18.03.2014

Blackout - Andreas Eschbach - Buchbesprechung

Ich hab mal wieder ein Buch gelesen. Nichts aktuelles, sondern ein bißchen was älteres von Andreas Eschbach - "Blackout", der erste Teil einer Trilogie.

Dem Klappentext nach ein Buch für Jugendliche, aber genau wie die Bücher aus dem "Marsprojekt", über Telekinese und über das Klonen auch sehr gut für Erwachsene lesbar. Das gebundene Buch hat ca. 450 Seiten, und ich habe es an einem Wochenende durchgelesen - dies ist eines der Bücher, die richtig gut "flutschen". Eschbach hat einen sehr lebendigen Sprachstil, die Dialoge klingen realistisch - für einen alten Sack wie mich natürlich. Vermutlich würden die Jugendlichen auch mehr Jugendsprache verwenden, aber darum geht's natürlich nicht ;)

Es ist der erste Teil der Thriller-Trilogie, und es geht darum, dass mehrere Forschungsprojekte es im Geheimen geschafft haben, ein Bio-Interface zu entwickeln, mit dem man Menschen über Mobilfunk miteinander vernetzen kann. Die Forscher in der Geschichte verstehen nach wie vor nicht, wie ein Gehirn genau funktioniert und was welche elektrischen Impulse an bestimmten Orten bedeuten oder hervorrufen, aber sie haben einfach ausprobiert, diese elektrischen Impulse abzugreifen und mit einem bioelektrischen Interface über Funk an derselben Stelle in ein zweites Gehirn einzuspeisen.

Innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich daraus eine Bewegung - die "Upgrader" bilden eine Kollektivintelligenz und planen, den Rest der Menschheit ebenfalls in ihr Netz aufzunehmen. Angedeutet wird in einem Nebensatz auch, dass die verschiedenen Forschergruppen in Konkurrenz stehen, aber das wird (im ersten Teil noch ...?) nicht weiter vertieft.

Die Idee ist nicht neu, man erinnert sich sofort an die Borg bei Star Trek, und auch bei Perry Rhodan gab es schon mehrere Begegnungen mit Kollektivintelligenzen, zum Einen natürlich die Superintelligenzen, die aus einzelnen Bewusstseinen entstanden sind (wie ES), zum Anderen aber auch Lebewesen unterhalb der SI-Stufe, die vernetzt sind, z.B. sehr schön beschrieben in einem PR-Taschenbuch.

Was allerdings im Gegensatz zu den Schilderungen bei Star Trek und PR neu ist, ist die Detailstufe, in der Andreas Eschbach beschreiben kann, wie sich die Vernetzung anfühlt. Als Thriller ist es natürlich entsprechend düster geschrieben und die Vernetzung wird aus Sicht der Außenstehenden als nicht wünschenswert geschildert. Trotzdem liest es sich unglaublich faszinierend, dass die Upgrader sich wie Bewohner der Wikipedia fühlen müssen - sie haben Zugriff auf alles Wissen aller anderen Vernetzten, und das umfasst mittlerweile natürlich alles, was irgendwie eine Schnittstelle zum Internet hat, auch Abhörfunktionen, Appliances usw., was als "Internet der Dinge" auch langsam in der realen Welt Fahrt aufnimmt (intelligente Stromzähler, Kühlschränke, die selbständig nachbestellen, Autos, Autopiloten in Flugzeugen usw.usf.).

Dabei gehen die Upgrader sehr gezielt und unauffällig vor. Die Gewöhnung ("Einschwingen") dauert nach Implantation des Interfaces etwa eine Woche, deshalb wurden bislang keine hochrangigen Politiker aufgenommen, sondern hauptsächlich Entscheider aus der zweiten und dritten Reihe, die man im Urlaub o.ä. "infiziert" hat. Es ist aber natürlich absehbar, wann auch "wichtige" Menschen wie Staatschefs gezielt aufgenommen werden.

Die Hauptperson ist ein genialer Computerhacker mit leicht autistischen Zügen, Christopher Kidd, dessen Eltern in das Netz aufgenommen wurden, und der sie befreien will. Er flieht aus der Zivilisation, als er erkennt, dass zunächst sein Vater und später auch seine Mutter assimiliert wurden, und nimmt Verbindung zu einer Gruppe von ebenfalls in die Natur geflüchteten Wissenschaftlern auf, weil das Netz mittlerweile auch Zugriff auf Überwachungskameras, Banktransaktionen etc. gewonnen hat und Telefongespräche abhören kann, weil ECHELON auch integriert wurde. Der Gruppe, die ihn aufnimmt, gehört auch einer der Entwickler des Bio-Interfaces an und sie planen, gegen die Kohärenz zu kämpfen. "Computer Kid" erhielt von seinem Vater ebenfalls einen Biochip implantiert, aber es scheint, dass der Chip gezielt manipuliert wurde; Kid kann ihn auf Gedankenbefehl abschalten und sich dadurch willentlich aus der Gemeinschaft ausklinken.

Anekdote am Rand: obwohl es ein deutsches Buch eines deutschen Autors ist, enthält es den typischen Übersetzungsfehler vom Englischen ins Deutsche: die Computerchips werden als "Silikon"-Chips bezeichnet, obwohl es natürlich Silizium heißen müsste (im Englischen gibt es "silicon" - Silizium und "silicone" - Silikon, und leider verbiegen es die meisten Übersetzer).

Ich habe bislang nur den ersten Teil gelesen, so dass noch keine großen Erkenntnisse über die "Kohärenz", d.h. die Gesamtheit der vernetzten Gehirne, bekannt sind. Interessant, aber befremdlich ist bislang, dass noch nicht absehbar ist, was das Ziel der Kohärenz ist, wenn alle Menschen aufgenommen wurden - abgesehen natürlich von den üblichen Wünschen wie Weltfrieden, Abrüstung, Umweltschutz und so weiter, was ziemlich plausibel klingt. Andererseits entfällt durch die Vernetzung jede Art von Privatsphäre, und die Upgrader konstatieren, dass es nicht mehr nötig ist, etwas vor den anderen zu verbergen. Ich verstehe auch nicht ganz, woher die Sachlichkeit kommt, mit der alle Entscheidungen der Kohärenz gefällt und durchgeführt werden. Bislang sind die Beschreibungen aller Handlungen absolut zielstrebig und logisch, ähnlich wie Spock oder die Aphiliker bei Perry Rhodan. Ich würde mir eher vorstellen, dass eine Summe von Gehirnen auch Gefühle haben und deshalb nicht alle Handlungen rational wären.

Die Funktionsweise der Kohärenz wird als "Gehirne im Gleichklang" beschrieben. Der Name stammt aus der Lasertechnik - Laserlicht ist so energiereich, weil alle Wellenbündel in derselben Polarisation und Phase schwingen, d.h. alle Wellenberge und -täler treten gleichzeitig und in derselben "Richtung" auf. Nach dem ersten Teil ist (für mich) immer noch völlig offen, ob sich tatsächlich eine Gemeinschaftsintelligenz bildet, die in Summe eine Willensbildung durchführen, oder ob es ein "Mastermind" gibt, das alle anderen beherrscht und die "Richtung" vorgibt.

Wie auch immer sich die Geschichte weiterentwickelt: die Gedankenspiele, die durch diese Idee beim Leser ausgelöst werden, rütteln an den Fundamenten unserer bisherigen Menschlichkeit: die Individualität, das Recht auf Privatsphäre, das Recht auf eigene Entscheidungen, das Recht, nicht von anderen dominiert zu werden, das Recht, eben auch falsche oder wenigstens irrationale Entscheidungen zu treffen. Vielleicht haben die ersten Upgrader tatsächlich bewusst die Entscheidung getroffen, sich zu vernetzen. Aber sie nehmen immer mehr Personen mit Zwang in ihre Gemeinschaft auf, die ihnen "nützlich" erscheinen, ob diese wollen oder nicht. An dieser Stelle kollidieren die rein sachlich erscheinende Entscheidung (aus Sicht der Upgrader) mit den Menschenrechten der zukünftigen Vernetzten.

Auf jeden Fall ist die Schwachstelle der Upgrader natürlich die Mobilfunktechnik und die Abhängigkeit von der Stromversorgung der Basisstationen und natürlich die Netzabdeckung - in einem gigantischen Flächenland wie USA noch eher als z.B. in Deutschland, wo man mittlerweile sogar in Dörfern wie meinem Wohnort LTE mit knapp 10 MBit/s. bekommen kann. Die Chips selbst sind autark und speisen sich aus der Bioelektrizität des menschlichen Körpers. Eschbach versucht das gar nicht weiter zu vertiefen, das ist einfach ein Fakt, ohne dass die Geschichte nicht so gut funktionieren würde.

Sehr unterhaltsam fand ich die Schilderung von verschiedenen kleinen Situationen aus der Sichtweise von zwei Personen: Kid und einer Helferin während der Vorbereitung eines Sabotageakts gegen eine Fabrik, in der die Biochips hergestellt werden, Serenity. Zwischen diesen beiden Jugendlichen wird sich in den Folgebänden möglicherweise etwas anbahnen, wer weiß?

Eine offensichtliche Lösung wäre also, auf jegliche Art von Vernetzung zu verzichten, z.B. "das Internet" abzuschalten, um die Kohärenz zu  bekämpfen. Andererseits fallen die "Netzlosen" oder "Befreiten" in ein tagelanges Koma, was in vielen Fällen sicherlich zu gefährlichen Situationen, Unfällen, etc. führen könnte - und aufgrund der heutigen bestehenden Abhängigkeit vom "Netz" schon kaum machbar erscheint. In der Geschichte sind die Upgrader - noch - eine Untergrundbewegung, von der niemand weiß. Selbst die Gruppe, der sich Kid anschließt, hält seine Geschichte und die Konsequenzen für kaum glaubwürdig.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.