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04.02.2021

In eigener Sache: Vorträge über Internet und Datenschutz

Ich schrieb ja schon mehrmals, dass ich an Schulen Vorträge über Datenschutz, Privatsphäre, Soziale Netzwerke, "Digitale Selbstverteidigung" usw. halte und damit auf Einladung durch Klassen und Elternabende tingele (im Moment natürlich eher nicht). Meine alten Blogartikel gibt es hier, hier, hier, hier und hier.

Im Rahmen von elan ("Eltern schulen aktive Eltern") biete ich dieses Jahr zwei meiner Vorträge auch online als Videokonferenz an.

Genau wie die "live" Vorträge in Schulen ist auch die Online-Variante kostenlos.

Anmeldung geschieht über das staatliche Schulamt des Wetteraukreises (s.u.).

Lehrer, die an diesen Vorträgen teilnehmen, können mit der Akkreditierungsnummer (VA ...) eine Teilnahmebescheinigung bekommen.

Ich würde mich sehr über Interessenten freuen, die diese Vorträge von mir übernehmen und selbst halten möchten.

Alle Vorträge finden von 19.30 bis ca. 21.30 Uhr statt. Im Anschluss an die Vorträge können Fragen gestellt werden, die ich nach bestem Wissen und Gewissen beantworten werde :-)

Schüler und neue Medien
17.02.21 (VA.-Nr. 510 650 63)
19.05.21 (VA.-Nr. 510 650 74)
16.06.21 (VA.-Nr. 510 650 77)

Der Vortrag richtet sich an Eltern, die darüber nachdenken, ein Smartphone für ihr Kind anzuschaffen.
Er bietet einen Überblick über das Internet in der Hosentasche und die Möglichkeiten und Risiken, denen Kinder und Jugendliche begegnen.
Auch Begriffe wie TikTok, WhatsApp, In-App-Käufe, Soziale Netzwerke, Mobbing, Sexting, Grooming werden besprochen.
Zielgruppe: Eltern von Schülern ca. 2./3./4. Klasse, natürlich alle anderen Eltern genauso willkommen!

Dieser Vortrag ist nicht besonders technisch und bietet einen Überblick, anhand dessen eine persönliche Vertiefung leichter fallen sollte.
 

Digitale Selbstverteidigung (zweiteilig wegen Umfang)
17.03.2021 Teil 1 (VA.-Nr. 510 652 49)
21.04.2021 Teil 2 (VA.-Nr. 510 652 49)

Wie funktioniert das Internet?
Ein Überblick über die Gefährdungslage durch private und staatl. Stellen.
Ein tieferer Blick auf die Datensammlung für gezielte Werbung.
Wie benutzt man Facebook und andere Soziale Netzwerke – ohne gleich alles über sich preiszugeben?
Gegenmaßnahmen im Browser, im Emailprogramm und Tipps für das eigene Verhalten.
Zielgruppe: Schüler ab ca. 7./8. Klasse und Eltern

Dieser Vortrag ist sehr umfangreich und wird deshalb in zwei Teilen angeboten, damit am Ende jedes Teils noch eine sinnvolle Diskussion möglich ist.

 

Anmeldung mit Nennung von Titel, Datum, Mail-Adresse und vollständigem Namen bitte an:
Fortbildung.SSA.BadVilbel@kultus.hessen.de
Staatliches Schulamt für den Hochtaunus- und Wetteraukreis
Konrad-Adenauer-Allee 1-11
61118 Bad Vilbel / Dortelweil
Tel.: 06101 - 5191 600

Ihre Anmeldung ist verbindlich. Bitte informieren Sie uns umgehend, falls Sie an der Veranstaltung nicht teilnehmen können.Damit wir Ihnen die entsprechenden Zugangsdaten vor der Veranstaltung übermitteln können, ist es notwendig, dass Sie bei der Anmeldung eine regelmäßig von Ihnen genutzte Emailadresse angeben.

18.01.2019

Eine Webseite mag Linux nicht

Manche Firmen sind einfach unglaublich ... doof.

Ich muss beruflich Lotus Notes benutzen (ein bißchen Mitleid bitte) und für verschlüsselte bzw. signierte S/MIME-Mails verwendet meine Firma Zertifikate von Symantec (mehr Mitleid bitte). Die laufen natürlich irgendwann ab und dann kommt eine Mail mit dem Hinweis, dass ich mein Zertifikat erneuern muss.

Kein großes Problem - ich gehe auf eine Webseite meiner Firma, die mich weiterleitet zu Symantec. Dort muss ich mich natürlich identifizieren, und wenn das erfolgreich war, müsste ich mein Zertifikat herunterladen können.

Tja, außer ich verwende einen Browser mit Linux. Dann passiert einfach gar nix mehr.

Vorschlag von den netten Kollegen: eine Windows-VM verwenden und dort im Browser Symantec aufrufen (noch mehr Mitleid bitte).

Meine alternative Lösung: ein Addon für den Browser, um den User Agent zu fälschen und Firefox/Windows vorzutäuschen.

Und Schwupps, es funktioniert.

Symantec hat also wirklich eine Browserweiche eingebaut, die bei Linux anderes Verhalten zeigt als bei Windows.

Ist das doof oder ist das doof?

03.09.2016

Hintertüren in Software - Leserbrief

Im Moment macht der Innenminister mal wieder heiße Luft im Blätterwald mit der Forderung, staatliche Hintertüren in Software einzubauen, z.B. in Smartphones. Die Idee finde ich so blöd, dass ich einen Leserbrief dazu schrieb.
Bezeichnend für die politische Grundhaltung der WZ ist die Kürzung (so markiert).
[Veröffentlicht am 03.09.2016]

Unser Innenminister de Maizière fordert also mal wieder, dass Softwarehersteller Hintertüren in ihre Produkte einbauen sollen.

Diese Hintertüren gibt es schon lang: man nannte sie bislang Sicherheitslücken, die durch schlechte Programmierer entstanden sind.
Für Sicherheitslücken gibt es seit Jahren einen Markt, auf dem sich private Bösewichte genauso tummeln wie Staaten.
Nur mal so als Stichwort eine der erschreckenden Tatsachen dieses Marktes: Lücken, die einem Schädling das dauerhafte Einnisten in ein Gerät ermöglichen, d.h. auch einen Neustart des Geräts überstehen, werden mit Summen ab 100.000 Dollar gehandelt.

Aus der aktuellen Debatte über die "Pegasus"-Sicherheitslücke in iPhones (technisch eine schlaue Kombination von vier Lücken), auf die Apple vorbildlich in nur 10 Tagen reagiert hat und nun iOS 9.3.5 verteilt, lernen wir Folgendes:
Sicherheitslücken sind eine ganz schlimme Sache, die so schnell wie möglich behoben werden müssen, weil (natürlich) nicht nur die "Guten" sie ausnutzen, sondern ganz schnell auch die Bösen. Hier bricht ironischerweise die Klassifizierung zusammen: die "Bösen" sind in diesem Fall vermutlich ein Staat, dem der angegriffene Aktivist ein Dorn im Auge war, und die halten sich selbst natürlich wiederum für die "Guten". Alles ist relativ.

Wenn nun sogar noch bekannte Sicherheitslücken in die Geräte eingepflanzt werden (eben die von de Maizière geforderten Hintertüren), dann werden schlagartig alle unsere elektronischen Geräte gefährlich. Man muss nämlich nicht mehr aktiv nach Sicherheitslücken forschen und herausfinden, wie man durch die Kombinationen mehrerer Lücken sein Ziel erreicht, sondern es reicht, den einen Mitarbeiter eines Geheimdienstes oder des Softwareherstellers zu bestechen oder zu bedrohen, damit er die Details der Hintertür weitergibt. Es gibt keine Hintertür, die nur für die "Guten" existiert.

Wer würde denn so eine Hintertür einbauen? Der Hersteller natürlich. Und so, wie ich große Firmen kenne, wird so eine Hintertür dann in etwa 300 Software-Entwicklern bekannt sein. Die sitzen in einem Land, das nicht der deutschen Rechtsprechung unterworfen ist. Man kann sich ausrechnen, wie "sicher" so ein Produkt sein kann.

Besonders schlimm: Geheimdienste wie der amerikanische NSA sitzen mitunter jahrelang auf dem Wissen über Sicherheitslücken (sogenannte "zero day exploits", also Lücken, die ausgenutzt werden, aber dem Hersteller nicht bekannt sind), weil sie sich einbilden, die einzigen mit dieser Kenntnis zu sein. Aber natürlich ist es nicht so: wenn ein Geheimdienst eine Lücke finden oder kaufen kann, ist dies jedem anderen Bösewicht ebenso möglich. Das Zurückhalten solcher Kenntnisse gefährdet also uns alle, bei fraglichem Nutzen über eine zukünftige Gelegenheit, die vielleicht sogar nie kommen wird.

Genau das ist das Perfide an dieser Pseudo-Diskussion: Politiker fordern etwas, von dem sie nichts verstehen, und wovon jeder Sicherheitsforscher abrät. Aber die Forderung selbst, untermauert von populistischen Begründungen wie Terrorbekämpfung, steht im Raum und wird wieder und wieder diskutiert, bis der Widerstand erlahmt. Aber der mögliche Nutzen steht in keinem Verhältnis zum definitiven Schaden für alle, wenn so ein Quatsch in ein Gesetz gegossen wird.

Die Sicherheit vor elektronischen Schädlingen wäre höher, wenn sich der Bundesinnenverteidiger de Maizière um ein Gesetz zur Update-Pflicht für Sicherheitslücken kümmern würde, statt hohle Phrasen über den "rechtsfreien Raum" zu dreschen.

Wie schnell kommt denn das Update für ein Gerät in Deutschland, das nicht gerade zur Spitzenklasse gehört? Eben. Die einzigen Smartphones mit einigermaßen zuverlässiger Update-Garantie sind von Microsoft (Windows Phone), Apple (iPhone) und Google selbst (Nexus). Alle anderen Hersteller liefern Updates nur für das Top-Gerät des Jahres aus, mit Glück noch für das vom Vorjahr. Und das war's dann auch schon. Das Billig-Smartphone bezahlen wir also mit fehlender Sicherheit, weil nach Auslieferung die Uhr tickt und man sicher sein kann, dass die Software Fehler und damit Lücken enthält.

02.03.2016

Datenschutz und Cloud - Leserbrief

Schon ein paar Tage her, dass ich den Leserbrief als Antwort auf eine Glosse des Redakteurs B. Bräuning schrieb. Dann blieb er liegen (der Leserbrief), weil ich nicht wusste, ob mir vielleicht noch etwas mehr zum Thema einfiele. Kam aber nix mehr. Hier ist er.
[Veröffentlicht am 01.03.16, Änderungen in blau]

Leserbrief zur Glosse "Cloud" vom 17.02.2016

Herr Bräuning, Sie schreiben in Ihrer Glosse über das Thema "Cloud" und Datenschutz.

"Cloud" ist derzeit ein Modewort, und jeder will so etwas haben, sowohl geschäftlich als auch privat.

Aber: "Cloud" ist nur ein Fremdwort für "Computer anderer Leute". "Cloud" bedeutet im Wesentlichen, dass die Daten nicht auf einem Datenträger gespeichert werden, auf den Sie selbst physischen Zugriff haben, sondern ausschließlich über im Netzwerk, d.h. Internet.

Damit wird auch offensichtlich, welche Probleme man sich damit einhandelt. Zum Einen kontrolliert ein Fremder den Zugang zu den Datenträgern, und zum Anderen geschieht der Zugang über Netzwerkverbindungen, von denen wir mittlerweile wissen, dass jeder Staat sie nach Lust und Laune abhört, und zwar in großem Maßstab!
Über die Qualität der Verschlüsselung - sofern vorhanden - und die Qualität des Designs dieser Verschlüsselung kann man bei den meisten Firmen wenig Genaues erfahren.

Sie spekulieren etwas flapsig, wie in der elektronischen Cloud Datenverlust aussieht und vergleichen das bildlich mit dem Regen aus den natürlichen Wolken.
Das ist zwar unterhaltsam und gut vorstellbar, aber nicht mal bei großer Anstrengung als Metapher verwendbar.

Eine schwerwiegende kommende Ursache für Datenverlust und insbesondere Verlust der Souveränität über unsere eigenen Daten haben Sie nicht erwähnt.

Diese Ursache heißt "Gesetzgebung", und damit meine ich, dass Staaten unterschiedliche Gesetze erlassen, die den staatlichen Zugriff auf Daten in der Cloud regeln wollen.
In den USA sind gerade Beratungen im Gange, dass Firmen mit US-Sitz oder einer Niederlassung dort den amerikanischen Behörden auch Zugang zu den Daten von Tochterfirmen im Ausland gewähren müssen. Damit müsste z.B. Microsofts Tochterfirma die in Irland gespeicherten Daten an US-Behörden ausliefern. Microsoft kann sich nun aussuchen, ob sie gegen europäische oder amerikanische Gesetze verstoßen wollen - einen Tod müssen sie sterben. Ich könnte mir im schlimmsten Fall sogar vorstellen, dass die deutsche Telekom Daten ausliefern müsste, wenn ein amerikanisches Gericht die US-Tochter T-Mobile USA dazu verurteilt.

Und um noch ein bißchen weiter in die Glaskugel zu schauen: wenn das Freihandelsabkommen TTIP kommen sollte, sind die Klagen vor Schiedsgerichten vorprogrammiert, die strengen Datenschutzregeln aufzuweichen, weil sie ein Handelshemmnis darstellen.

Ich wage zu behaupten, die "Schöne Neue Welt" und "1984" von Huxley und Orwell sind in ihren Voraussagen noch harmlos gegen das, was uns bevorsteht, wenn der Datenschutz zugunsten von Firmeninteressen aufgegeben wird.

06.01.2015

Staatliche Hacker machen das Internet unsicher

Gelegentlich berichtet die Wetterauer Zeitung doch tatsächlich noch über Abhören und Hacken. Die Tendenz ist uneinheitlich, in manchen Glossen wird das Abhören kritisiert, generell klingt es für mich nach "kann man eh nix dran ändern" und "es geht um Terrorismus" bis hin zu "denkt doch an die Kinder". Letzte Woche war mal wieder eine etwas verwirrte Veröffentlichung, auf die ich einen Leserbrief schrieb:

Leserbrief zur Glosse Hr. Gillies, 23.12.2014

Herr Gillies schreibt über die "Hacker", die Webseiten und andere öffentlich erreichbare Dienste im Internet angreifen.
Zu diesen Diensten gehören leider seit langem auch Einrichtungen der Infrastruktur wie Kraftwerke, Industrieanlagen usw.
Gerade bei solchen Einrichtungen ist es sträfliche Dummheit, sie schlecht gesichert im Internet öffentlich erreichbar zu machen.

Und auch "normale" Webseiten werden gern angegriffen. Bei *diesem* Hacken geht es meistens um Erpressung ("ich lege Deine Seite lahm, und Du machst kein Geschäft mehr") oder um das verdeckte Einschleusen von Infektionsprogrammen, die dann beim Empfänger Viren und Trojaner installieren. Eine andere Form von Hacken versucht gezielt, interessante Opfer auszumachen ("spear fishing") und dann von *innen* Spionage zu betreiben. Dazu zählen auch bösartig veränderte USB-Sticks ("Bad USB", z.b. in c't 18/2014, S. 44).

Es wäre aber ein Fehler, allein auf die "bösen Hacker" zu schimpfen.

Was meiner Meinung nach viel stärker dazu beiträgt, dass das Internet unsicher ist, sind die diversen Geheimdienste, die Verschlüsselungsalgorithmen unterwandern und durch gezielte Manipulationen Standards verschlechtern, um sich selbst das "Hacken" zu erleichtern.

Genauso trägt dazu bei, dass die Geheimdienste, u.a. auch der BND, angekündigt haben, von "Hackerfirmen" wie Vupen bislang unveröffentlichte Sicherheitslücken zu kaufen, um einen Informationsvorsprung beim eigenen Hacken zu erlangen. Sicherheitslücken müssen so schnell wie möglich an den Hersteller der Software gemeldet werden und dürfen nicht zur Handelsware werden.

Diese Verhaltensweise ist genau das Gegenteil von verantwortungsvollem Handeln zur Sicherheit aller im Netz. Wenn der Geheimdienst eine Sicherheitslücke kennt, heißt das nämlich auch, dass Bösewichte diese Lücken genauso kaufen oder sogar selbst herausfinden können. Schließlich ist der Verkauf durch solche gewissenlosen Firmen nicht exklusiv. Wer Geld hat - und das haben Geheimdienste!, der hat einen Wissensvorsprung.

Abgesehen davon: wer glaubt denn ernsthaft, dass ausländische Geheimdienste wirklich zu den "Guten" gehören? Wer an der Quelle der Informationen sitzt (wie z.B. am Frankfurter Internetknoten DE-CIX), wird schwerlich zum Nachteil der eigenen Industrie Geheimnisse für sich behalten, sondern sie auf dem kurzen Dienstweg in die Heimat weitermelden. Das Abhören des Kanzlerhandys, das Ausspähen der Klimakonferenz in Kopenhagen, und sogar das Ausspähen der PCs von Mitgliedern des amerikanischen CIA-Untersuchungsausschusses sprechen Bände.

19.08.2014

SSL-Verschlüsselung und die Vertrauenswürdigkeit

In letzter Zeit wird immer so viel über die Abhöraffäre gesprochen. Manche, insbesondere Politiker, sagen dann immer gern, man müsse sich selber schützen. Das mag natürlich Ablenkung sein, weil sie es sich nicht mit den USA verderben wollen, kann aber auch genausogut das völlige Fehlen von Sachkenntnis bedeuten. Wer weiß das schon so genau bei Politikern.

Zwei Dinge kann man natürlich aus dieser heißen Luft trotzdem mitnehmen: wer aus Prinzip verschlüsselt, macht es den Geheimdiensten schwerer - die Masse macht's. Und man fällt auf und ist damit automatisch verdächtig. Das kann sich jetzt jeder selbst überlegen.

Wie man Emailverschlüsselung einrichtet, wird übrigens hier ganz gut erklärt (am Beispiel von Thunderbird in Windows, das Grundprinzip ist aber bei Mac und Linux fast identisch), und ich hatte das vor einiger Zeit auch schon mal beschrieben.

Was genau passiert nun bei Verschlüsselung, und wie funktioniert Abhören?

Normalerweise nimmt man einen Browser oder ein Emailprogramm und der Computer zuhause - der Client - baut eine Verbindung zu einem anderen Computer auf, dem sogenannten Server, der eine Dienstleistung anbietet, sei das nun WWW oder Email oder Chat oder etwas ganz anderes; für unsere Betrachtungen ist das vollkommen unerheblich.

Ich will jetzt auch gar nicht so ganz im Detail darauf eingehen, wie diese Verbindung funktioniert, aber das OSI-Schichtenmodell spielt dabei eine Rolle, und die üblichen Verbindungen laufen über das TCP-Protokoll im TCP/IP. Wer tiefer Bescheid wissen will, möge den Links folgen.

Bei unverschlüsselten Verbindungen fragt der Client den Server im Klartext, und die Antwort des Servers darauf erfolgt ebenfalls im Klartext. Hier ist es natürlich vollkommen problemlos, den kompletten Inhalt in beiden Richtungen abzuhören, wenn man sich an einer der Knotenstellen dazwischen einklinken kann - Geheimdienste machen das gern am DE-CIX in Frankfurt, da trifft sich so gut wie alles, was Rang und Namen hat ... Die Bundesregierung verweigert übrigens die Antwort auf die Frage, ob deutsche Geheimdienste ebenfalls am DE-CIX abhören. Allein diese Weigerung finde ich schon sehr bezeichnend.

Man erzeugt ein Duplikat des Datenstroms, und schon mit billigen Sniffer-Werkzeugen wie Wireshark kann man gezielt herausfiltern, dass man an einer bestimmten Verbindung des Typs "T" von "A" nach "B" interessiert ist (T=email, A=Thomas, B=pop.gmx.net).

Gut, das wollen wir natürlich nicht (ich zumindest), und deswegen wollen wir es dem Lauscher an der Wand etwas schwieriger machen, und schalten TLS ein. Was bedeutet das technisch? Zunächst einmal bedeutet es, dass wir den modernen neuen Namen verwenden. Früher hieß das nämlich noch SSL, und von diesem Namen stammt auch das "s" für "secure" in den URLs, wie z.B. https://www.ccc.de.

TLS ist eine Sammlung von Methoden und Protokollen, mit denen man ver- und entschlüsseln kann, sowie Prüfsummen nach allen möglichen Standards berechnen kann. Es gibt mehrere Softwarepakete, die TLS bzw. SSL anbieten, darunter das am häufigsten verwendete OpenSSL oder auch GnuTLS.

Das Tolle an TLS ist, dass man die Ver- und Entschlüsselung mit unterschiedlichen Codes durchführen kann (asymmetrische Verschlüsselung). Der Code zum Verschlüsseln kann ruhig bekannt werden; deshalb wird er auch "öffentlicher Schlüssel" genannt. Selbst wenn man ihn besitzt, kann man einen verschlüsselten Text damit nicht wieder lesbar machen. Nur wenn man den dazugehörigen "privaten Schlüssel" besitzt, kann man den Text dechiffrieren. Ein bekanntes Verfahren heißt RSA und wurde nach den Entwicklern Rivest, Shamir, Adleman benannt.

Das asymmetrische Prinzip mit der Aufteilung in einen öffentlichen und einen geheimen Schlüssel hat zwei besondere Eigenschaften, die beide sehr nützlich sind und verwendet werden. Zum Einen kann man mit dem öffentlichen Schlüssel etwas unlesbar machen und nur der Empfänger kann es mit seinem geheimen Schlüssel wieder lesbar machen. Nicht einmal der Absender kann die Verschlüsselung rückgängig machen! Zum Anderen kann der Besitzer des geheimen Schlüssels eine elektronische Unterschrift (Signatur) erzeugen, und jeder kann mit dem öffentlichen Schlüssel prüfen, ob die Unterschrift korrekt ist.

Beim ersten Verbindungsaufbau sendet der Client eine Anfrage, ob der Server Verschlüsselung unterstützt. Falls ja, bietet er eine Liste von Verschlüsselungsverfahren an und sendet auch gleich seinen öffentlichen Schlüssel mit (in Wahrheit ist es etwas komplizierter, aber das ist das Prinzip). Mit diesem öffentlichen Schlüssel kann also der Client schon mal chiffrierten Text an den Server schicken, und nur der Server kann ihn wieder lesbar machen.

Soweit, so cool ... aber wie geht der Rückweg?

Im Prinzip funktioniert der Weg der Serverantworten genauso, nur andersrum ;).

Der Client und der Server einigen sich auf ein bestimmtes Verschlüsselungsverfahren (z.B. AES) und tauschen beim Verbindungsaufbau einen geheimen Schlüssel aus, der nur für diese eine Verbindung verwendet wird. Diesen etwas komplizierten, umständlichen Weg geht man, weil das asymmetrische Verfahren sehr rechenaufwändig ist. Man setzt es deshalb nur einmal ein, um einen zufällig gewählten Code für ein schnelleres, typischerweise symmetrisches Verfahren auszutauschen.

Soweit, so cool ... aber woher weiß ich, dass der Server wirklich die Maschine ist, die ich ansprechen will und nicht eine andere Kiste, vielleicht wurde ich sogar umgeleitet mittels Angriffsmechanismen wie DNS-Fälschung, ARP-Fälschung usw.?

Jetzt wird's komplizierter ;). Erst mal weiß ich das nicht. Der Server bietet mir beim Verbindungsaufbau seinen öffentlichen Schlüssel an. Aber ich weiß noch nicht, ob das alles zusammenpasst. Ich kann natürlich über einen anderen Weg prüfen, ob der "Fingerabdruck" (fingerprint) des öffentlichen Schlüssels korrekt ist, aber dann müsste ich mir selbst eine Liste von Fingerprints aufbauen für alle Webserver, Emailserver usw., mit denen ich sprechen will.

Üblicherweise geht man einen anderen Weg: man lässt sich den öffentlichen Schlüssel "signieren" von einem vertrauenswürdigen Dritten, einer sogenannten Zertifizierungsstelle. Und man vertraut dann nicht jedem einzelnen öffentlichen Schlüssel jedes Servers, sondern einmalig der Zertifizierungsstelle. Das sind die "Vertrauenswürdigen Institutionen" in den Interneteinstellungen bei Windows bzw. die "Authorities" im Firefox-Browser.

Das ganze scheitert dann, wenn diese Zertifizierungsstellen unterwandert oder kompromittiert werden, und dafür gibt es leider mehr als genug Beispiele, eben weil diese Abhörmöglichkeit extrem attraktiv ist.
  • Vor einigen Jahren wurde die niederländische DigiNotar gehackt und gefälschte Zertifikate für bekannte Hostnamen von Google und anderen signiert (insgesamt gab es über 500 gefälschte Signaturen)
  • neulich gab es eine schlimme Panne in der Türkei 
  • aus dem Iran ist bekannt, dass 2011 zum Abhören gefälschte Zertifikate für google.com erkannt wurden, vermutlich vom Einbruch bei DigiNotar
  • das israelische Unternehmen StartSSL wurde angegriffen
  • ein Angriff auf die französische ANSSI ist noch ungeklärt
  • und jetzt aktuell wurde bekannt, dass die staatliche NIC von Indien ebenfalls versucht hat, mit Zertifikaten für Hostnamen bei Google und Yahoo ihre Bürger abzuhören.

Das Problem ist nämlich: wenn das Zertifikat gefälscht ist, d.h. "falsch" signiert ist, funktioniert es technisch immer noch problemlos und sieht immer noch genauso vertrauenswürdig aus, obwohl es jemand mit böser Absicht erzeugt hat und verwendet. Nur die "Unterschrift" ist von einer anderen Stelle, der mein Browser aber ebenfalls vertraut. Nur wenn man weiß, dass das Zertifikat normalerweise von Verisign signiert wird und eben nicht von "NIC India", dann springt einem die Fälschung sofort in's Auge.

Das wäre genauso, als ob man bei einem Brief nur darauf schaut, dass er handschriftlich unterschrieben ist, aber man prüft nicht, ob die Handschrift wirklich "echt" ist.

Googles Chrome-Browser prüft übrigens bei einigen Hostnamen, ob das Zertifikat von der richtigen Instanz unterschrieben wurde, und schlägt Alarm, wenn man auf diese Weise auf eine Fälschung trifft. Diese Prüfung heißt "certificate pinning" - man legt in der eigenen Software fest, welche Signatur erwartet wird.

Als Fazit lässt sich sagen: die Mathematik lässt sich (derzeit) nicht austricksen, aber das System der vertrauenswürdigen Signaturstellen ist gehörig angeknackst, um nicht zu sagen: es ist kaputt.

Das Problem ist natürlich offensichtlich und wird auch bereits unter Sicherheitsforschern diskutiert. Eine Möglichkeit ist, dass jede Certificate Authority, die Signaturdienstleistungen anbietet, öffentlich macht, für wen sie Zertifikate ausgestellt hat. Damit könnte jeder Browser prüfen, ob ein Zertifikat wirklich hochoffiziell von dieser CA signiert werden durfte.

Bislang gab es eine gewisse Vertrauenswürdigkeit in die Signaturstellen, aber das ist in's Wanken geraten mit Bekanntwerden der Tatsache, dass insbesondere amerikanische Geheimdienste gern man mit geheimgehaltenen Gerichtsurteilen die Herausgabe aller Schlüssel erzwingen, wie etwa im Fall des Emaildienstleisters Lavabit.

Ein weiterer Ansatz ist eine Sperrliste. Da greift aber erst, wenn einem Besitzer aufgefallen ist, dass ein gefälschtes Zertifikat im Umlauf ist oder ein echtes gestohlen wurde. Die Browser können bei einer Auskunftsinstanz nachfragen, ob ein gegebenes Zertifikat (noch) gültig ist oder widerrufen wurde. Einerseits hat dies mächtige Performance-Probleme, weil für jedes Zertifikat eine Anfrage abgeschickt werden muss. Andererseits ist das ein riesiges Problem für die Privatsphäre, wenn ich einer weiteren Instanz mitteile, wo ich gerade surfe. In Firefox und Chrome gibt es diese Technik, da aber Google diese Probleme als zu schwerwiegend ansieht, ist das Feature abgeschaltet. Es gibt aber technische Weiterentwicklungen, wie z.B. eine einzelne zentrale Sperrliste.

11.04.2014

Heartbleed SSL-Problem - ein Überblick

Alle Welt redet über den Fehler in OpenSSL (CVE-2014-0160), durch den ungewollt interne Daten aus einem Server "herausbluten" können, die nie an die Öffentlichkeit sollten ... wie z.B. ungeschützte private SSL-Keys, oder auch Usernamen und Passwörter.

Der Fehler besteht darin, dass mehr Daten ausgeliefert werden, als "legal" im Server zur Verfügung stehen, und was in diesem "mehr" an Daten abgelegt ist, hängt nur vom Zufall und dem vorherigen Zustand des Serverdienstes ab.

Es könnten also private SSL-Keys oder Passwörter sein. Man weiß es nicht ...

Deswegen muss man als korrekt paranoider Serverbetreiber davon ausgehen, dass dieser schlimmste Fall auch wirklich eingetreten ist. Jeder Betreiber von öffentlichen Internetdiensten sollte also seine SSL-Zertifikate zurückrufen ("revoken"), sich neue beschaffen (am besten gleich mit 2048 bit Länge) und neu signieren lassen. Das wird leider häufig Geld kosten (z.B. bei Verisign, Thawte, Geotrust, Telekom usw.). Eine kostenlose Möglichkeit ist cacert.org, allerdings haben nur wenige Programme die Root-Zertifikate von cacert.org ab Werk eingebaut, so dass ein solchermaßen signiertes Zertifikat trotzdem erstmal nix nutzt und bei den meisten Benutzern als "unsicher" angemeckert wird.

Ein kleiner Lichtblick: Clients sind dem ersten Anschein nach nicht betroffen, Chrome, Firefox und Internet Explorer nutzen OpenSSL nicht. Die einzige angreifbare Android-Version ist 4.1.1. In allen späteren Versionen hat Google die Heartbeat-Funktion abgeschaltet, weil sie nicht benötigt wird. Ein Endgerät wäre auch nur  angreifbar, wenn man einen bösartigen Server aufsucht, der einen Heartbeat an den Client schickt. Oder wenn man auf seinem Androiden mit 4.1.1 einen Serverdienst betreibt (gibt es wirklich).

Hier ist eine Liste mit einem Überblick, was eigentlich passiert ist, und was Experten dazu meinen.
Und das sollte man als nächstes tun:
  • So schnell wie möglich Update auf OpenSSL 1.0.1g (oder noch neuer)
  • OpenSSL libraries installieren und dynamisch gelinkte Dienste neu starten (Apache etc.)
  • Neue private keys für alle SSL-fähigen Dienste erzeugen
  • Alle alten Zertifikate revoken
  • Statisch gelinkte Programme neu kompilieren

13.02.2014

Das Abhören - neue Wege für die EU?

In letzter Zeit kommentiert die WZ erstaunlich kritisch zum Thema "Abhören". Die Autoren Ferber und Spang schreiben richtig gute und tatsächlich sachliche Glossen. Deshalb habe ich die beiden in einem Leserbrief auch ein bißchen gelobt:

Leserbrief zu Kommentaren am 18.01.2014 und 06.02.2014

Herr Spang und Herr Ferber, Ihre Kommentare sind erfrischend und benennen genau, worum es geht:
das Abhören ist ein Zeichen amerikanischer Machtausübung. Es geht bei weitem nicht um Terrorismusabwehr, auch wenn uns das immer eingeredet wird. Die USA sind nur an Erdöl und Informationen interessiert. Seit dem Anschlag 9/11 dreht sich die Eskalationsspirale immer schneller.

Genauso wie bei der Vorratsdatenspeicherung, die in Deutschland diskutiert wird, fehlt jeder sachliche Nachweis, dass das Abhören und Speichern der diversen amerikanischen Geheimdienste notwendig, angemessen und verhältnismäßig ist.
Jeden Tag hören wir in den Nachrichten von neuen Anschlägen. Sollte nicht genau das verhindert werden können, wenn das Abhören wirklich so umfassend ist, wie wir jeden Tag in immer neuen Details erfahren?

Der internationale Aufruhr ist entstanden, weil die Kanzlerin festgestellt hat, dass die Amerikaner keine Rücksichten nehmen und keine Freunde kennen, wenn es um ihre Interessen geht. Seit langem ist bekannt, dass alle Geheimdienste untereinander Daten austauschen. Vielleicht ist die Kanzlerin auch nur deshalb ärgerlich geworden, weil es bekannt wurde?

Offensichtlich fehlt der politische Wille sowohl zur Aufklärung als auch zum Abstellen dieser Zustände. Es gäbe durchaus Hebel, die die EU einsetzen kann: die Überlassung von Banktransferdaten (SWIFT), die Übermittlung von Fluggastdaten (Passenger Name records), internationale Abkommen wie ACTA, TTIP uvm.

Eine mittelfristige Überlegung wäre auch, die gesamte EU in der Außen- und Sicherheitspolitik neu und klar zu positionieren. Das ginge, allerdings sollte dazu das amerikanische U-Boot namens Großbritannien (diese Formulierung habe ich bei Bronski aus dem Blog der Frankfurter Rundschau entliehen) sich entweder deutlich zur EU bekennen oder die EU verlassen.

Nicht einmal die offensichtliche Gefahr von Wirtschaftsspionage bringt unsere Regierungen dazu, mit mehr Selbstbewusstsein aufzutreten. Es ist erstaunlich, dass die üblichen Lobbys sich so bedeckt halten, statt die Probleme anzusprechen und Lösungen einzufordern. Die Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 wurde massiv abgehört, und weil die USA vorher wussten, dass ein Plan B als Kompromiß schon vorbereitet war, konnten sie bei den regulären Verhandlungen ungeniert alles Unliebsame ablehnen.

Wie Sie schon ganz richtig gefordert haben: wenn die USA weiter spionieren, müssen wir technisch dagegen vorgehen und nicht zahnlose Reisebittsteller wie Pofalla in die USA schicken und uns dann die Beendigung der Affäre vorlügen lassen.

Technische Möglichkeiten sehe ich genug:

1. flächendeckender Einsatz von Verschlüsselung, sowohl im privaten als auch geschäftlichen Bereich. Jeder sollte grundsätzlich seine Emails verschlüsseln (installieren Sie Thunderbird mit dem Zusatzprogramm Enigmail, das gibt es für Windows, Linux und Mac). Jeder sollte nur noch verschlüsselte Webseiten aufrufen und unnötige Signaturstellen, denen man nicht vertrauen kann, aus dem Browser löschen.

2. Amerikanische Signaturfirmen für SSL-Zertifikate sollten gemieden werden, weil nicht sicher ist, ob die Geheimdienste nicht Zugriff auf deren Basisschlüssel haben (sog. Rootzertifikate). In diesem Fall wären nahezu unerkennbare "man in the middle"-Attacken möglich.

3. Jeder sollte bei der Auswahl von Dienstleistern darauf achten, ob diese ihr Rechenzentrum in der EU betreiben, oder eine Mutterfirma in USA haben, die der Jurisdiktion mit Geheimgerichten und Schweigeanordnungen unterliegt (prominente Beispiele: Facebook, Google, Amazon, Twitter).

4. Die Telekom sollte am Frankfurter Internet-Austauschknoten DE-CIX teilnehmen statt mit jedem Partnerunternehmen eigene Internetrouten auszuhandeln ("peering"), die unkontrolliert durch ausländisches Gebiet verlaufen können.

5. Da der englische Geheimdienst GCHQ die Seekabel zwischen der Insel und USA abhört und die Daten mit den Geheimdiensten von USA, Australien, Kanada und Neuseeland austauscht ("5 eyes-Gruppe"), könnten langfristig Seekabel vom Kontinent aus gebaut werden, wie z.B. jetzt gerade ein Seekabel von Europa nach Brasilien in Planung ist.

[Update: abgedruckt 13.02., von de WZ-Red. gekürzte Stellen markiert]

22.11.2013

Die eigene Cloud - oder doch nicht? Leserbrief zum WZ-Artikel 16.11.13

Letzten Samstag war ein Artikel in der WZ, den ich für sehr fragwürdig halte: dort wird die Einrichtung einer eigenen Cloud im Internet besprochen.

Allerdings wird nicht genauer erklärt, warum man eine eigene Cloudsoftware einrichten sollte. Einen Server bei einem Rechenzentrum mieten, nur für den eigenen Kalender? Halte ich für übertrieben.

Sollen dort in der "eigenen Cloud" die Urlaubsbilder sicher gespeichert werden? Cloud ist die falsche Lösung, da verwendet man Backups oder ein NAS oder beides.

Leserbrief zum Artikel "Die eigene Cloud" WZ 16.11.2013

Der Artikel beschreibt, wie man sich selbst einen Server mit "Cloud"-Funktion einrichtet. Im Ansatz ist die Idee natürlich löblich, die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten. Die "Cloud" dient dazu, dass man von überall her auf seine eigenen Daten zugreifen kann, ob nun zuhause, im Büro oder unterwegs mit dem Smartphone.

Die zwei prinzipiellen Möglichkeiten, so eine "eigene Cloud" zu realisieren, sind allerdings beide nur mit großer Vorsicht genießbar, deshalb halte ich den Artikel bei weitem für zu ungenau und zu einseitig positiv.

Im Lichte der Details, die nach und nach über die diversen Geheimdienste und ihre Abhöraktivitäten ans Licht kommen, wäre die erste Überlegung nämlich nicht das "wie" - realisiere ich meine Cloud mit dem heimischen Gerät, miete ich einen V-Server oder ein richtiges "Blech" im Rechenzentrum eines Dienstleisters, sondern zunächst mal - "ob" und wenn ja, "wofür" ich so etwas wirklich so dringend benötige.

Die "eigene Cloud" begründet der Artikel eben genau mit der Datensicherheit, die bei Anbietern wie Dropbox, Box, Google, Microsoft etc. nicht gewährleistet ist, weil die Rechenzentren in den USA liegen und damit natürlich der amerikanischen Rechtsprechung unterliegen, die sehr hemdsärmelig mit Datenschutz umgeht (Patriot Act, Gag order, usw.).

Andererseits sind die Enthüllungen mittlerweile so schockierend, dass man eigentlich nichts und niemandem mehr trauen darf. Glaubwürdige Berichte beschreiben, dass die USA gezielt Schwachstellen in Standardisierungen von Verschlüsselungsalgorithmen einschleusen ließen, und die übliche Verschlüsselungstechnik für WWW, nämlich das SSL (das "s" in "https"), ist zwar mathematisch sicher, wird aber dadurch angreifbar, dass es auf dem Vertrauen in Signaturstellen beruht. Leider sind alle großen Signaturstellen (Verisign usw.) in den USA beheimatet, und es ist mehr als plausibel, dass sie durch rechtliche Anordnungen gezwungen werden können, die Basis-Signaturschlüssel ("root CA") auszuliefern. Mit diesem Besitz ist es möglich, sich in verschlüsselte Verbindungen einzuklinken und insbesondere beiden Parteien vorzugaukeln, dass ihre Verbindung sicher ist.

Es ist also zu vermuten, dass auch verschlüsselte Verbindungen abgehört werden können, und da die Telekom nicht am Datenaustausch des DE-CIX in Frankfurt teilnimmt, laufen vermutlich sehr viele Datenverbindungen unnötig durch ausländische Netze, die fröhlich abgehört werden. Aber nicht nur das, eventuell wird auch am DE-CIX direkt abgehört, genauso wie der englische Geheimdienst an den Landestellen der Seekabel in England und Zypern die Daten abschnorchelt. Mittlerweile heißt es ja auch, dass der BND sich vom englischen Geheimdienst helfen ließ, Gesetze so umzuinterpretieren, dass effektiv jeglicher Datenverkehr als "ausländisch" betrachtet wird und abgehört werden darf.

Im Grund kann man also festhalten: nur Daten, die den eigenen Rechner nicht verlassen, sind sichere Daten.

Wenn es denn unbedingt eine eigene Cloud sein muss, schlage ich einen gemieteten Server mit Linux oder BSD vor (keinen virtuellen, auch wenn das monatlich etwas teurer kommt, und ganz bestimmt keinen Windows-Server). Auf keinen Fall sollte eine Cloudsoftware auf dem Rechner oder Router zuhause laufen und eine Verbindung ins Internet geöffnet werden. Ich denke, dass die allermeisten Privatpersonen nicht in der Lage sind, sich gegen Hackereinbrüche zu schützen oder überhaupt zu erkennen. Dazu tragen leider auch Sicherheitslücken und absichtliche Hintertüren in Routern bei, über die die Fachpresse regelmäßig berichtet.

Wenn die Cloud "nur" dazu dienen soll, die eigenen Daten vor Verlust oder Zerstörung zu schützen, flapsig gesagt also eine sichere Ablage für die Urlaubsbilder gesucht wird, ist ein sicheres Speichergerät mit redundanten Festplatten die bessere Lösung (ein NAS-Gerät mit 2 bis 4 Festplatten im RAID), und immer 1 bis 3 Generationen Sicherungen der Daten an verschiedenen Stellen aufbewahren (externe Festplatten z.B.). Für diesen Zweck ist eine "eigene Cloud" zwar eine Lösung, aber nicht für dieses Problem.

15.11.2013

Die Telekom und das Schland-Routing

Von allerorten tönt es derzeit, dass "man" ja unbedingt etwas gegen die ausufernde Schnüffelei tun muss.

Es hagelt Vorschläge, und man bekommt den Eindruck, wenn man nicht mindestens alle diese Vorschläge befolgt, steht der Geheimdienst quasi schon hinter der nächsten Wand und wenn man nur aus Versehen "Bombe" sagt oder schreibt, hört man im nächsten Moment das "hoi hoi hoi", wenn sich das SEK vom Dach abseilt.

Da gibt es Vorschläge für Emails mit Verschlüsselung (GPG), da gibt es Vorschläge, anonym mit dem Browser zu surfen, indem man Zwischenstationen verwendet, die keine Verbindungen aufzeichnen (TOR als Proxyfunktion), und es gibt auch Vorschläge, dass Datenverbindungen von den großen Providern nicht mehr durch das weltweite Warten geschickt werden, wenn Anfang und Ende der Verbindung doch beide im selben Land liegen.

Prinzipiell eine gute Idee, nur: größtenteils wird das schon längst umgesetzt, weil sich über 200 Provider in Frankfurt am DE-CIX zusammengetan haben, um genau das umzusetzen.

Nur: wer beteiligt sich nicht? Ausgerechnet die Telekom, die immer noch ihrer Monopolstellung aus dem letzten Jahrhundert nachtrauert und sich dem Prinzip der "kurzen Wege" verweigert. Die Telekom findet, dass sich alle nach ihr richten sollen, und versucht, die anderen Provider zu "privatem Peering" zu zwingen, d.h. zum Einrichten von bilateralen Übergabestellen, statt sich am genossenschaftlichen Multilateralismus in Frankfurt zu beteiligen.

Genau diese engstirnige Geschäftspolitik führt ja gerade dazu, dass ein Risiko besteht, dass eine Verbindung von einem Provider ohne direktes Peering zur Telekom durch Nichtschland geroutet werden muss, damit es letztendlich doch wieder bei der Telekom landet. Immerhin hat die Telekom einen Marktanteil von knapp 30 % auf dem deutschen DSL-Markt.

Abgesehen davon löst selbst das "Schlandrouting" (oder Schengen-Routing, wie es die Telekom nennt), nicht das grundsätzliche Problem, dass am DE-CIX fröhlich weiter direkt an den Knotenstellen des Austauschs abgehört wird. Auch das wissen wir ja leider und zum Glück durch Edward Snowden. Ich hätte mir bis vor kurzem nicht vorstellen können (und wollen ...), dass tatsächlich jemand die Chuzpe besitzt, die gigantischen Datenmengen (mehrere TB/s) anlasslos zu durchsuchen und vermutlich auch komplett zu speichern.

Lösen ließe sich dieses Problem nur, wenn man eine starke Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einführt, die nicht auf der kaputten Vertrauenshierarchie von SSL beruht. Zur Erinnerung: wenn ich ein SSL-Zertifikat nicht persönlich kenne (also mein PC oder sonstiges Endgerät ...), muss ich darauf vertrauen, dass die Zertifizierungsstelle sorgfältig gearbeitet hat, dass also die Root-CA-Stelle ordentlich geprüft hat, wem sie ein Zertifikat ausstellt.

Bis vor einem Jahr hätte ich als grundsätzliche Empfehlung geschrieben, dass man auf https-Verschlüsselung beim Browsen im WWW achten soll. Viele Anbieter haben inzwischen eine automatische Umleitung eingebaut, so dass man bei http-Verbindungen automatisch auf https umgelenkt wird. Allerdings setzt dies voraus, dass man der SSL-Verschlüsselung vertraut. Das schützt also nur gegen Mitlauschen durch böse Buben, die es auf Geld oder ähnliches abgesehen haben.

Da wir aber mittlerweile wissen, dass auch die Root-CA-Stellen korrumpiert sind, weil die fast alle in USA sitzen und deshalb von amerikanischen Gerichten zu allen möglichen Schweinereien gezwungen werden können, kann sich mit großer Sicherheit ein Geheimdienst selbst ein gültiges Zertifikat für eine belauschte Verbindung ausstellen und somit eine "man in the middle"-Attacke ausführen, die fast nicht erkannt werden kann.

Statt der zentralisierten Behauptung von Vertrauenswürdigkeit durch Root-CA-Stellen müsste es peer-to-peer-Schlüsselaustausch geben, wie z.B. in Bruce Schneiers "Applied Cryptography" beschrieben, mit einer Vertrauenswürdigkeit ähnlich wie bei GPG, wobei hier natürlich das Problem von Agenten existiert, die verdeckt für einen Geheimdienst arbeiten und sich in so ein "web of trust" einschleichen können.

Die Angriffe, die (vermutlich) staatliche Stellen letztes Jahr im Iran gegen Google Mail durchgeführt haben, sind nur deshalb aufgeflogen, weil im Google-Chrome-Browser geprüft wird, ob beim empfangenen Zertifikat der Signierer wirklich der ist, von dem Google das Zertifikat gekauft hat. Hier ist der Geheimdienst daran gescheitert, dass sie von dieser zusätzlichen Kontrolle nichts wussten und einfach mit der falschen Identität das Zertifikat signiert haben, mit dem die Antwort nach dem Lauschen weitergegeben wurde.

Auch wenn das alles ziemlich düster aussieht, was Bürgerrechte und Privatsphäre angeht, sollte man nach wie vor im Privat- und Geschäftsleben die Tipps für sicheren Umgang mit WWW, Email und dem Internet beherzigen, die ich schon mal zusammengestellt hatte, etwa hier und hier und hier. Elternbeiräte, Lehrer oder andere interessierte Gruppen können mich für einen kostenlosen Vortrag über Datenschutz und Privatsphäre einladen, den ich hier etwas genauer beschrieben habe.

[Update 20131206: Tippfehler in URL]

02.08.2013

"Ich habe nichts zu verbergen" - Leserbrief zum Leserbrief

Es ist wirklich unglaublich: es gibt wirklich und immer noch Leute, die in der Öffentlichkeit behaupten, dass sie nichts zu verbergen haben. Immerhin gehört Mut dazu, diese Lebenseinstellung auch noch als Leserbrief an die Wetterauer Zeitung zu schicken. Hut ab.

Natürlich war ich gezwungen, darauf zu antworten (Name der Red. bekannt):
Leserbrief zum Leserbrief WZ 26.07.2013
Liebe Frau W., ich finde es schön, dass Sie Ihr Leben so unwichtig einschätzen, dass Sie "nichts zu verbergen haben". Sie finden also, das es nicht schlimm ist, wenn ausländische Geheimdienste, teilweise sogar auf deutschem Hoheitsgebiet, gegen das deutsche Grundgesetz verstoßen, Abhörzentralen unterhalten und alles mitlauschen, und vor allem auf Vorrat mitschneiden und aufzeichnen?
Nicht mal unser Bundespräsident teilt Ihre Meinung. Er hat jetzt in einer Stellungnahme gesagt, "Die Angst, unsere Telefonate oder Mails würden von ausländischen Nachrichtendiensten erfasst und gespeichert, schränkt das Freiheitsgefühl ein". Ich denke, er weiß als Ostdeutscher sehr genau, wovon er spricht.
Und das ist genau das Problem: wenn ich weiß, dass ich (wenn auch nur vielleicht) abgehört werde, bedeutet das schon, dass ich mindestens unbewusst mein Verhalten ändere. Das Bundesverfassungsgericht hat allein diese Möglichkeit der Einschränkung der Meinungsfreiheit schon kritisch bewertet (das Schlagwort von der "Schere im Kopf").
Selbst wenn Sie denken, dass Sie nichts zu verbergen haben: es geht niemanden etwas an, ob ich etwas zu verbergen habe, und Sie dürfen das auch nicht stellvertretend für Ihre Gesprächspartner entscheiden. Kommunikation braucht zwei Partner. Wissen Sie alles über Ihren Gesprächspartner? Wissen Sie, ob er nicht vielleicht im Fokus der Überwachung steht? Dann sind Sie automatisch auch verdächtig, allein aufgrund Ihrer Bekanntschaft. Upps.
Bitte lesen Sie diesen Artikel in Spiegel Online: "5 schlechte Argumente für mehr Überwachung".
"Prism" habe doch keine fünf konkreten Terroranschläge in Deutschland verhindert, wie es zunächst hieß. "Vielleicht mehr, vielleicht weniger", sagte Friedrich jetzt. Dafür musste also unsere gesamte Kommunikation überwacht werden?
Welche Schäden gehen denn von FÜNF Terroranschlägen aus? Wieviele erfolgreiche Terroranschläge gab es denn in Deutschland vor der Internetüberwachung? Können Sie sich daran erinnern? Ich nicht. Mit anderen Worten: es waren so wenig Schäden und Opfer, dass Sie erkennen müssten: das Ausmaß der Überwachung ist absolut unverhältnismäßig. Und trotz Totalüberwachung sind die Geheimdienste an der Aufklärung der NSU-Morde gescheitert. Hmmmm ...
Jeder ist betroffen: nicht durch durch eigenes aktives Verhalten, sondern auch, weil Firmen Daten über uns speichern und natürlich über's Internet miteinander austauschen. Bedenken Sie dieses Beispiel: die Krankenkassen, Ärzte und Apotheken arbeiten an der elektronischen Gesundheitskarte und wollen alle Gesundheitsdaten aller Deutschen zentral speichern. Wenn die Geheimdienste wirklich die Offenlegung der Verschlüsselung erzwingen, liegen diese sämtlichen Gesundheitsdaten offen. Das sind wunderbare Informationen. Irgendein paranoider Schlapphut könnte auf die Idee kommen, dass alle Menschen mit tödlichen Krankheiten potentielle Selbstmordattentäter sind. Spinnen Sie den Gedanken selbst weiter!
Das Problem ist ja nicht, dass Daten von einer Quelle oder einem Gespräch gespeichert werden, sondern die Verknüpfung von Daten aus vielen Quellen, und die Gefahr von Fehlschlüssen und wildgewordenen Algorithmen - oder schlichten menschlichen Fehlern. Ich erinnere an Terry Gilliams dystopischen Film "Brazil", in dem durch eine tote Fliege der Name "Tuttle" zu "Buttle" wird, und deswegen ein Unschuldiger von der Polizei getötet wird.
Es geht um die flächendeckende Abschöpfung des Internetgebrauchs, nicht nur um sogenannte Metadaten, sondern um alle Daten inklusive der https-verschlüsselten: E-Mails, Chat, Suchanfragen, Videotelefonate, Käufe. Das wäre so, als ob jeder Mensch dauerhaft per Video total überwacht wird. Wer weiß, was man in ein paar Jahren mit diesen gespeicherten Daten anstellen kann?
Das eigentliche Ziel von Terrorismus ist es, Angst zu verbreiten. Viel mehr Angst, als tatsächlich Gefahr besteht. Bei Ihnen hat es schon geklappt.
Wäre ich Amerikaner, hätte ich mehr Angst vor meinen "normalen" Mitmenschen als vor Terroristen. Durch privaten Waffenbesitz sterben jedes Jahr knapp 35.000 Menschen in den USA.

25.07.2013

Der Terrorismus hat den Freiheitsstaat abgeschafft - Leserbrief

Die Empörung über die Abhöraffäre nimmt und nimmt keine Fahrt auf, obwohl jeden Tag schreckliche neue Details zutage treten.

Jetzt wird sogar offenbar, dass die Geheimdienste die Verschlüsselung des https-Protokolls aufbrechen wollen, indem sie von den Firmen die Herausgabe der privaten Schlüssel verlangen.

Dazu mein Leserbrief mit einer Zusammenfassung des bisher Bekannten an die WZ.

Mein Fazit: allein durch die Veränderung vieler demokratischer Staaten hin zu dieser extremen Überwachung haben die Terroristen unglaublichen Schaden angerichtet. Dieser ideelle Schaden überwiegt bei weitem alles andere, was Terroristen im Namen welchen Gottes oder welcher Ideologie auch immer bislang verursacht haben.

Leserbrief zum Dauerthema Abhören

Wenn sogar der "Spiegel" das Abhörthema zum Dauerthema auf der Website macht und dauerhaft extrem kritisch berichtet, ist das schon ein deutliches Warnzeichen für unsere Demokratie und unser Verhältnis zu sogenannten "befreundeten" Staaten. Eigentlich ist es schlimm, dass man dieses Adjektiv in Anführungszeichen setzen muss, aber es scheint nicht weit her zu sein mit der Freundschaft. In den vergangenen 12 Jahren haben sich die USA von einem freien in einen Überwachungsstaat verwandelt.
In Deutschland gab es einige Zeit lang die Vorratsdatenspeicherung für Verbindungsdaten (keine Inhalte). Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht fand keine Hinweise darauf, dass die Speicherung einen Terroranschlag verhindert hätte - oder dass sich damit Kinderpornografie wirksamer bekämpfen ließe. Forscher der Technischen Universität Darmstadt kommen zu dem Ergebnis, dass die Vorratsdatenspeicherung wohl nicht zur Prävention geeignet ist.
Zunächst schien es "nur" Internetüberwachung zu sein, bis bekannt wurde, dass die US-Post pro Jahr 160 Milliarden Briefumschläge fotografieren und digitalisieren lässt.
Als nächstes wurde nun bekannt, dass T-Mobile USA einen Geheimvertrag mit dem FBI unterzeichnen musste, der den Ermittlern nahezu grenzenlosen Zugriff zu den Daten und zur Kommunikation ihrer Kunden gewährt.
"Prism" habe doch keine fünf konkreten Terroranschläge in Deutschland verhindert, wie es zunächst hieß. "Vielleicht mehr, vielleicht weniger", sagte Friedrich jetzt. Dafür musste also unsere gesamte Kommunikation überwacht werden?
Jeder ist betroffen: nicht durch durch eigenes aktives Verhalten, sondern auch, weil Firmen Daten über uns speichern und natürlich über's Internet miteinander austauschen.
Es geht um die flächendeckende Abschöpfung des Internetgebrauchs, nicht nur um sogenannte Metadaten, sondern um alle Daten inklusive der https-verschlüsselten: E-Mails, Chat, Suchanfragen, Videotelefonate, Käufe. Das wäre so, als ob jeder Mensch dauerhaft per Video total überwacht wird. Wer weiß, was man in ein paar Jahren mit diesen gespeicherten Daten anstellen kann?
Die Geheimdienste "5 eyes" der englischsprachigen Länder haben vereinbart, dass sie sich gegenseitig abhören und Daten austauschen. Man darf ja nicht die eigenen Landsleute abhören. Aber die Erkenntnisse der "Freunde" darf man natürlich verwerten. Wie verlogen ist das denn?
Merkel: "Da wurde dem Bundesinnenminister sehr deutlich gesagt, es gibt keine Industriespionage gegen deutsche Unternehmen." Die amerikanische Geheimdienstführung hat mehrfach sowohl Senatoren wie auch den US-Kongress angelogen. Wie außerordentlich egal muss dann erst eine Lüge gegenüber einem europäischen Reisebittsteller sein? Es gibt 45 verschiedene amerikanische Geheimdienste, und alle haben eigene Geheimnisse.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass amerikanische Geheimdienste auch zu Gunsten der amerikanischen Wirtschaft spionieren. Es wird kolportiert, dass Airbus Ausschreibungen verloren hat, weil Boeing durch Insiderkenntnisse Angebote nachbessern konnte. Merkel gibt sich doch immer so wirtschaftsfreundlich. Warum wird sie hier nicht zum Schutz der Wirtschaft tätig?
Deutschland und die EU könnten sich wehren; es gibt durchaus Druckmittel: Fluggastdatenabkommen, SWIFT-Datenaustausch, Freihandelsabkommen. Man muss es nur wollen. Die Datenschutzbeauftragten geben die Marschrichtung vor: derzeit keine neuen Genehmigungen für "Safe Harbour"-Anträge, d.h. keine Auftragsdatenverarbeitung im Ausland nach EU-Richtlinien, weil nicht klar ist, ob "Safe Harbour" wirklich eingehalten wird.
Eine kurzfristige Gegenmaßnahme ist das Verschlüsseln von Mails (Anleitung dazu in meinem Blog). Aber eigentlich ist das ein Zeichen, dass ich meinem Staat mißtraue. Und das ist auch kein schönes Gefühl.
Das eigentliche Ziel von Terrorismus ist es, Angst zu verbreiten. Bis jetzt kann ich nur feststellen: Job well done.
Im Vergleich zu anderen Todesursachen rangiert Terrorismus deutlich unter "ferner liefen". Es gibt viel mehr Tote durch Krankheiten, Drogen, Unfälle. Warum erhält Terrorismus soviel Aufmerksamkeit? Das ist genau das, was die Terroristen wollen. Meine Theorie dazu: Ohne Aufmerksamkeit durch die Medien gäbe es langfristig keine oder kaum Anreize, Anschläge zu verüben.

03.07.2013

Wir brauchen keine Paranoia, es ist alles wahr

Und da sage noch einer, Science Fiction sei übertrieben. Die Realität ist viel schlimmer als alles, was sich SF-Autoren wie George Orwell ausdenken. Es ist überhaupt nicht mehr nötig, eine gesunde Paranoia zu pflegen, es reicht, wenn man die Tageszeitung liest.

Jeden Tag neue Enthüllungen, wer wen wann abhört. Nicht nur Privatleute, sondern sogar diplomatische Vertretungen. Alles natürlich nur zum Schutz vor Terror.

Wir sind von Freunden umzingelt, die uns abhören. Ob ausländische Geheimdienste in Frankfurt am DE-CIX abhören, ist unklar. Technisch möglich wäre es, weil auch ausländische Provider in Frankfurt Stellplatz im Rechenzentrum haben. Ob die nun wirklich ausschließlich an ihren eigenen Geräten fummeln oder auch mal zum Nachbarschrank gehen?

Um es mal ganz klar zu sagen: wenn ich bei einem sozialen Netzwerk schreibe, ist das meine eigene Entscheidung. Ich übernehme die Verantwortung für das, was ich öffentlich schreibe (dass Eltern Bilder ihrer Kinder veröffentlichen, ist ein anderes Thema). Dass aber jemand ungefragt heimlich meine Daten mitschneidet und dann jahrelang politisch nicht kontrolliert alle Verbindungs- und vermutlich auch Inhaltsdaten über mich speichert, ist ein unglaublicher Mißbrauch. Angeblich wurden ja nur um die 50 Anschläge verhindert. Und dafür wird jeder weltweit verdächtigt und ausgeforscht?

Was kann man dagegen machen?
Kann man was dagegen machen?

Dieselben Fragen stellen sich, genau wie in meinem Artikel über Privatsphäre im Browser.

Zunächst einmal: ich habe ein Recht auf Privatsphäre. Das bedeutet, dass es niemanden was angeht, was ich tue, wenn ich es nicht selbst freigebe. Es geht den Staat nicht mal 'was an, ob ich etwas zu verbergen habe. Das ist meine Privatsache. Auch im Internet. Punkt. Wichtige Inhalte werden ja auch nicht auf Postkarten geschrieben, sondern in Kuverts gesteckt. Besonders wichtige Mitteilungen werden per Einschreiben oder sogar mit Postzustellungsurkunde verschickt (quasi ein reitender Bote, der als Zeuge die Zustellung und auf Wunsch sogar den übermittelten Inhalt bestätigen kann).

Es gibt verschiedene Hilfsmittel für den Schutz verschiedener Privatsphäre-Schutzverletzungen (flacher Scherz aus Windows-Zeiten, geb ich zu).

Surfen

TOR

TOR ist ein Verschleierungswerkzeug, um zu verhindern, dass jemand erfährt, wie und wo ich mich im Internet bewege, also ein Anonymisierungswerkzeug. TOR ist ein Netzwerk aus "Nodes", die als Proxy arbeiten und meine Anfragen hin- und herschieben, ohne den Absender aufzuzeichnen. Erst der "Exit node" reicht die Anfrage wieder "hinaus" ins Internet, und die Antwort geht denselben Weg schrittweise zurück. Jeder Node kennt aber nur seine Nachbarn. Natürlich kann man mit viel Aufwand jeden Schritt beobachten, und vermutlich wird das auch gemacht. Wenn aber sehr viele Menschen sich so verhalten, wird es schwieriger, und man kann in der Masse untertauchen.

TOR wird umso besserer und sicherer, je mehr Leute daran teilnehmen! Jeder kann sich so einen "Node" aufbauen und anderen Benutzern zur Verfügung stellen. Man braucht aber schon etwas Mut, um einen "Exit node" zu betreiben. Gerüchteweise betreiben auch Geheimdienste Exit nodes. Hier hätte man natürlich das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Zum Glück kann man als TOR-Benutzer einschränken, welche Exit nodes zulässig sind (z.B. kann man festlegen, dass keine Exit nodes in USA verwendet werden).

Ich finde es bezeichnend, wenn ein Massenmagazin wie der Spiegel eine Anleitung veröffentlicht, aus einem Raspberry PI (einem Linux-Mini-PC) einen TOR-Router mit WLAN zu bauen und einzurichten.

VPN

Ein ähnliches Prinzip wie TOR, aber nur einstufig, erreicht man dadurch, dass man einen eigenen Server im Internet mietet und dort ein VPN ("virtual private network") einrichtet. Auf dem eigenen PC surft man dann nicht direkt im Internet, sondern sendet alle Anfragen zunächst an den gemieteten Server. VPN arbeiten prinzipiell verschlüsselt, so dass also niemand, der an der Leitung lauscht, Inhalte oder Ziele mithören kann. Der Server sollte natürlich bei einem vertrauenswürdigen Anbieter gemietet werden. Hier beißt sich jetzt zugegebenermaßen die Katze in den Schwanz: wem soll man vertrauen?

Cloud

Tja, das ist nun ein besonders schweres Problem: ich will Dateien zuverlässig ablegen, damit sie mir nicht verloren gehen, wenn zuhause ein Unglück geschieht (Festplattendefekt oder Brand, um nur mal zwei zu nennen). Andererseits sind die großen Cloud-Anbieter wie Google, Microsoft, Dropbox, Box, Amazon aufgrund der Datenmengen und des Standorts in USA sicherlich besonders attraktiv für das Ausforschen von Daten. Man sollte also nur verschlüsselte Daten dort ablegen. Dazu kann man entweder ein Tool verwenden, das sich in die Kommunikation mit der Cloud einklinkt (gibt es z.B. für Dropbox), oder man verschlüsselt zuhause manuell und lädt schon nur die verschlüsselten Dateien hoch. Die zweite Variante hat den Vorteil, dass man die Verschlüsselungsqualität frei wählen kann und nicht das Risiko eingeht, dass jemand eine Hintertür eingebaut hat.

Für diese Verschlüsselung kann man wiederum GPG verwenden (dasselbe Hilfswerkzeug, das auch in der verschlüsselten Email mit Thunderbird verwendet wird). Mit GPG kann man die Integrität von Dateien oder Nachrichten sicherstellen, indem man sie elektronisch signiert. Oder man kann sie verschlüsseln, damit nur der Besitzer der Schlüsseldatei und des dazugehörigen Passworts sie wieder entschlüsseln kann. Oder man kombiniert Signatur und Verschlüsselung.

Email

Email kann man mittlerweile leicht verschlüsseln. Thunderbird mit Enigmail nehmen, Gnu Privacy Guard dazuwerfen und schon kann man mit jedermann geschützt emailen, sogar mit wählbarer Verschlüsselungsqualität.

Kleine Einführung in Gnu Privacy Guard

Aber nur ganz klein, soweit es zur Benutzung nötig ist ;)
Die Schritte zur Benutzung von GPG sind recht übersichtlich:
(Edit bzw. Tools)->Account Settings

  1. GPG-Software beschaffen und installieren (für Windows, Linux, Mac)
  2. Erstellen eines eigenen Schlüssels
  3. Enigmail als Add-On für Thunderbird installieren
  4. In den Kontoeinstellungen für jedes eigene Emailkonto die Option "OpenPGP verwenden" ankreuzen.
  5. Benutzen
  6. OpenPGP verwenden und alles verschlüsseln
  7. Eigenen öffentlichen Schlüssel unter die Leute bringen (wenn man selbst verschlüsselte Mails bekommen will)
Grade eben hab ich auch noch ein Video gefunden, das auch alles sehr schön erklärt.

Noch ein paar Details zum 2. Punkt:

Nachdem man GPG installiert hat, muss man sich selbst einen sog. "Schlüssel" erstellen. Dieser Schlüssel wird nach einem mathematischen Verfahren ausgerechnet (im Prinzip ist das nur eine sehr große Zahl) und in einer Datei gespeichert. Es gibt verschiedene mathematische Verfahren, manche basieren auf Primzahlen, manche auf geometrischen Prinzipien über elliptische Kurven, und man kann über die Anzahl der "Bits" die Qualität einstellen. Je mehr Bits, desto besser, allerdings dauert dann auch die Verschlüsselung etwas länger. Ich empfehle, 2048 Bit einzustellen. Man kann auch 3072 wählen, um die NSA zu ärgern ;).

Wenn man sich selbst einen Schlüssel erstellt, erhält man kostenlos sogar noch etwas obendrauf: nicht nur einen "privaten" Schlüssel, sondern auch einen "öffentlichen". Die beiden Teile gehören mathematisch zusammen. Allerdings ist die Mathematik dabei so aufwändig, dass es nicht möglich ist, aus dem "öffentlichen" Schlüssel den privaten (oder: geheimen) zu bestimmen, und man kann auch nicht nach der Verschlüsselung mit demselben Schlüssel die Nachricht wieder lesbar machen. Die Entschlüsselung klappt nur mit dem privaten Schlüssel. Interessanterweise benötigt man eigentlich nur den privaten Schlüssel, denn aus dem kann man den öffentlichen Teil berechnen (aber nicht umgekehrt, wie schon gesagt!).

Diese Schlüsseldatei und den Zugang dazu muss man besonders gut schützen, dies repräsentiert die eigene digitale Identität, wenn man sich auf das "Signieren" und Verschlüsseln einlässt, um Nachrichten mit Partnern auszutauschen. Das Schützen kann man erreichen, indem diese Datei auf einem USB-Stick gespeichert wird und der nur eingesteckt wird, wenn die Datei mit dem Schlüssel wirklich gebraucht wird. Außerdem wird die Schlüsseldatei mit einem möglichst guten Passwort geschützt (bei GPG nennt man das Passphrase, um zu betonen, dass es auch ein längerer Satz statt eines einzelnen Worts sein kann). Der übliche Satz "Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten" ist abgelutscht, weil ihn jeder kennt, und zudem ist er astronomisch falsch, seit Pluto zu einem "Zwergplaneten" degradiert wurde ;)

Das Tolle an dieser sogenannten "asymmetrischen" Verschlüsselung ist, dass sie aus zwei Teilen besteht, wie der Name schon vermuten lässt: für Ver- und Entschlüsselung benötigt man zwei verschiedene Dateien bzw. Schlüssel. Weiter oben habe ich es schon erwähnt: man verschlüsselt mit dem öffentlichen Schlüssel, und man entschlüsselt mit seinem privaten Schlüssel. Deshalb nennt man dieses Verfahren auch "public/private key encryption".

Das ist ein ganz geniales Prinzip: der öffentliche Schlüssel kann beliebig in die Welt hinausgepustet werden, man kann ihn jedem seiner Mailpartner geben, und selbst wenn jemand die verschlüsselte Nachricht abfängt, kann er sie mit dem öffentlichen Schlüssel nicht wieder entschlüsseln. Das kann nur ich allein mit dem persönlichen, privaten Schlüssel.

Das Grundprinzip lautet also: ich brauche den öffentlichen Schlüssel meines Mailpartners, dann kann ich ihm vertrauliche Emails schicken. Nur er kann sie mit seinem privaten Schlüssel lesen.

Umgekehrt: wenn ich eine Email signieren will, um zu kennzeichnen, dass sie wirklich von mir ist, geht das nur, wenn ich diese Email mit meinem privaten Schlüssel bearbeite. Nur ich kann also diese Signatur erzeugen, weil ich Zugang zum privaten Schlüssel habe.

Wenn man beides machen will, verschlüsseln und signieren, verwendet man den öffentlichen Schlüssel des Partners zum Verschlüsseln und den eigenen privaten zum Signieren.

Da es natürlich mit zunehmender Anzahl von GPG-Benutzern unpraktisch wird, gibt es frei benutzbare Server im Internet, die eine Art Telefonbuch von öffentlichen Schlüsseln speichern ("Keyserver" oder "Schlüsselserver"). Der Schlüssel ist mit einer Emailadresse verbunden, und der Einreicher zeigt damit, dass er mit dieser Emailadresse verschlüsselte Email empfangen will und kann. Enigmail kann man so einstellen, dass prinzipiell jede Email verschlüsselt wird, und wenn der Schlüssel des Empfängers noch nicht bekannt ist, kann Enigmail ihn automatisch bei diversen Keyservern suchen.

Falls aber nun doch der private Schlüssel außer Kontrolle gerät, kann man ihn annullieren und das der Welt mitteilen: es gibt eine "revocation", und man sollte gleich einen neu erzeugten Schlüssel mitliefern.

Wer mehr über die mathematischen Grundlagen und die Konzepte von Integrität, Vertraulichkeit und Verlässlichkeit wissen will, kann dies übersichtlich in einem Buch von Kryptographie-Koryphäe Bruce Schneier tun (auch als ebook). Über Schneier gibt es ähnlich viele Scherze wie über Chuck Norris, aber zum wahren Genuss sollte man das o.g. Buch etwas eingehender studiert haben ;)