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18.06.2018

Jährliches Theater mit den Dramateuren

Juhu, die Dramateure haben sich entschlossen, wieder ein Theaterstück von Sir Terry Pratchett aufzuführen!

Das diesjährige Stück war "Mummenschanz", im Original "Maskerade", und die Handlung orientiert sich vage am "Phantom der Oper", aber natürlich auf die ganz eigene und geniale Weise von Terry Pratchett.

Natürlich muss ein Pratchett-Fan dann mit einem passenden T-Shirt in's Theater gehen.

Die Aufführung fand wieder in Bischofsheim statt wie "Good Omens" letztes Jahr.

Dieses Jahr gab es sozusagen eine Fortsetzung von "Wyrd Sisters", das die Dramateure vor einigen Jahren aufgeführt haben - die Geschichte von "Mummenschanz" ("Maskerade" im Original) erzählt ein neues Kapitel im Leben der Hexen von Lancre, nachdem die dritte Hexe Magrat den König geheiratet und damit aus dem Hexenzirkel ausgeschieden ist. Esme Wetterwachs und Nanny Ogg suchen aus traditionellen Gründen wieder eine dritte Hexe, und ihre Wahl fällt auf Agnes Nitt. Die allerdings will lieber in Ankh-Morpork an der Oper singen.

Viel will ich über die Geschichte gar nicht erzählen - jeder Fan von STP wird die Scheibenwelt-Variante von "Phantom der Oper" sowieso kennen.

Die Schauspieler haben ihre Sache ausnahmslos sehr gut gemacht. Die beiden Hexen Esme und Nanny waren die Hauptpersonen und hatten eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Agnes hat es ebenfalls geschafft, ihre Rolle so auszufüllen, wie ich sie mir beim Lesen des Buchs vorgestellt hatte. Die stimmlichen Künste wurden durch geschickt eingesetzte Tontechnik dem Buch entsprechend umgesetzt - das war sehr glaubwürdig und hat sich wunderbar in den Ablauf eingepasst.

Die Kostüme waren liebevoll gestaltet und haben viel zur Opern- und Bühnenatmosphäre beigetragen. Wie üblich auch in den vergangenen Jahren waren die Requisiten eher minimalistisch, aber perfekt passend zur Szene und Situation ausgewählt. Die Bühne hatte sogar zwei Ebenen, wobei der hintere Bühnenteil erhöht war und abwechselnd als Zimmer der Sängerinnen und als Loge des Phantoms diente. Auch der Raum vor der ersten Sitzreihe und hinter den Zuschauern wurde zur Tiefengestaltung mit einbezogen.

Schon die Fahrt von Lancre nach Ankh-Morpork in der Kutsche war ein Erlebnis für sich, bei dem sie den Sänger Heinrich Nacktschneck kennenlernen, der sich als ausländischer Künstler ohne Sprachkenntnisse ausgibt, damit er Erfolg hat. Er muss aber lernen, dass ihn jeder im Bemühen, ihn gemäß seiner (vermeintlichen) Kultur zu verwöhnen, im Gegenteil aber fast schon foltert, weil er nur Spezialitäten seiner Heimat serviert bekommt - wie Pasta - aber eben leider nichts Örtliches. Er liegt dann selbstverständlich Nanny Ogg zu Füßen, von der er schmackhafteren Reiseproviant bekommt.

Die Fußnoten, von denen Sir Terry genau wie Douglas Adams gern und reichlich Gebrauch macht, wurden wie bei den bisherigen Aufführungen realisiert, indem nach einem Signalton die Handlung "eingefroren" wurde und eine Sprecherin mit einem riesigen Fußnotenschild (*) eine Erklärung zu einem bestimmten Detail abgab.

Die Auszahlung der Tantiemen für Nannys Kochbuch wird schnell erledigt, als Esme dem Buchverleger recht deutlich macht, wie sehr sie es mißbilligt, dass Nanny über den Tisch gezogen wurde, was die Auflage und den Gewinn aus dem Buchverkauf angeht.

Im weiteren Ablauf wird dann klar, dass es zwei "Geister" in der Oper gibt, und am Schluss gibt es einen dramatischen Showdown zwischen dem Sheldon-ähnlichen leicht autistischen, kunstliebenden Geist und dem geldgierigen Regisseur, der den Mythos dazu mißbraucht, jeden zu beseitigen, der ihm auf die Schliche kommt.

Das Stück und die Realisierung haben mir ausnehmend gut gefallen und die Schauspieler haben alle ein großes Lob verdient.

Mein Fazit: Top Theater, jederzeit gerne wieder!


(Verwendung der Fotos mit freundlicher Genehmigung des Regisseurs Jonas Milke)

02.12.2015

[de] Mort - Terry Pratchett - Theater in Friedberg

Es ist schon ein paar Tage her, aber ab und zu soll es doch mal vorkommen, dass ich an die frische Luft komme und nicht nur vor dem Computer hocke ;)

Aber es muss natürlich schon ein besonderer Anlass sein, wenn ich mich dem Risiko aussetze, vor die Tür zu gehen - und das war es tatsächlich!

In letzter Zeit kann ich ja kaum glauben, dass ich wirklich in einer so vorteilhaften Gegend von Deutschland wohne (mal abgesehen vom fehlenden Glasfaseranschluss, aber das ist ein ganz anderes Thema ...). Gleich zwei Theatergruppen sind in bequemer Reichweise, die Stücke von Sir Terry Pratchett spielen!

Da sind zum einen die Dramateure, die in und um Hanau spielen und mich seit mehreren Jahren einmal jährlich ganz wunderbar unterhalten, und seit diesem Jahr gibt es eine weitere Möglichkeit, und das sogar noch näher, nämlich in Friedberg. Hier ist es die Gruppe Heldentheater um Andreas Arnold, der auch mit anderen Projekten wie dem "Poetry Slam" unterwegs ist (am 12.12.15 übrigens in Wölfersheim zu Gast!).

Ich bin ja sehr leicht zu überraschen und zu begeistern, aber einen Artikel über ein Theaterstück von Sir Terry in der regionalen Wetterauer Zeitung war dann durchaus beides - überraschend und begeisternd! Im Handumdrehen hatte ich online eine Karte reserviert und konnte es dann kaum abwarten.

Die Aufführung sollte im katholischen Gemeindehaus in Friedberg stattfinden, benannt nach Albert Stohr, einem ganz bemerkenswerten Mainzer Bischof während des 2. Weltkriegs und bis 1961 (unbedingt in Wikipedia nachlesen!).

Das aufgeführte Stück ist allen Pratchett-Fans bestens bekannt. Mort(imer) ist ein eher erfolgloser junger Mann, der schon mehrfach bei der jährlichen Gewerbeschau keine Lehrlingsstelle gefunden hat. Dieses Jahr wird alles anders: der TOD selbst, eine anthropomorphische Personifizierung, erwählt ihn als Lehrling, allerdings hat er ganz eigene Gründe dafür ...

Entgegen der landläufigen Vorstellung ist der TOD "nur" für die Überbringung der guten (oder schlechten) Nachricht zuständig und nicht für das eigentliche Sterben. Er begrüßt die Seelen im Jenseits und führt sie zu dem, was sie für sich selbst erwarten. Aber das muss ich ja keinem mehr erzählen ;)

Die Schauspieler des Heldentheaters haben ein wunderbares Stück abgeliefert, und sie haben das Buch sehr schön umgesetzt. Etwas gekürzt, ja, aber immer noch in sich geschlossen und verständlich. Mit einer kurzen Pause hat es etwas mehr als zwei Stunden gebraucht, bis Mort den Mord an der Prinzessin verhindert, an der Unsichtbaren Universität in Ankh-Morpork Rincewind und die anderen Zauberer den Ritus von Ashk'Ente durchführen und daraufhin der TOD mit einer Schürze von Hargas Rippchen auftaucht, der Zauberer Schneidgut zum "königlichen Wiedererkenner" ernannt und dann die Prinzessin zur Königin gekrönt werden konnte, der Anstifter zum Mord an ihrem Vater seine Strafe erhalten hatte, Mort mit dem TOD bis auf den Tod kämpft, der TOD seine Sanduhr umdreht und Mort seine Ysabell in die Arme schließen konnte.

Dazwischen hatten die Theaterhelden das übliche Problem von Pratchett-Büchern zu meistern: es wimmelt von Fußnoten mit Erklärungen, die zwar nicht notwendig zum Verständnis sind, aber einen beträchtlichen Teil des Spaßes ausmachen. Bei den Dramateuren gibt es dann ein Schild mit einem Fußnoten-Sternchen (*) und ein Sprecher erklärt etwas, und ganz ähnlich haben es die Theaterhelden auch gemacht: ein Sprecher taucht auf und danach geht es dann erst mit der Handlung weiter.

Im Gegensatz zu den Dramateuren spielen die Theaterhelden ihr Stück deutlich häufiger, es gibt also noch genug Chancen, sie sich anzusehen, und ich empfehle das ganz ausdrücklich. Es macht einen Riesenspaß, und die Zeit und das Geld für den Eintritt sind gut investiert. Termine kann man auf ihrer Webseite nachlesen.

Die Kostüme sind sehr schön gewählt: der König sieht sehr königlich aus, die Prinzessin hat den größten Kostümfundus, bis sie schlußendlich gekrönt wird, und alles andere ist ziemlich genauso, wie man sich Handwerker, Kneipenwirte, Töchter und TODe vorstellt ;)


Nach dem Schlussapplaus gab es noch einige Erklärungen des Regisseurs (der den Zauberer spielte), der u.a. wie oben erwähnt auf das Problem mit den Fußnoten einging und die Kürzungen gegenüber dem Buch etwas detaillierter erklärte, auf 11 Monate Probenzeit hinwies, und noch ein bißchen auf die unglaubliche Sprachgewalt von Sir Terry einging, dessen Wortwitz und Wortspiele kaum zu übersetzen sind. Er fragte, wer denn alle 41 Scheibenwelt-Bücher gelesen habe, und wenn ich mich nicht irre, war ich der einzige, der sich gemeldet hat ;)

Andreas Brandhorst, der langjährige deutsche Übersetzer, hat leider nur den klamaukartigen Teil ins Deutsche gebracht und den philosophisch-humanistischen Teil größtenteils geopfert. Seit ich Anfang der 90er "Pyramids" in einem Geschäft auf Malta kaufen konnte, lese ich deshalb die Bücher nur im englischen Original. Das ist am Anfang etwas holprig, aber wenn man nicht den Fehler macht, jedes einzelne unbekannte Worte nachzuschlagen, kommt man trotzdem ziemlich schnell in ein flüssiges, genussvolles Lesen.

Ein eher schlichtes Beispiel, das Arnold anführte, stammt aus dem gespielten Stück "Mort", als TOD sagt "es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt nur mich". Im Original spricht er "there's no justice, there's just me". Hier spielt Sir Terry mit der Doppelbedeutung von "just" - eben entweder "gerecht" oder "nur". Der Übersetzer muss sich für eins von beiden entscheiden, um nach Möglichkeit den Sinn zu transportieren, und dabei bleibt das andere auf der Strecke.

[en] Mort - Terry Pratchett - theatre play in Friedberg

It's been a while since I attended the play but finally I found some minutes of spare time to write about it.

In the last weeks I've come to think about my fortunate situation: there are not one, not three, but two theatre groups playing Sir Terry Pratchett's works in my immediate vicinity where I can attend their plays within 30 minutes of driving. Isn't this incredibly lucky? Some time ago I complained that there are lots of opportunities to watch a play in UK, Ireland, Fourecks and other foreign places, but not in Germany.

Number one: I love to visit the Dramateure in Hanau once a year who do a wonderful job of entertaining me and my hunger for STP's wit and humour.

Number two: new on stage (this is a pune, or play on words) are the actors from the Heldentheater with director Andreas Arnold (who also does projects like "Poetry Slam", e.g. on 12.12.15 in Wölfersheim!). They started playing STP only this year, but having experience with other authors and plays in the past (visit their website).

I am able to be surprised and excited quite easily, but getting to read an article about a forthcoming STP play in my local newspaper one morning was exceptionally surprising and exciting (given the fact that I tend to criticize that newspaper quite often and write readers' letters frequently). 5 minutes later I had my ticket - easily reserved and ordered online.

The play would take place in a catholic community hall in Friedberg/Hessen, named after Albert Stohr, a most remarkable bishop in Mainz during WWII and until his death 1961 (be sure to read about him in Wikipedia. Sadly the english text doesn't really honour his achievements and braveness against Nazis in Germany's darkest period).

Of course all of you Pratchett-Fans know the story of "Mort". Mort(imer) is quite some luckless young man seeking and not getting any apprenticeship during the yearly county fairs until DEATH comes along and employs him.

Against all usual assumptions DEATH does not kill the people whose lifetimer has expired but he only greets them to afterlife and introduces whatever they expect for themselves. But I don't need to tell you that ;)

The actors deliver a fine piece of artwork bringing the book to life. It is abridged but you hardly notice because it still contains all of the core elements. There was a short pause, and the whole play entertained me for a bit more than 2 hours. In this time Mort prevented murder to Princess Keli, the wizard Cutwell (with one "z") became appointed "royal recognizer", Rincewind and the other wizards from Unseen University in Ankh-Morpork performed the rite of Ashk'Ente to summon DEATH who appears with an apron from Harga's ribs, Keli was crowned, the instigator of the king's murderer received his punishment, Mort fought DEATH to the death, got awarded a flip of his lifetimer and finally could embrace Ysabell.

Inbetween the actors had to deal with the usual footnote problem: STP loves to sprinkle his books with lots of them, mostly for entertainment only, but sometimes required to fully comprehend that part of the book. The "Dramateure" bring the footnote asterisk to stage quite literally: they have a speaker with a huge footnote "*" sign, the play freezes and the footnote gets told. The "Heldentheater" do it quite similarly but without the footnote sign.

This Friedberg theatre group will go regional with their play and at least until June you will have ample opportunities to watch it. You won't regret it! Read their website for schedule and locations.

The costumes are quite nice: the king looks very royal, the princess has a lot of costumes for every situation, and all of the other actors, e.g. craftsmen, innkeepers, wizards, daughters, DEATHs, look exactly as you will expect them to look.


After all of the applause and kudos (and well-earned they were!) the director - who also happened to play the wizard Cutwell - came to front and had some final words about the play and the author. He explained the difficulties between book and stage, telling a story on the back of 41 DW books, studying the english theatre version, leaving out some things, adding things back, rehearsing for 11 months, and so on. He asked the audience if anyone had read all of the DW books, and if I was not mistaken I was the only one to show up ;(. Then he continued and gave some examples of what gets lost in translation, although the german translator really tries hard, but you simply can't get every nuance in translation.

One prominent example of sacrifice in translation is DEATHs famous "there's no justice, there's just me". Of course the pun is "just" which means both of "only" and "fair". There's only one possible grammatically correct translation to german which transports the meaning of "only" but then the "fair" meaning is lost forever and the pun has gone AWOL. This is the reason I read the originals since I bought the english version of "Pyramids" in a maltese book shop during a vacation back in the 90s.

26.09.2015

Berichterstattung über Flüchtlinge in der WZ - Leserbrief

Die WZ berichtet im redaktionellen Teil eigentlich neutral über die verschiedenen Initiativen, um Flüchtlingen zu helfen und sie zu integrieren. Im Gegensatz dazu ergießt sich seit etwa Mitte August eine Flut von schlimmen Leserbriefen im Meinungstreff über den Leser. Um dem entgegen zu wirken, habe ich auch einen Leserbrief zum Thema "Flüchtlinge" geschrieben - ich bin familiär auch betroffen und deshalb zwangsläufig nicht neutral.
(veröffentlicht am 26.09.2015, Änderungen und Streichungen der WZ in blau bzw. durchgestrichen)

Leserbrief zu vielen anderen Leserbriefen in der WZ

In den letzten Wochen sind in der WZ erstaunlich viele Leserbriefe abgedruckt worden, die eine erschreckende Tendenz zeigen.
Die WZ berichtet im redaktionellen Teil, wie sensationell hilfsbereit und freundlich die Flüchtlinge aufgenommen werden, aber die Leserbriefe sprechen fast alle eine vollkommen andere Sprache.

Da wird der Sprachgebrauch direkt aus dem Parteiprogramm der braunen Partei genommen: die Flüchtlinge müssen "zurückgeführt" werden.
Am besten werden sie vorher noch an "modernen Waffen" ausgebildet, damit sie in der Heimat auch effizient "Islamisten erledigen" können.
Auch die Rückreise in eine "stabile Diktatur" wird als erstrebenswert bezeichnet. Schließlich ist eine "stabile Diktatur" ja viel besser als eine wacklige, oder?

Und früher war überhaupt alles viel besser: nach dem zweiten Weltkrieg, das waren ja "anständige" Flüchtlinge, besser noch "Vertriebene" mit demselben Glauben, die waren ja nicht wirklich Ausländer, sondern Deutsche aus den Ostgebieten.

Nebenbei: auch die unsägliche Erika Steinbach pflegt immer noch den Opferstatus als "Vertriebene". Dabei war ihr Vater ein Nazi-Soldat, der zufällig 1941 nach Danzig versetzt wurde. Fr. Steinbach, geboren 1943, ist dann bereits 1945 zurück nach Schleswig-Holstein gekommen. Das hält sie aber nicht davon ab, energisch immer wieder Öl ins Feuer zu gießen und die Versöhnung mit den Nachbarn zu untergraben mit ihren kruden Thesen.

Und so war es wirklich: die Flüchtlinge wurden damals 1945 nicht mit offenen Armen willkommen geheißen, wie heute so schönfärberisch in einem Leserbrief behauptet wurde.
Die Flüchtlinge hatten nichts und wurden in Wöllstadt und sicherlich auch woanders als "Pollacken" u.ä.und anderes beschimpft, verprügelt und gemobbt.
Meine Oma war durch die Flucht so traumatisiert, dass sie nie wieder polnisch gesprochen hat, nicht einmal mit ihrem eigenen Bruder zu Besuch aus Polen.

Hört sich denn hier keiner mehr beim Reden und Denken zu? Das sind Menschen, die vor Krieg, Gewalt, Hunger flüchten und hier Schutz suchen.

Mein Lieblingsautor, Sir Terry Pratchett, hat in einem seiner sehr empfehlenswerten Bücher festgestellt: "Das Böse fängt an, wenn man Menschen wie Dinge behandelt".

Und genau das passiert seit lLangem tagtäglich: es wird nur noch geschachert, welches Land wie viele Flüchtlinge aufnimmt, und dabei wird das Elend dieser Menschen wahlweise ignoriert oder als Druckmittel verwendet.

Auch die Zahlen, die genannt werden, um angebliche "Überforderung" zu belegen, sind so lächerlich, dass man sich fragen muss: warum?

Im Vergleich zu 250 Milliarden Euro für die Banken - für ein bißchen Papier und ein paar Zahlen in Computern - mutet es beinahe traurig an, wenn über einen ähnlichen Zeitraum 5 Milliarden Euro für Flüchtlinge kalkuliert werden und Menschen dagegen auf die Straße gehen.

Weltweit sind nach Schätzungen 60 Millionen Menschen auf der Flucht. In einem anderen Leserbrief wird vermutet, ob Deutschland die knappe Hälfte davon (25 Mio.) verkraften könne. Wie kommt jemand auf die Idee zu so einer perfiden Rechnung?

Auf die Bevölkerungsgröße umgerechnet, nimmt sogar die Schweiz mehr Flüchtlinge auf als wir. Die wirklichen Zahlen sind nur Tausendstel von der demagogischen Zahl im Leserbrief von Hr. H.

Ein paar weitere Zahlen (Quelle: UNHCR, Anzahl syrische Flüchtlinge)
Syrien Inland7.600.000
Türkei1.550.000
Libanon1.140.000
Jordanien623.000
Europa insgesamt150.000
Deutschland41.000
Schweden34.000

Nochmal: für die Bankenrettung sind in den letzten Jahren fast 250 Milliarden Euro verpufft.
Ist das nicht absurd, wenn man darüber nachdenkt?

Es geht um Menschen!
[Update 20151202: Eigennamen abgekürzt]

28.05.2015

[en] Wyrd sisters - theatre play in Hanau

It's been a while already since I enjoyed this play, because there was a lot of everything else, both private and professional, but I finally wanted to report about another wonderful piece of drama in Hanau, Germany (some kilometres from Frankfurt), before I forget too much of it.

Once a year we can expect a new play from the young Dramateure ensemble. Well, obviously it won't be "new" anymore since the regrettable passing of Sir Terry Pratchett earlier this march, but "new" as in "it's new in our repertoire".

Just as a sidenote the last piece of work by STP will be published late this autumn and it will be the long-expected 5th part of the Tiffany Aching series called "The shepherd's crown".
The Dramateure ensemble

"Wyrd Sisters" resp. "MacBest", as it is titled in german translation, is one of the early works by STP in which he used up dramas and fairy tales from our roundworld. The german title reveals a lot more about the main topic than the english one: obviously it deals with "MacBeth" by Shakespeare, the instigated king's murder, bad conscious afterwards, narrowly rescued king's son and of course the three witches who want to meet again ("next tuesday would be fine" ...). Nevertheless STP adds his very own special flavour to this mixture of threads.

Magrat Garlick, youngest witch
At least equal in quality to their previous plays the actors together with director Jonas Milke do a wonderful performance. In fact I dare say they continually improve, while keeping the same scarce scenery as in previous years. I absolutely love it each time. Since I like footnotes very much after I started playing "Hitchhiker's Guide to the Galaxy" around 1985 on my Apple ][ I especially enjoyed them in the play. Footnotes are characteristic for nearly all of Pratchett's books and they add a very particular piece of fun and pun (sorry, "pune" it is in the books - a play on words). Approaching certain keywords in the play the whole acting froze, one of them picked up a big * sign and a speaker appeared, explaining - quite hilariously - some detail that had just been mentioned but required a little bit more of a definition or sidenote. After the speaker disappearing the frozen time thawed and acting continued ;)

v.r.t.l.: Magrat, Esme, Nanny
As already mentioned the scenery was mostly rather scarce apart from some notable exceptions (see later), but this was not the least negative, it perfectly matched - the actors were always so present as to create the exact impression of the scenery the audience should have. One example for this acting presence was the "play in the play" when the witches and some peasants were watching a play on stage but Esme Weatherwax does not or does not want to recognize that it's only a play. Whenever there's a twist she jumps up and shouts it out to the actors on stage. The other viewers start to think that the witches (easily recognized as such) are part of the play being placed inbetween the audience by intent. Grand!

Timeshift
In comparison to that the scenery becomes overwhelmingly copious when the witches move Lancre into the future by 20 years. They are so impatient that the king's son stands in as a heir and fights the murderers that they employ magic and travel the whole kingdom with their magic brooms to accomplish this time travel, and they have to do this in just one night.
Witches at work


The director did not of course hire a company like ILM or Pixar to make the brooms fly but instead settled on a wallet-friendly implementation by moving the scenery around and the witches' actors only move in slow-motion through the countryside.

Encarcerated





Same is true for the incarceration: a huge steel grid door cannot keep the witches.

DEATH and late king
At the beginning and of course near end of the play we meet DEATH which is a recurring and probably one of the most popular characters on the discworld. He explains facts about his passing to the quite surprised king Verence I. The late king is dressed and rouged completely in white (I admit the verb "rouged" sounds like a pun in itself for this role). The king is playing superbly and during the "showdown" theatre play in the castle even takes control of the living actor's king's role to confront the acting king being a murderer. Both actors - live and late king - speak in unison and this is so great and so creepy!
Evil queen

The queen, being the real evil person in this play, and having instigated the murder in the first place, flees into the forest and makes some unpleasant encounters there which did not like trees being cut ...

Murderous King

The acting king removes himself from life - he thinks that he's dead already and tries to fly from the castle's tower. Reminds me of a funny poem by 50's writer and actor Heinz Erhard, "Ritter Fips und sein anderes Ende" ... (I cannot translate this, sorry!)



Tomjohn
Tomjohn, the real son of the late king Verence I., wants to stay with the actors troupe, and the jester, hinted to maybe be an illegitimate son of the late king, is crowned as Verence II., and we already know from succeeding books as well as from one of the previous plays that he will marry Magrat.
Jester and king


My final conclusion: I enjoyed the play very much as did my daughter, and I can't wait for next year's plans.




Ensemble at encore
There was no particular actor who excelled - they all acted equally fine and performed together perfectly as a team - I loved all of them. I could not name a single favourite when asked. Kudos to all of them!

23.05.2015

[de] Wyrd Sisters - Theater in Hanau

Eigentlich ist es ja schon eine ganze Weile her, aber irgendwie bin ich nicht zum Schreiben gekommen, weil so viele andere Dinge zu tun waren, sowohl privat als auch beruflich ist im Moment ziemlich viel Hektik. Aber bevor ich zuviel vergesse, wollte ich unbedingt noch einen kurzen Bericht über einen Theaterbesuch abliefern.

Jährlich einmal kann man sich auf eine Darbietung der Dramateure freuen, wenn sie ein neues Stück von Terry Pratchett aufführen. "Neu" natürlich nur in dem Sinne, dass es neu auf der Bühne der Dramateure zu sehen ist. Leider gibt es ja nach "The shepherd's crown" (Ende 2015) keine neuen Werke mehr von Sir Terry Pratchett (STP), nachdem er im März leider verstorben ist.
Das Ensemble der Dramateure

"Wyrd Sisters" bzw. "MacBest", so der eingedeutschte Titel, gehört zu den Frühwerken von STP, bei denen er verschiedene Märchen und Dramen von der "Rundwelt" verarbeitet hat. In diesem Fall ist der deutsche Titel wesentlich suggestiver und verrät schon eine ganze Menge über die Handlung: es geht natürlich um "MacBeth" von Shakespeare, um den angestifteten Königsmord, das schlechte Gewissen nach dem Mord, den um Haaresbreite geretteten Königssohn und um die drei Hexen, die sich wieder treffen wollen ("nächsten Dienstag hätte ich Zeit" ...). Allerdings verleiht Pratchett diesem Thema eine ganz eigene Note, und das Ende ist einigermaßen überraschend, obwohl es sich im Verlauf der Handlung durch die eine oder andere harmlose Bemerkung fast schon andeutet.

Magrat Garlick, die jüngste Hexe
Wie schon bei den bisherigen Stücken legen die Dramateure mit Regisseur Jonas Milke eine tolle Vorführung hin, und ich wage zu behaupten, dass sie sich von Jahr zu Jahr steigern, und das alles wie gewohnt bei minimaler Bühnendekoration. Ich bin jedesmal begeistert. Da ich seit dem damaligen "Hitchhiker's Guide to the Galaxy"-Spiel auf dem Apple ][ ein Anhänger von Fußnoten bin, hat mir die Umsetzung der Fußnoten, die charakteristisch für Pratchetts Bücher sind, besonders gut gefallen. Bei bestimmten Stichworten hielt einer der Schauspieler ein Schild mit einem sehr großen * hoch, die Zeit fror für alle Schauspieler ein, und die Fußnotensprecherin fügte eine Erklärung ein. Nachdem sie verschwunden war, durfte die Zeit im Stück weiter verfließen ;)

v.r.n.l.: Magrat, Esme, Nanny
Wie oben schon erwähnt, ist die Bühnendekoration meistens sehr sparsam (Ausnahme siehe weiter unten), aber dies passt perfekt zur Aufführung - die Darsteller schaffen es, durch ihre Präsenz zu jeder Zeit genau den richtigen Eindruck bei den Zuschauern hervorzurufen. Die Szene, in der die Hexen Zuschauer des Theaterstücks (ein Stück im Stück ...) sind, ist brillant gespielt. Esme Weatherwax erkennt nicht oder will nicht erkennen, dass es geschauspielert ist und ruft den Darstellern auf der (nicht sichtbaren) Bühne immer wieder Hinweise zu, so dass am Ende die "normalen" Theaterbesucher im Stück denken, dass die drei Hexen Teil des aufgeführten Stücks seien und absichtlich im Saal platziert wurden. Grandios!

Zeitenwechsel
 Gerade verschwenderisch umfangreich ist das Bühnenbild während der Beschleunigung des Zeitablaufs.
Hexen bei der Arbeit
Die Hexen sind extrem ungeduldig und wollen nicht abwarten, bis der gerettete Königssohn auf natürlichem Weg ins thronfolgerreife Alter gekommen ist, sondern sie versetzen das gesamte Königreich Lancre mittels Magie um knapp 20 Jahre in die Zukunft. Dazu müssen sie in einer Nacht mit ihren Besen rund um das gesamte Königreich fliegen, um ihre Magie wirken zu lassen. Der Regisseur lässt nun nicht die Besen rund um die Bühne fliegen, sondern das Land bewegt sich, während die Darsteller still stehen.

Hinter Gittern
Auch der Kerkeraufenthalt der drei Hexen während der Theateraufführung auf dem Schloss ist für Dramateure-Verhältnisse ziemlich üppig: ein riesiges Eisengitter, das die Hexen aber nicht wirklich aufhalten kann.

Der TOD und der tote König
Beginn und Ende des Stücks bringen klassisch den TOD der Scheibenwelt auf die Bühne, der den ermordeten König über sein Schicksal aufklärt. Verence I. - ganz in weiß - spielt dann weiterhin mit und hat am Ende sogar die Gelegenheit, die Kontrolle über Tomjohn, den Schauspieler des Königs, zu übernehmen, als die Theatertruppe am Hof spielt. Er konfrontiert den Mörder mit seiner Tat. Dabei sprechen Verence I. (tot) und Verence II. (lebend) im Gleichklang extrem schaurig. Toll gemacht!
Die böse Königin

Die Königin als Anstifterin des Mordes findet natürlich ihr wohlverdientes Ende, als die Bewohner des Waldes sich für das Fällen der Bäume auf ihre Weise bedanken ...

Der König hat Blut an den Händen
Auch der König selbst verschwindet aus eigenem Antrieb aus der Welt der Lebenden. Er hält sich selbst bereits für tot und glaubt, als Gespenst könne er vom Wehrturm fliegen. Die Schwerkraft belehrt ihn dann kurz und knapp eines Besseren. Das erinnert ein klein wenig an "Ritter Fips und sein anderes Ende" von Heinz Erhard ...



Tomjohn
Der eigentliche Königssohn Tomjohn bleibt bei den Schauspielern, weil er sich selbst nicht für die Königswürde würdig befindet, und stattdessen wird der Hofnarr, andeutungsweise ein Seitensprung des alten Königs, als Verence II. gekrönt, und wie wir aus den folgenden Büchern bzw. einem der vorhergehenden Theaterstücke wissen, wird er Magrat heiraten.
Narr und König

Alles in allem erneut eine wunderbare Vorstellung, insbesondere, aber nicht nur für Terry-Pratchett-Fans. Ich bin wie immer gespannt auf die Pläne für das nächste Jahr.





Das Ensemble verabschiedet sich
Alle Schauspieler haben in meinen Augen wunderbar zusammen gespielt, es würde mir schwerfallen, wenn ich einen Favoriten benennen müsste. Chapeau!

17.03.2015

Terry Pratchett lebt weiter ... im Netz

Hach, das ist eine schöne Idee, und genauso absurd wie die Scheibenwelt, die sich Sir Terry Pratchett ausgedacht hat!

Terry Pratchett ist leider am 12.03.2015 von uns gegangen, aber es gibt Fans, die eine Petition an den TOD gestartet haben, und andere Fans, die ihn im Internet weiterleben lassen wollen, indem sein Name nicht in Vergessenheit gerät. Hier ist noch ein wunderschöner Nachruf.

In einigen der neueren Bücher, in denen langsam, aber sicher, die Industrialisierung einzieht, gibt es ein System namens "Clacks", das eine Mischung aus Fax, Telex und Internet darstellt. Es wird verwendet, um Nachrichten auszutauschen, und verwendet dazu Relaisstationen, die zueinander in Sichtweite stehen müssen, die "Clacks Tower".

Adora Belle Dearhart, eine der Hauptpersonen in "Going Postal" und die Angebetete von Moist von Lipwig, verlor ihren Bruder John Dearhart durch üble Machenschaften einer Teilhaberfirma, als er sich weigerte, die Clacks Tower den Geschäftspraktiken der Firma anzupassen, um mehr Geld zu verdienen.

Seit seinem Tod wird zum Andenken immer wieder von einem Ende der Türme zum anderen die Nachricht "GNU John Dearhart" verschickt.
His name is in the code, in the wind, in the rigging and the shutters. Haven't you ever heard the saying “A man's not dead while his name is still spoken”?'

Jeder, der eine Website betreibt, hat nun die Möglichkeit, etwas Vergleichbares für Terry Pratchett zu tun:
  • entweder die folgenden Zeilen in die httpd.conf des Apache eintragen (wenn man Zugang hat), dann muss man das "Headers" Module noch einschalten mit
    LoadModule headers_module modules/mod_headers.so
  • oder eine .htaccess-Datei mit diesen Zeilen im / ablegen (dann braucht man noch vom Betreiber des Servers die Erlaubnis für das fettgedruckte)
    <Directory />
      AllowOverride All
    </Directory>

Und genau diese drei Zeilen muss man dann einbauen:



<IfModule headers_module>
    header set X-Clacks-Overhead "GNU Terry Pratchett"
</IfModule>
Mit normalen Mitteln kann man diese zusätzliche HTTP-Header-Zeile nicht erkennen, aber mit Hilfsmitteln wie "wget" auf der Kommandozeile oder seit kurzem auch mit einer Extension für Chrome kann man sehen, ob ein Webserver diesen Header ausliefert.

Für die Praxis meiner Frau hab ich das soeben getan, und die Antwort finde ich sehr schön:

# wget -O/dev/null -Sv http://www.tierarzt-berstadt.de
--2015-03-17 15:38:07--  http://www.tierarzt-berstadt.de/
Resolving www.tierarzt-berstadt.de (www.tierarzt-berstadt.de)... 81.169.145.86
Connecting to www.tierarzt-berstadt.de (www.tierarzt-berstadt.de) |81.169.145.86 |:80... connected.
HTTP request sent, awaiting response...
  HTTP/1.1 200 OK
  Date: Tue, 17 Mar 2015 15:38:14 GMT
  Server: Apache/2.2.29 (Unix)
  Last-Modified: Fri, 05 Jul 2013 12:49:50 GMT
  ETag: "334cd49-4c5-4e0c3215f9780"
  Accept-Ranges: bytes
  Content-Length: 1221
  X-Clacks-Overhead: GNU Terry Pratchett
  Keep-Alive: timeout=3, max=100
  Connection: Keep-Alive
  Content-Type: text/html
Length: 1221 (1.2K) [text/html]

17.12.2013

Raising Steam - Terry Pratchett - Buchbesprechung

Die Neugierde hat über die Sammelleidenschaft gesiegt (mal wieder), deshalb habe ich mir das neueste Buch von Sir Terry Pratchett als ebook  besorgt und gestern beendet. Zur Veröffentlichung hat das gebundene Buch bei amazon 19,99 € gekostet und das ebook 15,99, aber ein paar Tage später gab es schon ein Sonderangebot für die fast runde Summe von 6,87 €, und da konnte ich dann wirklich nicht widerstehen ;).  Bei englischen Büchern greift die Buchpreisbindung nicht, die Preise schwanken deshalb sehr. Heute z.B. waren die Preise 16,99 und 13,99. Es lohnt sich offensichtlich, ein paar Tage auf ein Sonderangebot zu warten ;)

"Raising Steam" ist das 40. Buch der Scheibenwelt (derzeit nur auf Englisch erhältlich), und ich habe irgendwie das Gefühl, dass in den letzten Büchern die moderne Rundwelt (also wir ...) und die Industrialisierung mit Macht Einzug halten sollen.

Im Wesentlichen handelt das Buch von der Erfindung der dampfgetriebenen Lokomotive und dem Ausbau des Schienennetzes. Nebenbei taucht als  Bösewicht Ardent nochmals auf, der schon in "Thud!" für Unruhe gesorgt hat, bis es dort am Schluss zum Waffenstillstand von Koom Valley gekommen war. Er versucht erneut, zusammmen mit den konservativen Grags den Fortschritt aufzuhalten und die Zwerge vom Rest der Welt zu isolieren. Dabei versuchen die Zwerge zunächst, die Clacks-Türme zu sabotieren; das hat allerdings nicht viel Erfolg.

Um das Fazit gleich vorneweg zu nehmen: die Kunst von Sir Terry liegt im genauen Beobachten von Menschen und ihren Beziehungen, und im feinsinnigen Kommentieren seiner Erkenntnisse. In diesem Buch hat er sich zuviel Inhalt vorgenommen, und die feinen Zwischentöne bleiben leider auf der Strecke. Es ist eine recht straff erzählte Geschichte; es gibt zwar einige witzige Fußnoten und kleine Einschübe, aber alles, was passiert, muss dazu beitragen, die Geschichte voranzubringen. Das ist sehr ungewohnt und eigentlich schade für einen Erzähler wie Sir Terry.

Der Zeitraum der Geschichte ist mit mehreren Jahren viel zu groß: von der Entwicklung der Dampfmaschine (mit Hilfe von "logger-rhythms", "quader-ratics", "slide rule", "sine" und seinem Cousin "cosine" und nicht zu vergessen der "tangent") über die Finanzierung über den Ausbau des Schienennetzes bis hin zum Putsch im Zwergenkönigreich will Sir Terry alles in einem Buch abdecken. Das mathematische Wortspiel mit "sine", "cosine" und "tangent" taucht leider im Buch allzu häufig auf, und nach dem zweiten oder dritten Mal hat es sich verbraucht. Dasselbe gilt für die Charakterisierung der Lokomotive als Maschine, die alle vier Elemente (Erde (i.S.v. Erzen für den Stahl), Wasser, Feuer, Luft) in sich vereint. Auch das wird mehrfach wiederholt und stört dann. Anfänglich konnte ich den Erfinder Simnel noch als Person erkennen, zum Ende hin wird seine Beschreibung immer oberflächlicher, genau wie seine Beziehung zu Harrys Tochter Emily.

Allein die Herstellung von genügend Stahl, um die Bahnlinien nach Sto Lat, Quirm usw. zu bauen, muss Jahre dauern, und dann wird im Eiltempo der Brücken- und Tunnelbau erfunden, um die Bahnlinie nach Uberwald fertigzustellen.

Mich beschleicht das Gefühl, dass Sir Terry zwar noch unglaublich viele Ideen für die Scheibenwelt hat, aber er Angst hat, diese Geschichten nicht mehr erzählen zu können, weil ihn seine Krankheit einholt und ihn seiner geistigen Fähigkeiten beraubt. Deswegen packt er soviel Handlung in eine einzige Geschichte.

Im Vergleich dazu ist das vorherige Buch "Snuff" eine recht kurze, knackige Geschichte mit einer einzigen stringenten Handlung, und darum herum befindet sich eben genau das, was Sir Terry gut kann: beschreiben, was die Menschen in der Geschichte ausmacht, und warum sie so sind und das tun, was sie tun. "Snuff" ist für mich neben "Nightwatch" eines der besten Bücher mit Vimes, und im Vergleich dazu ist "Raising Steam" eher schwach.

Der erste große Teil des Buches wird verwendet, um die Erfindung des Dampfantriebs zu schildern und die Nutzung des Zuges als eine Art Jahrmarktsattraktion vor den Toren von Ankh-Morpork. Danach nimmt die Geschichte Fahrt auf, und als der "Low King" einen längeren politisch bedingten Aufenthalt im Tausende Meilen von seinem Königreich entfernten Quirm verbringt, reißt Ardent die Macht im Schmaltzberg in Uberwald an sich und will sich zum neuen "Low King" krönen lassen.

Damit wird auch klar, warum Vetinari so vehement darauf bestanden hat, die Bahnlinie von Ankh-Morpork bis Uberwald mit höchster Priorität fertigzustellen: damit Rhys Rhysson, der König, so schnell wie möglich von Quirm zurück nach Schmaltzberg reisen kann. Warum hier allerdings nicht Kutschen mit Golem-Pferden eingesetzt wurden oder z.B. andere Hilfsmittel, ist wohl allein der Dramaturgie geschuldet. Der Low King wird mehrfach beschrieben beim "Pläne machen" für die Zeit nach der Ankunft. Welche Pläne das konkret sind, wird bis zum Ende nicht klar. Die Reise muss mehrere Wochen gedauert haben. Im Buch wird als Entfernung zwischen Ankh-Morpork und Uberwald 1225 Meilen angegeben, und die Lokomotive ist 30 Meilen pro Stunde schnell.

Die Reise des Zugs mitsamt der gesamten Prominenz der Nachtwache nimmt einen weiteren großen Teil des Buchs ein, es passieren Anschläge auf die Schienen, auf den Zug, und auf Versorgungsstationen für Kohle und Wasser, die allerdings alle glimpflich verlaufen.

Das Buch las sich für mich wie eine Liste von Personen, die irgendwie mitspielen. Keiner von ihnen hatte eine wesentliche Rolle, außer zu einer bestimmten Zeit am richtigen Ort zu sein und dort das Richtige zu tun: Vimes konnte die Namen der Mitverschwörer herausfinden, weil er den Zwergen mit dem Abzeichen der "Summoning Darkness" auf seinem Arm Angst machen konnte. Als die Zwerge bei dem Angriff auf die Bahn die Kupplung auftrennen konnten, hat ein Troll mit einer Art Draisinenantrieb die Waggons angetrieben und die Lokomotive wieder eingeholt. Cheery Littlebottom, Colon, Nobbs, Angua, Detritus und Sally tauchen auch "mal kurz" auf und werden erwähnt, aber keiner hat eine tragenden Rolle. Immerhin wird Carrot nicht auch auf diese Weise verheizt. Auch die Magier der Unsichtbaren Universität haben eine kurze Sprechrolle: sie dürfen feststellen, dass die Dampfmaschine keinerlei Magie enthält.

Sir Harry King, der "King of the golden river", der bislang sein Geld im untergründigen Geschäft mit der Entsorgung von Exkrementen gemacht hat, wird hier zum Eisenbahntycoon mit einem riesigen Herz, der z.B. einer Mutter eines verunglückten Möchtegern-Ingenieurs eine großzügige Pension zukommen lässt. Vom knallharten Geschäftsmann aus den vorherigen Büchern ist kaum noch etwas zu erkennen.

Schön fand ich die Begeisterung von Vetinaris Assistenten Drumknott, der dem Eisenbahnfieber verfällt und als Zweitberuf zum Lokführer wird.

Die Goblins, die zuerst in "Snuff" eine größere Rolle bis hin zur Gleichberechtigung bekamen, erhalten hier sogar noch mehr Raum für Entwicklung. Auch werden einige kulturelle Besonderheiten erwähnt, wie z.B., dass sie großen Wert darauf legen, mit ihrem vollständigen Namen angeredet zu werden. Außerdem sind sie sehr schlagfertig und können interessante Tränke aus Pflanzen und Schnecken brauen, wie Lipwig mehrfach feststellt. Bei einem Besuch in Quirm spricht "Of the Twilight the Darkness" mit dem Marquis eines kleinen Weinguts: "Nice place you got here. Don't worry about smell. I'll get used to it." - "Mon Dieu" - "Not a god, Mister Mar-kee, only goblin. And not only that, Mister Mar-kee. I'm real. If you cut me, do I not bleed? And if you do, I bleeding well cuts you too, no offence meant.". Außerdem sind die Goblins fasziniert von Technik und stürzen sich mit Begeisterung in den Betrieb der Clacks-Türme und der Eisenbahn.

Die Rückeroberung des Königsreichs ist hingegen am Ende eher unauffällig und unblutig. Dabei gibt es noch einige Überraschungen sowohl beim Low King als auch zu Vetinari. Diese Pointen will ich hier aber nicht vorwegnehmen ;)

09.07.2013

[en] Theater play in Hanau: Eric by Sir Terry Pratchett

Wow, it is unbelievable how fast a year can pass! Yes, it's really been nearly a whole year since I attended my first theatre play by the group "Die Dramateure" in Hanau's "Hoher Landesschule" and enjoyed it very much.

Last year they played "Carpe Jugulum", with vampiyres and religion critics quite some heavy stuff but they managed to put it on stage with Pratchettian wit and ease.

In march's newsletter "Discworld Monthly" there was an announcement for a new play,  Faust Eric. Haha, I knew about it earlier though ;), there were also postings on Facebook in their group.

I'm especially happy about the fact that the former school-based theatre group has become independent and continues to play even when some of the actors have left school. Of course they still have connections to their Alma Mater, and some of the actors are still students there.

From some other Facebook postings I learnt that "Carpe Jugulum" was their second play after "Guards! Guards!" which I regrettably missed the year before last. There are slideshows for both "Eric" and "Guards" on their web site.

I hope very much that they will continue their good and successful work, be it on their school's stage or somewhere else. I have heard rumours that they are looking for a bigger stage for the next play ...

I was attending on friday night; arrived a bit early to pick up my reserved ticket and enjoy some time with the book edition which I spontaneously grabbed from my book shelf before leaving. On Facebook I read that it was nearly sold out, so I was lucky to learn about pre-reserving tickets ;)

Admittedly Faust Eric is not my favourite book but it's a good read anyway. It's from the beginning of the Discworld series and it doesn't contain as much philosophy as I credit to the recent ones (I may be wrong there to simply not spot it).

Same as last year, there was a beamer which showed some background about Discworld, introduced the actors and their roles and some of the stage technicians. I noticed some differences to the book, so I was very curious ;).

To freshen up your memory: Faust Eric is a book about Rincewind the most unsuccessful and untalented "wizzard" of the Discworld. His previous occurance was in the book "Sourcery" where he was flinged into the "dungeon dimensions" where unspeakable things happen.

Now, in Faust Eric the story continues ... We learn about what odyssey his return is, and that's literal! Sir Terry took ideas and concepts not only from Goethe's "Faust" but also from nearly all of Greek mythology, from the battle of Troy, the odyssey, the tales of Sisyphos and Prometheus and even some more.

Allegedly for casting reasons the play director, Jonas Milke, slightly changed some roles and names; the demon Vassenego became a female demon Vassenega, the demon king Astfgl received a sidekick, a secretary Theszecka, presumably to speak out loud some of what is only a mere thought in the book but is nonetheless important for the story.

I glanced a very minor mistake during the prologue in front of the curtain. This scene shows the Unseen University and the wizards trying to find out some mysterious phenomenons. As said before Faust Eric takes place some time after "Sourcery". In this book the arch chancellor is killed and his successor is "Ezrolith Churn", but in the play this is "Mustrum Ridcully". This character appears much later in the series and is the current arch chancellor (e.g. in Night Watch, Thud!, Unseen Academicals).

The costumes and dressing-up as well as the makeup were handcrafted and very detailed. The director made some advertising and teasing weeks before and I liked it very much (both the teasing and the result on stage ;) ). The costumes fit the bizarre Discworld peoples and habits very well. One of the demons, the "worm of doom", was played by an actor in a modified sleeping bag who received ovations for his amazingly fast pace.

Probably some of the guests were relatives of the actors and so for the sake of the "amateur attendees" the play included two narrators which interspersed some explanations and even some witty footnotes from the book. This is a very good idea and it worked this year equally well as last year (though it was only one narrator last year).

Music, background noise and lighting were helping to put all of the the scenes in the right mood and I liked it very much.

The story begins at Unseen University in  Ankh-Morpork where the wizards experience some strange phenomenons of bodiless voices ("oshitoshitoshit..."). Of course this is Rincewind trying to escape from the Dungeon Dimensions which reverberates and reaches the Discworld. The wizards do not want to be disturbed in their naps so they set to find out the reason for this ...





As usual in these cases they summon DEATH with the  ritual of Ashk'Ente. Obviously since DEATH is ubiquitous he knows everything about everyone.
The wizards (including the librarian) start the summoning. A nice detail is a banana which was placed on the stairs to the stage for the monape.

Without waiting for any questions DEATH states that the answer is "Rincewind". He insists that the answer is always "Rincewind" no matter the question. Rincewind is always the reason for problems ;)
DEATH's voice was slightly alienated with electronic tricks and it matched my imagination from the books how his voice should sound WHEN SPEAKING IN UPPERCASE.


Same time in Pseudopolis ... a 14-year old boy tries to summon demons with a magic circle. Due to a minor mistake it is not the demon Vassenego who crosses the magic portal to Discworld but - of course -  Rincewind. The boy Eric Thursley (right actor, here with false beard to appear older) asks Rincewind to grant him three wishes.

(note the parrot to the left. he aten't dead!)




After finding out about Eric's youth and him being called to his mother Rincewind has a very entertaining talk with the parrot. This parrot was my absolute favourite character and actor in the play. Last year she played Granny Weatherwax. Admittedly a supporting role only but a very funny and very present one. Nice costume, too!

Being a parrot she obviously is not equipped with splendid vocabulary so she has a lot of "wossnames" and when her instincts take over "Polly wants a cracker". Perfectly played, perfectly intonated bird-like voice and simply hilarious.

After Eric returns and insists on wishes being granted Rincewind mocks him that he'd only need to snap his fingers to fulfill his wishes, then he snaps with his fingers ... and away they are like magic. Noone is more surprised than Rincewind himself ;)


The travel leads them to the kingdom of  Tezuman (not ruled by an Amazonian princess). This is a very depressive people living in the Klatchian jungle waiting for the predicted arrival of a ruler. After worshipping him for a short time they intend to sacrifice him to pay back all bad luck they had to suffer in the past.

The stage set and the transportable throne of king Muzuma were very nicely built and decorated. To the very right the slightly oversized sculpture of Quezovercoatl, the founder of their religion.


In one of the pyramids Rincewind and the parrot meet a captive, Ponca da Quirm (in the book Ponce da Quirm is male, on stage she's a female seeker) on a quest for the fountain of youth. Next the "god" Quezovercoatl (which is in fact a very low and very small demon) is literally flattened by the Luggage and our (nearly) heroes can escape their fate of being flayed and sacrificed. Ponca da Quirm and the parrot part from Rincewind and Eric to continue searching for aforementioned fountain of youth.

Rincewind and Eric manage to get out of the frying pan into the fire: they happen to arrive at the time of the Tsortian war, inside the "trojan" or, more accurate, ephebian hollow wooden horse. The Tsortians are not as naive as the Trojans on Roundworld ... they move the statue inside the city but then guard it heavily and so Rincewind and Eric are captives right again. Distracted by the arrival of the Luggage they are able to escape and inadvertently open a city gate and let the Ephebians in. Very nice: the audience plays the role of the Ephebian army because the fictitious gate is set on the stage's verge. The beamer already announced this during the actors' introduction. One slide read " ... the Ephebian army: YOU" ;)
By accident Rincewind puts fire to the city and meets Lavaeolus (historically the fire was attributed to him). A bit later he learns that Lavaeolus is his ancestor (latin "Rinser of Winds"). He doesn't want to tell him about the future but assures nevertheless that Lavaeolus will finally arrive at home alive. But he doesn't tell about the duration of that travel ...
Lavaeolus actually wanted to save the kidnapped Elenor but in the meantime she got attracted to King Mausoleum of Tsort and is a sevenfold mother. Disappointed he leaves and due to Rincewind's assuring words he is even convinced that the Gods don't mean him no harm. Let's see to that ...

Rincewind and Eric continue travelling, and their next stop is the time right before the Big Bang of this universe. They meet a creator (not the creator) who is about to initiate the Big Bang and meanwhile contemplates the multitude of snow flakes. The creator was playing Igor last year and in both roles he excelled. Fabulous!

The audience could not hear the Big Bang. This was achieved by the narrators appearing with a remote control and muting the actors of the play. They delivered some more hilarious anecdotes and footnotes. Again: very nice!

Astfgl still looking for the travellers cannot watch them any more in his magic mirror so he deduces they have travelled "out of time" which leaves two places: before and after time. He sets out for the end of time but only meets DEATH there. The Luggage even overtakes him but he doesn't notice. What we already know he also realizes there and returns from the end to the beginning of time but he is too late once again: only a magic circle and some foot marks reveal that Eric and Rincewind have magicked themselves away.


They arrive at the last station of their travel: in Hell, in front of the huge Gate of Hell. The gate is guarded by a dumb two-headed demon who they pass quite easily, and inside they meet again Ponca da Quirm, who did not boil the water from the fountain of youth, her parrot, and Lavaeolus.

After some confusion we find out the plot: Vassenega had planned all this, had done the magic (not Rincewind snapping his fingers) and schemed to overturn Astfgl. She promotes and declares him "President of Hell" and moves him to a very quiet office together with his secretary Theszecka to do some more  bureaucracy without annoying the rest of hell with it. One of the other demons is quite astonished about bureaucracy: "And humans  somewhere thought this up all by themselves?  I thought we were supposed to be the ghastly ones!".

Rincewind and Eric escape unharmed and everyone was happy afterwards. The creator even cheated by inventing some quite unusual snowflakes.

The actors received long applause and well-deserved standing ovations.

(l2r: Ponca da Quirm, Tezuman citizen, Demons, Rincewind, Parrot, Theszecka, Librarian, tsortian philosopher, Moderator, Lavaeolus, Eric)

(All photos used by friendly permission of Jonas Milke, director of "Die Dramateure". Thanks!)

19.04.2013

Night Watch - Terry Pratchett - Buchbesprechung

Die "Nachtwache" (Night Watch) ist eines der besten und spannendsten Bücher von der Scheibenwelt, die ich bis jetzt gelesen habe. Unbedingt empfehlenswert, für Fans von Sir Terry sowieso, und auch sonst, wenn man auf schräge Fantasy und Zeitreise-Geschichten steht.

Die Lebensgeschichte von Sam Vimes, dem Chef der Nachtwache, bekommt ein wesentliches neues Kapitel hinzugefügt: Lady Sybil Ramkin steht kurz vor der Entbindung. Während sie in den Wehen liegt, muss Vimes Jagd auf einen Mörder namens Carcer machen, der einen Zwerg der Night Watch ermordet hat, und verfolgt ihn bis in die Unsichtbare Universität, zusammen mit anderen Polizisten, darunter Detritus mit seiner berüchtigten Armbrust ("if Mr. safety lock is off Mr. safety lock is not your friend").

Zwischen den spannenden und witzigen Beschreibungen der Begebenheiten rund um diese Verfolgung finden sich schon mehrere Andeutungen auf das Datum 25. Mai und lila Flieder, aber noch nichts Genaues, was nun wirklich wann passiert ist. Bei einem Handgemenge auf einem Dach über der Bibliothek, bis zu dem Vimes Carcer verfolgt hat, gibt es einen Blitzeinschlag und durch die Zusammenwirkung von Blitzenergie und hoher magischer Grundsättigung rund um die Universität gehen Vimes und Carcer beide unfreiwillig auf eine Zeitreise von knapp 30 Jahren in die Vergangenheit.

Angekommen zu einer (noch) unbekannten Zeit wird Vimes überfallen und aller seiner Güter und Kleidung inklusive Rüstung beraubt. Er wird von Rosie Palm gefunden, die später die Gilde-Vorsitzende der "Seamstresses" werden wird. Zur Zeit gibt es allerdings diese Gilde noch nicht, und wie sich später herausstellen wird, gehört Rosie mit zu einer Verschwörung, um den regierenden Patrizier Lord Winder abzusetzen und durch Lord Snapcase zu ersetzen; dabei erhofft sich Rosie (die spätere "Mrs. Palm") die Gründung einer Gilde der "Damen verhandelbarer Zuneigung" ("ladies of negotiable affection"). Umgekehrt versucht Lord Winder mit der Tagwache mit Hilfe von Agents provocateurs, einen Aufruhr zu provozieren und blutig niederzuschlagen, um seine Macht zu festigen.

Als Vimes klar wird, dass es in der Vergangenheit einen jüngeren Sam Vimes gibt, tritt er dann als John Keel auf, der damals sein Ausbilder war. Beim Lesen der Geschichte, die sich in unglaublichem Tempo entwickelt, treffen wir viele bekannte Namen, und auch das alte Wachengebäude in der Treacle Mine Road, das in "Guards! Guards!" von einem magischen Drachen abgefackelt wurde. Die üblichen Verdächtigen dabei sind natürlich Nobby Nobbs, Fred Colon, Reginald Shoe (noch nicht als Zombie), und auch einige Figuren, die in anderem Zusammenhang bekannt sind, treten schon auf, wie z.B. die Monks of History mit dem Besenschwinger "Sweeper" Lu-Tze, und auch der verrückt-geniale Erfinder Qu aus "Interesting Times", charakterisiert wie "Q" aus James Bond, hat einen kurzen Auftritt, um wissenschaftliche Expertisen über Zeitreisen und die Bildung von Paralleluniversen abzugeben. Er erklärt, dass Vimes eine Zeitlang dort in der Vergangenheit bleiben muss, um die Grundpfeiler für eine möglichst ähnlich verlaufende Zukunft zu schaffen. Kleine Verwerfungen werden die Monks of History nach seiner "Abreise" noch korrigieren.

Über den späteren Patrizier Lord Vetinari gibt es neue Tatsachen: er erhielt eine Ausbildung als Assassine, und wie es aussieht, absolviert er diese Ausbildung mit Bravour. Seine Tante ist die Haupt-Fädenzieherin in der Verschwörung gegen Lord Winder.

Sam Vimes beginnt, die Nachtwache zu einer ernstzunehmenden Polizeikraft auszubilden; ähnlich wie auch in "Guards! Guards!" beschrieben, wird die Nachtwache nicht besonders ernst genommen und kündigt bei den Rundgängen nur "All's well!" an. Bei einer Schwertübung wird es ernst, als einer der Polizisten nicht nur zum Schein mit Vimes kämpfen will, und dabei stellt sich heraus, dass Ned Coates  den echten John Keel kannte. Allerdings verrät er niemanden davon, dass Sam Vimes die Identität von John Keel angenommen hat. Später ist Coates eines der Opfer des Bürgerkriegs.

Die Tagwache unter Captain Swing, den sogenannten "Unmentionables", den Unaussprechlichen ("the Particulars" in einer Anspielung auf Sherlock Holmes) sind brutale Folterer, die mit Gefangenen nicht sehr gut umgehen. Vimes und seine Männer befreien einige Opfer aus den Kellern des Gebäudes, dabei kommt Captain Swing beim Schwertkampf mit Vimes ums Leben.

Vimes und die Anwohner bauen eine Barrikade gegen Lord Winders Soldaten auf und wehren mehrfach erfolgreich, sogar ohne Verluste, die Soldaten ab. Die Barrikade wird wieder aufgelöst, und danach kommt es erneut zu Straßenkämpfen.

Der echte John Keel stirbt nicht bei der Barrikade im Beisein des jüngeren Sam Vimes, sondern viel früher durch Carcer. Im ursprünglichen Verlauf konnte sich John Keel gegen zwei Diebe wehren. Durch die Zeitreise wurde er aber von dreien überfallen und verlor den Kampf. Vermutlich wusste Carcer aber nichts von der Rolle, die Keel in Vimes' Leben gespielt hat.

Die Mönche haben den Leichnam von John Keel aufbewahrt und legen ihn dort ab, von wo Vimes und Carcer schließlich zurückreisen, nachdem sich die Revolution ähnlich der ersten Vergangenheit entwickelt. Vimes hat zwar mehrere Tage in der Vergangenheit gelebt, aber er kehrt zu einem Zeitpunkt nur ca. 30 Minuten nach seiner Abreise zurück. In der Gegenwart verläuft die Geburt glatt, nachdem Vimes den Doktor holt, den er in der Vergangenheit als zuverlässigen Arzt kennen gelernt hat. "Young Sam" wird geboren, von dem wir in den späteren Büchern noch einiges hören werden, z.B. in "Snuff".

Auf dem Friedhof beim Grab des echten John Keel trifft er auf Carcer, kämpft mit ihm und verhaftet ihn für eine Gerichtsverhandlung. Er würde ihn zwar gern im Zweikampf töten, aber er besteht darauf, dass Carcer in einem fairen Gerichtsverfahren für schuldig befunden und verurteilt wird.

Auch Vetinari besucht den Friedhof im Andenken an die Toten. Er wird Zeuge der Verhaftung, und im Gespräch danach deutet er an, in Vimes den John Keel der Vergangenheit zu erkennen. Er erzählt Vimes, dass er derjenige war, der einen anderen Mörder auf dem Dach über der Nachtwache mit der Armbrust erschossen hat, als dieser mit einem heimtückischen Mord an einem Zivilisten einen Aufruhr provozieren wollte.

Das alte Gebäude der Nachtwache in Treacle Mine Street wird wieder aufgebaut. Außerdem soll es ein Denkmal für die Verstorbenen der kurzen Flieder-Revolution geben. Reg Shoe gräbt sich jedes Jahr als Remineszenz an die Opfer auf dem Friedhof für einige Stunden ein und kehrt dann wieder an die Oberfläche zurück.

Wie schon gesagt, ein unglaublich temporeiches Buch; es gibt verhältnismäßig wenig Handlung für den Umfang des Buchs (in ein paar Stichworten: UU, Zeitreise, falscher Name, Nachtwache, Barrikade, Rückkehr, Geburt, Verhaftung), aber die Gedanken, Randbemerkungen, Fußnoten und spielerisch dahingeworfenen philosophischen Tiefen füllen den Raum des Buchs mit Leichtigkeit und bieten hohen Genuss.

Ob Vimes nun wirklich in seine eigene Welt zurückkehrt, oder in eine Art Parallelwelt, die sich in Nuancen unterscheidet, wird nicht klar und von Pratchett auch nicht weiter thematisiert. Ich vermute, dass die Mönche dafür gesorgt haben, dass die Unterschiede sich verwischen und die möglichen "Stränge" sich wieder vereinen. In anderen seiner Büchern gibt es wesentlich mehr wissenschaftliche Anspielungen, die zeigen, welche Breite das Wissen von Pratchett umfasst, wie z.B. die spielerische Andeutung von Blau- und Rotverschiebung in "Thief of Time" während der Reise Lobsangs und Lu-Tzes nach Ankh-Morpork.