29.04.2013

Tempolimit auf der Datenautobahn

Meinen Leserbrief an die Frankfurter Rundschau hab ich auch gekürzt an die Wetterauer Zeitung geschickt. Hier gibt es bei Leserbriefen ein Limit von 600 Worten.
[Update 04.05.2013: der Leserbrief wurde heute im Meinungstreff der WZ veröffentlicht]

Leserbrief zur Telekom-DSL-Drosselung
Seit einigen Tagen wird heiß diskutiert, ob und welche Auswirkungen die von der Telekom angekündigte Geschwindigkeitsdrosselung bei DSL-Anschlüssen haben wird. In einer Pressemitteilung heißt es, dass alle Neuverträge ab Mai eine Klausel enthalten werden, dass nach 75 Gigabyte Verbrauch je Monat die Geschwindigkeit auf DSL-light-Niveau von 384 KBit/s gedrosselt wird. Technisch soll diese Drosselfunktion ab 2016 eingesetzt werden. 75 Gigabyte hört sich jetzt viel an; laut Telekom liegt der durchschnittliche Verbrauch derzeit bei 15-20 Gigabyte. Aber es ist absehbar, dass diese Größenordnung bis 2016 vollkommen überholt ist, wenn Filme und Radio immer mehr über Internet abgerufen werden und die "Cloud"-Angebote von mehr Kunden genutzt werden.
Begründet wird die Drosselungsklausel damit, dass angeblich 3% der Kunden etwa 30% des gesamten Datenverkehrs ausmachen und dies unfair gegenüber den "normalen" Benutzern wäre. Die Transportkosten für die Daten seien so hoch, dass die "normalen" Kunden nicht für die "heavy User" mitbezahlen sollten.
In anderen Artikeln und Kommentaren zum Thema wird nun diese Behauptung munter weiter kolportiert. Allerdings ist dies nicht ansatzweise die Realität. Im Gegenteil ist es so, dass sich die Preise für das transportierte Gigabyte im sogenannten „Backbone“, dem Herzstück des Datenaustauschs, im freien Fall befinden (ich hörte in Berichten von 0,26 cent pro Gigabyte). Das, was richtig teuer ist, ist hingegen der Ausbau der letzten Meile auf eine menschenwürdige Geschwindigkeit (das klingt pathetisch, ist aber mein Ernst). Und diese „letzte Meile“ benötigt jeder, ob er nun ein „heavy User“ ist oder Lieschen Müller. Um den Ausbau der letzten Meile drücken sich aber wiederum alle Telekom-Unternehmen, weil hier genau wie im Backbone kein Geld mehr zu verdienen ist. In Berstadt weiß ich davon ein Lied zu singen, und zwar in Moll.
In anderen Ländern, wie z.B. Österreich oder Japan gibt es "echte" Flatrates, also Pauschalangebote, für 25-50 Euro im Monat ohne Volumenlimit und ohne Tempolimit. In einer Landkarte des Internet-Ausbaus befindet sich Deutschland weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen, und beim Glasfaserausbau ist noch nicht mal das erste Prozent Abdeckung erreicht.
Die Telekom hat es satt, nur als Netzbetreiber aufzutreten. Hier ist nur wenig Geld zu verdienen. Das Geld wird mit den Inhalten gemacht. Die Telekom will für den Datentransport abhängig vom Inhalt von beiden Seiten Geld kassieren: vom Kunden für den DSL-Anschluss und nochmal vom Inhalteanbieter oder, wenn letzteres nicht klappt, nochmal vom Kunden für die diskriminierungsfreie Durchleitung bestimmter Dienste.
Diese Wandlung vom Netzbetreiber zum Inhalteanbieter merkt man daran, dass der "Entertain"-Dienst (also Fernsehen über DSL) nicht auf die 75 Gigabyte Kontingent angerechnet wird, ebenso der Datenverbrauch des Internetradios "Spotify". Bestimmte Dienste werden also bevorzugt, indem sie immer schnell geliefert werden. Es ist absehbar, dass die Telekom entweder vom Kunden oder vom Programmanbieter zusätzliches Geld sehen will, wenn sein Inhalt ebenfalls ohne Tempolimit zum Kunden gebracht werden soll. Dann wird es neben dem DSL-Grundpreis ein "youtube"-Paket, ein "lovefilm"-Paket usw. geben, die man - natürlich - extra bezahlen muss.
Es könnte auch ein wenig politisches Interesse mit hineinspielen. Wenn nämlich keine „Flatrates“ mehr angeboten werden, müssen wieder Abrechnungsdaten gespeichert werden. Holger Voss hat ja in einem aufsehenerregenden, mehrjährigen Prozess bis zum BGH durchgefochten, dass die Telekom seine DSL-Einwahldaten nicht speichern darf, weil bei einer Flatrate kein nachträglicher Abrechnungsbedarf existiert. Diese Abrechnungsdaten finden die Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden sowie die Abmahner aus der Unterhaltungsbranche bestimmt sehr spannend.
So wird das bestimmt nichts mit dem Technologie-Standort Deutschland, wenn jeder sich Gedanken machen muss, was er abrufen darf, bevor er auf eine Kriechrate gedrosselt wird, bei der gerade mal Emails ohne Anhänge noch funktionieren.