02.05.2022

Zurück zur Kernenergie? - Leserbrief

Die Diskussion um die Energieversorgung in Deutschland hat durch den Ukraine-Konflikt einen neuen Impuls bekommen. Immer mehr Stimmen fordern, Atomkraftwerke nicht abzuschalten, oder wieder in Betrieb zu nehmen oder sogar neu zu bauen. Einer der energischsten Verfechter schreibt dazu Leserbriefe. Auf den ersten davon antwortete ich. Nach einem ersten Widerspruch eines anderen Leserbriefschreibers kam dann als Antwort auf den Einwand "Atommüll" die lapidare Erwiderung "Atommüll haben wir doch schon, da macht ein bisschen mehr auch nichts mehr aus".

[veröffentlicht am 30.04.2022]

In letzter Zeit mehren sich die Rufe, den Atomausstieg rückgängig zu machen oder wenigstens die derzeit noch funktionsfähigen Atomkraftwerke länger als geplant zu betreiben, wie z.B. kürzlich in einem Leserbrief von Hr. F.

Diese Idee hat mehrere gravierende Nachteile:

  1. Kraftwerksbesitzer haben in Hinblick auf den Atomausstieg die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsüberprüfungen verringert oder ganz ausgesetzt. Für eine längere Laufzeit müssen diese Überprüfungen nun nachgeholt werden. Falls dabei Mängel erkannt werden, müssen diese mit hohem finanziellen Aufwand behoben werden.
  2. Kernkraftwerke sind real nicht versicherbar, weil die Schäden unabsehbar sind. Keine Versicherungsgesellschaft schließt mehr neue Haftpflichtversicherungen ab. Es gibt zwar formal den “Atompool”, einen Verbund von Versicherern, aber die Versicherungssumme für einen Schaden beträgt nur 255 Mio €. Höhere Schäden werden bis 2,5 Mrd. € vom Gesamtkonsortium der Mitglieder getragen. Das bedeutet, dass der Staat für alle weiteren Schäden aus Atomunfällen haftet. Dieser “Atompool” bestand vor 10 Jahren noch aus mehr als 30 Mitgliedern, von denen bis jetzt über 20 wieder ausgeschieden sind, weil die Risiken zu groß sind.
  3. Die Besitzer haben Entschädigungszahlungen erhalten, die der Staat zurückfordern müsste.
  4. Europaweit gibt es Vereinbarungen über Einspeisemengen. Falls "zuviel" produziert wird, müssen Anlagen abgeregelt werden, um weniger Strom zu erzeugen. Ältere Kernkraftwerke sind nicht sehr flexibel im "Abregeln" - dies hat hauptsächlich Kostengründe. Deswegen trifft es in der Regel die flexibleren Wind- oder Solarkraftwerke, die ihren Strom dann nicht mehr einspeisen können.
  5. Einer der Hauptlieferanten von Kernbrennstäben ist Russland. Wollen wir uns darauf verlassen?
  6. Die Entsorgung ist nach wie vor nicht geklärt. Es gibt kein Endlager.
Zumindest für den letzten Punkt scheint es aber eine Lösung zu geben: einer der lautesten Schreier nach einer Verlängerung der Laufzeiten ist Markus Söder. Dann wird es sicherlich auch bald einen Standort in Bayern für ein Endlager geben (das wäre natürlich blöd für uns Hessen als unmittelbare Nachbarn). Herr Söder würde sich doch nie die Blöße geben, Kernkraft zu fordern und dennoch ein Endlager in Bayern wegen der Gefahren abzulehnen.

Ein Blick ins Nachbarland Frankreich zeigt, dass die Atomkraft nicht dauerhaft handhabbar ist. Von den 56 Kraftwerken dort sind 26 langfristig (!) außer Betrieb, weil aus Sicherheitsgründen größere Instandsetzungen nötig sind. Netto ist Frankreich ein Stromimporteur, und Deutschland ist im Jahresmittel ein Stromexporteur.

Letztes Wochenende Am letzten April-Wochenende z.B. hat Deutschland nur mit erneuerbaren Energien (!) netto mehr Strom erzeugt als verbraucht (also mehr als 100 %) und konnte den Überschuss gut ins Ausland verkaufen. Eine Kombination von Photovoltaik und Windkraft kann uns langfristig von Öl, Gas und Kernkraft unabhängig machen.

Es ist also sinnvoll, in die sterbende Kernkraft kein gutes Geld mehr zu investieren, sondern dieses Geld in Technologien für erneuerbare Energien zu stecken. Dazu können Subventionen für private Photovoltaik zählen, aber auch Infrastruktur für ein “Smart Grid”, also ein leistungsfähiges Stromnetz, in das man z.B. die Akkus von E-Autos integrieren kann, während sie an einer Ladestation angeschlossen sind. Auch ein Recycling von alten E-Auto-Akkus als Puffer wird schon erforscht.

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