12.11.2013

Leserbrief zum Leserbrief "Ideologie in der Energiewende" - WZ 05.11.13

Letzte Woche war mal wieder ein Leserbrief von einem emeritierten Professor für industriellen Ofenbau (THM Mittelhessen) in der WZ.

In diesem Leserbrief wirft er einem anderen Leserbriefschreiber vor, dass dieser die Energiewende als Ideologie betrachte und deshalb nicht realistisch sei.

Außerdem behauptete der Herr Professor, dass (a) das Öl mindestens bis 2050 reicht, dass es (b) möglich ist, Atomkraftwerke zu bauen, bei denen eine Kernschmelze physikalisch unmöglich ist, und dass (c) die "Transmutation" in industriellem Maßstab in der Lage ist, Atommüll in ungefährliche Stoffe umzuwandeln.

Das fand ich in Summe so abstrus, dass ich das kommentieren musste.

Leserbrief zum Leserbrief "Ideologische Energiewende" WZ 05.11.2013

Herr L., ich verfolge seit einiger Zeit Ihren Kreuzzug gegen alles, was nicht mit Feuer und Flamme arbeitet oder Atomkerne kaputtmacht.

Sie versuchen sich und uns damit zu beruhigen, dass die Ölvorräte doch geschätzt immerhin bis 2050 reichen. Nun gut, mag sein, dass Ihnen das nicht beunruhigend vorkommt, Sie sind emeritierter Professor, und die Zeit nach 2050 kann Ihnen ziemlich egal sein.

Ich hingegen bin ein paar Jährchen jünger, und ich halte es für wenig ratsam, das kostbare Erdöl einfach zu verbrennen, bis keins mehr da ist. Es gibt viel bessere Anwendungsmöglichkeiten dafür, und ich hoffe ernsthaft, dass der Lobbyismus in Zukunft nicht mehr dafür sorgt, dass die Auto-Industrie unliebsame, weil strenge, Abgasgrenzwerte von der Kanzlerin in Brüssel torpedieren oder verzögern lässt.

Alchimistische Begriffe wie "Transmutation" und die Behauptung, dass man Atomkraftwerke bauen kann, die eine Kernschmelze unmöglich machen, finde ich sehr fragwürdig.

Selbst wenn Sie behaupten, dass es möglich ist, 100 % sichere Atomkraftwerke zu bauen (was physikalisch unmöglich ist), bleiben uns nach der aktiven Zeit Bauruinen übrig, die noch jahrzehntausendelang hoch radioaktiv sind. Und nicht nur das: die meisten radioaktiven Brennstoffe sind auch chemisch höchst giftig - schon millionstel Gramm Plutonium oder Polonium töten, wie man an Arafat und Litwinenko gesehen hat. Sind Sie sicher, dass niemals etwas von diesen Stoffen freigesetzt wird?

Auch wenn es immer wieder Verharmloser gibt, die die globalen Veränderungen alles als Folge der naturgegebenen Klimawechsel darstellen wollen, sind sich 99 % aller Klimaexperten und Wissenschaftler aus benachbarten Fachgebieten einig, dass die fortgesetzte Verfeuerung von fossilen Brennstoffen keine gute Idee ist.

Sogar die WZ berichtet am 06. November, dass rund 100 Zuhörer zu einem Vortrag von Jürg Luterbacher ins Ober-Mockstädter Bürgerhaus kamen. Herr Luterbacher ist Professor am Geografischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen, wie die WZ berichtet. Das Fazit seines Vortrags lässt sich so zusammenfassen: ja, es gibt den Klimawandel, vermutlich sind es nicht nur, aber hauptsächlich, menschgemachte Faktoren, die das Ausmaß dieses Klimawandels bestimmen, und dieses Ausmaß ist objektiv zu groß.

Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben, aber denken Sie daran: wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen, und wir sollten sie so übergeben, dass auch unsere Kinder noch eine lebenswerte Welt vorfinden - auch nach 2050. Immerhin haben wir keine andere.

Einen Lesetipp habe ich noch am Schluss: das Buch "Ausgebrannt" von Andreas Eschbach behandelt als Thriller das fiktive, aber nicht mehr unwahrscheinliche Thema "Was wäre, wenn die Ölfelder im Nahen Osten versiegen". Es ist sehr gut recherchiert und spannend geschrieben (längere Buchbesprechung online in meinem Blog).