23.05.2015

[de] Wyrd Sisters - Theater in Hanau

Eigentlich ist es ja schon eine ganze Weile her, aber irgendwie bin ich nicht zum Schreiben gekommen, weil so viele andere Dinge zu tun waren, sowohl privat als auch beruflich ist im Moment ziemlich viel Hektik. Aber bevor ich zuviel vergesse, wollte ich unbedingt noch einen kurzen Bericht über einen Theaterbesuch abliefern.

Jährlich einmal kann man sich auf eine Darbietung der Dramateure freuen, wenn sie ein neues Stück von Terry Pratchett aufführen. "Neu" natürlich nur in dem Sinne, dass es neu auf der Bühne der Dramateure zu sehen ist. Leider gibt es ja nach "The shepherd's crown" (Ende 2015) keine neuen Werke mehr von Sir Terry Pratchett (STP), nachdem er im März leider verstorben ist.
Das Ensemble der Dramateure

"Wyrd Sisters" bzw. "MacBest", so der eingedeutschte Titel, gehört zu den Frühwerken von STP, bei denen er verschiedene Märchen und Dramen von der "Rundwelt" verarbeitet hat. In diesem Fall ist der deutsche Titel wesentlich suggestiver und verrät schon eine ganze Menge über die Handlung: es geht natürlich um "MacBeth" von Shakespeare, um den angestifteten Königsmord, das schlechte Gewissen nach dem Mord, den um Haaresbreite geretteten Königssohn und um die drei Hexen, die sich wieder treffen wollen ("nächsten Dienstag hätte ich Zeit" ...). Allerdings verleiht Pratchett diesem Thema eine ganz eigene Note, und das Ende ist einigermaßen überraschend, obwohl es sich im Verlauf der Handlung durch die eine oder andere harmlose Bemerkung fast schon andeutet.

Magrat Garlick, die jüngste Hexe
Wie schon bei den bisherigen Stücken legen die Dramateure mit Regisseur Jonas Milke eine tolle Vorführung hin, und ich wage zu behaupten, dass sie sich von Jahr zu Jahr steigern, und das alles wie gewohnt bei minimaler Bühnendekoration. Ich bin jedesmal begeistert. Da ich seit dem damaligen "Hitchhiker's Guide to the Galaxy"-Spiel auf dem Apple ][ ein Anhänger von Fußnoten bin, hat mir die Umsetzung der Fußnoten, die charakteristisch für Pratchetts Bücher sind, besonders gut gefallen. Bei bestimmten Stichworten hielt einer der Schauspieler ein Schild mit einem sehr großen * hoch, die Zeit fror für alle Schauspieler ein, und die Fußnotensprecherin fügte eine Erklärung ein. Nachdem sie verschwunden war, durfte die Zeit im Stück weiter verfließen ;)

v.r.n.l.: Magrat, Esme, Nanny
Wie oben schon erwähnt, ist die Bühnendekoration meistens sehr sparsam (Ausnahme siehe weiter unten), aber dies passt perfekt zur Aufführung - die Darsteller schaffen es, durch ihre Präsenz zu jeder Zeit genau den richtigen Eindruck bei den Zuschauern hervorzurufen. Die Szene, in der die Hexen Zuschauer des Theaterstücks (ein Stück im Stück ...) sind, ist brillant gespielt. Esme Weatherwax erkennt nicht oder will nicht erkennen, dass es geschauspielert ist und ruft den Darstellern auf der (nicht sichtbaren) Bühne immer wieder Hinweise zu, so dass am Ende die "normalen" Theaterbesucher im Stück denken, dass die drei Hexen Teil des aufgeführten Stücks seien und absichtlich im Saal platziert wurden. Grandios!

Zeitenwechsel
 Gerade verschwenderisch umfangreich ist das Bühnenbild während der Beschleunigung des Zeitablaufs.
Hexen bei der Arbeit
Die Hexen sind extrem ungeduldig und wollen nicht abwarten, bis der gerettete Königssohn auf natürlichem Weg ins thronfolgerreife Alter gekommen ist, sondern sie versetzen das gesamte Königreich Lancre mittels Magie um knapp 20 Jahre in die Zukunft. Dazu müssen sie in einer Nacht mit ihren Besen rund um das gesamte Königreich fliegen, um ihre Magie wirken zu lassen. Der Regisseur lässt nun nicht die Besen rund um die Bühne fliegen, sondern das Land bewegt sich, während die Darsteller still stehen.

Hinter Gittern
Auch der Kerkeraufenthalt der drei Hexen während der Theateraufführung auf dem Schloss ist für Dramateure-Verhältnisse ziemlich üppig: ein riesiges Eisengitter, das die Hexen aber nicht wirklich aufhalten kann.

Der TOD und der tote König
Beginn und Ende des Stücks bringen klassisch den TOD der Scheibenwelt auf die Bühne, der den ermordeten König über sein Schicksal aufklärt. Verence I. - ganz in weiß - spielt dann weiterhin mit und hat am Ende sogar die Gelegenheit, die Kontrolle über Tomjohn, den Schauspieler des Königs, zu übernehmen, als die Theatertruppe am Hof spielt. Er konfrontiert den Mörder mit seiner Tat. Dabei sprechen Verence I. (tot) und Verence II. (lebend) im Gleichklang extrem schaurig. Toll gemacht!
Die böse Königin

Die Königin als Anstifterin des Mordes findet natürlich ihr wohlverdientes Ende, als die Bewohner des Waldes sich für das Fällen der Bäume auf ihre Weise bedanken ...

Der König hat Blut an den Händen
Auch der König selbst verschwindet aus eigenem Antrieb aus der Welt der Lebenden. Er hält sich selbst bereits für tot und glaubt, als Gespenst könne er vom Wehrturm fliegen. Die Schwerkraft belehrt ihn dann kurz und knapp eines Besseren. Das erinnert ein klein wenig an "Ritter Fips und sein anderes Ende" von Heinz Erhard ...



Tomjohn
Der eigentliche Königssohn Tomjohn bleibt bei den Schauspielern, weil er sich selbst nicht für die Königswürde würdig befindet, und stattdessen wird der Hofnarr, andeutungsweise ein Seitensprung des alten Königs, als Verence II. gekrönt, und wie wir aus den folgenden Büchern bzw. einem der vorhergehenden Theaterstücke wissen, wird er Magrat heiraten.
Narr und König

Alles in allem erneut eine wunderbare Vorstellung, insbesondere, aber nicht nur für Terry-Pratchett-Fans. Ich bin wie immer gespannt auf die Pläne für das nächste Jahr.





Das Ensemble verabschiedet sich
Alle Schauspieler haben in meinen Augen wunderbar zusammen gespielt, es würde mir schwerfallen, wenn ich einen Favoriten benennen müsste. Chapeau!