27.06.2019

Motorola Moto X (2014) auf Android 9 updaten

Nach längerer Zeit wollte ich mal wieder ein älteres Smartphone, das bei mir noch im Regal lag, mit einem aktuellen Custom ROM versehen. Das Moto X in der 2. Generation ist für mich immer noch ein tolles Gerät - es hat 32 GB Speicher, einen guten Bildschirm mit AMOLED und HD-Auflösung (1920x1080) und ist selbst für heutige Verhältnisse sehr schnell und somit für alle Alltagszwecke gut nutzbar. Die Kamera schießt gute Fotos mit 13 MP. Es wird angetrieben von einem Snapdragon 801 mit 2.5 GHz, hat einen Adreno 330 Grafikchip, 2 GB Arbeitsspeicher, den aktuellen WLAN-Standard 11ac, sowie alle LTE-Bänder für Deutschland (800, 1800, 2600 MHz).

Leider ist die Organisation hinter LineageOS recht rabiat geworden, was den offiziellen Status für bestimmte Smartphones angeht. So ist z.B. mein nach wie vor geliebtes Samsung Galaxy Nexus schon mit Android 6 entfernt worden, und auch beim Moto X sieht es nicht besser aus. Sobald ein Fehler beim Erstellen des Pakets oder bei der Benutzung gemeldet wird und der "Maintainer", d.h. der offizielle Betreuer dieses Modells, den Fehler nicht innerhalb kürzester Zeit behebt, wird das Gerät aus der Liste der offiziellen Modelle entfernt.

So auch geschehen beim LG G4, bei dem die Verschlüsselung nicht (mehr) richtig funktioniert, weil LG ein notwendiges Firmwareupdate für dieses alte Modell nicht mehr liefern will oder kann. Selbst wenn man willens wäre, das Gerät ohne Verschlüsselung zu benutzen (z.B. zuhause als Media Player), gibt es keine Chance, hier ein offizielles signiertes LineageOS-Paket zu bekommen. Oder beim Nexus 5, bei dem es ein Problem mit Telefonieren über Bluetooth gibt, das die Maintainer nicht in den Griff bekommen.

In diesem Fall muss man leider auf "unofficial builds" ausweichen und hoffen, dass das Vertrauen in den Ersteller des Pakets nicht missbraucht wird, und man sich vielleicht einen Trojaner einfängt.

Nun denn, ich war mutig, und eine kurze schnelle Google-Suche brachte zutage, dass es wirklich für das Moto X (Codename "victara") ein inoffizielles Paket des aktuellen Android 9 "Pie" gibt.

Das Custom Recovery "TWRP" wird für dieses Modell ebenfalls noch gepflegt, man kann also nach dem Entsperren über die Motorola-Website problemlos mit Fastboot ein Custom Recovery aufspielen und danach ein Custom ROM. Wenn man sich mit Google ins Bett legen will, kann man natürlich auch die Open GApps noch mit installieren (die 9.0 ARM 32 Bit Variante "stock" herunterladen). Für das Rooten des Geräts bietet sich mittlerweile "Magisk" an, das sich auch vor kritischen Apps wie Pokemon GO oder Banking-Apps verbergen kann.

Wenn man die GApps haben will, muss man sie direkt nach dem Flashen des Custom ROMs installieren, bevor man zum ersten Mal neu mit LineageOS bootet. Tut man das nicht, fehlen den Google Apps einige Berechtigungen, was man daran erkennt, dass die "Play Services" sich permanent beenden und nicht richtig funktionieren. Falls das passiert ist, muss man im Recovery mit "Wipe" alle Nutzerdaten löschen, ROM und GApps hintereinander in einem Rutsch flashen und das Telefon nochmals neu aufsetzen.

Bei den GApps gibt es verschieden große Varianten mit mehr oder weniger Inhalt. Das Minimalpaket ist "pico" und enthält nur den Zugang zum Playstore. Jede "größere" Variante enthält mehr und mehr Google Apps, auch solche, die man vielleicht nicht haben will oder gar nicht benötigt. Es ist trotzdem sinnvoller, eines der "großen" Pakete wie "stock" zu verwenden und mit einer Konfigurationsdatei die Apps zu entfernen, die man nicht haben will. Wenn man die Apps über den Playstore einzeln installiert, belasten sie den Benutzerteil des Speichers; wenn man sie mit dem GApps-Paket installiert, landen sie in der Systempartition und man hat mehr Speicherplatz für Bilder und Musik frei.

Bevor man das ROM überspielt, sollte man aber tunlichst noch das letzte offizielle Paket der Motorola-Android-Version herunterladen, das sogenannte "factory image". Das Moto X ist bei Marshmallow, Android 6.0, stehen geblieben, und es gibt einige Seiten, auf denen man das "RETDE"-Paket ("retail german") herunterladen kann. Mit diesem Paket kann man das Smartphone wieder in den Originalzustand versetzen, falls man es doch noch weggeben will und der Käufer kein Custom ROM haben will. Das Moto X (2014), das ich verwende, ist das Modell XT1092 und das letzte aktuelle Paket trägt die Nummer "XT1092_VICTARA_RETDE_6.0_MPES24.49-18-7".

Das erste Starten des Custom ROMs dauert recht lang, weil viele Grundeinstellungen eingerichtet werden müssen. Man sieht also die Bootanimation von LineageOS ca. 5 min. lang, bevor der Einrichtungsassistent loslegt - keine Panik!

Bei mir war der Einrichtungsassistent recht zickig und hat sehr lang gebraucht, um zu erkennen, dass derzeit keine offiziellen Updates vorhanden sind (wie auch). Ich musste das Telefon mehrfach neu starten und es immer wieder probieren. Vielleicht war aber auch nur zu der Zeit mein Internet zu wackelig.

Danach gab es eine unangenehme Überraschung, nämlich, dass die SIM-Karte nicht mehr erkannt wurde. In den Android-Einstellungen war bei den Telefondaten die "IMEI" als "unbekannt" deklariert, d.h. das Telefon wusste nicht, welche Seriennummer es dem Mobilbetreiber nennen müsste, und konnte deshalb auch die SIM-Karte gar nicht benutzen.

Dieses Problem lässt sich aber bei Motorola-Smartphones leicht lösen: man benötigt aus dem Factory-Paket die Dateien für "modem" und "fsg" und mit einigen weiteren Fastboot-Befehlen kann man die IMEI wiederherstellen.
fastboot flash modem NON-HLOS.bin
fastboot erase modemst1
fastboot erase modemst2
fastboot flash fsg fsg.mbn
Diese Befehle sollte man nach dem Überspielen von Custom ROM, GApps und ggfs. Magisk (zum Rooten) im Bootloader (also Fastbootmodus) durchführen, bevor man neu ins Android startet, d.hj. man sollte im TWRP-Recovery nicht "reboot system" auswählen, sondern zuerst ins Hauptmenü wechseln und von dort "Reboot Bootloader" auswählen. Dann kann der Einrichtungsassistent auch die SIM-Karte erkennen und ggfs. über Mobilfunk die Einrichtung beginnen. Alternativ kann man die Befehle jederzeit auch später nachholen, es kann nichts kaputt gehen.

11.06.2019

Gastbeitrag: Journalistische Verantwortung

Die WZ lehnt gelegentlich Leserbriefe ab. Nach eigenen Angaben geschieht dies, wenn sich zwei Leserbriefschreiber nur noch gegenseitig die Bälle zuschieben. Es soll aber auch schon vorgekommen sein, dass Leserbriefe unerwünscht waren, weil sie an der Geschäftspolitik der WZ kratzen.

Mein geschätzter Kollege Volkmar Heitmann hat einen Leserbrief an die WZ geschrieben und darauf hingewiesen, dass doch bitte Leserbriefe nicht mehr gedruckt werden sollen, die z.B. den Klimawandel leugnen und dies mit vorgetäuschter Autorität eines Professorentitels unterstreichen.

Hier ist der abgelehnte Leserbrief in voller Länge:

Todbringende Lügen
Ja, wir haben Meinungsfreiheit. Und das finde ich richtig gut. Allerdings haben alle unsere Rechte da ihre Grenze, wo die Rechte Anderer beeinträchtigt werden. So hat auch die Meinungsfreiheit Ihre Grenzen, nämlich bei Beleidigung, Betrug und Volksverhetzung. Dazu hat man kein Recht, es ist dann eine Straftat. Lügen ist zwar grundsätzlich erlaubt, aber nur, solange keinem Anderen Schaden zugefügt wird. Das Leugnen der menschenverursachten Klimakatastrophe ist zuerst mal nur eine große Dummheit. Eine so große Dummheit, dass ein Straftatbestand schon mangels geistiger Reife nicht zum Tragen kommt. Das Leugnen des anthropogenen Klimawandels hat in etwa die gleich intellektuelle Qualität wie die Behauptung „Die Erde ist eine Scheibe“.
Im Meinungstreff der WZ aber treten Klimawandelleugner auf, die beispielsweise einen Professoren-Titel der Technischen Hochschule Mittelhessen tragen und als wissenschaftliche Experten für das Klima auftreten. Das wirft nicht nur ein ziemlich schlechtes Licht auf die Lehrqualität an der THM, es überschreitet aus meiner Sicht auch die Grenze zur Straftat: Hier wird gelogen, um die Leser der WZ davon abzuhalten, die Klimakatastrophe zu verhindern. Da die Klimakatstrophe mehrere Hundert Millionen Menschenleben bedroht, sehe ich solche Lügen nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt. Es ist schlichtweg eine todbringende Lüge, wenn der anthropogene Klimawandel mit vorgeblicher Wissenschaftlichkeit und der Autorität eines Professoren-Titels „widerlegt“ wird. Es ist schlichtweg eine todbringende Lüge, wenn beispielsweise einzelne Veröffentlichungen, die von den Autoren selbst oder von Fachkolleginnen und -kollegen längst revidiert wurden, als Gegenbeweis gegen den anthropogenen Klimawandel in Stellung gebracht werden. Liebe Leute, hier hört der Spaß auf!
Wissenschaft ist kein Wunschkonzert. Auch ist Wissenschaft nicht demokratisch in der Hinsicht, dass die Mehrheits-MEINUNG ausschlaggebend ist. Ausschlaggebend ist kein „Mainstream“, sondern die Mehrheit der wissenschaftlichen BELEGE. Und die wissenschaftlichen Belege zeigen mit überwältigender Mehrheit, dass die sich anbahnende Klimakatastrophe vom Menschen verursacht wurde. Damit aber kann sie auch vom Mensch aufgehalten werden. Wenn wir es denn wollen. Deutschland steht zwar „nur“ an 6. Stelle der aktuellen Hauptverursacher. Allerdings haben wir einen großen Teil der CO2-Produktion nach China und in andere Regionen der Welt ausgelagert, indem wir unsere Produkte dort herstellen lassen. Das dort erzeugte CO2 müssten wir also eigentlich unser eigenen Menge zuschlagen. Und wenn wir dann noch die gesamte CO2-Menge betrachten, die Deutschland seit Beginn der Industrialisierung in die Atmosphäre gepustet hat, haben die Länder in Asien und Afrika noch einiges gut. Deutschland und seine europäischen Nachbarn sind und bleiben im Spitzenfeld der Katastrophenverursacher. Und sind damit auch in erster Linie dafür verantwortlich, die Katastrophe so weit wie möglich abzuwenden.
Auch die WZ darf sich nicht hinter einer vermeintlichen Meinungsfreiheit verstecken. Die Redakteurinnen und Redakteure der WZ hatten genügend Zeit und Gelegenheit, sich die notwendigen Kompetenzen hinsichtlich des anthropogenen Klimawandels anzueignen. Die Pflicht dazu hatten sie allemal, allein schon wegen der Wichtigkeit und Dringlichkeit des Themas. Lügen, die Menschenleben gefährden, sollten ein Ausschlusskriterium für den Meinungstreff sein. Statt dessen aber veröffentlicht die WZ sogar immer wieder redaktionelle Beiträge, die eine umfassende Energiewende ausbremsen. Ein Beispiel ist die folgende Meldung vom 5. April: „Windkraftanlagen töten im Sommer Milliarden Insekten“. Eine reißerische Überschrift ohne Fragezeichen. Deren Blödsinn wird dann zwar im Laufe des Textes etwas relativiert. Seriosität aber sieht anders aus. Solche Meldungen gibt es von Russia Today kostenlos. Warum also noch Geld für die WZ ausgeben? Die Familie Rempel, die inzwischen die hessische Zeitungslandschaft dominiert, sollte sich langsam ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen.“

29.05.2019

Vergleich von Diesel- und Elektroauto - Leserbrief

Vor einigen Tagen hatte ich mal wieder das Bedürfnis, auf einen Leserbrief in der WZ zu reagieren. Da hat einer der üblichen Verdächtigen, die sich regelmäßig in ihren Leserbriefen an der Dieselaffäre, Fahrverboten und der Energiewende abarbeiten, die fragwürdige Studie des Ökonomieprofessors Sinn als Anlass genommen, alles in Frage zu stellen, was derzeit Stand der Technik und Stand der Forschung ist.

Dass diese Studie ohne Peer Review veröffentlicht wurde und schon Stunden später vernichtend widerlegt wurde, stört natürlich niemanden - wenn es gedruckt wird, muss es stimmen.
[abgedruckt am 24.05.2019]

Ich hatte schon befürchtet, dass die unsägliche Studie von Sinn et.al. auch Einzug in die Leserbriefspalte der WZ findet, und nun ist es leider wirklich passiert.
Die Psychologie kennt den sogenannten "Bestätigungsfehler" (confirmation bias). Dieser Effekt bewirkt, dass man Behauptungen stärker gewichtet und ihnen mehr Glaubwürdigkeit beimisst, die der eigenen Überzeugung entsprechen, und sie werden unterbewusst verwendet, um die eigene Überzeugung noch weiter zu verstärken. Es fällt sehr schwer, von der einmal gefassten Position abzuweichen, selbst wenn sie wissenschaftlich zweifelhaft und kaum haltbar ist. Bei einigen Leserbriefautoren sieht man diesen Effekt sehr deutlich.
Die "Studie" von Sinn vergleicht einen (für Mercedes-Verhältnisse) kleinen Dieselmotor (220d, 194 PS) mit einem doppelt so stark elektrisch motorisierten Tesla (fast 400 PS) mit einem sehr großen Akku von 75 kWh.
Die Studie verwendet für das Dieselfahrzeug die bestmöglichen Annahmen, beim Elektrofahrzeug die schlechtestmöglichen. Nebenbei wissen wir aus zahlreichen Veröffentlichungen von Autotestzeitschriften, dass der realistische Verbrauch nicht dem Normverbrauch entspricht (beim Mercedes sind es in der Praxis etwa 50% mehr). Dieselnachteile wie Feinstaub und NOx-Emissionen werden überhaupt nicht beachtet.
Beim Tesla wird die gesamte Produktionskette (Fahrzeug, Vorlieferanten und Akku) mit in die Umweltbelastung einbezogen, um einen Wert für die CO2-Emission pro Kilometer zu errechnen. Dazu wird eine unrealistisch niedrige Lebensdauer von 150.000 km angenommen. Beim Dieselfahrzeug wird ein Großteil der Produktionskette gerade nicht berücksichtigt, genauso wird die Umweltbelastung durch die Förderung, Raffination und Transport von Erdöl außen vor gelassen. Des weiteren hat Sinn den veralteten NEFZ-Zyklus verwendet, der gesetzlich schon 2016 dem deutlich realitätsnäheren WLTP-Standard weichen musste.
Schon einen Tag später haben mehrere wissenschaftliche Institute und Fachleute diese "Studie" in der Luft zerrissen. Sie wurde nicht nach anerkannten Methoden erstellt und ohne Peer Review im "ifo Schnelldienst" veröffentlicht, d.h. es gab vor der Veröffentlichung keine unabhängigen Kontrollen der Methodik und Ergebnisse durch andere Experten (peer review). Das Fraunhofer-Institut, das von Sinn zitiert wird, wirft ihm vor, den Energiemix für die Akkuladung zu "dreckig" und die Leitungsverluste im Stromnetz um fast das Doppelte zu hoch anzusetzen.
Ironischerweise hat der VW-Konzern, bekanntermaßen einer der größten Dieselverfechter in der Autoindustrie, eine Woche später eine eigene Studie veröffentlich, die das genaue Gegenteil feststellt: E-Autos sind umweltfreundlicher als Diesel, und mittlerweile gibt es sogar Ottomotoren, die in dieser Hinsicht besser sind als Dieselmotoren.
Wenn urplötzlich so ein "Rufer in der Wüste" auftritt, sollte man erst einmal die Frage stellen, wem nutzt diese bequeme Gegenposition? Wer hat sie bezahlt oder in Auftrag gegeben? Warum kommen urplötzlich Studien in die Presse, die mit bequemen Behauptungen dafür sorgen wollen, dass sich nichts bewegt und wir alle so vom "weiter so!" träumen? Es geht nicht weiter so!

06.05.2019

Avengers Endgame

Das war er also, der letzte Film der aktuellen Marvel-Phase 3, der alle roten Fäden der vergangenen 20 Filme zusammenführt und die Auflösung liefert. Gut, formal gehört "Spiderman - Far from Home" noch mit dazu, der im Juli erwartet wird, aber inhaltlich ist alles erzählt.

Der Film ist genial gemacht - er fängt sehr langsam und schwermütig an und beleuchtet dabei, wie die Überlebenden damit zurecht kommen, dass Thanos seinen Plan umgesetzt hat, das halbe Leben im gesamten Universum auszulöschen. Black Widow hält einsam die Stellung im Avengers-Hauptquartier, Hawkeye ist zum brutalen Verbrecherjäger geworden, der über Leichen geht, Cap leitet eine Selbsthilfegruppe für Schnips-Hinterbliebene, Thor hat in den letzten fünf Jahren einen beträchtlichen Bierbauch angesetzt, und mit Sonnenbrille sieht er aus wie einem Video von ZZ Top entsprungen ;-). Tony Stark ist der Einzige, dessen Situation sich verbessert hat - er lebt mit Pepper und Tochter Morgan in einem Haus am See.

Die Prämisse ist natürlich vollkommen hanebüchen, dass sich das Universum besser entwickeln kann und lebenswerter ist, wenn die Bevölkerung nur noch halb so groß ist. Wenn die Umstände entsprechend sind, wird sich Leben immer wieder neu entwickeln, und die Wachstumsrate in der Biologie ist immer exponentiell. Thanos hätte also nach meinem Dafürhalten nur ein paar Jährchen Aufschub bewirkt, aber nichts wesentliches geändert. Diese Erkenntnis scheint aber in der Comic-Logik nicht zuzutreffen - Thanos denkt wirklich, er hat die Überlebenden von einer Bürde befreit. Stattdessen hat er jeden unglücklich gemacht, der Angehörige verloren hat, und durch das urplötzliche Verschwinden sind natürlich Unfälle passiert, wenn Fahrer, Piloten etc. während ihrer Tätigkeit weggeschnipst wurden. Nun ja, das ist halt Comic, muss man so hinnehmen.

Wie am Ende von Ant-Man 2 zu vermuten war, hat Scott Lang überlebt und schafft es durch einen der üblichen Hollywood-Zufälle zurück ins echte Leben. Für ihn sind nur fünf Stunden vergangen, während in der Makrowelt mittlerweile fünf Jahre verstrichen sind. Damit ergibt sich die Chance, mit Hilfe der Quantenebene ("Quantum Realm") Zeitreisen durchzuführen. Nebenbei gibt es einen Streifzug durch andere Zeitreisefilme und eine pseudowissenschaftliche Diskussion darüber, warum man die Vergangenheit nicht ändern kann (was sie natürlich dann trotzdem tun, teilweise unbeabsichtigt, teilweise geplant).

Die Zeitreisen sollen dazu verwendet werden, alle sechs Infinitysteine aus der Vergangenheit "auszuleihen" und in der aktuellen Gegenwart von 2023 die Auslöschung ("the snap") wieder rückgängig zu machen, denn Thanos hat wenige Wochen nach dem Schnips die Steine ein letztes Mal verwendet, um sie zu zerstören. Es gibt in der Gegenwart keine absehbare Möglichkeit zur Rettung, es bleibt nur die Zeitreise. Danach sollen alle geliehenen Steine wieder in ihre alte Zeit und an ihre alte Stelle zurückgebracht werden, damit die vergangene Geschichte wiederum so stattfindet, wie es sein muss.

Die Zeitpunkte sind großartig gewählt - in der Außensicht für die Zuschauer. Die Avengers kehren zurück zu Schauplätzen der vergangenen Marvelfilme und versuchen zu vermeiden, sich selbst zu begegnen. Dabei gibt es gefühlvolle Momente, wenn Cap bei S.H.I.E.L.D. seine junge Flamme Peggy Carter sieht, Thor seiner wenig später getöteten Mutter Frigga gegenübersteht, die natürlich mit ihren Hexenkräften sofort erkennt, dass er aus der Zukunft kommt, und Tony seinen Vater kurz vor der Niederkunft der Mutter trifft. Als Fan der "Agent Carter"-Serie fand ich wunderbar, dass Jarvis als Butler von Howard Stark in Person aufgetreten ist - es ist derselbe Schauspieler wie in der Serie und die Synchronstimme, die auch in den Iron Man-Rüstungen und im Avengers-Hauptquartier spricht. Hawkeye und Black Widow flachsen wie üblich und wieder erfährt man nicht, was in Budapest tatsächlich passiert ist. Etwas verwirrend fand ich zunächst, dass der späte Thor nicht nur den Stein, sondern auch seinen Hammer aus der Vergangenheit mitbringt. Der müsste ja dann dem früheren Thor fehlen. Dann wurde mir aber klar, dass nicht nur die Steine passend zurückgebracht werden können, sondern natürlich auch der Hammer.

Hier kommt ein weiterer Kritikpunkt an den typischen Filmhandlungen: fehlende Informationen untereinander. Banner begegnet der "Einen", der Vorgängerin von Dr. Strange, und erwähnt nur zufällig in einem Nebensatz, dass Strange den Zeitstein freiwillig an Thanos übergeben hat. Nur dadurch kommt es zum Ausleihen des Steins, weil die Eine feststellt, dass Strange einen guten Grund dafür gehabt haben muss. Warum haben sich die Avengers nicht vor der Zeitreise intensiv über ihre jeweiligen Erlebnisse ausgetauscht? Warum weiß Banner keine Details über den Kampf auf Titan? Schließlich hat Strange deutlich gesagt, dass es genau ein Szenario unter 14.000.605  gibt, in dem Thanos besiegt wird und er genau deshalb den Stein aufgibt und damit Tony Stark rettet. Wenn es um Zeitreise geht, braucht man sich nicht zu beeilen. Ob die Zeitreise ein paar Tage früher oder später begonnen wird, ist unerheblich. Aber gute Vorbereitung und ein einheitlicher Wissensstand sind essentiell.

Die Wahl der Zeitpunkte in der Innensicht halte ich in den meisten Fällen für fragwürdig. Es hätte für jeden der sechs Steine definitiv bessere Zeitpunkte mit weniger Gefahr des Auffallens und Scheiterns gegeben, aber wo wäre dann die Spannung geblieben? Hier bleibt ein Gefühl zurück, dass vieles um des Effekts willen absichtlich konstruiert war. Insbesondere beim violetten Machtstein, den Quill findet, wäre es deutlich besser gewesen, den Stein aus der Obhut des Nova Corps auszuleihen, also zeitlich direkt nach dem Ende des ersten Guardians of the Galaxy-Films. Den Tesserakt, also den Space stone, hätte man zu einem beliebigen Zeitpunkt ebenfalls auf Asgard ausleihen können. Statt Lokis Szepter auszuleihen, wäre ein Zeitpunkt am Anfang der Handlung von "Age of Ultron" ebenfalls besser gewesen, als Tony und Banner den Gedankenstein erforschen. Das ist aber natürlich Jammern auf hohem Niveau :-)

Captain Marvel als angeblich stärkste Figur wurde nur spärlich eingesetzt - laut den Comics hat sie auch Zeitreisefähigkeiten, und dann wäre die Geschichte mit dem Ausleihen der Infinitysteine natürlich vollkommen überflüssig. Sie darf am Anfang Tony Stark mit der havarierten "Benatar" retten (tatsächlich benannt nach Pat Benatar!), am Ende Thanos' Raumschiff angreifen und sich kurz mit Thanos prügeln.

Eine für mich vollkommen unerwartete Wendung war, dass Nebula durch ihre Cyborgimplantante mit ihrem vergangenen Körper interagiert und beidseitig Erinnerungen ausgetauscht werden. Dadurch erhält Thanos in der Vergangenheit Kenntnis von den Zeitreisen. Die "späte" Nebula wird gefangen und stattdessen reist die frühere, "böse" Nebula zurück in die Zukunft. Banner macht den Schnips rückgängig, weil er der stärkste Avenger ist (wie wir aus Thor 3 und der Szene im Quinjet wissen) und die böse Nebula holt das gesamte Raumschiff von Thanos in die Zukunft. Die übliche finale Schlacht entbrennt, und es gibt ein paar schöne Prügelszenen, Thanos nimmt den Handschuh in Besitz, den Tony Stark gebaut hat, aber durch einen Trick sind die Steine nicht mehr darin verankert. Besonders gut gefallen hat mir, wie selbstverständlich Captain America mit Thors Hammer umgehen kann und Thor begeistert ist ("ich wusste, dass er würdig ist"), was an die Szene aus "Age of Ultron" anschließt - dort wackelt der Hammer, als Cap ihn hochheben will und Thor fällt das Lachen aus dem Gesicht.

Die Schlussszene mit Captain America und Peggy Carter beim Tanz finde ich absolut angemessen, um den Figuren einen würdigen Abschluss zu setzen, ohne jemanden ins Gras beissen zu lassen. Cap hat während des gesamten Films immer wieder auf das Bild von Peggy in seiner Uhr geschaut. Die Weitergabe des Schilds des gealterten Captains an Falcon passt auch.

Insgesamt lässt der Film natürlich noch Fragen offen, wenn man tiefer über Zeitreisen nachdenkt. Thanos ist durch Nebulas Manipulation in die Zukunft gereist und stirbt dort zusammen mit seinen Handlangern und Untertanen. Das heißt natürlich, dass die Realität in der Vergangenheit ab diesem Zeitpunkt vollkommen anders verläuft. Er jagt also nicht mehr den Steinen nach, wie wir das aus den bisherigen Filmen kennen und schnipst dann, sondern versucht, auf einen Schlag die in die Zukunft "ausgeliehenen" Steine an sich zu bringen. Ich wollte das Wort "Zeitparadoxon" wenigstens mal erwähnt haben ;-)

In Interviews haben die Russo-Brüder mittlerweile einige Informationen und Gedanken über den Film nachgeschoben: man kann die Vergangenheit nicht ändern, sondern bei jeder divergierenden Entscheidung entsteht eine neue "Zeitlinie", d.h. ein alternatives Universum, in dem die Handlungen dementsprechend unterschiedliche Auswirkungen haben. Cap ist also in einem Paralleluniversum zusammen mit Peggy gealtert und erst am Ende ihres gemeinsamen Lebens, vermutlich nach ihrem Tod, zurückgekehrt, um einen Abschluss zu finden. Andere Kritiker haben eine andere Meinung zu diesem Ende, haben aber offensichtlich die Erklärung "hintendran" nicht wahrgenommen oder anders verstanden.

Die Verträge von Robert Downey Jr. (Iron Man), Chris Hemsworth (Thor) und Chris Evans (Captain America) sind mit diesem Film ausgelaufen. Da Thor mit den "Asgardians of the Galaxy" zusammen aufgebrochen ist, könnte es aber ein Wiedersehen in Teil 3 geben. Vermutlich suchen sie nach Gamora, die sich aus dem Staub gemacht hat, nachdem sie Quill verprügelt hat ("der erste hat nicht richtig getroffen"). Dies ist ja die "alte" Gamora, die durch den Zeitsprung keine Beziehung mit Quill entwickeln konnte. Schau'n mer mal.

05.04.2019

Leserbrief zum Interview mit Oswin Veith in der WZ

Und ein neuer Kracher von Oswin Veith, den er diese Woche in einem Interview mit der Wetterauer Zeitung heraus gehauen hat: der Untersuchungsausschuss zu den Beraterverträgen im Verteidigungsministerium habe nur das Ziel, die "Ministerin zu stürzen". Vielleicht sollte er öfter mal seinen Aluhut tragen, damit die Verschwörungstheorien nicht so wirken.
[veröffentlicht am 04.04.19]

Leserbrief zum Interview Oswin Veith, Untersuchungsausschuss
Herr Veith zeigt wieder einmal deutlich, dass ihm die Demokratie und ihre Werkzeuge vollkommen egal sind.
In letzter Zeit scheint die CDU für sich entdeckt zu haben, dass man nicht sachlich arbeiten muss, wenn es doch viel einfacher ist, die Personen und die Institutionen anzugreifen und schlecht über sie zu reden. Das hat man bei den Protesten gegen die Urheberrechtsreform gesehen, als die Demonstranten als „Bots“ (Roboter) oder „gekauft“ denunziert wurden, und setzt sich bei Hr. Veith ähnlich fort.
Die Opposition hat es trotz erheblicher parlamentarischer Hürden geschafft, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, der die Mittelverwendung im Verteidigungsministerium untersuchen soll, und alles, was Hr. Veith dazu einfällt, ist die Unterstellung einer Verschwörungstheorie, dass die Ministerin gestürzt werden soll.
Angeblich sei ja schon alles "aufgeklärt" und "abgestellt", was in der "Verwaltung" falsch gelaufen sei. Aber es ist ganz schön billig, nur die kleinen Fische zu fangen. Es muss geklärt werden, welche Leitungsebenen in die Vergabeentscheidungen eingebunden waren, zumal bei der Größenordnung, um die es hier geht.
Es ist ein legitimes Verfahren, einen Ausschuss zu bilden, um Informationen zu erhalten, und es ist eines der legitimen Werkzeuge der Opposition im Parlament, die Regierung zu kontrollieren, wie es ihr verfassungsrechtlicher Auftrag ist.
Außerdem halte ich den rhetorischen Trick von Herrn Veith für ganz schäbig, dass er mit Prozentzahlen die Summe klein reden will, um die es geht. Der Etat des Ministeriums sind knapp 40 Milliarden €, und die schöngefärbte Behauptung, es sei ein "niedriger einstelliger Prozentbetrag" geflossen, verschleiert sehr effektiv, dass wir hier für jedes dieser "einstelligen" Prozente immerhin von fast 400 Millionen € reden!
Aus meiner eigenen Berufstätigkeit weiß ich, dass ein Beratertag nicht unter 1000 € zu bekommen ist (und selbst das ist sicher noch sehr niedrig gegriffen bei großen Firmen wie PwC, Accenture usw.). Um das mal umzurechnen, wenn ich diesen Betrag verwende: hier sind also mehr als 100.000 Mannjahre Beratertätigkeit von unseren Steuergeldern bezahlt worden.
Ein besonderes Geschmäckle erhält diese hemdsärmelige Auftragsvergabe noch dadurch, dass zwei Kinder der Ministerin bei Beratungsfirmen arbeiten, die "bedacht" wurden.