07.10.2022

James Bond - No time to die - Filmkritik

Ich bin seit meiner Schulzeit ein großer James Bond-Fan. Als das Roxy-Kino in Friedberg die gesamte James Bond-Serie brachte (jeden Dienstag für 5 DM), war ich in jedem Film, um sie in der richtigen Reihenfolge zu sehen. Ich kann bei nahezu jedem Film die Dialoge mitsprechen. Ich finde die Mischung aus Spannung, leicht übertriebenen Technikgadgets (ok, unsichtbare Autos waren auch für mich etwas zuviel), Charme und Wortwitz sehr schön.

Zumindest war das der Fall, bis Daniel Craig die Rolle übernahm. Verstehen Sie mich nicht falsch - Daniel Craig ist ein guter Schauspieler. Ich mochte ihn in Tomb Raider, und "Knives Out" ist ein Film, in dem er glänzt, und ich bin auch auf die Fortsetzung im Dezember gespannt. Aber er ist nicht James Bond! Die Rolle passt einfach nicht zu ihm.

Schon Casino Royale war ein krawalliger Actionfilm, aber kein James Bond. Auch wenn die Filme mit Craig als Reboot gedacht waren (Casino Royale ist auch die erste Bondgeschichte von Ian Fleming) und Craig die Entwicklung von Bond darstellen soll, zeigt sich seit dem ersten Film, dass Craig nicht mal im Ansatz den Charakter von Bond spielen kann.

Wegen Corona konnte ich mich nicht überwinden, "No time to die" im Kino zu sehen und habe mir vor kurzem den Film im Heimkino gegönnt. Allein der Zeitabstand zum Kinorelease macht mir im Nachhinein klar, dass ich den Film nur aus Sammelleidenschaft schauen wollte. Doch, wirklich, ich wollte ihn schauen, eben weil ich mich immer noch für einen großen James Bond-Fan halte. Ich hatte keinerlei Erwartungen, und selbst darin hat sich der Film untertroffen.

Die Charaktere bleiben flach und langweilig. Der Film bemüht sich, alte Themen und Personen aufzugreifen, frühere Ereignisse zu erwähnen ("eine Kugel in Ihr Knie. Das gesunde"). Am Ende bleibt es ein Rundumschlag gegen alles, was James Bond und Star Trek ausmachte: am Filmende soll der Status Quo erreicht werden. Keine Hauptperson stirbt, der Bösewicht ist besiegt, vielleicht gibt es eine Andeutung für eine Nachfolge des Oberbösewichts, manchmal stirbt eine nahe Bezugsperson (wie Felix Leiters Frau). In diesem Sinn ist der letzte James Bond mit Daniel Craig Tabula Rasa und zerstört eigentlich alles, was für mich die Seele der Bond-Filme darstellt. In Summe verkrampft sich der Film dabei, möglichst viele Zitate aus früheren Filmen aufzuzählen.

Genau wie bei Doctor Who war es für mich vollkommen schmerzfrei, dass der Darsteller von Bond mehrfach gewechselt hat. Beim Doctor gab es dazu eine Erklärung innerhalb der Serie, bei Bond wurde der Gesichtswechsel gar nicht thematisiert. Auch der Ruhestand von Bond im Alternativ-Bond-Film "Sag niemals nie" ist mit einem Augenzwinkern zu sehen.

Anfang und Ende des Films nehmen starke Anleihen an "Im Geheimdienst ihrer Majestät", in dem Bond heiratet und Blofeld seine Ehefrau auf der Fahrt in die Flitterwochen aus dem fahrenden Auto erschießt. "We have all the time in the world" ist ein großartiges Lied von Louis Armstrong und der Rhythmus passt wunderbar zu dieser deprimierenden Szene. Diese Remineszenz für eine "normale" Autofahrt zu missbrauchen, erscheint merkwürdig. Dasselbe Lied wird am Schluss des Films verwendet, als Madeleine mit dem "anderen" klassischen Bond-Auto Aston Martin V8 Vantage (der DB5 ist eher zerstört) in den Sonnenuntergang fährt.

Der Film ist lang genug veröffentlicht, also nehme ich keine Rücksicht auf Spoiler. Felix Leiter stirbt, Blofeld stirbt, James Bond stirbt. Es gibt einen Maulwurf in den eigenen Reihen, einen verräterischen Wissenschaftler, Verfolgungsjagden mit Auto und Motorrad, aber all das wirkt nur wie Mittel zum Zweck, weil es halt in einem Bond-Film erwartet wird. Mallory droht Bond, weil der angeblich für die "Konkurrenz" CIA aus dem Ruhestand zurückgekehrt ist.

Warum Madeleines Vater ein Auftragskiller ist oder war, warum die Mutter drogensüchtig ist, bleibt im Dunkeln. Die junge Madeleine wird vom Auftragsmörder gerettet, als sie in den vereisten See einbricht, aber was danach mit ihr passiert und weshalb sie "eine Tochter von Spectre" sei, wird nicht erklärt. Wie Blofeld im Gefängnis an ein Hightech-"Bionisches Auge" gelangen konnte, das über Internet Kommunikation ermöglicht, ist enorm unrealistisch. Man sollte doch meinen, dass in einem Hochsicherheitsgefängnis auch Mobilfunkblocker eingesetzt werden, um genau das zu verhindern. Dieser Faux-Pas ist genauso peinlich wie Qs Fehler in "Skyfall", den Laptop Silvas mit einem Netzwerkkabel direkt ans MI6-Netzwerk anzuschließen, was diesem dann die Flucht ermöglicht.

Blofelds Tod durch Bonds Berührung ist fragwürdig. die "verseuchte" Madeleine hat Bond nicht berührt - also werden die Nanobots auch über die Luft übertragen. Der Film stellt es aber so dar, als ob erst die Berührung am Schluss des Verhörs die Nanobots übertragen werden. Die Analogie zu Corona und Aerosolen drängt sich auf.

Die neue weibliche 007 wirkt beim ersten Auftreten arrogant und holt sich Selbstbestätigung aus der Tatsache, dass sie die Nummer 007 bekommen hat. Gegen Ende wirkt sie wie eines der üblichen Bond-Fangirls und gibt sogar die Nummer 007 an ihn zurück.

Am Schluss bleibt: M hat ein geheimes Biowaffenexperiment durchgeführt, um DNA-programmierbare Nanobots zu erschaffen. Auf die Idee, dass die Waffe gestohlen werden könnte, kam er offensichtlich nicht, und das kostet Blofeld, Bond und einer Reihe hochrangiger Spectre-Mitglieder das Leben. Der Wissenschaftler Obruchev kann sich nicht entscheiden, ob er Doppel- oder Dreifachagent ist. Madeleine lügt Bond an, dass Mathilde nicht seine Tochter sei; am Ende ist sie es doch.

Insgesamt ist der Film mit zweieinhalb Stunden viel zu lang geraten und vollgestopft mit Dingen, die gerade nicht Bond ausmachen, aber Daniel Craig als Darsteller konsequent fortsetzen. Insofern ist der Film konsistent mit der Weise, wie Craig Bond in allen seinen bisherigen Filmen darzustellen versucht.

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