28.04.2013

Die Internet-Bremse Telekom

Seit einigen Tagen tobt es in der Netzwelt über die Mitteilung, dass die Telekom eine Tempobremse bei DSL-Anschlüssen einführen will. Als Mobilfunknutzer ist man solche Klauseln im Vertrag ja schon gewöhnt und nimmt sie üblicherweise auch hin. Hier hat sich herumgesprochen, dass man für sein Geld nur eine bestimmte Datenmenge mit normaler Geschwindigkeit bekommt (UMTS oder dessen schnellere Varianten HSDPA, HSUPA oder HSPA+). Die Kunden sind schon glücklich, dass sie auch nach Aufbrauchen dieser Datenmenge weiterhin - zwar gedrosselt - ihr Smartphone benutzen können, aber immerhin, ohne dass weitere Kosten für die Internetnutzung anfallen.

Diese Drosselung soll jetzt auch im kabelgebundenen DSL-Netz der Telekom eingeführt werden. Im Gespräch sind derzeit 75 Gigabyte pro Monat, weil ja angeblich der durchschnittliche Nutzer im Monat nur 15 bis 20 Gigabyte verbraucht. Eine einfache Rechnung zeigt, wie massiv der Kunde dadurch wirklich beeinträchtigt wird.

Bei angenommenen 6 MBit/s. kann man überschlägig pro Tag ca. 40 Gigabyte und in 30 Tagen ca. 1200 Gigabyte Daten abrufen und senden. Bei einer Drosselung nach 75 Gigabyte hat man die volle Geschwindigkeit nur 6% der Zeit pro Monat zur Verfügung, in Zahlen: einen Tag und 21 Stunden lang. Zur Erinnerung: ein Film bei Google Play, Lovefilm oder anderen Internet-Verleihern schlägt in HD-Qualität mit ca. 10 Gigabyte zu Buche. Nach 7 Filmen ist also Schluss. Da müssten doch alle Couch-Potatoes Sturm laufen! ;)

Mein eigener LTE-Anschluss leistet manchmal 1400 KB/s. Das wären dann pro Tag schon bis zu 115 Gigabyte. Ich hätte rechnerisch nur 2% des Monats die volle Geschwindigkeit, genauer: nach 14 Stunden und 52 Minuten (62% eines einzigen Tages) wäre der Traum vom schnellen Internet für den Rest des Monats ausgeträumt.

Spiele herunterladen kann schon mal 15 bis 30 Gigabyte verbrauchen. Eine Software für meine Tochter, die ich gekauft habe, verbrauchte auch mal eben 2 Gigabyte meines Download-Volumens.

In der "Frankfurter Rundschau" gab es dazu gestern einen Leitartikel (keine Verlinkung, zum Einen ist dieser Artikel nicht online, und zum Anderen wegen #LSR, Sie wissen schon) von Frank-Thomas Wenzel. Da er nicht online zu finden ist, fasse ich mal kurz zusammen: Er fand das im Prinzip gar nicht so schlimm, weil ja "der Netzausbau viel Geld koste". Das einzige Problematische für ihn war, dass dann eine Trennung im Entertain-Paket zwischen Entertain-TV (das bedeutet für ihn nur Live-Streaming) und Konservenfilmen gemacht werden müsste wegen der Fairness. Das war das einzige Kriterium, damit für ihn weiterhin die nötige Netzneutralität gegeben sei.

Das Kostenargument für den Datentransport lasse ich nicht gelten: der Transport kostet derzeit ca. 0,26 Cent pro Gigabyte. Wie sagt der Amerikaner so schön? "You do the math!".

Das sehe ich massiv anders, und wenn ich eine Meinung habe, dann sage ich die auch und schreibe Leserbriefe. Kennt man ja schon hier aus dem Blog ;)

Vielleicht vorneweg noch ein paar interessante Zahlen:


 Auf einer Rangliste des durchschnittlichen Netzausbaus ist Deutschland mit im Schnitt weniger als 6 MBit/s. deutlich auf den hinteren Plätzen. Auf einer Rangliste, die den Glasfaser-Ausbau zeigt, ist Deutschland gar nicht erst enthalten, es gibt weniger als 1% Glasfaser-Anschlüsse in Deutschland. Nur England ist in diesen Ranglisten noch schlechter als Deutschland, Länder wie Litauen und Schweden haben das Land der Dichter, Denker, Ingenieure und Erfinder schon längst abgehängt.

Hier sind meine Gedanken zum Thema DSL-Drosselung und Netzneutralität:

Leserbrief zu „Schwarzer Bildschirm“ von Hr. Wenzel, FR vom Sa. 27.04.2013
Lieber Herr Wenzel,
Ihr Leitartikel zur DSL-Drosselung der Telekom geht so weit an der Wahrheit vorbei, dass die Telekom sich sicherlich in Kürze bei Ihnen bedanken dürfte für die Fürsprache.
Leider ist das grundsätzliche Problem nicht, wie Sie kolportieren, der hohe Preis des Netzausbaus. Im Gegenteil ist es so, dass sich die Preise für das transportierte Gigabyte im sogenannten „Backbone“, dem Herzstück des Datenaustauschs, im freien Fall befinden. Das, was richtig teuer ist, ist hingegen der Ausbau der letzten Meile auf eine menschenwürdige Geschwindigkeit (Tschuldigung, das klingt pathetisch, ist aber mein Ernst). Und diese „letzte Meile“ benötigt jeder, ob er nun ein „Heavy User“ ist oder Lieschen Müller. Um den Ausbau der letzten Meile drücken sich aber wiederum alle Telekom-Unternehmen, weil hier genau wie im Backbone kein Geld mehr zu verdienen ist.

Spannenderweise bietet die Telekom in Österreich eine „echte“ Flatrate ohne Volumenlimit und ohne Tempolimit für 27 Euro im Monat an. Irgendwie scheint es also doch zu gehen. In Japan steht der Kunde vor der schwierigen Entscheidung, ob er 50 oder 100 Mbit/s. Glasfaser für ca. 40 Euro pro Monat bestellen soll.
Worum es wirklich geht, klingt in Ihrem Artikel recht harmlos: Sie wollen einfach nur das Streaming der TV-Sender vom Geschäft mit Konservenfilm trennen, weil ja angeblich das Streaming ein „managed Service“ ist – diesen Begriff verwendet die Telekom. Technisch ist aber beides IP-Datenverkehr, und diese künstliche Trennung gehört zum Rechtfertigungs-Tralala der Telekom. Die Telekom verfolgt meiner Meinung nach mehrere Ziele mit der Drosselung der DSL-Leistung:
  • eine künstliche Spaltung der Netzgemeinde in „die und wir“, nämlich in die, die gefühlt das Internet wenig benutzen und deshalb gefühlt die unterschwellige Drohung einer Preiserhöhung wahrnehmen, wenn diese Drosselung für die schlimmen „Heavy User“ nicht eingeführt wird, und in die anderen, denen klar ist, dass es keine sachlichen Gründe für die Drosselung gibt und sich gegeneinander ausgespielt fühlen;
  • außerdem hat die Telekom es satt, nur als Netzbetreiber aufzutreten. Hier ist – wie oben angeführt – nur wenig Geld zu verdienen. Das Geld wird mit den Inhalten gemacht. Orange in Frankreich hat es vorgemacht: mit dem Druckmittel des Netzausbaus in Afrika erpresst Orange von Google zusätzliches Geld für die Durchleitung von Youtube-Inhalten. Darauf läuft es hauptsächlich hinaus: die Telekom will für den Datentransport von beiden Seiten Geld kassieren: vom Kunden für den DSL-Anschluss und vom Inhalteanbieter oder nochmal vom Kunden für die diskriminierungsfreie Durchleitung bestimmter Dienste;´
  • es könnte auch ein wenig politisches Interesse mit hineinspielen. Wenn nämlich keine „Flatrates“ mehr angeboten werden, müssen wieder Abrechnungsdaten gespeichert werden. Holger Voss hat ja in einem aufsehenerregenden, mehrjährigen Prozess durchgefochten, dass die Telekom seine DSL-Einwahldaten nicht speichern darf, weil bei einer Flatrate kein nachträglicher Abrechnungsbedarf existiert. Diese Abrechnungsdaten finden die Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden sowie die Abmahner aus der Musik- und sonstigen Unterhaltungsbranche bestimmt sehr spannend.
Aber so einfach wird es nicht werden, wenn man „nur“ die Filmkonserven aus dem Entertain-Paket herauslöst. Die Telekom hat ja auch schon Kooperationen mit anderen Anbietern wie Spotify für Internet-Radio. Es wird also sicherlich in Zukunft in der Planung der Telekom „Pakete“ geben, die der Kunde einzeln bezahlen darf. Oder eben als „Einspeisegebühr“ vom Anbieter, so wie es Kabelbetreiber ja im Moment vehement vor Gericht einfordern, nachdem ARD und ZDF den Einspeisevertrag gekündigt haben. Ist das nicht toll? 75 Gigabyte im Monat mit normaler Geschwindigkeit; danach kostet es extra, wenn man Youtube gucken will.
Die Telekom müsste m.E. aufgeteilt werden in einen reinen Netzanbieter, der geschäftlich getrennt von der Entertainment-Sparte ist. Wenn nämlich alle Anbieter eine Einspeisegebühr berappen müssten, wäre das ganze wieder plausibel. Dann müsste auch der Entertain-Anbieter für sich genommen rentabel werden. Im Moment sieht es wieder nach Mauschelei und Quersubventionierung aus: auch die, die einen Dienst nicht nutzen, bezahlen dafür mit. Das verstehe ich nicht unter Solidarität. Zumal bei der derzeitigen inhaltlichen TV-Qualität mit „Bauer tauscht Frau“ und „Deutschland sucht Autobahnkontrolleure“ ...
Ich habe auf dem Land in einem der bisherigen „weißen Flecken“ diesen Spaß schon heute: ich bin im Herbst von DSL light mit 384 Kbit/s. umgestiegen auf LTE mit nominal 16 Mbit/s., real erreiche ich zwischen 11 und 14 Mbit/s. Hier hat die Telekom leider die Mobilfunk-Logik beibehalten: ursprünglich hatte ich im normalen „call und surf comfort via Funk“ 10 Gigabyte im Monat frei mit normaler Geschwindigkeit, danach Drosselung auf DSL-light-Niveau, jetzt im „Tarif L“ immerhin 30 Gigabyte.
Da ich von zuhause aus arbeite, zwei Teenager im Haushalt habe und meine Frau und Schwiegermutter beide auch gern mal das Internet benutzen, gibt es bei uns auch schon die „Schere im Kopf“: wir überlegen uns, ob wir uns dieses und jenes Video anschauen, weil es ja vom Kontingent abgeht. Beim Telefonat mit der Telekom-Hotline musste ich mir tatsächlich von einem Mitarbeiter die entgeisterte Frage anhören, was ich denn mit mehr als 10 Gigabyte im Monat wolle.
So wird das bestimmt nichts mit dem Technologie-Standort Deutschland, wenn jeder sich Gedanken machen muss, was er abrufen darf, bevor er auf eine Kriechrate gedrosselt wird, bei der gerade mal Emails ohne Anhänge noch funktionieren.