05.04.2013

Vater-Tochter-Tag

Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll mit diesem Bericht. Soll ich über Justin Bieber ablästern oder mich über das kalte Wetter aufregen?

Ne, ganz anders! Ich hatte unglaubliche Lust auf ein Justin-Bieber-Konzert, und damit es für mich nicht so peinlich aussieht, hab ich meine Tochter (=Kind 1) gezwungen, mitzukommen! Ha, das ist eine gute Geschichte. So machen wir's!

Wie auch immer ... aus Gründen musste ich kurzfristig als erwachsene Begleitperson mit meiner Tochter auf ein Konzert von Justin Bieber in Frankfurt mitkommen. Ich gebe ganz offen zu, dass ich gänzlich unbegeistert war. Zumal ich von anderen Konzerten wusste, dass man sehr früh anstehen muss.

Das Konzert sollte um 18.30 beginnen (mit Vorgruppe). Meine Tochter wollte so früh wie möglich nach Frankfurt, allerdings nicht gleich zur offiziell erlaubten Uhrzeit von 2.00 in der Früh. Puh, nochmal Schwein gehabt ;). Da es sehr kurzfristig kam, hatte ich trotzdem großes Glück, dass ich mit Gleitzeit flexibel frühen Feierabend machen konnte. Wir sind dann um 12.45 von daheim losgefahren und sind mit einem Regionalexpress bequem von Friedberg aus zur Festhalle an der Messe gefahren (RMV im Kartenpreis mit drin, also muss das auch ausgenutzt werden). Als wir ankamen, war der Vorplatz schon gut gefüllt. Viele Besucher hatten Decken u.ä. mit, die waren wohl schon deutlich früher angekommen.

Die Konzertkarten waren das letztjährige Geburtstagsgeschenk für unsere Tochter, und damit es auch 'was Besonderes wird, hat meine Frau Karten im "Golden Circle" ausgesucht, d.h. besonders weit vorn. Dazu später noch mehr ...

Wenig verwunderlich waren die meisten Besucher kleine Mädchen (Tschuldigung, ich darf das aber sagen mit 45 ;) ), und ein paar wenige Jungs mit nachgemachter Justin-Bieber-Frisur (sowohl alt als auch neu ...), und alle paar Minuten gingen Aufschreie durch die wartende Menge, wenn sich jemand eingebildet hat, dass gerade das Idol irgendwo hinter einem der Fenster des Halleneingangs zu sehen war. Der Vorplatz der Festhalle war mit Barrieren aufgeteilt in die verschiedenen Preisklassen (Diamond Circle, Golden Circle, ...). Es gab Gedränge, aber es war erträglich. Ich hatte zum Glück ein Buch mitgebracht und während der Wartezeit bin ich  fast 150 Seiten weitergekommen in Terry Pratchetts "Night Watch" (dazu schreib ich auch noch mal eine Buchkritik. Wird Zeit nach dem fünften Lesen oder so).

Gegen 17.00 Uhr hatte ich langsam doch kalte Füße, dann begann zum Glück schon ;) der Einlass. Recht gut organisiert; zuerst die Besucher mit den besten Karten (Diamond), dann kamen wir an die Reihe (Gold). Es gab keine Taschenkontrollen, ich hätte also nicht mein Taschenmesser zuhause lassen müssen (vorletztes Jahr bei Bryan Adams auf dem Hessentag musste ich mein klitzekleines Taschenmesser leider abgeben, weil ich dusslich war und es noch in der Tasche hatte). Handys, Flaschen usw. mussten auch nicht abgegeben werden, ich habe nur gesehen, dass ein CamCorder aussortiert wurde.

In der Festhalle gab es Getränkestände (3,70 Euro für einen Becher Wasser), und am Anfang war auch das Gedränge in der Halle erträglich. Hinter uns waren auch Barrieren aufgebaut, allerdings mit Durchgängen zu den Ständen. Nachdem wir einen Platz gefunden hatten, kamen plötzlich die restlichen Besucher dazugedrängelt, es gab einen heftigen Ruck und Geschubse nach vorn, und die Ordner mussten schon die ersten Mädchen nach vorn herausziehen und zu den Sanis bringen. Das hat mich doch sehr gewundert. Die Anschaffung der Karten mit "Gold"- oder "Diamond"-Status war also offensichtlich sinnlos, weil auch die "normalen" Karten Zugang zum gesamten Innenraum hatten. Wer genug gedrängelt hat, konnte also locker genauso ganz nach vorn kommen. Schlecht organisiert oder wenigstens schlecht umgesetzt. Schade um's Geld. Wenige Minuten später stellte meine Tochter trocken fest, dass die Sitzplatzkarten im Rang (d.h. auf den Balkonen über dem Innenraum der Festhalle) wohl doch die bessere Entscheidung gewesen wären. Sie trug dünne Chucks (brrr!) und ihr taten wohl recht schnell die Füße vom langen Stehen weh.

Hinter mir war eine extrem nervige englischsprachige Familie, Mutter mit zwei Töchtern. Tochter mit Basecap war dick mit Steppjacke angezogen, links und rechts bei Freundinnen eingehakt und hat lang und ausdauern herumgejammert "I can't breathe ... I can't breathe". Vor ihr war allerdings ein ganzer Meter Platz, und sie hatte auch viel Luft, um zu jammern, dass sie keine Luft hat. Schrecklich nervig und hatte eine gewisse Ironie. Im Zuge des weiteren Gedrängels wurden sie allerdings von mir wegbewegt. Was ein Glück. Ich konnte mich allerdings nicht zurückhalten und hab sie gefragt, woher sie die Luft nimmt, dauernd "I can't breathe" zu jammern. Das fand sie doof und hat sich bei ihrer Mutter darüber beschwert, wie unhöflich doch alle Deutschen wären ;), sie wäre doch ganz freundlich zu mir gewesen.

Die Vorgruppe "Neon Dogs" hat halbwegs erträglichen Deutschrock gespielt, insgesamt waren das sechs oder sieben Lieder. Die Art von Hardrock, die man auf Abi-Partys gern spielt. Die waren dann gegen 19.00 Uhr fertig und der Sänger hat dann noch ganz freundlich "Viel Spaß mit Justin Bieber" gewünscht.

Bis das eigentliche Konzert anfing, wurde es allerdings 20.45 Uhr. Dann gab es eine Flutlichtexplosion und auf der Videoleinwand wurde ein Zehn-Minuten-Countdown eingeblendet. Bei Erreichen jeder vollen Minute gab es Gekreische. Bis zu dieser Uhrzeit mussten die Ordner allerdings in regelmäßigen Abständen Mädchen vorn an der Absperrung herausziehen. Ich hab nicht mitgezählt, aber nach meiner Schätzung sind von 18.00 bis 21.00 Uhr locker allein auf unserer Seite des Laufstegs deutlich über 50 Mädchen zu den Sanis gebracht worden. Das hätte sich sicherlich entspannt und wäre im Sinne des deutlich minderjährigen Publikums gewesen, wenn Justin Bieber nicht diese extrem lange Wartezeit hätte verstreichen lassen. Um 20.30 Uhr sah meine Tochter sogar, dass er noch Twitter-Nachrichten verschickt und hat ihm geantwortet "put your mobile away and get on stage". Ob's was geholfen hat? Bei früheren Auftritten hat er sein Publikum auch warten lassen. Dann muss man auch das Konzert nicht um 18.00 Uhr beginnen lassen, wenn der Sänger dann doch erst um 21.00 Uhr anfängt und das Konzert bis 22.30 dauert (länger war es nicht).

Nu ja, dann fing es halt doch an. Die Tonqualität fand ich extrem schlecht, die Bässe waren zu laut und übersteuert, und das dünne Stimmchen war zu leise eingestellt im Vergleich zum Rest der Instrumente. Ich war froh, dass ich Ohrenstöpsel dabei hatte, und zu meiner Überraschung hat sich meine Tochter freiwillig ebenfalls Stöpsel in die Ohren gesteckt. Zu hören war trotzdem noch genug ;)

Die Show hatte hohen Unterhaltungswert, abgesehen von der Musik hab ich mich blendend unterhalten. Die Videowände, die Pyrotechnik und die Hebebühne haben zusammen mit je 5 weiblichen und männlichen Tänzern eine tolle Choreographie abgeliefert. Der Anfang war ziemlich kitschig mit den riesigen Flügeln. Der Übergang - Flug nach links und rechts - zwischen den diversen Videowänden war nichtsdestotrotz cool gemacht. Später gab es ebenfalls noch einen sehr schönen Übergang zwischen Bühne und Videowand: auf dem Zwischenbalkon vor der Band gab es jede Menge Trockeneis-Nebel; er ließ sich fallen und verschwand im Nebel, das Licht ging aus, und auf der Videowand direkt darunter sah man ihn ins Wasser fallen. Dann gingen alle Videowände an, und Sänger mitsamt kompletter Tanzgruppe war unter Wasser zu sehen. Sehr schön gemacht!

Das ganze Konzert war eine voll durchkomponierte Show, die Zugabe von zwei Liedern war ebenfalls vorher einkalkuliert (auf der Videowand ein Anheizer, der sich über die Handyvideos lustig macht, zum "get a life" aufruft und dazu, lauter zu schreien, damit Justin wieder auf die Bühne kommt), und nach der einzigen Zugabe war plötzlich Schluss. Man merkt deutlich, dass die ganze Show voll durchgeplant ist und die Musiker ihr Programm abziehen. Keine Spontaneität, sogar das hübsche Mädchen aus dem Publikum für "one less lonely girl" wurde vermutlich vorher schon ausgesucht. Geld verdienen als Devise; das merkt man auch an den Eintrittspreisen. Mag sein, dass der Aufwand für die Show auch extrem hoch ist (angeblich 300 Lkws mit Material), aber der Preis war eigentlich schon jenseits meiner Schmerzgrenze, und es war nur den Dackelaugen von Tochter und Frau geschuldet, dass wir die Karten gekauft haben (noch dazu mussten es ja zwei sein, weil Kind 1 erst 12 Jahre alt ist und eine erwachsene Begleitperson benötigt).


Was ich total erstaunlich fand, war die Duldung der Handyaufnahmen. Andererseits: jeder hat ein Handy oder Smartphone oder Minikamera dabei; es wäre unmöglich, das alles auszusortieren. Die Verbreitung von hochpreisigen Geräten wie iPhone, S3, xperia u.ä. bei den Jugendlichen hat mich durchaus verblüfft. So'n Ding bekommt man nicht gerade für'n Apple und 'n Ei (haha, der musste jetzt sein).



Meine Tochter hatte natürlich schon auf dem Vorplatz den Akku leergespielt, und der Reserveakku (gute Anschaffung, wenn man ein Smartphone hat!) konnte das kaum schnell genug nachladen, zumal im Gehopse immer mal das Kabel gewackelt hat. So musste ich dann auch ein paar Fotos machen als Erinnerung ;). Erstaunlich, wie robust so ein Smartphone ist, es hält sogar Bilder von Justin Bieber aus.

Auf dem Rückweg zur S-Bahn hab ich dann doch gemerkt, dass ich Rücken habe ;). Ich konnte mich kaum hinsetzen, nur ganz, ganz langsam ...

Was für ein Abenteuer! Muss man einfach mal erlebt haben als Papa.


Update [08.04.]:
Das scheint Methode zu sein mit der Verspätung. Einen Tag später ließ Justin Bieber das Konzert erst um 22.00 Uhr anfangen, da warteten viele Eltern schon wieder vor der Halle zum Abholen.
Und am Wochenende las mir meine Tochter vor, dass es einem Fan "peinlich" sei und er sich schäme, weil Justin Bieber ja aufgrund der massiven Beschwerden jetzt Deutschland hassen würde.
Ich sehe das eher umgekehrt: ein Star wird durch seine Fans zum Star. Wenn er seine Fans arrogant behandelt, verdient er keinen Respekt. Und wer nicht mit der Wahrheit umgehen kann, sollte aufhören, in der Zeitung Berichte über sich zu lesen. Das ist ungefähr genauso, wie sich selbst zu googeln ;)