20.02.2017

Soziale Netzwerke vor 30 Jahren oder: Opa erzählt vom Krieg

Vor langer Zeit, als die "sozialen Netzwerke" noch "Mailboxnetze" hießen, war ich Mitglied in mehreren solcher Netze.

Die Technik damals war im Vergleich zu heute gar nicht so viel anders. Das heutige Internet ähnelt zwar dem Entwurf des DARPA-Netzes auch nicht mehr so, aber das Grundprinzip ist immer noch sichtbar: ein dezentrales Netzwerk mit store-and-forward-Prinzip an den Relaispunkten.

Die Mailboxnetze von damals gab es in mehreren Kategorien, wenn man die Software betrachtet. Auf der einen Seite gab es die Netze mit Fido-Technik, daneben gab es das Maus-Netz, und ein paar wackere Kämpen hatten damals schon Zugang zum Usenet mit Unixtechniken wie UUCP und kleinere Netze mit noch eigener Software wie Zerberus usw.

Wir reden hier vom Zeitraum von ungefähr 1988 bis 2000. Damals kostete das Telefonieren noch richtig viel Geld, und das Internet gab es nur für große Firmen und Unis als "Standleitung" für mehrere Hundert DM Gebühren pro Monat. Die Uni Gießen hatte damals eine 2-MBit/s-Anbindung, und es war ein unglaublicher Fortschritt, als ca. 1995 die 34 MBit/s.-Leitung geschaltet wurde; aber ich schweife ab. Privatleute verwendeten ein sogenanntes Telefonmodem, und die gab es damals mit und ohne Segen der Deutschen Bundespost und heftigen Strafandrohungen, falls man denn erwischt werden würde. Aus heutiger Sicht betrachtet vollkommen lächerlich, aber so selbstherrlich gebärdete sich damals die staatliche Bundespost.

Die Entscheidung für oder gegen die Teilnahme an einem Mailboxnetz wurde hauptsächlich durch die Erreichbarkeit der Partner und damit die Telefonkosten bestimmt. Die Verbindung zum "Uplink", also dem Lieferanten, wurde mit Hilfe von Telefonmodems gehalten, die üblicherweise Geschwindigkeiten von 2.400 bis 14.400 Bit/s. hatten (da sind wirklich keine Vorsilben vor der Maßeinheit!).

Bei den schnelleren Modems gab es zwei Standards, weil die Standardisierung nur bis 9.600 gekommen war, die Norm hieß damals V.32.

Bei der Weiterentwicklung auf 14.400 Bit/s gab es zwei Konkurrenten: US Robotics mit einem proprietären Standard, und die wurden später von ZyXEL ziemlich heftig vom Markt gefegt, soweit ich mich noch erinnere. ZyXEL und später andere Hersteller lieferten Modems mit V.32bis-Standard für 14.400 Bit/s., und obwohl ZyXEL eigentlich aus der Geschichte mit dem proprietären US-Robotics-Protokoll hätte lernen können, machten sie es dann genauso: für die "normalen" ZyXEL-Modems wurde mit einem ROM-Update eine mit keinem anderen Hersteller kompatible Geschwindigkeit von 16.800 Bit/s. geliefert (damals musste man die EPROMs noch mit einem Spezialgerät brennen, Typ 27512). Im FidoNet gab es dann unglaublich hitzige Diskussionen, ob man in der Nodeliste diese Angabe einpflegen soll und unter welcher Kennung. Wenn man sonst keine Probleme hat ...
ZyXEL hat dann das Plus-Modell mit mehr Speicher und etwas schnellerem Prozessor gebaut, das dann ebenfalls proprietäre 19.200 Bit/s. beherrschte. So ein Modell werkelt bei uns in der Praxis immer noch, aber wird nur noch als reine Faxmaschine mißbraucht. Außerdem habe ich bei ebay billig noch ein Ersatzgerät gekauft, falls das erste kaputt geht (Cold standby).

Nebenbei gab es noch eine proprietäre Technik, nämlich das Telebit Trailblazer, die damals schon 19.200 Bit/s. beherrschten, und davon gab es auch eine postzugelassene Variante in Deutschland zu kaufen oder von der Post zu mieten (!). Ich kann mich aber nicht mehr an Preise erinnern.

Diese Modems haben in der Größenordnung 500 bis 800 DM gekostet, eine ganz schöne Stange Geld (inflationsbereinigt würde ich sagen, das ist heute dasselbe in Euro). Der Höhepunkt der analogen Telefonmodems waren die Geräte mit standardisierten 28.800 und 56.000 Bit/s, die aber nicht mehr allzuviel Verbreitung fanden, weil viele Betreiber neben dem analogen auch einen digitalen ISDN-Zugang anboten (ich übrigens auch - meine TeX-Box hatte zwischendurch 2x analog und 2x ISDN für bis zu vier gleichzeitige Anrufer).

Nun ja, wie auch immer - ich hatte im Ortsbereich einen Lieferanten für Fido in Lich, das war für mich als Schüler bzw. angehender Student gerade noch bezahlbar. Die eigene Telefonleitung war schon Luxus, nur das Umstecken von Telefon zu Modem war ziemlich schnell ziemlich lästig. Kurze Zeit später hatte ich also eine separate Telefonleitung für das Modem, und von da zum Mailboxbetreiber statt nur -nutzer war es nur noch ein kleiner Schritt ;-), aber bis zur TeX-Box war es zeitlich noch ein ganz schöner Weg. Wer noch alte c't-Hefte aufgehoben hat: dort war ich ziemlich lang mit der "TeX-Box" in der Mailboxliste enthalten; eines der Netze, an denen ich teilnahm, war das GerNet mit der Zonennummer 21:, das vom Heise-Verlag betrieben wurde und kurz vor der Jahrtausendwende abgeschaltet wurde, weil deren Software nicht y2k-tauglich war (soweit ich mich noch erinnere).

Zunächst hatte ich also ein relativ preisgünstiges Modem als interne Steckkarte für den PC mit 2.400 Bit/s. Übrigens haben damals ziemlich viele Leute die Maßeinheiten Baud und Bit ziemlich konfus durcheinander verwendet, obwohl sie ganz unterschiedliche technische Sachverhalte beschreiben. "Baud" misst, wieviele "Symbole" pro Sekunde übertragen werden. Mit einem "Symbol" können aber je nach Kodierung mehrere Bits übertragen werden. Bis 2.400 war Baud und Bit noch dasselbe, aber mit zunehmender Geschwindigkeit konnten pro Baud immer mehr Bit übertragen werden, mit Kodierungen wie Trellis, QAM usw.

Die richtigen Profis hatten einen eigenen PC, der nur für die Verwaltung des bzw. der Modems zuständig war, und haben auf einem anderen PC die Mails gelesen. Soweit war ich noch lange nicht, bei mir lief alles auf einem PC, und dazu gab es damals (vor Windows-Zeiten) Programme, mit denen auf einem 286 oder 386 schon richtig gutes Multitasking möglich war. Die Software, die ich zunächst verwendete, damit die Mailbox funktionierte, hieß QEMM-386 und war im großen und ganzen der Vorläufer der heutigen Betriebssysteme, die mehrere Dinge (fast) gleichzeitig tun konnten.

Nach kurzer Zeit war ich damit aber eher unzufrieden, und weil ich schon länger in Fachzeitschriften wie mc und c't von "großen" Betriebssystemen gelesen hatte, wollte ich unbedingt OS/2 ausprobieren. Damals war die Version 2.0 im Entstehen, und für kleines Geld gab es die ersten Beta-Versionen zum Testen zu kaufen, geliefert auf ca. 50 Disketten (mit C-Compiler, Druckertreibern, Bildschirmtreibern und zahllosen anderen Dingen wie 3270, die ich damals überhaupt nicht verstand).

OS/2 war richtig klasse und ich bin mit fliegenden Fahnen von MS-Dos weg hin zu OS/2 gewechselt und bis zu einem doofen Festplattendefekt Mitte 2000 war ich ein begeisterter Anhänger. Als IBM 2005 dann den Tod von OS/2 bekanntgab, war ich ziemlich niedergeschmettert; obwohl ich privat schon lang kein OS/2 mehr verwendete, sondern beruflich bedingt Linux und Windows, finde ich bis heute, dass OS/2 ein trauriges und unrühmliches Ende nahm. Es wird bis heute als "eComStation" weiter von einer Drittfirma vermarktet und gepflegt, aber eigentlich ist das nur für Firmenkunden interessant; für Privatleute hingegen überhaupt nicht.

Leider gab es für OS/2 relativ wenig gute Software, insbesondere für die Fido-Technik, und die Dos-Emulation ließ am Anfang doch arg zu wünschen übrig. Also fing ich an, selbst Fido-Software zu programmieren. Dabei half mir Open Source ganz gewaltig: es gab nämlich den genialen gcc-Compiler in einer speziellen OS/2-Variante, die den größten Teil der richtig guten Features nutzen konnte, auch ohne von IBM das Software Development Kit zu kaufen. Das einzige, was ich nie hinbekommen habe, war, wie man in einem 32-Bit-C-Programm eine Callback-Funktion definiert, die von einer 16-Bit-DLL aufgerufen werden kann. Das hätte ich für die Benutzung der OS/2-ISDN-CAPI brauchen können, die gab es nämlich nur als 16-Bit-DLL.

Nach einiger Zeit hatte ich eine komplette Suite von Programmen und Hilfsprogrammen, um eine Mailbox mit allen Features zu betreiben. Nachdem das letzte Dos-Programm also einen Ersatz gefunden hatte, konnte ich feierlich in der config.sys von OS/2 die Umstellung auf "ProtectOnly=Yes" durchführen und nach dem nächsten Booten hatte ich 1 MB Speicher mehr, weil es keine Dos-Emulation mehr gab.

Einer meiner Bekannten berichtete dann bei einem Treffen davon, dass er jetzt auch Zugang zum Usenet hat, und rein zufällig war sein Lieferant auch für mich über Ortsnetz erreichbar, also halbwegs preisgünstig. Flugs den C-Compiler  geschwungen und mir selbst ein Gateway zwischen UUCP und Fidonetz gebastelt, für Mail (mit batch-smtp) und News.  Auch im Usenet war ich dann unter texbox erreichbar, zuerst unter der Domain cpr.sub.org, und als die dann eingestellt wurde, war ich noch eine Zeitlang Mitglied bei lahn.de. Der Verein hatte durch gewisse Kontakte die Möglichkeit erhalten, einen eigenen Rechner im Rechenzentrum der Uni Gießen aufzustellen, und bot damit über Modems die Möglichkeit, ebenfalls Mail und News zu beziehen. Mit der zunehmenden Verbreitung von Zugangsmöglichkeiten über die normalen Telefonanbieter wie Telekom ist das alles dann irgendwie entschlafen, und heute habe ich über TGnet eine 50-MBit/s-Anbindung. Wahnsinn ;)

Das Windows in OS/2 habe ich übrigens nie verwendet (in OS/2 2.0 war Windows 3.0 enthalten und in Warp 3 aus dem Jahr 1994 war es dann Windows 3.1). IBM konnte das mitliefern, weil Microsoft und IBM noch gute Partner waren, bevor sie sich beim Streit über Windows NT gegen OS/2 2.x entzweiten. OS/2 3.0 "Warp" gab es dann in zwei Varianten, eine "rote" Edition ohne Windows für deutlich weniger Geld, und ein "blaues" Warp 3, bei dem schon Windows 3.1 enthalten war. Und selbst beim "roten" OS/2 konnte man nachträglich mit den eigenen Windows-Disketten die Emulation installieren. Windows 95 als 32-Bit-Aufsatz auf einen Dos-Unterbau ließ sich unter OS/2 nicht zum Laufen bringen, das wäre mit dem Protected Mode kollidiert. Es gab aber die abgespeckte win32s-Variante, aber das weiß ich nur aus Zeitungsartikeln, ich lebte da schon länger "ProtectOnly". Das Spiel "FreeCell" gibt es heute noch in Windows. Damals war es ein erster Lackmus-Test, ob win32s korrekt installiert wurde und funktioniert; dieses Spiel war das erste, das die neue 32-Bit-API von Windows benutzte, und win32s war eine Erweiterung für die älteren Windows-Versionen, um wenigstens einen Teil der 32-Bit-API in die alte Welt zu bringen.

Zuerst hieß der Artikel noch "Jugendsünden" - ich wollte nämlich darüber schreiben, wie ich in einem meiner Fido-Programme einen ganz dämlichen Fehler eingebaut hatte und ihn monatelang nicht finden konnte. Eines der Blogs, das ich ganz gern lese, hat gelegentlich auch Artikel über Fehler beim Programmieren. Aber irgendwie hat sich der Artikel dann ganz anders entwickelt, als ich dachte. Trotzdem will ich diese Anekdote noch aufschreiben, nach diesen ganzen Abschweifungen und historischen Andeutungen.

Eines der Programme, an dem ich ziemlich lang und ziemlich intensiv gearbeitet hatte (es hatte am Ende knapp 150.000 Zeilen Code), war eines, mit dem man Dateien in einem Mailboxnetzwerk an Abonnenten verteilen konnte. Dieses Programm konnte auch Mails erzeugen, um die Interessenten zu benachrichtigen. Das Aussehen der Mails war mit Textschablonen ziemlich frei konfigurierbar. Und im Programmcode für das Erzeugen der Mails war ein ziemlich dummer Fehler drin.

Üblicherweise deklariert man in C-Funktionen die Variablen, die man benötigt. Als Anfänger habe ich zuerst alle meine Strings als statische char-Arrays definiert. Irgendwann in meiner Lernphase dachte ich dann, ich müsste den Speicher effizienter ausnutzen und statt char origin[66] besser char *origin=malloc(length(irgendwas)) schreiben. Heute lacht man natürlich darüber, ob es sich lohnt, den Code zum zweiten Mal anzufassen, um 60 Byte für einen String einzusparen. Naja.

Dummerweise hatte ich an einer ganz anderen Stelle im Code (das ist der erste blöde Fehler) ein Sicherheitsnetz einbauen wollen, damit die von mir erzeugten Mails einen bestimmten Fido-Standard nicht verletzen, und deshalb beim Abspeichern der Mail origin[65]='\0' verwendet, um eine maximale Länge nicht zu überschreiten. Das waren dann gleich zwei blöde Fehler: (1) ein hartkodierter Wert 65, der (2) weit entfernt von der Deklaration der Variablen origin verwendet wird.

Das ist so eine Programmiertechnik, die meistens funktioniert. Außer, wenn der Parameter, der beim weit entfernten malloc einfließt, kleiner als 65 wird. Der String ist dann natürlich kürzer als 65 Byte, und in diesem Fall schieße ich mir irgendwo in den Speicher in eine ganz andere Variable ein Nullbyte hinein, das da nicht hingehört.

Ich habe ungelogen Monate gebraucht, bis mir der Zusammenhang klar war und ich eines meiner ersten Kopf->Tisch-Erlebnisse hatte. Natürlich ist das nie bei mir passiert, weil ich ausgerechnet so eine Situation bei mir nie hatte, aber ich habe die von mir programmierte OS/2-Software auch an andere OS/2-Mailboxbetreiber weiter gegeben, und von denen kamen dann ab und zu Meldungen über unerklärliche Abstürze oder abgeschnittene Texte in Mails. Das wurde mir dann klar: ein Nullbyte an der falschen Stelle kann viel Schaden anrichten.

Gefunden habe ich den Fehler dann, indem ich nahezu einen gesamten Programmdurchlauf im Debugger im Single-Step-Modus ausgeführt habe, während ich ein paar der "verdächtigen" Variablen mit einem dauerhaften Watch-Ausdruck beobachtete. Ich wusste gar nicht mehr, dass ich an einer weit entfernten Stelle im Code dieses "Sicherheitsnetz" eingebaut hatte, das war schon Monate her. Aber in dem Moment, als der Debugger mir die Zeile Code anzeigte und wie oben schon erwähnt eine ganz andere Variable plötzlich auf die Hälfte gekürzt wurde, war ich total begeistert. Und einen Moment später kam dann auch das schon erwähnte Kopf->Tisch-Erlebnis ;-)

14.12.2016

Flash-Update auf Version 24

Mir fehlen langsam die Worte, wie die Versionsnummern inflationär in Höhen klettern. Google hat es mit Chrome vorgemacht, aus irgendwelchen Gründen macht es Mozilla mit Firefox und Thunderbird nach, und jetzt beschleunigt Adobe die Nummerierung des Flashplayers genauso.

Und weil mir die neuen Worte fehlen, nehme ich immer den alten Blogartikel, nur die Versionsnummern und die Links ändern sich ;)

Einen Hinweis muss ich aber nun doch noch einbauen: ab Ende Januar 2016 gibt  es keine freien Downloads der Installationsdateien mehr. Genaue Modalitäten sind noch nicht bekannt, Adobe hat nur bekannt gegeben, dass die Downloadlinks über die "distribution3.html"-Seite nicht mehr zur Verfügung stehen werden und man eine Adobe-ID und eine Business-Lizenz benötige.

Wir sind jetzt schon bei Flash-Version 24 (mittlerweile zählt wohl auch ein Major release nicht mehr zu den besonders erwähnenswerten Ereignissen bei Adobe?). Wer sich selbst auf dem Laufenden halten will, kann das Blog des Security-Teams bei Adobe lesen oder als RSS abonnieren.

Wie üblich in ihrem freundlichen Service-Blog die passende Automation zum Herunterladen und Installieren. Falls ein Proxy verwendet wird, das "rem" bzw. "#" entfernen und eigene Proxy-Adresse eintragen.

Das Tool wget wird bei Windows noch benötigt wie hier beschrieben. Bei Linux sollte es schon vorhanden sein, da es von vielen anderen Programmen intern verwendet wird.

Für Windows wie üblich beide Varianten, ActiveX und Netscape Plugin (Achtung übrigens, Firefox wird demnächst das NPAPI komplett abschaffen - mal sehen, was Adobe und Flash dann machen).

Die Download-URL hat sich übrigens im Vergleich zu Version 23 leicht geändert, sowohl bei Windows als auch bei Linux.

    @echo off

    rem set http_proxy=http://192.168.100.100:3128/
    set VNP=24.0.0.221

    set VAX=24.0.0.221

    set V=24
    set H=fpdownload.adobe.com
    set P=/get/flashplayer/pdc
    set AX=install_flash_player_ax.exe
    set NP=install_flash_player.exe

    wget https://%H%%P%/%VAX%/%AX% -O flash-%VAX%_ax.exe
    .\flash-%VAX%_ax -install
    wget https://%H%%P%/%VNP%/%NP% -O flash-%VNP%_np.exe
    .\flash-%VNP%_np -install


Für Linux 64 bit rpm (als root ausführen oder "sudo rpm" schreiben) gibt es jetzt auch wieder offiziell dieselbe Version 24 wie für Windows. Eine Zeitlang war Flash für Linux bei Version 11.2 "eingefroren", Adobe hat es sich nun anders überlegt und liefert wieder, obwohl die Zeichen generell auf Untergang stehen - in Google Chrome ist Flash gar nicht mehr enthalten, und die anderen Browser-Hersteller wechseln auf Multimedia in HTML5 statt Flash. Es gäbe auch die Version "PPAPI" zum Herunterladen, das ist die Pluginvariante "Pepper" für das Google-API, ich gebe hier "NPAPI" für das Firefox-API im Skript an.
#!/bin/sh

# http_proxy=http://192.168.100.100:3128/

VL=24.0.0.221
H=fpdownload.adobe.com

PL=/get/flashplayer/pdc/${VL}

DL() { wget -N "$1/$2" -O "$3"; }

echo Linux 64 bit rpm ...
DL https://${H}${PL} \
   flash-player-npapi-${VL}-release.x86_64.rpm \
   flash-${VL}.x86_64.rpm
rpm -F --force flash-${VL}.x86_64.rpm
Der Filename für die 32bit-Variante ist "flash-player-npapi-${VL}-release.i386.rpm".

[20161213: Security-Bulletin von Adobe]
[20170110: Security-Bulletin von Adobe]
[20170214: Security-Bulletin von Adobe]

06.12.2016

Vectoring in der Wetterau - Leserbrief

Die Telekom schießt quer. Zuerst sagten sie, dass in der Wetterau kein Interesse am Ausbau besteht. Das war die Voraussetzung dafür, dass die Bigo gegründet werden konnte.
Nun will die Telekom doch die Wetterau flächendeckend ausbauen. Zumindest sagen sie das.
Aber den Vogelsberg nicht.
Und damit hat die Bigo ein Problem - weil sie nämlich Wetterau und Vogelsberg bedienen wollte, aber derzeit unklar ist, ob sie in der Wetterau noch tätig werden kann oder nicht.
Auf jeden Fall kann die Telekom damit Zeit schinden und die Bigo ärgern.
Diese Situation ärgert mich massiv - ich will nämlich möglichst schnell Glasfaser in der Wetterau haben und nicht die Kupferkrücke Vectoring.
[Veröffentlicht am 06.12.16]
Die Telekom fällt der Bigo in den Rücken - anders kann ich die 180-Grad-Wende nicht interpretieren. 2014 hat die Telekom noch arrogant darauf verzichtet, in der Wetterau flächendeckend zu investieren und hat stattdessen nur die Rosinen aus dem Kuchen picken wollen, so z.B. in Bad Nauheimer Baugebieten.

Nun will die Bigo ihre Pläne für Wetterau und Vogelsberg in die Tat umsetzen, und schwupps! kommt die Telekom mit vollmundigen Ankündigungen um die Ecke. Wieviel von diesen Ankündigungen dann auch wirklich umgesetzt wird, weiß noch niemand. Aber meiner Meinung nach dient dieser Schachzug sowieso erst mal nur dazu, die Bigo auszubremsen. Die Leidtragenden sind die Vogelsberger, denen die Telekom damit den Stinkefinger zeigt.

"Vollmundig" in diesem Zusammenhang heißt, dass die Telekom weiterhin auf Kupferkabel setzt und nur an ganz wenigen Stellen tatsächlich Glasfaser verbaut. Geschwindigkeitssteigerungen bei Kupferkabel sind nach derzeitigem technischen Stand nur möglich, wenn man hochkomplizierte Bündelungsverfahren nutzt, um die auftretenden Signalstörungen zu eliminieren.

Das DSL-Vectoring ist ein unsäglicher Versuch, um das altgediente und längst abgeschriebene Kupferkabel noch möglichst lang in Dienst zu halten.

Zur Erinnerung: DSL ist technisch eine Krankheit, die Ende der 90er Jahre aus dem Flächenland Amerika kam. Dort wurde es entwickelt, um über die alten, ungeschirmten Telefonleitungen Breitband-Internet zu transportieren.
Die Telekom hatte nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern mit dem Glasfaserausbau begonnen, das aber wieder abgebrochen, weil plötzlich die Wiederverwendung von Kupferkabeln billiger und bequemer erschien.

DSL-Vectoring bedeutet, dass mehrere einzelne Kupferleitungen gebündelt werden, um die Geschwindigkeit zu erhöhen. Nebenbei hat das den angenehmen Nebeneffekt für den Besitzer des Kabels, dass er Mitbewerbern nicht mehr einzelne dieser Kabel vermieten muss - er benötigt sie exklusiv für seine Bündelung. Seltsamerweise hat die Regulierungsbehörde diesen Rückfall in monopolartige Strukturen vor einiger Zeit genehmigt, und die Konkurrenz schaut in die Röhre, weil die nun nämlich keinen direkten Zugang mehr zum Endkunden hat. Regulatorisch ist dieses Vorgehen äußerst befremdlich, denn die Telekom gehört zu knapp einem Drittel immer noch dem Bund.

Die Telekom gibt an, dass dadurch mehrere hunderttausend Anschlüsse von Konkurrenten an sie zurückfallen (müssen).
Derzeit werden die realen Leitungen (die sog. Teilnehmeranschlussleitungen - TAL) je nach Geschwindigkeit für 10 bis 15 Euro/Monat an die Anbieter vermietet. Nach der Einführung von Vectoring werden die Vermietungspreise für "virtuelle" Anschlüsse bei mindestens 20 Euro/Monat liegen (die Telekom hat entsprechende Anträge bei der EU und der Bundesnetzagentur mit diesen Zahlen gestellt).

DSL und Kupferkabel sind tote Pferde, die man eigentlich nicht mehr reiten sollte. Es ist mittelfristig sinnvoller, auf Glasfaser zu den Ortsverteilern zu setzen (FttC) und langfristig sogar auf Glasfaser in jedes Haus (FttH).

Die Förderpraxis von Bund und Ländern führt leider dazu, dass nicht die technisch und langfristig sinnvollste Lösung umgesetzt wird, sondern ca. 85 % der Gelder nur in die sog. "Wirtschaftlichkeitslücken" fließen und vorrangig Vectoring ausgebaut wird. Die Subvention dient also dazu, eine kleine Lücke zu finanzieren, die bislang die Firmen von der Investition an einer bestimmten Stelle abgehalten haben. Dafür sind staatliche Subventionen für Breitband aber gerade nicht gedacht!

Ich hoffe ernsthaft, dass die Bigo für den Wetteraukreis und den Vogelsbergkreis hier für alle beteiligten Gemeinden eine technisch sinnvolle Lösung auf die Beine stellen kann, auch wenn die Telekom jetzt Störfeuer schießt.

Glasfaser ist eine sinnvolle und dauerhafte Investition in die Zukunft!

22.11.2016

Dr. Strange - Kino

Die Magie kehrt ein in das Marvel Cinematic Universe!

In der Kinofilmreihe beehrt uns Dr. Strange, und in der TV-Serie "Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D." fährt der Ghostrider auf einem flammenumkränzten Motorrad umher wie weiland Nicolas Cage in den 2 Filmen "Ghostrider" und "Ghost Rider: Spirit of Vengeance", damals allerdings noch ohne Verbindung zum Seriencharakter der jetzigen Marvelfilme.

Der Film erzählt den Werdegang der Figur Dr. Strange, der sich vom arroganten Neurochirurgen zum kämpferischen Magier wandelt. Diese Charakterbildung war mäßig umgesetzt, es gab keine sichtbare Entwicklung, und auch kein einschneidendes Erlebnis, anhand dessen ich festmachen konnte, dass er seine Egomanie ablegt und von der Ältesten für würdig erachtet wird, ausgebildet zu werden.

Ansonsten ist der Film großes Krachbumm-Kino mit ein bißchen Zeitreise-Effekten. Die vielen verschiedenen Dimensionen, die er - sehr kurz - durchwandert, erinnern massiv an die subatomaren Erlebnisse von Ant-Man und waren sehr psychedelisch angehaucht. Insgesamt war die Handlung sehr vorhersehbar - es war schon früh klar, wer den Löffel abgibt. Natürlich musste irgendwie auch ein Unfall passieren, damit der Chirurg seine Hände nicht mehr gebrauchen kann, aber ein Autounfall, bedingt durch Handynutzung auf einer kurvigen Straße an einem Berghang? So doof kann Dr. Strange doch nicht wirklich sein. Hmpf.

Die Kampfszenen während der Flucht der Bösewichte nach dem Diebstahl der Buchseiten waren genauso wie bei "Inception" inszeniert, aber mit wesentlich mehr Aufwand und Details. Durch die Verschiebung der Orientierung sind sogar mehrere Gefolgsleute in interessante Richtungen abgestürzt, bis der Oberbösewicht mit den restlichen Verschwörern durch ein Portal fliehen konnte. Der Aufpreis für 3D lohnt sich bei diesem Film sehr, nicht nur wegen dieser Szenen.

Jetzt ist also das Zeitalter der bombastischen Figuren angebrochen - Dormammu als Bösewicht bei Dr. Strange, nächstes Jahr wird Kurt Russel "Ego" spielen, und Thanos mit seinem Handschuh ist auch nicht ganz ohne. Ob Dormammu noch eine Rolle spielt, ist unklar. Zumindest gab es einen Handel, dass er die Erde in Ruhe lässt. Inwieweit sich ein solches Wesen an dieselbe Ethik hält wie sein menschliches Gegenüber, bleibt abzuwarten.

Insgesamt ein Film, den man gesehen haben muss - die Effekte und die durchaus vorhandene Handlung sind es wert, und natürlich die Einbettung in das MCU. Andere Kritiker waren nicht so besonders überzeugt, und die Argumente haben auch 'was für sich. Trotzdem finde ich, es lohnt sich.

Am Ende des Films offenbart der Bibliothekar Wong, dass es sich beim Auge von Agamotto um einen der Infinity-Steine handelt, nämlich den, der die Zeit kontrollieren kann.
Damit sind nun 5 der 6 Steine gefunden:
Space - blau - Tesserakt - Captain America 1
Mind - gelb - Lokis Szepter - Avengers 2
Reality - rot - Aether - Thor 2
Power - purpur - Orb - Guardians of the Galaxy 1
Time - grün - Auge von Agamotto - Dr. Strange 1
Soul - orange - ??? - ???

Nächstes Jahr also noch "Thor 3" und "Guardians of the Galaxy 2", und spätestens dann sollten alle 6 Steine im Umlauf sein. Mir macht ein bißchen Sorge, was dann mit Vision passiert - ich mag diesen Charakter.

Fantastic Beasts - Kino

Ein kurzer Rückblick auf die neue Kinofilmreihe aus dem Harry-Potter-Universum.
Zuerst sollten es nur 3 Filme werden, nun sogar 5.

Die Grundidee: Newt Scamander, gespielt von Eddie Redmayne (u.a. Stephen Hawking) schreibt gerade (1926) sein berühmtes Buch "Fantastic Beasts and where to find them", das Harry Potter in Hogwarts als Lehrbuch benutzt, und die Kinogänger dürfen Mr. Scamander bei seinen Begegnungen mit den Tieren und dem Rest der magischen und nichtmagischen Welt über die Schulter blicken.

Wir haben den Film in Gießen im Kinopolis in 3D in der englischen Originalfassung gesehen, und es war ein Riesenspaß. Entgegen meinen vorurteilsbehafteten Erwartungen waren die "amerikanischen" Sprecher sehr gut verständlich, und der "britische" Scamander hat häufig genuschelt, was ich recht schade fand. Ich bin zwar von vielen internationalen Telefonkonferenzen schlechte Aussprache gewöhnt, aber Frau und Kind 2 hatten ganz schön zu kämpfen.

Übrigens eine tolle Sache, dass man mittlerweile in großen Kinos auch Filme in Originalsprache sehen kann. Wer halbwegs fit in Englisch ist, sollte diese Gelegenheit unbedingt nutzen. Kind 2 ist in der 7. Klasse und konnte dem Film problemlos folgen (bis auf manche aussprachebedingten Dialoge, siehe oben). Das Kino war für einen Sonntagabend sehr gut besucht - natürlich war es ein eher kleiner Kinosaal, aber trotzdem. Die 3D-Effekte waren sehr schön. Dies ist einer der Filme, bei denen sich der Aufpreis für 3D wirklich lohnt.

Am Anfang war ich schon davon überzeugt, eine banale Komödie um die Verwechslung eines Koffers zu bekommen, aber innerhalb von wenigen Minuten war ich begeistert mitten im Geschehen dabei. Der Film ist eine tolle Mischung aus eben erwähnter Verwechslungskomödie, Fantasy im Harry-Potter-Stil und 20er Jahre Suspense-Krimi ("who dunnit"). Wie bei den Harry-Potter-Filmen gibt es kurze Einblendungen der magischen, animierten Zeitungen, nicht nur vom "Daily Prophet", sondern auch von französischen und deutschen Zeitungen, in denen davon berichtet wird, dass Gellert Grindelwald (Johnny Depp) sein Unwesen treibt (Details dazu in HP Band 6 und 7). Ganz kurz findet sich auch das Zeichen der Heiligtümer des Todes ...

Die Tiere, um die sich Scamander in ihren Habitaten in seinem magischen Koffer rührend kümmert, sind wunderbar animiert und in Szene gesetzt. Die Bowtruckles, die ebenfalls in HP erwähnt werden, bekommen mehrere, auch wesentliche Szenen, und der löwige Adler lässt am Ende ganz New York die schlimmen Ereignisse vergessen, so dass die "No Maj"s weiterhin nichts von der magischen Welt wissen. Hier gibt es Andeutungen, dass sich die Bewohner der magischen Welt auseinander leben: die Amerikaner nennen die normalen Menschen "No-Maj"s, die Briten hingegen "Muggel".
Besonders gut gefallen haben mir die Szenen um die diebischen "Elstern", die alles klauen, was glitzert.Kowalski bekommt am Ende des Films seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt, und vielleicht verliebt er sich sogar ... (Spoiler!).

Der Film ist definitiv nicht für jüngere Kinder geeignet, er ist wesentlich düsterer als die HP-Verfilmungen, und die Toten, von denen es mehrere gibt, lassen die amerikanische "ab 13"-Einstufung mehr als plausibel erscheinen.

02.11.2016

Gesundheitsfürsorge und der Freihandel - Leserbrief

Ist schon etwas länger her, dass die WZ einen Artikel über Zuckerkonsum, Subventionen und die mexikanische Steuer auf Produkte mit hohem Zuckeranteil veröffentlicht hat. Da im Moment aber die WZ so viele Lobhudeleien auf den Abschluss von Freihandelsabkommen singt, dachte ich mir, ich schau mir die Geschichte mit der Zuckersteuer in Mexiko nochmal genauer an, und ich wurde im negativen Sinn nicht enttäuscht - so absurd sich diese Formulierung anhört. Die Zuckersteuer nahm nämlich ein US-amerikanischer Produzent bestimmter Zuckersorten zum Anlass, eine Klage vor einem NAFTA-Schiedsgericht anzustrengen, und die Firma hat tatsächlich gewonnen.
Ja, richtig gelesen: Mexiko muss eine Strafe dafür zahlen, dass sie den Zuckerkonsum regulieren wollen - obwohl Mexiko eine sehr hohe Rate an Diabeteserkrankungen hat.

Die WZ überschlägt sich ja geradezu in ihren Lobeshymnen auf TTIP und CETA. Das verwundert mich ein wenig, und ich zweifle etwas an der journalistischen Objektivität, wenn so einseitig für eine Sache getrommelt wird. Die unzweifelhaft vorhandenen Nachteile werden kaum thematisiert, dafür darf ein Wissenschaftler der Uni Gießen sich eine volle Seite lang über "100 Einheiten" Brot und Wein auslassen. Ich kam mir stellenweise fast vor, als läse ich in der Bibel über die wundersame Vermehrung von Lebensmitteln, und in einem früheren Leserbrief wurde die wissenschaftliche Basis für diesen Artikel ja schon gründlich zerlegt.

Ich möchte mal einen weiteren Aspekt beleuchten: die Verträge wie CETA, TTIP, und auch TISA für die Liberalisierung von Dienstleistungen, enthalten Klauseln, die einen Ausstieg aus der Privatisierung bzw. Liberalisierung verbieten. Das stellt Staaten vor Probleme, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die für die Daseins- und Gesundheitsfürsorge Regulierungen erfordern.

Kürzlich hat die WZ darüber berichtet, dass Mexiko zur Verringerung des Zuckerkonsums bestimmte Produkte mit (Straf-)Steuern belegt hat.

Es wäre vielleicht der Vollständigkeit halber erwähnenswert, dass Mexiko wegen dieser Zuckersteuer von den USA auf 325 Mio $ Strafe vor einem NAFTA-Schiedsgericht verklagt wurde und zahlen muss.
Ich gehe stark davon aus, dass als Folge auch diese Steuer wieder zurückgenommen werden muss. Es kann ja nicht sein, dass eine Steuer in Mexiko als Handelshemmnis von einem amerikanischen Konzern hingenommen werden muss.

Seit NAFTA als Freihandelsabkommen zwischen Kanada, USA und Mexiko in Kraft getreten ist, haben übrigens ausschließlich amerikanische Kläger vor Schiedsgerichten gewonnen. Am Abschluss von NAFTA 1994 war auch Hillary Clinton maßgeblich beteiligt. Seit Inkrafttreten sind in Mexiko Millionen Maisbauern arbeitslos geworden; hochsubventionierte amerikanische Produkte wurden 20% unter Herstellungskosten in Mexiko in den Markt gepresst (Wikipedia).

Außerdem macht auch gerade eine Meldung die Runde, dass der amerikanische Verband der Zuckerindustrie Studien beeinflusst hat, die den Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Gesundheitsproblemen herunterspielen sollten (Süddeutsche Zeitung)

Bemerkenswert an diesen Zusammenhängen finde ich, dass der Profit über der Gesundheit steht und sich Konzerne nicht zu schade sind, vor (Pseudo-)Gerichte zu ziehen, um unliebsame staatliche Regelungen wegzuklagen, die zum Schutz der Bevölkerung geplant waren. Mexiko ist eines der Länder mit dem weltweit höchsten Stand an Diabeteskranken (International Diabetes Federation), insbesondere auch bei Kindern (von 78 Mio. Einwohnern sind 11,5 Mio. diagnostiziert krank, vermutete Dunkelziffer 3,5 Mio. Einwohner).

21.10.2016

CETA in einem WZ-Kommentar - Leserbrief

Wieder jubelt ein Kommentator in der Wetterauer Zeitung, dass das kürzliche Urteil des Bundesverfassungsgerichts den Weg für die Zustimmung zu CETA geebnet habe.
Mitnichten, finde ich - die Auflagen sind enorm hoch und viele Dinge dürfen derzeit nicht abgestimmt werden, und schrieb einen Leserbrief.
[Veröffentlicht am 21.10.2016]

Leserbrief zum Kommentar über CETA von Hr. Gillies

Ach Herr Gillies, schon wieder ein Jubelkommentar über eines der zahlreichen lobbygesteuerten Freihandelsabkommen, aber wenigstens haben Sie diesmal nicht die große Keule mit dem "Anti-Amerikanismus" ausgepackt.

Sie freuen sich darüber, dass freier Handel eine gute Sache ist. Aber das ist ja nur ein kleiner Teil dessen, was verhandelt wird.

CETA enthält im Prinzip denselben Vertragsumfang wie TTIP. CETA wird zwischen der EU und Kanada abgeschlossen, TTIP zwischen der EU und USA. Viele Gegner befürchten, dass CETA deshalb ein "TTIP durch die Hintertür" ist und eine amerikanische Firma mit Hilfe ihrer kanadischen Tochterfirma bequem klagen kann, selbst wenn TTIP (noch) nicht in Kraft getreten ist.

Außerdem ist CETA viel mehr als ein Freihandelsabkommen: es enthält Vereinbarungen über Schiedsgerichte, Investitionsschutz, Portfolioinvestitionen, zum internationalen Seeverkehr und zur gegenseitigen Anerkennung von Berufsqualifikationen und zum Arbeitsschutz (Quelle: Spiegel Online).

Den größten Teil davon hat das Bundesverfassungsgericht nicht zur Abstimmung zugelassen. Das bedeutet, dass die EU über die Teile von CETA, über die Deutschland eine souveräne Entscheidung treffen kann und muss, nicht "vorläufig" beschließen kann und insbesondere Deutschland dann nicht daran gebunden wäre.

Auch die Auflage, dass Deutschland bis zur endgültigen Zustimmung jederzeit ein Kündigungs- und damit faktisch Vetorecht hat, ist in meinen Augen ein deutlicher Gewinn der Kläger gegen CETA.

Bemerkenswert finde ich außerdem, dass die Zustimmung für dubiose Handelsabkommen in der gesamten EU am Wanken ist: das wallonische Parlament lehnt CETA ab, und in Spanien gab es kürzlich ein EU-weites Treffen bedeutender Kommunalpolitiker, um die Auswirkungen von TTIP, CETA und TISA auf die regionale Politik zu beleuchten.

So eindeutig kann man also gar nicht sagen, dass eine Seite vor dem höchsten deutschen Gericht "verloren" hat. Die Zustimmung zu CETA ist mit ziemlich schwerwiegenden Auflagen und Hürden versehen, und das ist gut so. Auf diese Weise wird nicht überhastet entschieden, sondern die einzelnen Klauseln werden hoffentlich noch intensiv überprüft.