27.10.2012

Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes - Ted Chiang (5 Kurzgeschichten) - Buchbesprechung

Zur Abwechslung mal wieder 'was über ein Buch, das ich aufgrund einer Empfehlung von Klaus "Enpunkt" Frick bei Amazon als ebook für den Urlaub gekauft hatte. Hier gibt es auch noch eine Diskussion, an der sich auch der Übersetzer "molosovsky" der Kurzgeschichten beteiligt.

Vorneweg: da ich mich zu den Agnostikern und nicht zu den Gläubigen zähle, stehe ich einigen Inhalten der Kurzgeschichten sehr kritisch gegenüber. Stilistisch ist das Buch gut, aber mit den religiösen Anteilen konnte ich mich gar nicht anfreunden. Mir war beim Lesen der Empfehlung und vor dem Kauf nicht klar, wie intensiv der Autor den Glauben in seine Geschichten einbezieht. Ich muss aber dazusagen, dass keine der Geschichten irgendwie einen missionarischen Antrieb hat. Der Glaube bleibt sozusagen in der Geschichte, wenn man ihn nicht an sich 'ranlassen will ;)

Andererseits finde ich es sehr gut gelungen, wie schön fremdartig physikalische Konzepte unseres echten Universums in den Geschichten transponiert wurden, insbesondere in der ersten und in der letzten Geschichte. Alle Geschichten handeln davon, wie die Protagonisten ihre Welt erleben und wie sich teilweise im Ablauf ihr Weltbild ändert; manchmal nachvollziehbar für mich, manchmal nicht.

Trotzdem werde ich sicherlich nix mehr von diesem Autor lesen, ich bleibe bei der "Hard SF" mit nachvollziehbarer Physik, z.B. von Autoren wie Niven/Pournelle, Clarke, Asimov.

Nun aber zu den einzelnen Geschichten aus dem Buch:

Der Turmbau zu Babel


Was wäre, wenn der Turm von Babylon wirklich hätte zu Ende gebaut werden können? Wenn das damalige Weltbild mit dem "Gewölbe des Himmels" stimmte, und die Menschen einen Turm bis ans Gewölbe bauen (an Sonne, Mond und Sternen vorbei)? Und das Gewölbe durchstoßen wollen und können? Wenn über diesem Gewölbe wirklich die Wasser des Himmels gespeichert sind?

Eine recht schöne Geschichte, mit bildgewaltigen Worten sehr ansprechend und nachvollziehbar geschrieben. Die Infrastruktur für den Turmbau und der Ablauf, der im Durchstoßen des Gewölbes kulminiert, wird ausführlich und glaubwürdig erzählt. Das Weltbild dahinter ist eine biblische Variante der uns bekannten Krümmung von Raum und Zeit, dass sich nämlich "über" dem Himmelsgewölbe wieder der Erdboden anschließt. Dies erkennt der Protagonist der Geschichte dann als Hinweis, wie toll alles von Gott konstruiert ist.

Eigentlich gar nicht so religiös; nur der Unterbau entspringt der biblischen Geschichte vom Turmbau. In diesem Szenario allerdings darf der Turm fertiggestellt werden, es gibt keinen göttlichen Zorn, der alle Beteiligten entfremdet und zerstreut. Hier gibt es nur das Erkennen der göttlichen Perfektion durch die Geschlossenheit der Welt in sich.

Geschichte deines Lebens


Diese Geschichte hat mir noch am besten gefallen, sie ist gleichzeitig die am wenigsten religiöse und eher philosophisch geprägte. Sie handelt vom Besuch einer Raumflotte von fremdartigen Wesen, deren Schrift, Sprache und Weltbild gänzlich anders aufgebaut ist als unsere, nämlich holistisch -- ganzheitlich. Stilistisch ist die Geschichte eine geschachtelte Abfolge von neutralem Bericht über die (rein videofonische) Begegnung mit den Außerirdischen und einem Brief an die Tochter im Tagebuchstil. Da die Auflösung erst spät erfolgt, ist es am Anfang etwas merkwürdig, dass die Mutter an ihre Tochter schreibt und dabei auch vom Tod der Tochter spricht.

In der Geschichte selbst wird ein hübsches Beispiel über das holistische Weltbild gebracht: eine Hochzeitszeremonie muß von Anfang bis Ende stattfinden, damit sie realisiert wird. Der Pfarrer, das Brautpaar usw. müssen die gesamte Zeremonie "abarbeiten", damit sie wirklich verheiratet sind, auch wenn der gesamte Ablauf von vornherein feststeht. Das gesamte Weltbild der Außerirdischen basiert auf diesem Konzept: sie erfassen den Zeitablauf ganzheitlich, es gibt für sie keine Vergangenheit oder Zukunft, und weil die Zukunft so ist, wie sie ist, müssen sie sich so verhalten, dass diese Zukunft eintritt.

Für mich die faszinierendste Geschichte, weil die Protagonistin nach und nach die Konzepte von Schrift und Sprache der Fremden erlernt und daraufhin dasselbe Verständnis entwickelt. Der Nexus ist die Beobachtung, wie die Fremden ihre Gedanken schriftlich festhalten und sich dabei "ganzheitlich" das Schriftbild entwickelt.

Sie nimmt durch das Erlernen des fremden Weltbilds alles gleichzeitig wahr: die Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann, die Zeugung, Geburt, Trennung und das Aufwachsen der Tochter bis hin zu ihrem Tod durch einen Unfall. Obwohl sie alles gleichzeitig wahrnimmt, ist sie dazu gezwungen, so zu handeln, damit alles eintritt. Dieser Teil wirkt etwas unrealistisch: als ob man es erlernen könnte, in die Zukunft zu schauen, dabei aber die Fähigkeit verliert, darüber zu sprechen, und dann verdammt ist, genau diese Zukunft zu erleben und sogar dabei mitzuhelfen, damit sie stattfindet.

Was mich als Anhänger von Menschenrechten und freiem Willen natürlich extrem irritiert, ist die  Gelassenheit, diese Unveränderlichkeit hinzunehmen und nicht einmal daran zu zweifeln oder es zu versuchen, ein zukünftiges Unglück zu verhindern.

Die Begegnung mit den Außerirdischen ist eigentlich nur ein Hilfsmittel. Man erfährt in der gesamten Geschichte nicht, warum sie eine lichtjahrweite Reise auf sich genommen haben. Nach dem Austausch von eigentlich belanglosen Geschenken wie einem Bild der Höhlenmalereien von Lacroix reisen sie wieder ab. Das ist eigentlich eher unbefriedigend.

Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes


Diese Geschichte hat mich am meisten angestrengt; beinah hätte ich das Buch während oder nach dem Lesen weggelegt. In der Welt, die hier beschrieben wird, gibt es einen Gott, Engel und die Hölle, genauso gibt es gefallene Engel. Die Engel manifestieren sich in Form von Naturkatastrophen. Eigentlich gibt es hier also keinen Glauben, sondern Wissen. Die Hölle ist einfach nur ein Aufenthaltsort für Seelen, es gibt keine Teufel oder Dämonen, die die Seelen dort quälen. Von dieser Geschichte hat das Buch seinen Titel: es gibt in der Hölle keine Möglichkeit, zu Gott zu finden. Was natürlich nur für gläubige Menschen eine Hölle darstellt ;)

Erstaunlicherweise können die Menschen sehen, ob eine Seele beim Tod in den Himmel oder in die Hölle gelangt. Berichte über Engelserscheinungen in den Nachrichten erwähnen ganz selbstverständlich den Namen des Engels. Die Manifestationen führen sowohl zu positiven als auch negativen Effekten bei den Menschen, Verletzungen, Tote genauso wie Wunderheilungen oder einfach nur körperliche Veränderungen. Manche Menschen werden dadurch gläubiger, andere fallen vom Glauben ab.

Die Hauptperson der Geschichte hat durch einen Unfall während einer Engelserscheinung die Ehefrau verloren und der Witwer versucht nun, seinen Glauben wiederzufinden oder wenigstens das Verständnis, warum seine Frau sterben musste. Er besucht Gottesdienste und andere Menschen, die von Engelserscheinungen gezeichnet wurden. Seine Verzweiflung wächst und er entwickelt einen Plan, zu seiner Frau in den Himmel zu gelangen, indem er während einer Manifestation stirbt. Selbstmord scheidet aus, weil analog zum katholischen Glauben Selbstmörder automatisch in der Hölle landen.

Das Ende ist absolut fragwürdig und unbefriedigend: er "verfolgt" eine Engelserscheinung und kommt dabei tatsächlich zu Tode. Obwohl er dadurch als "Sucher" die Erleuchtung findet, wird er während seines Aufstiegs in den Himmel zurück und in die Hölle gestoßen. Durch diese Abweisung wird er erst endgültig zum Gläubigen und empfindet die Hölle als Qual.

Das Ende der Geschichte empfinde ich als brutal und grausam; der real existierende Gott in dieser Welt gewährt dem Mann die Erleuchtung und er beginnt seinen Aufstieg in den Himmel, wo er seine Frau weiß. Quasi im letzten Moment an der sprichwörtlichen Himmelspforte wird er wieder zurückgewiesen und stürzt in die Hölle. Dort quält er sich selbst, weil er nun aufgrund der Erleuchtung seinen wahren Glauben gefunden hat und weiß, dass er nie wieder zu Gott finden wird, und zum Anderen ist er für den Rest der Ewigkeit von seiner Frau getrennt.

Das ist eine absolut deprimierende Geschichte und entspricht überhaupt nicht dem, was heutzutage das Selbstbild der Kirchen darstellt: die bedingungslose Liebe und Vergebung (sogar die katholische Kirche hat das Fegefeuer abgeschafft ...). Das entspricht dann doch eher dem rachsüchtigen Gott aus dem Alten Testament, oder?

Der Kaufmann am Portal des Alchemisten


Diese Geschichte hat mir neben der zweiten auch sehr gut gefallen: sie handelt von einem Zeitreisenden, der von einem Händler in Bagdad mehrere Geschichten über andere Zeitreisende in die Zukunft erzählt bekommt. Die Idee mit den "Geschichten in der Geschichte" kennt man natürlich aus "1001 Nacht", als Scheherazade um ihr Leben erzählt. Der Protagonist dieser Geschichte will nun selbst eine Zeitreise in die Vergangenheit antreten. Allerdings muss er für die Reise 20 Jahre in die Vergangenheit ein anderes Zeitportal in Kairo verwenden, weil das Portal in Bagdad nur Zeitreisen in die Zukunft ermöglicht. Er plant, seine früh verstorbene Frau noch einmal zu sehen, weil er bei ihrem Unfalltod abwesend war und sich deswegen seitdem Vorwürfe macht.

Die Geschichte philosophiert über die Unveränderlichkeit der Zukunft, was ich sehr merkwürdig finde, andererseits postuliert sie, dass man die Vergangenheit ändern kann. Die Zeitreisenden in den Geschichten in der Geschichte reisen in die Zukunft, treffen sich selber und lassen sich Ratschläge geben oder stehlen ihr eigenes Geld. Dadurch ergibt sich in der Vergangenheit genau die Situation, dass die bereiste Zukunft auch exakt so eintritt. Insofern ähnelt sie also der "Geschichte deines Lebens" weiter oben.

Von meinem Standpunkt als jahrelanger SF-Leser halte ich es allerdigs eher für plausibel, dass die Zukunft von unserem gegenwärtigen Handeln abhängt und man bei einer Zeitreise in die Zukunft nur in eine von vielen "möglichen" Zukünften reist. Ted Chiang geht überhaupt nicht darauf ein, dass einer der Zeitreisenden mit seiner Zukunft unzufrieden ist und deshalb wenigstens versucht, etwas zu ändern.

Sehr schön geschrieben, märchenhafter Stil, aus der Sicht des Zeitreisenden, der nicht mehr in seine Zukunft zurückkehren kann, weil er mittellos ist und deshalb nicht zurück von Bagdad nach Kairo kommt, und sich deshalb beim Herrscher im Bagdad der Vergangenheit als "Wahrsager" verdingen will, der die nächsten 20 Jahre der Zukunft aus seiner Erinnerung schon kennt.

Das Schöne an dieser Geschichte: er kommt durch Widrigkeiten der Reise zwar auch diesmal zu spät, um seine Frau noch lebend anzutreffen, aber er trifft eine Krankenschwester, die ihm die letzten Worte vor ihrem Tod überbringt, und findet dadurch seinen Frieden. Insofern die einzige Geschichte mit einer Andeutung von "Happy End" ;).

Ich geb's zu: "Happy End" ist wichtig für mich. Ich mag Geschichten mit einer knalligen Pointe, oder wenigstens Geschichten, die ein erkennbares Ende haben. Offene Enden hasse ich. Das war auch einer der Gründe, warum ich "The Long Earth" von Pratchett und Baxter gar nicht leiden kann.

Ausatmung

Für mich war dies die fremdartigste Geschichte aus dieser Sammlung. Allerdings erkennt man trotzdem einige der physikalischen Grundkonzepte unseres Weltbilds wieder, nämlich den unabänderlichen Wärmetod (bei uns, bedingt durch die Expansion des Universums, die Hubble festgestellt hat) bzw. den endgültigen Druckausgleich (in der Geschichte).

Die Story in Ich-Form handelt von den Bewohnern einer Röhre oder Kuppel aus Chrom, die sich im Verlauf als eine Art Roboter herausstellen, die mit Hilfe von "Luft" oder "Argon" aus Druckflaschen leben und täglich die Druckflaschen wechseln müssen. Das Wechseln der Flaschen erinnert an römische Badehäuser, beides hat sowohl praktischen Nutzen als auch kulturelle und soziale Bedeutung.

Die Geschichte beginnt damit, dass festgestellt wird, dass mehrere mechanische Uhren unabhängig voneinander offensichtlich falsch gehen, obwohl keine Fehler festgestellt werden können. Allen Uhren gemeinsam ist aber, dass sie zu schnell laufen. Die Schlussfolgerung der Hauptperson ist, dass die Wahrnehmung der Zeit sich bei den Robotern geändert hat.

Eben dieser Bewohner der Welt ist Wissenschaftler und Lehrer an der dortigen Entsprechung unserer Universitäten und stellt Selbstversuche an, um herauszufinden, wie sein Gehirn, sein Bewusstsein und sein Gedächtnis funktionieren. Offensichtlich können diese "Roboter" keinen Schmerz empfinden: mit Hilfe einer ausgeklügelten optischen und mechanischen Anordnung kann er seinen Schädel "von hinten" öffnen und sezieren. Dabei baut er mechanische Module aus und verlagert sie mit Hilfe von Schläuchen nach außerhalb. Die mikromechanischen Fähigkeiten der Roboter sind offensichtlich sehr stark ausgeprägt, andererseits ist das Wissen über die eigene Physiologie (oder muss man sagen "Mechanologie"?) in etwa so ausgeprägt wie im Mittelalter, als noch die Sektion von Leichen verboten war.

Dabei erkennt der Wissenschaftler, dass nicht die "Hardware" des Gehirns das Bewußtsein darstellt, sondern die Luftströmungen, die sich zwischen den goldenen Blättchen seines Gehirns bilden. Dies ist vergleichbar mit der "Hardware" eines Computers und der "Intelligenz" in Form von Programmen, die von dieser Hardware ausgeführt werden, oder der "Hardware" in Form von Nervenzellen im menschlichen Gehirn und der "Intelligenz" in Form der Verschaltung dieser Nervenzellen (d.h. welche mit welchen anderen vernetzt sind).

Durch das permanente Konsumieren von Argon ("Luft") wird immer mehr davon freigesetzt und der Druck in der gesamten Welt erhöht sich. Dadurch verlangsamt sich das Denken und die Fähigkeit zur Wahrnehmung -- daher auch das subjektive Gefühl, dass die mechanischen Uhren zu schnell gelaufen sind.

Auf der Basis dieser Erkenntnisse stellen die Wissenschaftler dieser Welt fest, dass irgendwann alles Leben enden wird, wenn nämlich der finale Druckausgleich stattgefunden hat und alles Argon konsumiert ist. Auch hier wieder ein Anklang an unser Universum: bei den Robotern wird kurzfristig die Idee entwickelt, den Druck zu verringern, indem Argon entnommen und wieder in Behältern komprimiert wird. Problem dabei: der Kompressor muss ja ebenfalls angetrieben werden. Es gibt also weder hier noch dort ein Perpetuum Mobile (dessen Unmöglichkeit bei uns sofort durch die Entropiesätze folgt).

Unbefriedigend auch hier in dieser Geschichte wieder, dass der Ursprung der Roboter und die Entstehung der Lebensgrundlage, d.h. der Füllung der Druckflaschen, weder vom Erzähler noch in einer Meta-Geschichte verarbeitet wird. Auch das "außerhalb" der Chromkuppel wird zwar angedeutet, aber die Roboter haben keine Motivation, die Kuppel zu durchstoßen, um dort nach Lösungen zu suchen. Auch die Entstehung und Lebensgrundlage der Roboter ist kein Thema: es wird zwar kurz angedeutet, dass gelegentlich Unfälle passieren, aber der Leser erfährt nicht, ob und wie neue Roboter entstehen (nicht, dass ich hier einen Roboter-Porno fordern will ...).

Also auch hier wieder kein "Happy End", sondern die Erkenntnis, dass Roboter auch nur Menschen sind. Dort das Ende des Universums durch Druckausgleich, bei uns durch die Entropie, wenn alles schön gleichmäßig verteilt ist.

Dazu passend noch der Hinweis auf einen sehr schönen Comic von xkcd: wenn Hubble einen Außenspiegel mit der (in den USA obligatorischen) Beschriftung hätte. Über den muss man mal einen Moment lang nachdenken ;).

Und auch der Querverweis zu Sir Terry darf nicht fehlen: In "Thief of time" wird ebenfalls die Blau- und Rotverschiebung beim sehr schnellen Reisen angedeutet ;). Ich verwechsle nur immer, welche Farbe vor und welche hinter dem Reisenden sein muss ;)