27.05.2023

Länderfinanzausgleich nicht verstanden - Leserbrief

Langsam kommt es mir so vor, als ob der WZ-Glossist Sattler ein rotes Tuch vor sich her trägt, auf das ich gereizt reagiere. Da kommt in letzter Zeit nur noch rechter Unfug und sachlicher Quatsch. Letzter Kracher: Bremen wagt es, 2,5 Mrd. Euro auszugeben, obwohl sie Geld aus dem Länderfinanzausgleich erhalten! Skandal!

Darauf hatte ich das dringende Bedürfnis, meinen alten Leserbrief von vor 10 Jahren nochmal zu suchen, nachdem ein damaliger Provinzpolitiker ähnlich krawallig geschrieben hat, wie großzügig die Nehmerländer mit dem gnädigen Almosen Länderfinanzausgleich wirtschaften.

[veröffentlicht am 27.05.2023]

Herr Sattler äußert sich polemisch über Dinge, die er nicht in aller Gänze durchdrungen hat, wie mir scheint, nämlich den Länderfinanzausgleich. Damit ist er aber nicht allein, denn schon vor 10 Jahren habe ich darüber geschrieben, als sich ein Politiker ähnlich zielstrebig dieses Thema als Fettnäpfchen ausgesucht hatte.

Hr. Sattler schreibt über den Länderfinanzausgleich und behauptet, dass die Geberländer die Wohltaten in den Nehmerländern finanzieren (hier: Bremen will 2,5 Mrd. Euro ausgeben).

Dabei unterschlägt er wie leider üblich, dass der Länderfinanzausgleich nicht die Ausgaben der Länder ausgleicht, sondern ihre Einnahmen an den Durchschnitt aller Bundesländer angleichen soll.

Im Klartext bedeutet dies, dass sich der Länderfinanzausgleich nach den durchschnittlichen Einnahmen eines Bundeslands pro Einwohner berechnet. Das Ziel ist, dass alle Bundesländer ungefähr vergleichbare Lebensbedingungen für ihre Bürger bieten können. Je mehr sich ein Nehmerland von unten dem Durchschnitt annähert, desto stärker sinken die Ausgleichszahlungen! Außerdem werden Steigerungen bei Steuereinnahmen teilweise nicht angerechnet, um einen Anreiz zu schaffen, sich aus eigener Kraft zu verbessern.

Die Idee des Länderfinanzausgleich liegt vor allem darin begründet, dass große Konzerne ihre Steuerschuld am Firmensitz bezahlen und nicht länderweit nach den Filialen verteilen. Baden-Württemberg z.B. bekommt 22,5% der bundesweiten Körperschaftssteuer (mit anderen Worten: fast ein Viertel dieser Steuer fließt in ein Bundesland!), hingegen alle neuen Bundesländer zusammen nur 9%.

Es ist also durchaus angemessen, dass die Länder, die durch günstige Umstände mehr Einnahmen haben, diese Einnahmen mit den anderen Bundesländern teilen.

Der größte Schreihals im Streit um den Länderfinanzausgleich ist Bayern, das selbst jahrzehntelang gern Zahlungen entgegennahm. Inflationsbereinigt hat Bayern erst vor kurzem den Schritt zum "Nettozahler" getan. Als Nehmerland hat sich Bayern vorher nie beschwert.

Noch 2013 erhielt Bayern milliardenschwere Ausgleichszahlungen für Solarförderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, die hauptsächlich von Nordrhein-Westfalen aufgebracht wurden. Höre ich bei dem Thema Gejammer aus Bayern über die Ungerechtigkeit oder hält man hier einfach gern die Hand auf, wenn andere zahlen müssen?

Der Länderfinanzausgleich steht - teilweise berechtigt - in der Kritik, aber die CDU im Bund ist nicht unschuldig daran, dass sich nichts bewegt: nur im Konsens wäre eine Reform möglich. Hier ist gefragt, dass sich beide Seiten bewegen und nicht einseitig mit dem Finger gezeigt wird.

Als Lektüre zum Einstieg empfehle ich den Wikipedia-Artikel. Er ist zwar etwas trocken, bietet aber einen ersten Überblick und weitere Quellenangaben. Mir scheint, Hr. Sattler sollte ihn lesen, bevor er weitere Glossen dazu verfasst.

26.05.2023

Führerschein nur nach Gesundheitsprüfung - Leserbrief

[veröffentlicht am 25.05.2023]
Fr. Warnecke hat eine schräge Vorstellung von kausalen Schlussfolgerungen. Zunächst stellt sie korrekt fest, dass das Risiko von Senioren, einen Unfall im Autoverkehr zu verursachen, deutlich höher ist als der Schnitt und vergleicht ihn mit dem Risiko von 18- bis 24-Jährigen.

Danach überlegt sie, dass es für bestimmte Berufsgruppen verpflichtende Gesundheitsprüfungen gibt (LKW- und Busfahrer z.B.), aber gleichzeitig nennt sie die Überlegung der EU, auch für Senioren eine Tauglichkeitsprüfung einzurichten, eine “Diskriminierung”.

Damit hat sie überhaupt nicht verstanden, was eine Diskriminierung ausmacht! Der Gesetzgeber kann selbstverständlich aus sachlichen Gründen seine Bürger unterschiedlich behandeln. Das ist hier nachweislich und wissenschaftlich - statistisch - erwiesen! Die Kennzeichnung von Diskriminierung ist die Willkür. Genau das Gegenteil ist hier der Fall.

Zum Schluss ihrer Glosse appelliert sie an die Senioren, das Auto stehen zu lassen, wenn sie “sich nicht wohl fühlen”. Das ist diese grandiose Eigenverantwortung, die wir seit Jahren beobachten, die zu unglaublicher Rücksichtnahme im Umgang miteinander geführt hat, z.B. zum Klatschen auf dem Balkon für das Pflegepersonal, oder für das freiwillige Tragen von Masken im Umgang mit vulnerablen Menschen.

Fr. Warnecke zeigt eindrücklich, wie man kognitive Dissonanz und Wissenschaftsleugnung in Worte fasst. Zunächst zitiert sie wissenschaftliche Erkenntnisse, verweigert aber die notwendigen Schlussfolgerungen daraus mit dem vollkommen falschen Argument der Diskriminierung, also der vermeintlichen Rücksichtnahme auf diejenigen, denen durch eine sinnvolle Regelung Nachteile entstehen könnten.

Man könnte alternativ auch darüber nachdenken, dass Senioren oder andere Gruppen, die die Gesundheitsprüfung für die Fahrerlaubnis nicht (mehr) bestehen, Anrecht auf eine kostenlose ÖPNV-Dauerkarte bekommen.

23.05.2023

Verschleppungstaktik bei der Energiewende - Leserbrief

[veröffentlicht am 23.05.2023]

Und erneut schließt sich der Glossist Sattler der aktuellen rechtskonservativen Mode an, die derzeitige Klimapolitik der Ampel nicht nur zu kritisieren, sondern zu verdammen. Er schließt sich damit einem Trend an, massiv halbwahre Behauptungen in die Welt zu setzen, um der Regierung zu schaden, und sich hinterher daran zu erfreuen, dass die Umfragewerte der Ampel vorgeblich sänken. Spoiler: tun sie eigentlich nicht, außer bei einer Sonntagsfrage der INSA. Andere Umfrageinstitute sehen das anders. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt ...

Ein paar Fakten: die langfristige Abschaffung der Öl- und Gasheizungen wurde 1998 von der damaligen Regierung Kohl in Gang gesetzt. Die jetzige Regierung setzt also um, was die EU vorgibt. Wenn sie das nicht tut, hagelt es Verletzungsverfahren und Strafgebühren. Andere Länder verbieten schon seit vielen Jahren den Einbau neuer Öl- und Gasheizungen. Das gesamte Ausland lacht über die schrägen Behauptungen in Deutschland, dass man mit Wärmepumpen nichts ausrichten kann, weil sie z.B. nur mit Fußbodenheizungen funktionieren würden.

Dabei gibt es sogar noch eine ganze Menge Ausnahmeregelungen: selbstverständlich darf man bestehende Heizungen weiter betreiben und so lang wie möglich reparieren. Man darf sogar neue Gasheizungen einbauen, wenn man gleichzeitig mit dem Einbau von z.B. Solaranlagen für Kompensation sorgt. Außerdem soll es gestaffelte Zuschüsse für die Anschaffung geben. Zunehmend werden bürokratische Hürden für Solaranlagen abgebaut, und eine Balkonsolaranlage gibt es schon für einige Hundert Euro.

Zur Panikmache gehört auch, Beträge im hohen fünf- und sogar sechsstelligen Bereich in die Welt zu setzen, die angeblich für eine Heizungssanierung fällig würden. Mal ehrlich: wer einen Sanierungsbedarf von 50.000 € oder mehr sieht, hat einen Sanierungsstau und hat 20 Jahre lang nichts an seinem Besitz energetisch modernisiert. Auch Hausbesitzer müssen regelmäßig Rücklagen ansparen, sowohl für Notfälle als auch für notwendige Erhaltung und Verbesserung ihrer Immobilie. Dazu gehört auch die Wärmedämmung.

Die Abschaffung der Kernkraft wurde von der Merkel-Regierung mit CDU und FDP 2011 beschlossen. Auch hier setzt die Ampel nur bestehende Gesetze um. Die Betreiber haben sich 10 Jahre lang darauf eingestellt - jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Nochmals zum Interview mit Kubicki: falscher kann jemand gar nicht liegen. Statt der behaupteten 15 Mio. t mehr an CO2 durch die Abschaltung wurden sogar im April 2 Mio. t CO2 weniger emittiert, weil weniger Solar- und Windkraftanlagen abgeregelt werden mussten. Pikante Fußnote: die Zahl “15 Mio. t CO2“ stammen aus einer Studie des Wissenschaftlers Thess, der sonst eher durch seine Mitgliedschaft in der Kernkraft-Lobbyorganisation “Nuklearia” auffällt.

Bedauerlich an dieser ganzen medialen Posse ist nebenbei, dass der bayrische Selbstdarsteller Söder jahrelang die Energiewende in Bayern verhindert hat, z.B. durch die 10H-Regel für Windkraft, oder die Blockade einer Nord-Süd-Stromtrasse. Nun muss Bayern teuer (teurer als nötig) Strom aus dem südlichen Ausland kaufen, weil unser selbst erzeugter EE-Strom aus dem Norden nicht nach Bayern transportiert werden kann. Vielleicht sollte er weniger mit dem Maßkrug für Pressefotos posieren und dafür mehr Sitzungen im Landtag wahrnehmen, um seiner Pflicht als Regierungsmitglied nachzukommen (ihm droht ein Bußgeld, weil er 25 von 30 Landtagssitzungen versäumt hat). Immerhin kann er stolz verkünden, dass Bayern dieses Jahr schon 2 Windkraftanlagen genehmigt hat. Zum Vergleich: andere Bundesländer genehmigen 100.

Wenn ich diese ganze Ansammlung von medialen Trommelfeuer gegen die (notwendigen!) Fortschritte der Energiewende betrachtet, beschleicht mich das Gefühl, dass der Investor KKR, dem 48% Anteile am Springerverlag (“Bild”-Zeitung, “Welt” usw.) gehören, Angst um seine diversen Engagements im fossilen Sektor hat. Die Ölindustrie verdient pro Tag um die 2,5 Mrd. Euro, da kann man schon mal ein bisschen Einfluss auf die Politik nehmen und in der Presse und in sozialen Netzwerken ein wenig hetzen, oder?

02.05.2023

Interview mit Kubicki - Leserbrief

Am 19.04.2023 erschien ein großes Interview mit dem FDP-Bundestagsvizepräsidenten Kubicki, der verschütteter Milch nachtrauert und jammert, dass durch die Abschaltung der Kernkraftwerke mehr CO2 emittiert wird, weil Kernkraft durch Kohlestrom ersetzt wird, und er bejubelt neue Bauprojekte. Das waren sehr viele halbe und viertel Wahrheiten. Zunächst schrieb ich eine Email an die Redaktion, warum der Interviewer nicht besser vorbereitet in das Gespräch gegangen war. Daraufhin bot mir die Redaktion an, meine Email auch als Leserbrief zu veröffentlichen.

[veröffentlicht am 28.04.2023]

Hallo liebe Redaktion,

Sie drucken völlig ohne Einordnung die Behauptungen von Kubicki ab, dass durch die Abschaltung der KKW spontan 15 Mio t CO2 *mehr* emittiert werden würden.

Diese Zahl wird seit Tagen erbittert diskutiert (z.B. bei Twitter und Mastodon) und die Realität ist deutlich anders. 15 Mio t CO2 wären fast 450 g CO2 pro erzeugter Kilowattstunde.

Nur mal eine grobe Schätzung über den Daumen: der deutsche Strommix liegt in der Größenordnung von 425 g CO2 pro kWh Strom (Zahlen von 2021). 15 Mio t CO2 ist unrealistisch und viel zu hoch gegriffen für die drei letzten KKW, die sowieso nicht besonders leistungsfähig waren.

Der Anteil von Kohle am deutschen Strommix fällt kontinuierlich und liegt momentan bei ca. 30%. Die 15 Mio t CO2 ergeben sich als großzügig aufgerundeter *Maximalwert*, wenn wir die KKW durch 100% Kohlestrom ersetzen würden. Realistisch müssen wir also 30% von 15 Mio t CO2 rechnen, das ergibt 4,5 Mio t CO2. Rein zufällig könnte man durch ein Tempolimit 5 bis 7 Mio t CO2 pro Jahr einsparen. Aber natürlich möchte Kubicki *diesen* Zusammenhang nicht herstellen.

Abgesehen davon ist nominal überhaupt nicht von "mehr" CO2 zu sprechen, weil durch den europäischen Emissionshandel (ETS) der CO2-Ausstoß exakt den CO2-Zertifikaten entspricht und somit buchhalterisch konstant ist. Das freigewordene "Guthaben" der abgeschalteten KKW wird den anderen Stromerzeugern zugeschlagen, also ein Nullsummenspiel. Die längerfristige Idee ist, dass die Zertifikatanzahl mit der Zeit zurückgeht, dadurch der Preis für den Handel mit Zertifikaten steigt und die Stromerzeuger "teure" CO2-Emittenten, also hauptsächlich Kraftwerke mit Kohle und Gas, am schnellsten ersetzen oder abschalten.

Das finnische KKW ist eines von nur drei Neubauprojekten in Europa. Es hat sich 10 Jahre verspätet und kostet 11 Mrd. Euro statt geplanter 3 Mrd. Euro.

Das französische KKW verzögert sich weiter und läuft kostenmäßig ebenfalls völlig aus dem Ruder. Da 30 der 56 französischen KKW letztes Jahr im Sommer abgeschaltet werden mussten, ist der EDF-Konzern pleite gegangen und musste für über 18 Mrd. Euro verstaatlicht werden.

Das türkische KKW-Bauprojekt liegt mitten in einem Erdbebengebiet und musste schon mehrfach neu geplant werden, um die Sicherheitsanforderungen an das Erdbebenrisiko anzupassen. Versichern will dieses KKW trotzdem kein Versicherungskonzern, das Risiko liegt also beim Staat und somit beim Steuerzahler.

Und Kubicki wiederholt das Märchen, man könne die KKW einfach so "zwei Jahre" weiterlaufen lassen oder auf Reserve halten. Die Brennstäbe sind verbraucht, deswegen liefen die drei KKW zwar länger als bis Jahresende, aber die erzeugte Strommenge ist dieselbe geblieben - einfach, weil die Brennstäbe nicht mehr Kapazität hatten - der sogenannte "Streckbetrieb". Neue Brennstäbe zu bestellen und herzustellen, dauert mehr als ein Jahr.

Ich finde es dermaßen traurig, dass Politiker ihre Märchen immer weiter und weiter erzählen, selbst wenn die Fakten schon lange eine ganz andere Sprache sprechen. Ich würde mir wünschen, dass Interviewer besser vorbereitet in so ein Gespräch gehen und ihren Interviewpartner sofort mit der Realität konfrontieren könnten.

09.04.2023

Solidarität mit dem Hobbywissenschaftler - Leserbrief

Nachdem der eine Leserbriefschreiber erneut die Gasgleichung (pV=nRT) ausgepackt hat, um die Klimakatastrophe zu verleugnen, springt ihm ein anderer Einsender bei und verteidigt das Recht auf "Selbstdenken" und die eigene Meinung. Warum das falsch ist, musste ich in einem Leserbrief beantworten.

[veröffentlicht am 08.04.2023]

Respekt vor Hr. P., der dem Klimaleugner und Hobbywissenschaftler K. solidarisch zur Seite eilt und damit zeigt, dass er den Unterschied zwischen Meinung, Fakten und wissenschaftlicher Arbeitsweise nicht im Mindesten verstanden hat.

Meine Aussage war “Alle relevanten Klimawissenschaftler sind sich einig, dass die Klimakatastrophe menschgemacht ist”, und die Politik unternimmt zu wenig, zumal wir eine Opposition in der Koalition haben, die nach wie vor von e-Fuels, neuen Atomkraftwerken und “grünem” Wasserstoff für alle träumt, auch für private Heizungen und Autos.

Hr. P. setzt dem entgegen, dass es nötig sei, sich eine eigene Meinung zu bilden, und unterstellt damit unausgesprochen das Narrativ, dass es ein “Verbot” von gegensätzlichen Meinungen gäbe.

So funktioniert Wissenschaft nicht. Es geht nicht um “Meinungen”, sondern um Fakten. Alle relevanten Wissenschaftler haben die vorhandenen Tatsachen geprüft und die konkrete Schlussfolgerung daraus ist, dass die Klimakatastrophe definitiv menschgemacht ist und dringend Maßnahmen ergriffen werden müssen, bevor weltweit Kippelemente wie Grönland, die Arktis, die Antarktis, der Amazonas, Korallenriffe oder die Atlantikströmungen unumkehrbar zerstört werden. Es gibt laut PIK 9 globale Kern-Kippelemente und 7 weitere regionale Kippelemente, von denen gut die Hälfte schon kurz vor dem Kippen steht.

Meine Kritik an der derzeitigen Pseudodiskussion ist, dass Laien, die nicht auf diesem Gebiet forschen, Behauptungen aufstellen, die den bekannten und anerkannten Fakten widersprechen. Hier fehlt gänzlich der Wille und die Fähigkeit, eigene Grenzen zu erkennen und sich auf tatsächliche Fachleute zu verlassen. Diese vehemente Ablehnung von Fakten zur Klimakatastrophe hat kurzsichtige wirtschaftliche Gründe und den Erhalt der persönlichen Bequemlichkeit.

Jeder Wissenschaftler ist ein Experte auf seinem Gebiet - wenn sich nun also 13.000 renommierte Klimawissenschaftler einig sind, dass die Klimakatastrophe real ist, muss man in der Lage sein, enorm schlagkräftige Fakten auf den Tisch zu legen, um der aktuellen, gut belegten Forschung zu widersprechen. Dazu gehört Erfahrung - die wird üblicherweise durch Veröffentlichungen in der Fachpresse und die Anzahl von Zitaten durch Fachkollegen nachgewiesen. Es reicht nicht, einen Leserbrief zu schreiben und mit hastig zusammengesuchten Formeln aus der Formelsammlung der neunten Klasse zu behaupten, dass CO2 harmlos sei. Wie ein anderer Leserbrief gezeigt hat, war Hr. K. nicht einmal in der Lage, die Randbedingungen der von ihm verwendeten physikalischen Formel zu kennen, und damit, dass diese Formel gar nicht zur Bewertung der Klimakatastrophe anwendbar ist.

Mathematiker und Physiker werden immer wieder mit “Beweisen” von Laien konfrontiert, dass es ein Perpetuum Mobile geben kann, dass die Quadratur des Kreises oder die Drittelung von Winkeln mit reiner Geometrie möglich sei, oder eben, dass der Klimawandel ja gar nicht “bewiesen”, sondern nur eine “Theorie” sei - all das ist längst endgültig widerlegt, aber wird immer wieder neu aufgekocht.

Schlichte Erkenntnis: Verwechseln Sie nicht Meinung und Fakten und überschätzen Sie nicht Ihre eigene Kompetenz.

30.03.2023

Klimakatastrophenleugner aus dem Chemiebuch - Leserbrief

Erneut gibt sich ein Leserbriefschreiber als wissenschaftsferner Inhaber einer Dunning-Kruger-Lizenz zu erkennen: die Gasgleichung von Boyle-Mariotte muss dafür herhalten, dass es keine Klimakatastrophe gibt.

[veröffentlicht am 30.03.2023, leider alle Kurz-URLs entfernt]

Hr. K. hat nun also auch eine eigene Meinung zur Klimakatastrophe. Nur leider passt seine Meinung nicht zum aktuellen Stand der Klimaforschung.

Alle Wissenschaftler weltweit sind sich einig, auch der aktuelle Bericht des IPCC ist eine deutliche Warnung, dass es massiver weltweiter Änderungen bedarf, um überhaupt noch eine geringe Chance zu haben, unter dem Pariser Klimaziel von 1,5 Grad Celsius zu bleiben. Wir erinnern uns: das Pariser Abkommen ist an sich schon ein trauriger Kompromiss, der lobbygesteuert weit hinter den notwendigen Aktionen zurückbleibt. Und nicht einmal dieser Kompromiss, der in Deutschland Gesetzeskraft hat, wird umgesetzt. Insbesondere Hr. Wissing glänzt durch Blockade und der Forderung nach “Technologieoffenheit”.

Die wärmsten 10 Jahre in der Geschichte der Wetteraufzeichnung waren die letzten 10. Deutschland erlebt seit Jahren Dürren im Sommer und zu wenig Niederschlag im Winter. Der Rhein droht im Sommer erneut nahezu unbenutzbar für die Schifffahrt zu werden. Der Po war so ausgetrocknet, dass Meerwasser kilometerweit zurück strömt und dadurch Ackerflächen versalzen.

Die Rückversicherer haben für 2022 weltweit über 275 Milliarden Euro für Schäden durch Naturkatastrophen ausgeben müssen.

Wie blind muss man sein, um diese Warnzeichen zu ignorieren?

Für das Science-Blog der "Spektrum der Wissenschaft" hat Professor Stefan Rahmstorf einmal mehr die Fakten zusammengestellt. Er ist Klimatologe, Professor für Physik der Ozeane und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Die Ölfirmen wussten schon seit den Sechziger Jahren über den Zusammenhang zwischen CO2 und Erderwärmung, wie "The Guardian" berichtet.

Der Spiegel bemerkte dazu schon vor mehr als zehn Jahren: "'Wir haben ein Handlungsproblem, kein Erkenntnisproblem". Das Handlungsproblem rührt daher, dass zuviele Lobbyisten unterwegs sind und in die falsche Richtung Einfluss auf die Politik nehmen. Deutschland fällt leider in Brüssel seit Jahrzehnten immer wieder unangenehm auf, wenn es um die Verwässerung oder Verzögerung von Normen geht, die angeblich der Autoindustrie schaden.

All dies, von 13.000 Wissenschaftlern weltweit belegt, kann Hr. K. aus der Wetterau, der noch nie durch wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema Meteorologie oder Klimaforschung aufgefallen ist, mit der Gasgleichung von Boyle-Mariotte aus einem Chemiebuch der neunten Klasse widerlegen?

Kürzlich wurde eine interessante Zahl bekannt: die Summe an Geld, die von bekannten Lobbyorganisationen allein in der Zeit von 2003 bis 2011 bezahlt wurde, um Studien zu finanzieren, die den Klimawandel leugnen. Diese Summe beträgt unglaubliche 900 Millionen Dollar, also mehr als 600 Millionen Euro. Diese Gelder wurden ausgegeben, damit Firmen ihr umweltschädliches Geschäftsmodell weiter betreiben können.

Die Verharmlosung mit den “kleinen” Zahlen, die Augenwischerei mit Prozentangaben ist ein üblicher Trick derjenigen, die das “weiter so” propagieren, weil es unbequem wäre, der Realität ins Auge zu blicken, oder ihr Geschäftsmodell bedroht.

"Nur in drei Jahren seit 1880 waren die Temperaturen auf der Erde noch höher, als 2018. Das haben die NASA und die US-Ozean- und Atmosphärenbehörde in unabhängigen Analysen ermittelt. NASA und NOAA warnen deswegen, die Erderwärmung halte unvermindert an. (...) Die jüngsten fünf Jahre seien zusammen auch die wärmsten fünf seit Beginn der weltweiten Messungen. Seit 1880 sei die Durchschnittstemperatur auf der Erdoberfläche um 1 Grad Celsius angestiegen. Schuld sei der vom Menschen verursachte Ausstoß von Treibhausgasen." (Zitiert aus https://heise.de/-4301316)

Erneut mein Lesetipp: 10 Fakten über den Klimawandel bei ZEIT Online.

Es gab und gibt wissenschaftliche Studien, die versucht haben, den Klimawandel zu widerlegen. Diese Studien beschränken sich auf winzige Aspekte des Themas oder wurden wenig später von der Fachwelt sämtlich zerlegt und widerlegt. Alle diese Versuche wiesen schwere methodische Mängel auf und dienen nur dazu, die Diskussion am Kochen zu halten.

28.03.2023

Serienkritik: Die Bande aus der Baker Street ("The Irregulars")

Kürzlich bin ich durch den Vorschlag von Netflix auf die Serie "The Irregulars" gestoßen, und trotz der gängigen Empfehlung, keine Serie zu schauen, die nur eine Staffel hat, oder die abgesetzt wurde, hab ich sie mir angeschaut.

Da ich Sherlock Holmes sehr gern mag (sowohl die Geschichten als auch die Verfilmungen, z.B. die BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und die beiden Filme mit Robert Downey Jr.), habe ich mir die übersichtlichen 8 Folgen gegönnt.

Die Geschichte ist gut erzählt. Es gibt einen Hintergrund, der sich über alle Folgen erstreckt und sich nach und nach dem Zuschauer erschließt. Die Charaktere werden von den Schauspielern gut gespielt. Die "Handlung der Woche" bzw. Episode passt sich gut in den Ablauf ein, und im Lauf der Handlung erfährt man, welche Ursache allen Vorfällen gemeinsam ist. Es gibt einige überraschende Enthüllungen und Wendungen. Die Bösen sind nicht so böse, und die Guten sind eigentlich auch nicht gut, all das ist nachvollziehbar und schön erzählt. Ich konnte nur mit dem royalen "Flüchtling" nicht so warm werden, der sich aus dem Palast schleicht, um Abenteuer zu erleben und sich zufällig mit den künftigen Irregulars anfreundet. Das ergibt natürlich im Lauf der Handlung die üblichen Verstrickungen, Vorwürfe der Lüge usw. Das ist erwartbar langweilig, der Ärger darüber hält sich aber in Grenzen, weil es nicht allzu breit ausgewalzt wird.

Trotz alledem bleibt am Ende ein diffuses Unbehagen: es ist eine gute gemachte Mystery-Geschichte mit einem Versatz von Ideen aus diversen Mythologien, aber der Ansatz, es eine Sherlock Holmes-Geschichte zu nennen, ist verkehrt. Die Handlung würde ohne die Nennung von Holmes und Watson genauso funktionieren. Die Figur Sherlock ist in der Handlung vollkommen bedeutungslos. Ohne groß zu spoilern: sowohl Holmes als auch Watson sind jeweils Teil der Ursache für alles, was vorgefallen ist. Aber die Figur Sherlock in der Großartigkeit und Zerrissenheit von Sir Arthur Conan Doyle wird nicht verwendet. Auch die Reduktion der "Irregulars" von Holmes auf eine einzige kleine Gruppe von 5 Jugendlichen, fast schon Erwachsenen, gefiel mir überhaupt nicht. Die einzige Anspielung auf die Figur im Sinn von Doyle ist der Vorwurf, den Alice ihm macht, als sie ihn bezichtigt, seine brillianten Deduktionen nur für den Glanz der Bewunderung zu machen und somit seine persönliche Eitelkeit zu befriedigen. Das bleibt aber vollkommen ohne weitere Konsequenzen für den Rest der Handlung.

Von daher denke ich, dass die Verknüpfung der Geschichte mit Sherlock Holmes nur von der Berühmtheit des Londoner Detektivs profitieren will und den Charakteren der Serie damit eine Hintergrundgeschichte übergestülpt werden soll, denen die Figuren nicht gerecht werden können. Die klassische Figur Sherlock Holmes wird massiv dekonstruiert, als er während seiner kalten Entziehungskur Schlussfolgerungen zieht wie sein früheres Ego, aber jedes Mal daneben liegt. Das ist eine sehr kalte Dusche für den Zuschauer. Am Schluss, vor dem Showdown, hat er einen Moment der Klarheit, als er Alice gesteht, dass er als Vater versagt hat und sich vor seiner Depression in die Sucht geflüchtet hat.

Die "Irregulars" von Doyle sind gerade keine feste Gruppe, sondern die Bezeichnung für die zahllosen Straßenkinder, die Holmes regelmäßig für Informationen bezahlt, um über alle Londoner Geschehnisse im Untergrund auf dem Laufenden gehalten zu werden. In der Serie bildet Watson (nicht Holmes) erst diese "Irregulars" für konkrete Aufträge (und versucht sie relativ schnell darauf wieder los zu werden, als sie auch über ihn unbequeme Fragen stellen) und löst dadurch die weiteren Geschehnisse aus.

Das abrupte Ende nach der ersten Staffel lässt ein wenig Raum für Spekulationen. Es hätte eine Fortsetzung geben können, aber das Ende ist in sich schlüssig und steht ohne große Schmerzen für sich selbst.

Einen Spoiler mute ich dem Blogleser zu:

Als Holmes-Fan ist es natürlich eine Katastrophe, dass Holmes sich a) verliebt hat, b) ein Kind mit Alice hatte, und c) sich hinter Alice her ins "Purgatory" (Fegefeuer) stürzt. Wir wir alle wissen, ist die einzige große Liebe in Sherlocks Leben Irene Adler gewesen. Watsons Geständnis, dass er in der Vorgeschichte Sherlock statt Alice gerettet hat, weil er in Sherlock verliebt ist, löst dann auch keine große Verwunderung aus. Watson ließ sich von seiner Eitelkeit treiben, es dem großen Holmes gleich zu tun, um von ihm als gleichwertig anerkannt zu werden, weil "Holmes" eigentlich zwei Personen seien, die nur zusammen funktioniert hätten, um Fälle zu lösen. Genau wie Holmes wird die Doyle'sche Figur Watson dekonstruiert - bei Doyle ist er ein Bewunderer von Holmes' Intellekt und Chronist der gemeinsamen Abenteuer. Diese Figur ist in ihrer Rolle verankert und sich der Anerkennung durch Holmes sicher, muss sich also nicht künstlich hervortun.

Trotz aller Schwächen würde die ich Serie empfehlen. Gute Unterhaltung mit überschaubarem Zeitaufwand.

25.03.2023

Die Armutsgefährdung und ein Institut e.V. - Leserbrief

Ein Leserbrief kritisiert den Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und versucht, dies mit Argumenten aus einer "Unstatistik" des "RWI Essen" zu belegen. Ich war neugierig, was dieses "RWI Essen" eigentlich ist und habe mal nachgelesen, was tatsächlich in dieser "Unstatistik" steht (von März 2022). Spoiler: neoliberaler Quatsch mit dem Tenor, dass es bloss keine Steuererhöhungen für Reiche geben dürfe.

[veröffentlicht am 25.03.2023]

Tja, die “reine Mathematik” liegt dann doch nicht jedem, wie Hr. B. eindrücklich beweist mit seiner Behauptung, dass nach dem Zuzug von Bill Gates quasi die gesamte Wetterau unter die Definition von Armut fiele.

Das ist genau der Unterschied zwischen dem Durchschnitt und dem Median: es sind zwei vollkommen unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe, und der Median vermeidet exakt das, was Hr. B. hier behauptet.

Der Median ist schlicht die exakte Mitte einer Zahlenreihe (bzw. der Durchschnitt der beiden mittleren Werte). Diese Betrachtungsweise vermeidet genau die Verzerrung, die eine Durchschnittsberechnung hervorruft. Wenn nun ein Milliardär wie Bill Gates zuzieht, erhöht sich der Durchschnitt massiv, aber der Median verschiebt sich nur um eine Stelle, und die Nachbarschaft von einem mittleren Gehalt ist immer noch (vermutlich) ein mittleres Gehalt.

Ein Beispiel: in der Reihe ( 1 2 <3> 4 5) ist die markierte <3> der Median, die exakte Mitte. Der Durchschnitt ist zufällig ebenfalls 3, denn 15/5 ergibt 3. Wenn ich nun der Reihe das Einkommen des Milliardärs Bill Gates anhänge (der Einfachheit halber mit einer fiktiven Zahl), wäre die Reihe dann ( 1 2 <3 4> 5 1000 ). Der Durchschnitt ist 1015/6, also ungefähr 169. Der Median hingegen ändert sich kaum auf 3,5, den Mittelwert der beiden mittleren Werte (3+4)/2. Man sieht, dass der Median eine vernünftige Bewertung ermöglicht und “Ausreißer” keine große Rolle spielen.

Das von ihm zitierte “RWI Essen” ist kein wissenschaftliches Institut, wie der Name suggerieren will, sondern ein privat organisierter eingetragener Verein und hat daher vollkommen andere Ansprüche und Zielsetzungen als ein Institut einer Hochschule.

Der kritisierte Armutsbericht wird in der “Unstatistik” März 2022 angegriffen. Konsequent verwendet diese “Unstatistik” den Begriff “Durchschnitt”, um den Armutsbericht schlecht zu reden, und nur in einem Nebensatz wird zugegeben, dass der “Median” verwendet wird, aber nicht auf den gravierenden Unterschied der beiden Maßstäbe eingegangen. Insbesondere vermeidet das RWI die Aussage, dass die Armutsdefinition wissenschaftlich belegt ist und auf dem staatlichen Mikrozensus beruht.

Der Bericht behauptet, dass immer 20% der Kinder armutsgefährdet seien, und die korrekte Definition von “Armut” müsse man allein daran bemessen, ob einem Kind eine angemessene Teilhabe am Leben möglich sei. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: die Einkommen sind so schlecht, dass 60% des Median-Einkommens kaum ausreichen. Die Entscheidung, 60% des Medians zu verwenden, bemisst sich am Existenzminimum. Der Paritätische Wohlfahrtsverband begründet diese Entscheidung sehr gut, und das, was die Unstatistik kritisiert und alternativ vorschlägt, ist paradoxerweise nahezu wortwörtlich identisch.

Ein Zitat des Verbands: “(...) in unterschiedlich wohlhabenden Gesellschaften Armut sehr unterschiedlich aussehen kann und vor allem durch gesellschaftlichen Ausschluss, mangelnde Teilhabe und nicht erst durch Elend gekennzeichnet ist. (...) Armut ein dynamisches gesellschaftliches Phänomen ist. Mit zunehmendem Wohlstand einer Gesellschaft verändern sich Lebensweisen und es können neue Barrieren der Teilhabe entstehen, wenn dieser Wohlstand nicht alle relativ gleichmäßig erreicht. Mit diesem Armutsbegriff folgt der Paritätische wie auch das Statistische Bundesamt der in Wissenschaft und Politik etablierten Definition von Armut.”

Dem gegenüber ein Zitat des RWI: “Dieses Anbinden der Armutsquote an einen bestimmten Prozentsatz des Durchschnittseinkommens ist die Kardinalsünde der medialen Armutsberichterstattung. Sie ist wissenschaftlich völlig unhaltbar. (...) muss Armut, wenn man dieses Phänomen wirklich ernst nimmt, an den Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe anknüpfen.”

Ganz nebenbei wird am Schluss der Unstatistik die übliche neoliberale Position vertreten, dass es nicht helfe, den Reichen zu nehmen, um die Armut zu bekämpfen. Diese These läuft seit langem unter dem Modewort “trickle down” (sinnbildlich: Wohlstand sammelt sich “oben” und tröpfelt von dort bis ganz “unten”) und ist längst widerlegt.

Man fragt sich, welchen Hintergrund es hat, wenn Hr. B. nach einem Jahr einen Bericht ausgräbt und mit fragwürdiger Kritik anzugreifen versucht.