, dass die US-Post pro Jahr 160 Milliarden Briefumschläge fotografieren und digitalisieren lässt.
Als nächstes wurde nun bekannt, dass T-Mobile USA einen Geheimvertrag mit dem FBI unterzeichnen musste, der den Ermittlern nahezu grenzenlosen Zugriff zu den Daten und zur Kommunikation ihrer Kunden gewährt.
"Prism" habe doch keine fünf konkreten Terroranschläge in Deutschland verhindert, wie es zunächst hieß. "Vielleicht mehr, vielleicht weniger", sagte Friedrich jetzt. Dafür musste also unsere gesamte Kommunikation überwacht werden?
Jeder ist betroffen: nicht durch durch eigenes aktives Verhalten, sondern auch, weil Firmen Daten über uns speichern und natürlich über's Internet miteinander austauschen.
Es geht um die flächendeckende Abschöpfung des Internetgebrauchs, nicht nur um sogenannte Metadaten, sondern um alle Daten inklusive der https-verschlüsselten: E-Mails, Chat, Suchanfragen, Videotelefonate, Käufe. Das wäre so, als ob jeder Mensch dauerhaft per Video total überwacht wird. Wer weiß, was man in ein paar Jahren mit diesen gespeicherten Daten anstellen kann?
Die Geheimdienste "5 eyes" der englischsprachigen Länder haben vereinbart, dass sie sich gegenseitig abhören und Daten austauschen. Man darf ja nicht die eigenen Landsleute abhören. Aber die Erkenntnisse der "Freunde" darf man natürlich verwerten. Wie verlogen ist das denn?
Merkel: "Da wurde dem Bundesinnenminister sehr deutlich gesagt, es gibt keine Industriespionage gegen deutsche Unternehmen." Die amerikanische Geheimdienstführung hat mehrfach sowohl Senatoren wie auch den US-Kongress angelogen. Wie außerordentlich egal muss dann erst eine Lüge gegenüber einem europäischen Reisebittsteller sein? Es gibt 45 verschiedene amerikanische Geheimdienste, und alle haben eigene Geheimnisse.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass amerikanische Geheimdienste auch zu Gunsten der amerikanischen Wirtschaft spionieren. Es wird kolportiert, dass Airbus Ausschreibungen verloren hat, weil Boeing durch Insiderkenntnisse Angebote nachbessern konnte. Merkel gibt sich doch immer so wirtschaftsfreundlich. Warum wird sie hier nicht zum Schutz der Wirtschaft tätig?
Deutschland und die EU könnten sich wehren; es gibt durchaus Druckmittel: Fluggastdatenabkommen, SWIFT-Datenaustausch, Freihandelsabkommen. Man muss es nur wollen. Die Datenschutzbeauftragten geben die Marschrichtung vor: derzeit keine neuen Genehmigungen für "Safe Harbour"-Anträge, d.h. keine Auftragsdatenverarbeitung im Ausland nach EU-Richtlinien, weil nicht klar ist, ob "Safe Harbour" wirklich eingehalten wird.
Eine kurzfristige Gegenmaßnahme ist das Verschlüsseln von Mails (Anleitung dazu in meinem Blog). Aber eigentlich ist das ein Zeichen, dass ich meinem Staat mißtraue. Und das ist auch kein schönes Gefühl.
Das eigentliche Ziel von Terrorismus ist es, Angst zu verbreiten. Bis jetzt kann ich nur feststellen: Job well done.
Im Vergleich zu anderen Todesursachen rangiert Terrorismus deutlich unter "ferner liefen". Es gibt viel mehr Tote durch Krankheiten, Drogen, Unfälle. Warum erhält Terrorismus soviel Aufmerksamkeit? Das ist genau das, was die Terroristen wollen. Meine Theorie dazu: Ohne Aufmerksamkeit durch die Medien gäbe es langfristig keine oder kaum Anreize, Anschläge zu verüben.
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