Vor längerer Zeit habe ich die Serie "Grimm" im linearen Fernsehen geschaut - mit den üblichen zeitlichen Abständen zwischen den Staffeln, bedingt durch die Verzögerung zwischen amerikanischer und deutscher Ausstrahlung mit Synchronisation, Filmrechten usw. Die Serie hat 6 Staffeln und wurde zum ersten Mal von 2011 bis 2017 in den USA ausgestrahlt. In Deutschland war sie etwa zwei Jahre später zuerst bei VOX zu sehen, und ich erinnere mich, dass ich auf die letzte Staffel ziemlich lange warten musste und sogar Videoclips bei Youtube gesucht habe, weil ich unbedingt erfahren wollte, wie die letzte Staffel endet, nachdem sich der finale Bösewicht in der fünften Staffel schon langsam angekündigt hatte.
Mittlerweile gibt es Serien im Streaming, und durch das "nahtlose" Anschauen macht es viel mehr Spaß, beim Cliffhanger des Serienfinales einfach auf den Knopf zu drücken und die nächste Staffel anzufangen.
Aus irgendwelchen Gründen bekam ich plötzlich kurze Videoclips von "Grimm" bei Facebook angezeigt, und das hat mich so angefixt, dass ich tatsächlich Lust bekam, die ganze Serie am Stück nochmals zu schauen, und zwar auf Englisch und nicht in einer - vermutlich schlechten - deutschen Synchronisation. Nachdem ich bei Wer streamt es nachgeschaut habe, mit welchem meiner Abonnements ich die Serie sehen kann, musste ich feststellen, dass sie zwar bei Amazon im Angebot ist, aber für einen utopischen Kaufpreis von 20 € pro Staffel. Also habe ich mir bei medimops.de die DVDs in "gebraucht" für sehr kleines Geld bestellt (unter 5 €), schaue zum ersten Mal seit Jahren (ungelogen!) wieder DVDs und habe dafür sogar meine uralte PS2 wieder reaktiviert (die PS2 von Sony und nicht von IBM - wer diesen Scherz versteht, ist alt).
Kleine Abschweifung zum Thema DVDs: ich bin echt froh, dass DVDs am Aussterben sind. Liebe Güte, ist das schlimm mit der Werbung und den ganzen rechtlichen Hinweisen, bis es endlich nach mehreren Minuten (ungelogen!) zum Hauptmenü geht und ich mir die Episoden aussuchen kann. Was allerdings ganz nett ist bei vielen DVDs: es gibt Extras wie "Gag reels" (lustige Patzer beim Drehen), "deleted scenes", die es nicht in die Episode geschafft haben, Interviews, "Behind the scenes" oder ähnliches. Diese Bonus-Features finde ich bei den Streamingdiensten nicht oder extrem selten. Aber diese Kleinigkeiten wiegen bei weitem den Nerv-Faktor nicht auf, wie unhandlich es ist, die DVD zu starten und den lästigen Kram vorneweg zu ertragen. Umgekehrt erfährt man z.B. bei Service-Seiten wie wunschliste.de auch über zusätzliche Episoden, Sonderfolgen, Auftritte bei Cons oder andere Gimmicks wie etwa Webisoden, d.h. kurze Clips, die über Websites wie youtube frei veröffentlicht wurden.
Ich habe es genossen, die Serie nochmals im Original zu schauen, aber mit einem großen "ABER" sowohl inhaltlich als auch sprachlich als auch beim zugrunde liegenden Konzept. Die Serie nimmt als hauptsächliches Fantasy-Element die "Wesen", die in menschlicher Form ein genauso normales Leben führen wie alle anderen Menschen, sich aber in bestimmten Situationen verwandeln können in ein hybrides Lebewesen, das an eine bestimmten Tierart angelehnt ist, z.B. Bienen, Mäuse, Echsen, Nashörner, Füchse, Hunde, Kojoten, Schakale, Schlangen uvm., es gibt aber aber auch Fantasiewesen mit teils parapsychischen Fähigkeiten, um z.B. Erinnerungen ihrer Opfer zu extrahieren.
In der hybriden Form leben viele der Wesen ihre tierische Natur aus, und das durchaus auch in brutaler und blutiger Form, was zur Krimi-Handlung von Grimm beiträgt, denn Morde und andere Verbrechen mit Beteiligung von Wesen sind der wesentliche Handlungsträger der Serie. Diese Entmenschlichung von intelligenten Lebewesen stößt mir sehr unangenehm auf - ebenfalls in den späteren Staffeln die Strömung der Wesen, die auf "Blutreinheit" Wert legen und dazu auch drastisch und brutal z.B. versuchen, die Hochzeit zwischen Blutbad und Fuchsbau zu verhindern.
Dramaturgische Tricks sind in den ersten Staffeln die Tatsache, dass nur der Grimm Nick Burkhardt über die Wesen Bescheid weiß. Er erfährt dies durch seine Tante, die ihn aufgezogen hat, nachdem seine Eltern bei einem Autounfall verstorben sind. Sie sucht ihn auf, im Endstadium einer tödlichen Krebserkrankung, und übergibt ihm einen Wohnanhänger, gefüllt mit Dokumenten, Waffen und alchemistischen Gadgets, die praktischerweise immer zur Lösung des Problems der Woche beitragen.
Im Verlauf der Serie erfahren mehr seiner Kollegen und auch seine Freundin Juliette über die Wesen. Etwas ermüdend sind die üblichen Serienprobleme, mit denen ich eigentlich in allen Serien hadere: die Charaktere tauschen nicht alle Informationen aus, die sie solo erhalten. So erfährt Nicks Mutter von einem Hexenbiest die Information, dass ein "Prinz" der royalen Familie aus Europa sich in Portland aufhält, der zudem ein "Bastard" sei (ein uneheliches Kind). Sie vermeidet es aber, dies ihrem Sohn mitzuteilen - was ihm helfen könnte, sich über seinen Chef, Captain Renard, klar zu werden, der erst in der zweiten Staffel offenbart, dass er ein "Zauberbiest" ist - die männliche Variante eines Hexenbiests, unehelicher Sohn eines Royals mit einer Hexenbiest-Mätresse. Auch in späteren Staffeln dauert es mehrere Folgen, bis alle wichtigen Informationen durch das komplette Team durchkommuniziert sind.
Renard intrigiert mit dem Hexenbiest Adalind Schade, um den Grimm für sich arbeiten zu lassen. Dabei handelt er auch gegen die Interessen der royalen Familie, die aus Deutschland und Frankreich versucht, Einfluss auf die amerikanische Sphäre zu nehmen. Dazu schicken sie diverse Agenten, u.a. "Reaper" (Sensenmänner) oder andere gefährliche Wesen, die versuchen sollen, den Grimm zu beseitigen - aber natürlich alle scheitern.
Unrealistisch wird, dass Nick schon in der ersten Staffel, besonders auffällig aber auch in der zweiten, enorm gute Martial Arts Fähigkeiten hat, was mit seinem Lebenslauf als Halbwaise und Polizist nicht wirklich erklärt wird. Später wird dann spekuliert, dass dies mit seinem Grimm-Status zusammenhängt - er kann z.B. auch sehr lang unter Wasser bleiben, ist stärker und hat mehr Ausdauer.
Weiter oben habe ich schon angedeutet, dass ich nahezu immer Filme und Serien im englischen Original schaue. Bei "Grimm" fällt es mir schwer, dafür eine Empfehlung auszusprechen. Natürlich ist es schöner, die originalen Stimmen der Schauspieler zu hören und auch die Wortspiele, von denen es tatsächlich reichlich gibt - insbesondere Seargant Wu ist hier großartig als Nebendarsteller. Als Verfechter von korrekter Grammatik und Aussprache schmerzt mich immer mehr, wie schlecht in dieser Serie mit der deutschen Sprache umgegangen wird.
Nicht nur, dass die Serie auf den deutschen Sagen und Märchen basiert, die die Gebrüder Grimm auf ihren Reisen gesammelt haben, sondern auch, dass viele Begriffe in der Serie aus deutschen Wörtern zusammengesetzt sind. Dabei haben die Produzenten aber offensichtlich auf einen Ratgeber verzichtet, der die Sprache auch tatsächlich beherrscht. Viele Bezeichnungen für Wesen sind quasi als Einzelteile aus dem Wörterbuch gekidnappt worden und ohne Rücksicht auf die Regeln der deutschen Sprache für zusammengesetzte Wörter brutal aneinander gezwungen worden, z.B. in Konstruktionen wie "Konigschlange" (ohne Fugen-s, ohne Umlaut) oder "Skalengeck" für ein schlangenähnliches Wesen ("scales" sind in Englisch die Schuppen, "geck" wie "Gecko").
In der deutschen Synchronisation wurden viele dieser Vergehen sanft korrigiert, z.B. ist Monroes Freundin Rosalee kein "Fuchsbau" (englisch), sondern ein "Fuchsteufel", was natürlich semantisch viel sinniger ist - wer nennt schon ein Lebewesen nach einem Ort. Allein schon die Bezeichnung als "Wesen" und die Aussprache ist grässlich und zieht sich durch alle Episoden - im englischen Original sind es "Wässn", und der Schauspieler von "Monroe" erklärt sogar in einem kurzen Interview in einem DVD-Extra, die Bezeichnung käme vom "Wesen", also dem Charakter einer Person. Ich hingegen tendiere zu der Interpretation, dass ein "Wesen" hier ein "Lebewesen" meint.
Dabei habe ich mich auch noch gar nicht darüber ausgelassen, wie schlimm die Aussprache von deutschen Wörtern oder ganzen Sätzen ist - hier hätte die Serie beim Drehen wirklich einen Ratgeber gebraucht, der bei den Schauspielern für die richtige Aussprache sorgt. Monroe spricht noch - relativ gesehen - am besten, bei allen anderen Schauspielern kräuseln sich mir die Fußnägel, wenn z.B. der Begriff "Gallenblase" als "Gallenbläis" ausgesprochen wird (als Ingredienz für einen Zaubertrank) oder Adalind auf (versuchtem) Deutsch mit ihrer Gynäkologin spricht. In zwei Episoden, die im deutschen Schwarzwald spielen, gibt es immerhin einige Schauspieler, die passabel deutsch aussprechen können. In der finalen Staffel wird - sehr kurz - eine mittelalterliche Parallelwelt eingeführt, in der Wesen sich nicht verwandeln und dafür Menschen nur eine mindere Rolle spielen. Auch hier wird deutsch gesprochen, die Statisten sind hier einigermaßen fließend unterwegs, wenn es auch nicht besonders viele Dialoge gibt, da Nick und Eve kein Deutsch sprechen.
Was ich immer wieder nett finde, sind die Gastauftritte von Schauspielern, die man aus anderen Serien kennt, z.B. Claudia Christian (Susan Ivanova aus Babylon 5), Mark Pellegrino (Luzifer aus Supernatural) oder Danielle Panabaker (Killer Frost aus Flash).
Insgesamt ist die Serie trotz der genannten Schwächen die Zeit zum Anschauen wert. Die Idee mit den "Wesen", die unter uns leben und entweder versuchen, sich in die "normale" Welt einzupassen oder versuchen, mit ihren besonderen Fähigkeiten ihres tierischen Alter Egos Vorteile zu erlangen, ist spannend umgesetzt. Dabei verschwimmen die Grenzen von Zauberei und Biologie - manche der Wesen sind magisch begabt, die Mehrzahl versucht einfach nur, mit ihren Besonderheiten ein normales Leben zu führen, ohne aufzufallen. Allerdings darf man an die biologischen Eigenschaften der Wesen nicht mit naturwissenschaftlicher Neugier herangehen. In einer Folge modifiziert eine Biologin die DNS ihres Sohnes, so dass er sowohl Schlange als auch Lowe (auch hier ohne Umlaut) ist. Da es in der Serie enorm viele Wesen gibt, müsste eigentlich dieser Unterschied in der DNS bei den üblichen Gentests längst aufgefallen sein.
Aus Helikoptersicht leidet die Serie daran, dass zuviele Erzählstränge begonnen oder angedeutet werden, aber nicht zu Ende erzählt werden, oder dann später einfach überhastet in zu wenig Episoden abgehandelt werden. Entgegen meiner damaligen Einschätzung von vor zehn Jahren gibt es eine gute Continuity, d.h. die Folgen und die Staffeln bauen glaubwürdig aufeinander auf, ähnlich wie Supernatural. Es gibt eine "große" Rahmenhandlung, wenn auch - wie oben gesagt - einiges wie z.B. die drei Münzen fallen gelassen wird. Insbesondere gibt es sehr viele Rückblicke in Form von kurzen Schnitten, in denen die frühere Szene in Schwarzweiß nochmals eingeblendet wird. Das hat die Schnitttechnik sehr harmonisch hinbekommen. Man erkennt, dass die Drehbuchautoren noch viele Ideen hatten und viele Andeutungen angelegt haben, die dann aber leider aufgrund der schlechten Zuschauerquoten nicht mehr verwirklicht werden konnten.
Generell spannend und typisch, leider auch oft nervig, für das TV-Drama-Genre finde ich die kognitive Dissonanz, dass der Bösewicht etwas Böses tut, sich dann darüber ärgert, dass die Guten ihn (oder sie) bekämpfen, und nach der Niederlage "Rache" üben will für seine/ihre Niederlage.
Bestes Beispiel dafür: das Hexenbiest Adalind intrigiert in der ersten Staffel fleißig, und als sie nach einem Gerangel mit dem Grimm, bei dem sie ihn verletzt und durch sein Blut ihre Kräfte verliert, auf Rache sinnt, kommt rein zufällig von einem der Royals die Idee auf, dass der Grimm ebenfalls seine Kräfte verlieren soll. Die zweite Staffel handelt davon, dass sie ihre Kräfte zurück erhalten will, und in der dritten Staffel bereitet sie von langer Hand vor, dass Nick ihr Opfer wird und seine Kräfte verliert. In der vierten Staffel erhält er sie zurück, und in später Konsequenz bringt seine Freundin Juliette das Opfer, indem sie sich in ein Hexenbiest verwandelt und dann - vermeintlich - erschossen wird.
Auch die fünfte Staffel greift viele Themen der früheren vier auf und setzt sie schlüssig fort. Dabei wird z.B. mit dem "Wesenrat" (council) Tabula Rasa gemacht, als der Aufstand der Wesen beginnt. Die Kriminalfälle entpuppen sich als Terroranschläge von "Black Claw" (Schwarzkralle), die aus dem Verborgenen heraustreten wollen.
Leider ist die finale sechste Staffel sehr kurz geraten (13 Episoden statt der üblichen 22 bis 23 pro Saison). Der Krieg gegen Black Claw wird von Trouble in einem Nebensatz abgehandelt ("the war is over"), und der mehrjährige Aufbau des Geheimnisses mit den sieben Schlüsseln und dem Artefakt im Schwarzwald wird mit drei Folgen spannend, aber zu kurz abgeschlossen.
Die letzte Staffel enthält eine der besten Folgen in Hinblick auf Konzept und Umsetzung: "Gevatter Tod" - was bei mir als Fan natürlich sofort Assoziationen zum "Reaperman" von Sir Terry Pratchett auslöst. Es gibt auch alte Wesen, die, genau wie Menschen, Alzheimer und Demenz bekommen können. Dann haben sie ihre Wandlungsfähigkeit und ihr inneres Wesen nicht unter Kontrolle. Für Fälle, in denen das Geheimnis der Wesen offenbart werden könnte oder andere in Gefahr geraten könnten, gibt es eine Art freiwillige Euthanasie durch den "Gevatter Tod". Man kann über die Moralität dieses Konzepts diskutieren, aber die Lösung und vor allem die filmische Umsetzung in dieser Episode ist großartig gelungen.
Fazit: eine rundum empfehlenswerte Serie. Es gibt eigentlich keine schlechten Episoden, die Geschichte und die Hintergründe sind in sich einigermaßen schlüssig, die Schauspieler sind alle gut, die Nebencharaktere sind ausreichend mit eigenem Hintergrund und einer B-Handlung versorgt, und bis auf die genannten Ausreißer mit der deutschen Sprache (falls man die Originalsprache schaut) sind die Dialoge akzeptabel.