19.12.2019

TikTok - fast schon Werbung - Leserbrief

Die WZ hat eine Kinderseite, die immer mal ganz schöne Beiträge in "leichter" Sprache bringt, um den jüngeren Lesern einen Zugang zu politischen und technischen Themen zu bieten. Die Artikel sind meistens gut geschrieben; letzte Woche allerdings war ein Artikel über die TikTok-App, der sehr verharmlost hat. Zitiert wurde eine Expertin von klicksafe.de, die auf ihrer Website wiederum einige eher warnende Artikel über TikTok und den chinesischen Besitzer gebracht haben. Das einzige Zitat der Expertin war ein Hinweis, dass man die Sichtbarkeit von Beiträgen auf TikTok einschränken könne. Es gibt aber einiges mehr, was man an TikTok kritisieren kann - was klicksafe.de in den o.g. Artikeln auch tut - und nichts davon wurde im Artikel erwähnt. Außerdem hat Mike Kuketz, der für die c't schon einige Artikel über Datenschutz und Privatsphäre geschrieben hat, einige sehr verstörende Details über die Neugierde der App herausgefunden, und auch darüber findet sich nichts im WZ-Artikel.
[veröffentlicht am 18.12.2019]

Leserbrief zur "Meine Seite" 06.12.19
In der WZ vom Freitag verblüfft mich, wie enthusiastisch auf der Kinderseite über "TikTok" berichtet wird, eine Mitmach- und Mitsing-App für Smartphones, die besonders bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt ist. Die App bietet eine Art Karaoke mit Videoaufnahmen, die im Internet übertragen werden. Insbesondere ist der Artikel im Tenor deutlich im Widerspruch zu anderen Artikeln der WZ über TikTok, die durchaus kritisch berichten, welche Mängel die App beim Datenschutz und den Nutzungsbedingungen hat. Die zitierte Expertin Deborah Woldemichael ist bei klicksafe.de engagiert, einer sehr empfehlenswerten Website für Schüler und Eltern, und dort gibt es ebenfalls mehrere kritische Berichte über TikTok.
TikTok ist der Nachfolger von "musical.ly" und wurde von einer chinesischen Firma aufgekauft. Schon "musical.ly" ist vor Jahren oft unangenehm als Tummelplatz für Pädophile aufgefallen, die sich an die jungen Teilnehmer im integrierten Chat der App angewanzt haben. Woldemichael meint dazu ganz lapidar, dass man Kontakte blockieren könnte, die man unangenehm findet und dass das Einverständnis anderer Personen vorliegen muss, die in einem Video auftauchen, bevor es im Internet veröffentlicht wird. Leider wird nicht mehr von Woldemichael zitiert, was wesentlich bedenkenswerter ist als die schlichte Blockademöglichkeit.
Was in diesem Artikel vollkommen untergeht und nicht einmal angerissen wird: Kinder und Jugendliche dürfen sich unter einem Alter von 16 Jahren gar nicht selbständig bei einem sozialen Netzwerk anmelden. Die DSGVO verlangt, dass die Eltern ihre Zustimmung erteilen. Auch klicksafe.de weist darauf hin, dass die DSGVO Altersgrenzen vorsieht.
Außerdem können Jugendliche gar nicht rechtsverbindlich ihr Einverständnis erklären, in einem Video eines anderen Jugendlichen aufzutauchen - das letzte Wort haben auch hier natürlich die Eltern.
Überhaupt nicht erwähnt wird weiterhin, wie neugierig die TikTok-App ist und an welche Trackingdienste bei der Anmeldung und Nutzung der App persönliche Daten weitergegeben werden. Der Experte Mike Kuketz, der in der Fachzeitschrift c't schon viele Artikel über Datenschutz veröffentlicht hat, hat bei einer Prüfung von TikTok Erschreckendes festgestellt.
Als App einer chinesischen Firma hat TikTok nebenbei gänzlich andere Vorstellungen von Meinungsfreiheit als wir sie in Europa gewohnt sind: die Videos werden von Moderatoren nach dubiosen Kriterien eingeschränkt, wenn darin unliebsame Inhalte wie z.B. Politik, Konkurrenzfirmen, hässliche Menschen (wer entscheidet das?), LGBT (schwul/lesbisch/...) uvm. auftauchen. Eine detaillierte Liste von Zensurkriterien hat das "Social Media Watch Blog" gesammelt.
Mit all diesen Aspekten finde ich es außerordentlich fragwürdig, wie positiv TikTok beschrieben wird und wie lapidar die Mankos weggelächelt bzw. bekannte problematische Fakten gar nicht erwähnt werden.

13.12.2019

Impfgegner mal wieder - Leserbrief

Erneut schreibt Herr J. einen Leserbrief, in dem er gegen das Impfen wettert. Diesmal geht er sogar noch einen Schritt weiter als in seinem letzten Leserbrief, in der er sich als Impfgeschädigter bezeichnet. Im aktuellen Leserbrief vom 06.12. bezeichnet er es als Lüge, dass die Masernimpfung gegen die Masern hilft. Das kann ich so nicht stehenlassen, ich halte Impfen für enorm wichtig, gerade bei einer hochansteckenden, tödlichen Krankheit.
[abgedruckt 13.12.2019]

Leserbrief zum Leserbrief über Impfen und Impfpflicht
Herr J. schreibt erneut vehement gegen das Impfen und die Impfpflicht an und nennt die Wirksamkeit der Masernimpfung eine "Lüge". Wie entsetzlich verbohrt muss man sein, um gegen jede medizinische Evidenz zu behaupten, dass das Impfen nichts nutzt? Wie tief kann man sinken, um die vermeidbaren Dauerschäden und die möglichen Maserntoten gegen eine andere Zahl von Todesopfern durch andere Ursachen aufzurechnen? 
Hr. J. mag persönliches Leid erfahren haben, wie er in einem früheren Leserbrief schrieb. Trotzdem ist das ein bedauerlicher Einzelfall und darf nicht verallgemeinert werden.
Beim Impfen kann es eigentlich gar keine Diskussion mehr geben. Das Thema ist medizinisch hervorragend erforscht. 
Statistisch gesehen gibt es überhaupt keinen einzigen Grund, gegen das Impfen zu sein: Auf 45 Millionen Impfdosen kommen in Deutschland lediglich 34 anerkannte Impfschäden (Nationaler Impfplan, 2012). 
Durch Schutzimpfungen sind viele Krankheiten nahezu ausgerottet. 
Es kann nicht sein, dass ein dogmatischer Impfgegner sich oder seine Kinder nicht impfen lässt und sie damit zu Trägern der Erreger macht. Dabei verletzt er nämlich offensichtlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit aller Personen in seinem Umfeld. Wenn es hier Neugeborene oder Menschen mit Immunschwäche gibt, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, provoziert er damit vorsätzlich deren Ansteckung und Gefährdung. 
Es heißt nicht "Kinderkrankheit", weil es so ungefährlich ist, sondern weil hauptsächlich ungeschützte Kinder daran erkranken und womöglich sterben. 
Die Impfschäden, die in Deutschland in den letzten Jahren gemeldet wurden, waren hauptsächlich Bagatellen wie Fieber oder Hautausschlag, die nach wenigen Tagen abklingen. Statistisch ist ohne Impfung in derselben Zeit allein mit 800 Maserntoten zu rechnen, die sonstigen Folge- und Dauerschäden wie Hirnhautentzündung noch gar nicht eingerechnet. Natürlich ist jeder Impfschaden eine schlimme Sache für die Betroffenen, aber die Chance auf ein sorgenfreies, langes Leben ist mit Impfung wesentlich höher. Die Sterblichkeit bei Masern liegt bei ca 3 Promille (3 von Tausend), das Risiko von Impfschäden dagegen um den Faktor Tausend geringer. 
Seit der Impfpflicht und Durchimpfung beginnend in den 60ern ist Amerika masernfrei. Pocken sind weltweit ausgerottet. Bei Polio gibt es nur einige fundamentalmuslimische Länder in Afrika, die generell alle Impfungen verteufeln. Durch Einschleppen gab es leider seit letztem Jahr in Amerika auch wieder Ausbrüche von Masern. 
Eine Langzeitstudie an der Charité in Berlin hat übrigens festgestellt, dass der plötzliche Kindstod (SIDS) statistisch wesentlich seltener bei Säuglingen auftritt, die gegen Keuchhusten, Diphtherie und Polio geimpft sind. 
Es steht jedem frei, das Risiko von Impfungen für sich abzuwägen. Aber niemand darf für sein ganzes Umfeld entscheiden. Deshalb ist die Impfpflicht für den Besuch von öffentlichen Einrichtungen eine sinnvolle Sache, insbesondere bei der zunehmenden Energie, mit der Impfgegner in der Öffentlichkeit auftreten und ihre hanebüchenen Theorien verbreiten.

10.10.2019

Klimawandel zum n+2. Mal - Leserbrief

Ich kann es einfach nicht glauben, wie oft die WZ den Leugnern und Skeptikern des Klimawandels Raum in der Leserbriefspalte gibt. Dort dürfen sie wiederholt behaupten, dass doch alles nicht so schlimm ist und in der Atmosphäre nur 0,038 % CO2 enthalten ist und von diesem wiederum 96 % den natürlichen Kreislauf darstellen. Als ob diese Verharmlosung auch nur ein Quäntchen mit der Realität zu tun hat. Man kann Zahlen künstlich klein darstellen, aber das Ausmaß bleibt dasselbe: in den nächsten zehn Jahren entscheidet sich, ob wir die Unumkehrbarkeit der Erwärmung aufhalten können.
[veröffentlich am 10.10.19]

Und erneut versuchen sich gleich mehrere Leugner des Klimawandels mit detaillierten Zahlen daran, die Leser des Meinungstreffs mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zahlen über den Tisch zu ziehen. Und es scheint einem Verfasser Spaß zu machen, eine 16-Jährige als "Göre" zu bezeichnen. Wenn man mit Fakten nicht punkten kann, greift man halt den Menschen an. Finde nur ich das erbärmlich und verkommen? Thunberg fordert, den Erkenntnissen der Wissenschaft zu folgen, bevor der Schaden unumkehrbar wird. Was ist daran verkehrt?
Dieselben - mittlerweile veralteten - Zahlen wie die 0,038 % CO2 geistern schon länger auch durch soziale Netzwerke, von wo vermutlich die Leserbriefverfasser abgeschrieben haben. Diese falsche Zahl 38 stammt vom Pseudo-Institut "EIKE", das sich zum Sprachrohr der Klimawandelleugner gemacht hat und solche falschen Zusammenhänge veröffentlicht.
Für das Science-Blog der "Spektrum der Wissenschaft" hat Professor Stefan Rahmstorf einmal mehr die Fakten zusammengestellt. Er ist Klimatologe, Professor für Physik der Ozeane und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Einige Fakten aus Rahmstorfs Artikel:
1. Die CO2-Konzentration ist seit Beginn der Industrialisierung von 280 ppm (jahrtausendelang fast konstant) auf inzwischen 420 ppm angestiegen.
2. Dieser Anstieg um 50 Prozent (plus 140 ppm) ist komplett vom Menschen verursacht.
3. Die CO2-Konzentration ist damit jetzt bereits höher als seit mehreren Millionen Jahren.
4. Diese 140 ppm CO2 haben eine Heizwirkung von 2 Watt pro Quadratmeter Erdoberfläche durch den Treibhauseffekt - genug, um bis heute die globale Temperatur um rund 1 °C anzuheben.
Ein beliebter Trick der Leugner ist die absichtliche Vermischung von Umsatz und Gewinn. Die Ökosysteme haben einen hohen Umsatz an Kohlenstoff, fügen aber netto der Atmosphäre kein CO2 hinzu (das wären die 96%, die die Verharmloser gern in die Diskussion werfen). Die Quelle für das zusätzliche CO2 ist, dass wir fossilen Kohlenstoff in Form von Öl, Gas und Kohle ausgraben und verbrennen. Vor dem Menschen war das System fast genau im Gleichgewicht, daher war die CO2-Konzentration in der Luft Jahrtausende lang annähernd konstant.
Das Mehr an CO2 kommt nebenbei auch nicht aus Vulkanen, wie gern behauptet wird. Die gesamten vulkanischen Emissionen liegen bei ca. 200 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, verglichen mit den menschlich verursachten Emissionen von 41 Milliarden Tonnen 2016, das ist ein Faktor 200 Unterschied. Außerdem können wir Vulkane nicht abschalten, von daher ist auch das ein Feigenblattargument.
Nur drei- und mehratomige Gase absorbieren Wärmestrahlung und nur diese verursachen daher den Treibhauseffekt, und unter diesen ist CO2 nach dem Wasserdampf das zweitwichtigste. All dies ist bekannt seit John Tyndalls Messungen der Treibhauswirkung verschiedener Gase im Jahr 1859.
Rekorddürren, Rekordfluten, Rekordhitze, Flüchtlingsströme - all das lässt sich auf den Klimawandel zurückführen.
Warum wird immer wieder behauptet, es gebe keine Hinweise auf die menschgemachte Ursache des CO2-Anstiegs? Die Fakten sind seit Jahrzehnten bekannt. Die Ölfirmen wussten schon seit den Sechziger Jahren über den Zusammenhang zwischen CO2 und Erderwärmung, wie "The Guardian" berichtet. Die Fakten lagen damals schon vor und sie wurden bewusst verzerrt, um die Auswirkungen schön zu reden und den Profit nicht zu gefährden. Warum gibt es heute immer noch Menschen ohne echte Fachkenntnisse, die sich solche Mühe geben, in Leserbriefen und Artikeln Unsinn zu behaupten?

24.09.2019

"Die Expertin" schreibt in der WZ über lästige Updates - Leserbrief

Die WZ hat am Samstag einen Stellenmarkt, und auf der Frontseite gibt es Glossen mit Tipps über alle möglichen Themen. Letzten Samstag erschien dort eine Glosse, in der ein Karriere-Coach sich darüber auslässt, wie lästig und unnötig Softwareupdates seien. Ich sah rot ...
[veröffentlicht am 24.09.19]

Leserbrief zur Glosse "Die Expertin"
In der Samstagsausgabe gibt es in der Rubrik "Stellenmarkt" eine Glosse mit dem Titel "Die Expertin".
Dort verfasste Tjalda Hessling am 07.09. einen Beitrag über lästige Updates auf ihrem Smartphone.
Der gesamte Inhalt dieses Beitrags zeigt nur eins: Frau Hessling mag eine Expertin auf vielen Gebieten sein, aber sie ist sicherlich nicht kompetent, über Sicherheit von Smartphones oder Computern zu schreiben.
Durch den ganzen Artikel zieht sich der Widerwillen gegen Updates, gepaart mit der schrägen Behauptung, dass bei Updates jedes Mal Geburtsdatum, Emailadresse oder andere persönliche Daten abgefragt werden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Updates für das Betriebssystem kommen vom Hersteller des Smartphones, die Updates für Programme aus dem Appstore oder Playstore. Dort wird ganz sicher nicht (mehr) nach persönlichen Daten gefragt - die Nutzung geschieht mit dem angemeldeten Konto des Besitzers ohne weitere Nachfragen. Solche neugierigen Fragen könnten durchaus von einem Trojaner stammen, der durch ein nicht upgedatetes Handy ein bequemes Einfallstor ins Telefon gefunden hat.
Im Gegensatz zu Frau Hessling arbeite ich seit vielen Jahren in der Branche und bin überzeugt davon, dass regelmäßige Updates das wichtigste Bollwerk gegen Schadsoftware sind, und zwar noch weit vor der Nutzung eines Antivirusprogramms.
Die Nichtanwendung von Updates führt dazu, dass das Smartphone zur tickenden Zeitbombe wird, die mit zunehmendem Alter immer anfälliger gegen Viren und Trojaner sind.
Kürzlich tickerte eine Meldung durch die einschlägigen Nachrichtenportale, dass es Sicherheitslücken beim iPhone gibt, die beim schlichten Besuch einer Webseite das Gerät infizieren können.
Es ist wichtig, nicht nur beim Smartphone, sondern auch beim heimischen PC, dass die Programme und das Betriebssystem, sei es Windows, Linux, Android oder Apple iOS, immer so aktuell wie möglich gehalten werden. Es ist deswegen auch ratsam, beim Kauf eines Gerätes in die Entscheidung mit einzubeziehen, ob und wie oft Updates geliefert werden. Apple ist hier erfreulich zuverlässig, langfristig (3 bis 5 Jahre) Updates auch für ältere Geräte zu liefern. Bei Android sieht es leider schlimm aus: hier stechen nur wenige Hersteller positiv heraus, und auch das nur für ausgewählte Geräte. Leider kalkulieren die Handyhersteller gerade im preiswerten Segment ohne Updatekosten. Hier kauft man ein Gerät, das im Laufe seines Lebens nie wieder ein Update erhalten wird. Man sollte lieber ein klein wenig mehr Geld ausgeben für die Gewissheit, dass kein Bankingtrojaner heimlich Daten abgreift oder Überweisungen manipuliert. Halbwegs regelmäßig liefern nach eigenen Erfahrungen Google (für die hauseigenen Pixelmodelle), Samsung, Motorola und Nokia Updates aus. Fragen Sie vor dem Kauf eines bestimmten Modells!
Für Frau Hessling habe ich zum Schluss die Empfehlung, dass sie sich bei ihren Glossen auf die Themen beschränken sollte, für die sie tatsächlich kompetent ist. Mit solchen merkwürdigen Seitensprüngen gefährdet sie alle Smartphone-Besitzer, die ihre Ausführungen für bare Münze nehmen und nun auf Updates verzichten wollen.

16.09.2019

Das war kompliziert ... LineageOS 16.0 auf dem LG G3

Das war ein hartes Stück Arbeit diesmal! Bei ebay Kleinanzeigen habe ich ein LG G3 gesehen, das nicht mehr booten wollte. Der Verkäufer wollte nur ein Taschengeld dafür haben, deswegen konnte ich nicht nein sagen ...

"Nicht richtig starten" klingt nach einem größeren Hardwareproblem, d.h. die Hauptplatine des Geräts wird getauscht werden müssen. Bei solchen winzigen Bauteilen (noch dazu Spezialbauteilen ...) ist es nahezu aussichtslos, mit dem Lötkolben irgend etwas reparieren zu können.

Vor dem Kauf hatte ich bei ebay nachgeschaut, ob es Mainboards zu erschwinglichen Preisen gibt, und konnte ein Ersatzteil für ebenfalls wenig Geld in der "großen" 32 GB-Version bestellen. Es gibt Händler, die defekte Smartphones zerlegen und Einzelteile verkaufen. Auch Displays, Kameras, sogar einzelne Folienkabel kann man kaufen, wenn man ein entsprechendes Bedürfnis hat ;-)

Als das Telefon ankam, probierte ich zuerst, es einzuschalten. Das ging von etwa 20 Versuchen etwa einmal, und auch da nur bis zum "LG Life's good" Startbildschirm, danach war tote Hose. Also war tatsächlich Mainboard tauschen angesagt.


Die Geräte von LG (G3 und G4) sind sehr wartungsfreundlich. Man kann die Rückwand abnehmen, den Akku wechseln, und es ist nichts geklebt, sondern nur geschraubt. Nach dem Entfernen von gut 10 Schrauben rundherum konnte ich zwei Plastikführungen entfernen, die Folienkabel abklipsen und das Mainboard einfach herausheben und gegen das neue austauschen.

Insgesamt ist das LG G3 auch heute noch ein brauchbares Gerät. Beim Erscheinen war es die damalige Oberklasse, und auch heute kann man mit Snapdragon 800, 2.5 GHz, 4 Kernen, 3 GB RAM, 32 GB Speicher, 13MP-Kamera und einer Auflösung von 2500x1400 sehr gut leben. Außerdem kann man eine SD-Karte dazustecken, und meine testweise eingesteckte 64 GB-Karte hat es sofort benutzen können.

Das LG G4, das meine Frau bis vor einiger Zeit benutzte, ließ sich problemlos im fastboot-Menü entsperren, deswegen war ich zunächst ohne Bedenken, dass das G3 irgendwelche Probleme machen könnte.

Weit gefehlt!

So einen komplizierten Recherche- und Lernprozess hatte ich noch bei keinem der Handys, auf die ich LineageOS oder ein anderes Custom ROM installieren wollte.

Zum Ersten hat das Handy keinen fastboot-Modus. Das empfohlene Vorgehen ist, das Gerät zu "rooten", sich also mit Hilfe einer Sicherheitslücke in der Originalsoftware Administratorzugang (unter Unix eben "root") zu verschaffen, und danach direkt mit dem lowlevel-Befehl "dd" die Recoverypartition mit dem Custom Recovery TWRP zu überschreiben.

Schon das Rooten war nicht einfach: ich habe mehrere Tools ausprobieren müssen, bis eines erfolgreich war. Das Telefon bzw. das Ersatzmainboard kam mit Lollipop, also Android 5.0, und erst eine relativ neue Fassung von KingRoot hat es geschafft, mir Rootrechte zu geben. Die Installationsversuche mit Towelroot, Kingroot und ähnlichen Tools hat übrigens zuverlässig dazu geführt, dass Android mir erklären wollte, dass ich Schadsoftware auf dem Handy hätte, und bot gleich an, sie zu entfernen. Immerhin wurde ich trotzdem nicht daran gehindert, sie zu installieren und zu benutzen.

Das Flashen von TWRP war dann problemlos, aber beim Einschalten mit der Tastenkombination kam eben nicht das Customrecovery auf den Bildschirm, sondern ich bekam nur eine abwechselnd rot und blau leuchtende LED. Wie ich später herausfand, ist dies das Warnsignal, dass der "Secure boot" kein valides Recoveryprogramm gefunden hat. Aus diesem Fehlermodus kommt man nur durch Entfernen des Akkus wieder heraus.

Danach hatte ich noch mehrere erfolglose Versuche, mit anderen Versionen des TWRP-Images ein Custom Recovery auf das Gerät zu bringen. Jedes Mal wieder nur die lustig blinkende LED ...

Dann fragte ich auf Reddit im LG G3-Forum und bekam dort einen Hinweis, dass die "früheren" Bootloader noch nicht dieses Sicherheitsfeature hätten, und ich sollte mit dem Factoryimage (also die Originalfassung von LG) ein Android 4.4 installieren. Ich hätte nun beinah tatsächlich 1 GB heruntergeladen, aber zwischendrin stieß ich auf einen Artikel bei XDA, dass es reicht, nur den Bootloader zu ersetzen, ohne das gesamte Telefon mit einem noch älteren Android neu zu bespielen.

Freundlicherweise gibt es dafür ein Hilfswerkzeug, das ich im selben Artikel auch noch fand: es nennt sich AutoRecMM und überschreibt sowohl den Bootloader als auch das Recovery des Geräts mit passenden Versionen. Damit konnte ich tatsächlich in ein TWRP Custom Recovery booten, wenn auch in einer älteren Version 2.8.7.

Naja, das wär's dann eigentlich gewesen ... aber dann ist noch ein weiterer Fehler dazwischen gekommen: das LineageOS-zip ließ sich nicht flashen, weil das Gerät nicht mehr von sich selbst wusste, dass es ein G3, Modell d855 ist. Dieses Problem konnte ich beheben, indem ich mit TWRP selbst ein neueres TWRP installierte, diesmal 3.3.1. Wohlweislich hatte ich nämlich vor dem Flashen mit adb noch ein paar nützliche Dateien in den Speicher des Telefons überspielt, darunter auch die aktuelle twrp.img-Datei. Beim Flashen dieser Datei "lernt" das Handy wieder, dass es ein G3, d855 ist. Die Fehlermeldung dazu lautete sinngemäß "This installation requires a d855, your model is a .", d.h. die Kennung für den Typ des Smartphones war leer.

Wichtig: bei der ersten Installation unbedingt vor dem Booten auch gleich noch die Open GApps (stock, 32 bit) installieren. Nur wenn beide Dateien zusammen vor dem Booten geflasht wurden, passen alle Berechtigungen. Wenn LineageOS ohne die Open GApps gestartet wurde, lässt sich das nicht mehr nachholen und man muss einen Factory Reset machen und erneut beides (diesmal zusammen) flashen! Wenn man Krams wie Duo oder Hangouts nicht haben will, muss man mit einer handgeschnitzten gapps-config.txt nachhelfen, so dass die unnötigen Apps gleich entfernt werden. Es ist aber trotzdem sinnvoll, ein "großes" GApps-Paket zu installieren, damit die Apps, die man haben möchte, in der Systempartition und nicht im Benutzerspeicher installiert werden.

Und nun endlich konnte ich das aktuelle LineageOS 16.0 (mit Sicherheitsstand 09/2019) flashen! Und natürlich auch gleich Magisk zum Rooten :-)

Die Geschichte geht noch ein kleines Stücken weiter: die LineageOS-Version hat wunderbar funktioniert bis auf einen Haken: die Funktion "lange drücken" ging nicht. Beim Versuch, ein Widget auf dem Startbildschirm (ich mag die "analog clock") einzurichten, kam immer nur der Hinweis, dass ich lang drücken soll. Über das Update-Menü habe ich mir dann die 2 Tage neuere LineageOS-Version direkt auf das Gerät heruntergeladen und installieren lassen, und dann lief alles, so wie es soll ;-)

Zum Schluss noch eine Bemerkung, weil ich oben schon mal das LG G4 meiner Frau erwähnte:
es wurde dann abgelegt, weil es kein offizielles LineageOS mehr dafür gab, und durch ein Moto Z ersetzt, aber das ist eine andere Geschichte. Mittlerweile gibt es übrigens wieder "unofficial" Builds für das G4, und es läuft sehr gut damit. Aber auch das ist eine andere Geschichte ;-)