16.06.2020

Corona und alternative Fakten - Leserbrief

Und wieder hat der Professor L. zugeschlagen und weit außerhalb seines Fachgebiets alternative Fakten zu Corona zusammengetragen, mit vielen Zahlen garniert und daraus einen "ist doch alles nicht so schlimm"-Leserbrief gemacht. Insbesondere schreibt er BS über die Situation in Schweden.
[veröffentlicht am 16.06.2020, Änderungen der WZ in rot]


Leserbrief zum Leserbrief von Hr. L.
Nun haben also die alternativen Fakten auch den Meinungstreff erreicht.
Hr. L. hat die üblichen schrägen Argumente der Corona-Verharmloser zusammen getragen und daraus eine mit vielen Zahlen gespickte Sammlung von Halbwahrheiten gebaut. Alle seine Behauptungen lassen sich mit einem kurzen Blick z.B. in den Faktencheck der "Süddeutschen" entlarven (Link dazu entfernt). Es ist ein beliebter rhetorischer Trick, viele Zahlen, gerne mit Kommastellen, in einen Text zu werfen, um besonders seriös und glaubwürdig zu wirken.
Schweden geht es nicht "besser", sondern im Verhältnis zur Bevölkerungszahl wesentlich schlechter als Deutschland. Hochgerechnet hat Schweden viermal mehr Tote zu beklagen als wir. Die Wissenschaftler, die die Regierung beraten, sprechen inzwischen offen davon, dass die lockere Handhabung ein Fehler war. Dass es für die Schweden trotzdem nicht noch sehr viel schlimmer gekommen ist, liegt vermutlich an der dünnen Besiedlung in dem Land, an der hohen Zahl Alleinlebender in den wenigen großen Städten und möglicherweise auch an der Selbstdisziplin der Bevölkerung.
Insbesondere kann man beileibe nicht von einer "Herdenimmunität" sprechen. Ob es überhaupt eine dauerhafte Immunität gibt, ist wissenschaftlich überhaupt noch nicht geklärt. Aus China gibt es Berichte, dass Genesene sich erneut infiziert hätten. Ob es eine dauerhafte Impfung geben wird wie bei Masern oder eine saisonale wie bei Influenza, ist derzeit noch unerforschtes Gebiet. Vor diesem diffusen Hintergrund ist es höchst gefährlich, jetzt mit schlechten Argumenten die Dinge zu verharmlosen, noch bevor klar ist, wie sich die derzeitigen Lockerungen auf die Lage auswirken werden.
Auch die Behauptung, dass die Grippesaison 2017/18 viel mehr Todesopfer gefordert habe, ist bestenfalls eine Viertelwahrheit. Die Zahl kommt nämlich durch eine Hochrechnung des Robert-Koch-Instituts und nicht durch medizinische Untersuchungen zustande. "(...) in der ungewöhnlich schweren Grippesaison 2017/18 tatsächlich „nur“ 1674 Todesfälle an Grippe im Labor bestätigt. Da in Jahren, in denen die Grippe stark wütet, mehr Menschen sterben als sonst („Übersterblichkeit“) und Influenza oft nicht als Todesursache angegeben wird, (...) Hochrechnungen an, wie hoch die tatsächliche Zahl der Opfer sein könnte. So kommen die 25 000 Todesfälle für 2017/18 zustande".

15.06.2020

Seenotrettung bewirkt keinen Pulleffekt - Leserbrief

Leserbrief zur Sitzung des Kreistags in der Stadthalle
[veröffentlicht am 05.06.2020]

Letzte Woche beschrieb die WZ eine Sitzung des Kreistags, die die AfD zu einer ihrer üblichen unfundierten Hetztiraden nutzen wollte. Der Abgeordnete Kuger wiederholt eine der Legenden, mit denen die AfD gern gegen Flüchtlinge agitiert: er behauptet, dass die Rettung von Flüchtlingen dazu führt, dass noch mehr Flüchtlinge "angelockt" werden.

Diese menschenverachtende These wird seit Jahren immer wieder aus der Mottenkiste geholt, aber dadurch wird sie nicht richtiger: es gibt mehrere Untersuchungen, in denen das Gegenteil festgestellt wird. Wissenschaftler des "Italian Institute for International Political Studies" haben von Januar bis Juni 2019 keinen Zusammenhang zwischen Rettungsaktionen und zunehmenden Flüchtlingszahlen beobachten können. Sozialwissenschaftler der Universität Oxford und der Scuola Normale Superiore in Florenz verglichen drei verschiedene Jahre. Ihre Auswertung zeigt: In Jahren, in denen die EU sich stark in der Seenotrettung engagierte, kamen nicht mehr Menschen in Europa an, als in einem Jahr, in dem kaum Seenotrettung stattfand. "Trotz weniger Seenotrettung erreichten nicht weniger Menschen die EU" (Elias Steinhilper, Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung).

Durch die harte Politik der Anrainerländer wie Italien, Malta und Griechenland, die Druck ausüben, gibt es immer weniger Rettungsschiffe, und die Wahrscheinlichkeit, auf der Flucht zu sterben, ist inzwischen stark gestiegen. 2015 kamen 4 von 1000 Migranten, die die Odyssee über das Mittelmeer wagten, ums Leben. Inzwischen sind es 25 von 1000. Dabei gibt es internationale Seerechtsabkommen, die Schiffe verpflichten, in Not geratene Menschen aufzunehmen, und die auf diese Weise mit Füßen getreten werden.

Insgesamt gesehen ist die Flüchtlingsfrage aber zu komplex, als dass es "den einen" Schalter gibt, den man umlegen kann, um das Problem zu lösen. Hauptsächlicher Grund für Flucht ist immer noch die Situation in den Heimatländern. Die Menschen flüchten vor Bürgerkrieg, religiöser oder sexueller Verfolgung und Gewalt, und dazu tragen auch gern die Waffenhändler aus der ersten Welt bei. Deutschland ist immerhin viertgrößter Waffenexporteur weltweit, und die Menschenrechtslage scheint dem Aufsichtsgremium nur zweitrangig zu sein, wie man an Lieferungen an Länder wie Türkei, Ägypten etc. deutlich sieht.

03.06.2020

Energieverbrauch beim Streaming - Leserbrief

Leserbrief zur Kolumne von Hr. Arnold, 26.05.2020
[veröffentlicht am 03.06.2020]

Hr. Arnold schreibt einige interessante Gedanken zum Stromverbrauch während der Corona-Krise.

Viel mehr Menschen bleiben zuhause und unterhalten sich dort mit Hilfe von Geräten, die natürlich Strom verbrauchen.
Insbesondere kritisiert Hr. Arnold das "Streaming", also das Anschauen von Filmen über Internet.

Die großen Anbieter hier sind Netflix, Amazon, Google (Youtube und Playstore Filme), Apple und zunehmend Disney+.
Der Energieverbrauch sowohl bei den Anbietern als auch bei den Konsumenten ist beträchtlich, wie Hr. Arnold zutreffend bemerkt. Aber es gibt deutliche Unterschiede zwischen ihnen, und diesen Punkt hätte ich mir stärker herausgearbeitet gewünscht.

Viele Anbieter verwenden intern Dienstleister zur Verbreitung ihrer Daten, sogenannte "Content Distribution Networks" (CDN), das sind lokale Zwischenspeicher, um die internationalen Datenleitungen zu entlasten. Hier gibt es große Unterschiede, wie effizient diese CDNs arbeiten.

Abgesehen davon sind viele große Anbieter inzwischen nahezu oder sogar schon vollständig klimaneutral, indem sie Ökostrom beziehen oder sogar selbst erzeugen (Google ist nach eigenen Angaben seit mehreren Jahren klimaneutral durch die Verwendung von eigenem Solarstrom).

Etwa ein Drittel des Stromverbrauchs von Rechenzentren wird für die Kühlung der Geräte aufgewendet. Viele moderne Rechenzentren lassen diese Abwärme nicht verpuffen, sondern leiten sie wie ein Blockheizkraftwerk nutzbringend weiter.
Der Energieverbrauch beim Streaming ist mittlerweile ca. 1% des weltweiten Gesamtverbrauchs, und das ist schon auffällig viel, aber nicht beunruhigend, z.B. durch diese Zweitnutzung.

Insgesamt kann man sagen, dass Google und Amazon sehr klimafreundlich sind und Netflix noch nicht besonders. Hier können wir als Verbraucher Druck ausüben.

Ein paar Zahlen zur Verdeutlichung: der Energiebedarf durch das Streaming wird auf weltweit 200 TWh pro Jahr geschätzt (Terawattstunden), das ist in etwa soviel wie Spanien. Deutschland hatte 2018 einen gesamten Energiebedarf von ca. 530 TWh, weltweit waren es 20.000 TWh. Zum Vergleich dagegen: der Rechenaufwand für Bitcoins erforderte immerhin 60 TWh, und der Nutzen von Bitcoins und Blockchains ist nach wie vor in der Fachwelt höchst umstritten.

Zum Schluss noch eine Anmerkung als Elternbeirat: durch die Corona-Krise wird deutlich, wie stark wir alle mittlerweile von der Digitalisierung profitieren und wo noch Mängel zu beheben sind. Auf Youtube z.B. gibt es großartige Filme und Filmchen, mit denen bestimmte Sachverhalte erklärt werden, und viele Lehrer nutzen in dieser Krise die Möglichkeiten gut, die Schüler zuhause zu erreichen und weiterhin zu bilden und zu beschulen. Vielen Dank dafür an alle Lehrer!

07.04.2020

Gesundheitssysteme in USA und Deutschland - Leserbrief

Am 24.03. veröffentlichte die WZ eine Glosse über das amerikanische Gesundheitssystem. Ich dachte mir, dass wir in Deutschland auch nicht mehr weit von diesen Verhältnissen entfernt sind, und schrieb einen Leserbrief.
[veröffentlicht am 07.04.2020]

Leserbrief zur Glosse von Hr. Spang, 24.03.2020
Hr. Spang schreibt zwar sehr unterhaltsam und ausführlich über das katastrophale Gesundheitssystem in den USA und beklagt die Fokussierung auf Wirtschaftlichkeit. Ironischerweise sind all die amerikanischen Politiker, die das System dort immer weiter schwächen und als "sozialistisch" beschimpfen, auf Steuerzahlerkosten gut versichert. Das sind dieselben Politiker, die jetzt öffentlich darüber diskutieren, welches Leben einen "Wert" für die Volkswirtschaft hat und spekulieren, dass die Senioren "gern" zugunsten ihrer Enkel sterben würden (das hat der Vizegouverneur von Texas tatsächlich gesagt!). Wann hatten wir zuletzt nochmal eine Diskussion in Deutschland, welches Leben welchen "Wert" hat? Achja: bei Big Brother 2020 werden gelbe Sterne verteilt. Halt, Moment mal, war da nicht früher schon mal so etwas Ähnliches? ...
Natürlich kann man trefflich über den amerikanischen Sozialdarwinismus herziehen, aber in Deutschland sind wir auf demselben Weg! Wer erinnert sich nicht an die ungefragt erstellte Studie der Bertelsmannstiftung, dass 800 von 1400 Kliniken in Deutschland wegen "Unwirtschaftlichkeit" geschlossen werden können? Rein zufällig ist die Mohn-Familie, die dieser Stiftung vorsteht, auch großer Anteilhaber an den privat geführten Rhön-Kliniken. Und rein zufällig erscheint am 25.03. eine Meldung in der WZ, dass die Rhön-Kliniken ganz wunderbar Gewinn erwirtschaftet haben. Ebenfalls rein zufällig herausgepickt: die vier größten privaten Krankenhausbetreiber Helios, Asklepios, Sana und Rhön machen zusammen über 1 Mrd. € Reingewinn pro Jahr (UnionWatch 09.10.2018). Jens Spahn meinte 2018 noch: „Wenn es zuwenig Pflegekräfte für zuviele Patienten gibt, müssen Betten abgebaut werden“. Ein Schlag ins Gesicht all jener, die sich jetzt aufopfern. Aber immerhin bekommen sie Applaus im Bundestag, von dem sie dann einkaufen gehen können.
Und mittlerweile mehren sich bei uns die Stimmen (vorwiegend aus dem neoliberalen Lager der „Der Markt regelt alles“-Apologeten), die lauthals denken, dass die Beschränkungen gelockert werden müssen, damit die Wirtschaft keinen Schaden nimmt. Auch hier schimmert wieder durch, dass es Leben gibt, das nicht wert ist, geschützt zu werden – Hauptsache, die Kasse klingelt!
Das mag jetzt kommunistisch klingen, aber ich finde, es gibt Dinge, die müssen nicht in privater Hand gehalten werden, und es gibt Institutionen, die nicht wirtschaftlich sein müssen. Die Gesundheitsversorgung gehört dazu.

25.03.2020

Fridays for Future als Erntehelfer in der Coronakrise?

Ich werde das Bild hier jetzt absichtlich nicht teilen, aber hier wird gerade massiv ein Vorschlag in sozialen Netzwerken verteilt, dass die Fridays-4-Future-Schüler doch bitteschön bei den Landwirten und der Ernte helfen könnten, wenn sie doch sowieso "schulfrei" hätten. Der Tonfall in diesem verteilten Meme ist aggressiv gehalten, und setzt ein bestimmtes "Framing", um Stimmung gegen F4F zu machen.

Dazu ein paar Fakten und Gedanken von mir als Elternbeirat.
Update: auch der Volksverpetzer findet die Idee absurd.

Bis zu den Osterferien ist zwar keine Anwesenheitspflicht in der Schule, aber trotzdem ist nicht unterrichtsfrei. Die Schulen versuchen gerade, im Rahmen ihrer Möglichkeiten "Homeoffice" für die Schüler zu ermöglichen. Das klappt - je nach Ausstattung der Schulen und Lehrer - unterschiedlich gut, aber: es wird gemacht. Ob das nun Arbeitsblätter, Videokonferenzen, gemeinsame Dokumente in Kollaborationssoftware oder andere Werkzeuge wie Slack, Discord, Webex, Zoom, Skype usw. sind, ist dabei nebensächlich. Hauptsache, es passiert!

Die F4F demonstrieren freitags knapp 2 Stunden, meistens nicht mal jeden Freitag, und die Landwirte brauchen Erntehelfer, die regulär Vollzeit arbeiten - also 40 Stunden pro Woche oder sogar mehr.

Wenn jetzt ausländische Arbeitskräfte fehlen, heißt das für mich, dass die Landwirte im Inland wegen der schlechten Bezahlung keine Arbeitskräfte finden. Das ist hier ein Marktproblem, aber das lässt sich nicht dadurch lösen, dass jetzt Schüler "dienstverpflichtet" werden (das verbietet Art. 12(2) GG) oder ihnen Schuld eingeredet wird. Es liegt an der Marktmacht der großen Einkäufer, die die Preise drücken. Ich hätte sogar die Befürchtung, dass durch den großflächigen Einsatz von billigen Ferienjobbern die Teufelsspirale von Preisdruck und Lohndumping weiter verstärkt wird.

Dieses Meme unterstellt künstlich, dass die F4F lieber demonstrieren als arbeiten gehen - obwohl die meisten von ihnen gar nicht in der Lage wären, körperlich oder organisatorisch Vollzeit Spargel zu stechen o.ä.

Da die Schüler nun tatsächlich nicht Erntehelfer werden (können), stehen sie automatisch schlecht da, wenn man das Meme gelesen hat.

Bevor ich diesen Blogbeitrag schrieb, hatte ich schon ein paar private Gespräche dazu. Ein beachtenswerter Gedanke, der hier eine positive Absicht unterstellt, ist die Idee, dass die Schüler sich freiwillig für einen Ferienjob bewerben, um die Landwirte zu unterstützen, denen Arbeitskräfte wegbrechen. Die Arbeitskräfte fallen nach den Ferien dann wieder weg - also ist das auch keine langfristige Lösung. Das mag durchaus bedenkenswert sein, ist aber eher eine vereinzelte, individuelle Möglichkeit. Prinzipiell ist ein Ferienjob eine gute Idee - ich habe auch ab dem Alter von 15 Jahren nahezu in allen Schul- und Semesterferien gearbeitet. Die derzeitigen Ausgangsbeschränkungen dürften aber die meisten Ferienjobs in nächster Zeit unmöglich machen.

Randgedanke hierzu: die Schüler müssten ja nicht mal von den Eltern gefahren werden, denn sie haben ja das Hessenticket. Dieses Argument greift aber zu kurz, denn nur Schüler ab einer bestimmten Entfernung bekommen das Ticket bezahlt (Grundschulen 2 km, weiterführende Schulen 3 km lt. Hessischem Schulgesetz §161).

Im Fazit finde ich diesen Text abgrundtief schäbig. Er soll nur dazu dienen, die F4F-Bewegung zu diskreditieren. Nebenbei wird dadurch auch im Vorbeigehen das Grundgesetz beschädigt, wenn die Erntearbeit als wichtiger dargestellt wird als das Grundrecht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit.

20.03.2020

Siemens und die Kohlemine in Australien 2 - Leserbrief

Es war klar, dass mein Leserbrief keine Begeisterungsstürme hervorrufen würde, weil ich schrieb, dass Siemens einen schon geschlossenen Vertrag brechen und lieber eine Vertragsstrafe bezahlen solle, als Zulieferer für die Infrastruktur zum Kohleabbau in Australien zu werden. Der Kohleabbau durch den indischen Konzern Adani würde nebenbei den CO2-Ausstoß von Australien verdoppeln und durch den Transport der Kohle per Schiff auch das Great Barrier Reef bedrohen. Es gäbe also wirklich gute Gründe, diese Kohlemine zu stoppen.
[veröffentlicht: 20.03.2020]

Leserbrief zum Leserbrief von Hr. J., 05.02.2020
Tja, Herr J., die Realität hat Siemens und Adani eingeholt. Kürzlich hat Adani vor einem australischen Gericht zugegeben, dass beim Genehmigungsprozess gegen Strafrecht und Umweltrecht verstoßen wurde, und sogar in Indien selbst wurde eine Bürgerbefragung annuliert, die zu Gunsten von Adani gefälscht wurde. Ich würde es mir für Siemens wünschen, dass diese neuen Tatsachen eine Möglichkeit bieten, wirklich aus diesem Vertrag auszusteigen und damit Gesicht zu wahren.
Abgesehen davon: Sie haben natürlich recht, dass es ein ehernes Prinzip im geschäftlichen Umgang ist, Verträge einzuhalten. Andererseits gibt es seltene Ausnahmefälle, in denen es besser sein kann, tatsächlich von einem Vertrag zurückzutreten und ggfs. eine Vertragsstrafe in Kauf zu nehmen. Sagen wir mal so: wenn eine Heuschreckenfirma wie Blackrock den Firmen, deren Aktien sie als Investmentfirma hält, mehr Umweltschutz empfiehlt, ist das ein starkes Signal. Ich halte den Imageschaden für größer, das Geschäft abzuschließen, als vom Vertrag zurückzutreten und damit immer noch im Geist Werner von Siemens zu handeln.
Ihre Verwendung des "Unworts des Jahres 2019" zeigt mir aber deutlich, dass Sie wenig Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung haben. Die "Klimahysterie" wird eigentlich nur noch von den Leugnern der Klimakatastrophe verwendet. Mittlerweile sind sich *alle* Wissenschaftler einig, dass wir auf eine globale Katastrophe zusteuern und die Änderungen z.B. bei der Temperatur von Meeresströmungen, Jetstreams und anderen Kipppunkten nicht mehr rückgängig zu machen sind. Das Klimapaket, das die Bundesregierung letztes Jahr beschlossen hat, ist nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein und verletzt das Paris-Abkommen massiv.
Ein weiteres Detail als Ergänzung zu meinem vorigen Leserbrief: mehr als 60 andere Firmen, die in Verhandlungen mit Adani waren, haben ihre Zusammenarbeit wegen ökologischer Bedenken verweigert. Siemens ist die einzige von drei Firmen, die eine bestimmte Technik für die Transportzüge noch liefern könnte, denn die zwei anderen (Hitachi und Alsthom) verweigern sich ebenfalls aus Umweltschutzgründen. Falls Adani die Kohlemine wirklich in Betrieb nimmt, würde dies den gegenwärtigen CO2-Ausstoß von Australien verdoppeln, in Zahlen: es handelt sich hier um 700 Mio. Tonnen CO2 zusätzlich.

29.01.2020

Siemens liefert Technik nach Australien - Leserbrief

Auf Seite 4 veröffentlicht die WZ täglich Glossen zu verschiedenen Themen, die in den Tagen vorher ein wichtiges Thema waren. In der letzten Woche hat der Kolumnist Dieter Sattler einen Kommentar verfasst, der Siemens den Rücken stärkt, den schon abgeschlossenen Vertrag mit Adani einzuhalten, bei dem es um die Lieferung von Signaltechnik für Transportzüge für Kohle geht. Dies würde bedeuten, dass Adani in Australien Kohle fördern will, die 700 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre entlassen würde (und damit den Ausstoß Australiens verdoppeln würde), und der Transport würde jährlich 500 Schiffe durch das Great Barrier Reef schicken.
[veröffentlicht am 29.01.2020]

Leserbrief zur Glosse von Hr. Sattler, 14.01.2020
Wieder einmal zeigt sich der Glossist Sattler neoliberal uneinsichtig, indem er genau wie Siemens-Chef Kaeser auf der Einhaltung von fragwürdigen Verträgen pocht und die zugrundeliegende Situation vollkommen unzulänglich beschreibt.
Fakt ist: es gibt drei Firmen weltweit, die die benötigte Signaltechnik für die Transportzüge der Kohlemine liefern könnten. Alsthom und Hitachi haben das Geschäft aus Umweltschutzgründen bereits abgelehnt. Der Vertrag zwischen Siemens und Adani wurde von Kaesers designiertem Nachfolger im Dezember erst eingefädelt, während die katastrophale Situation in Australien sich seit mehreren Monaten immer mehr zuspitzt.
Das Geschäft zwischen Siemens und Adani hat einen Umfang von 18 Mio. Euro, ist also in der Bilanz von Siemens kaum sichtbar. Die Vertragsstrafe ist vermutlich an diesen Betrag angepasst und Siemens könnte das aus der Portokasse zahlen. Der Imageschaden hingegen, den Siemens nun durch das uneinsichtige Beharren auf diesem Geschäft und dem durchsichtigen Versuch, Neubauer in den Aufsichtsrat zu holen und dadurch mundtot zu machen, wird langfristige Auswirkungen haben.
Interessanterweise gibt es andere Verträge von Siemens mit Partnern, in denen ausdrücklich Rückzugsklauseln festgelegt sind, falls sich äußere schwerwiegende Umstände oder Gesetzesänderungen ergeben, die die Vertragserfüllung behindern sollten. Gibt es solche Ausstiegsklauseln im Vertrag mit Adani wirklich nicht? Ich kann mir kaum vorstellen, dass ausgerechnet in diesem Fall die Hausjuristen so geschwächelt haben sollen.
Noch ein pikantes Detail: Siemens hat sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben und einen eigenen Ausschuss gebildet, der alle Projekte auf Umweltschutz abklopft. Dieser Ausschuss hätte sich mal Werner von Siemens zum Vorbild genommen, der sich als ehrbarer Kaufmann den Grundsatz gab "Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht". Davon ist Siemens nach der Adani-Entscheidung weit entfernt.

19.12.2019

TikTok - fast schon Werbung - Leserbrief

Die WZ hat eine Kinderseite, die immer mal ganz schöne Beiträge in "leichter" Sprache bringt, um den jüngeren Lesern einen Zugang zu politischen und technischen Themen zu bieten. Die Artikel sind meistens gut geschrieben; letzte Woche allerdings war ein Artikel über die TikTok-App, der sehr verharmlost hat. Zitiert wurde eine Expertin von klicksafe.de, die auf ihrer Website wiederum einige eher warnende Artikel über TikTok und den chinesischen Besitzer gebracht haben. Das einzige Zitat der Expertin war ein Hinweis, dass man die Sichtbarkeit von Beiträgen auf TikTok einschränken könne. Es gibt aber einiges mehr, was man an TikTok kritisieren kann - was klicksafe.de in den o.g. Artikeln auch tut - und nichts davon wurde im Artikel erwähnt. Außerdem hat Mike Kuketz, der für die c't schon einige Artikel über Datenschutz und Privatsphäre geschrieben hat, einige sehr verstörende Details über die Neugierde der App herausgefunden, und auch darüber findet sich nichts im WZ-Artikel.

Update: auf Nachfrage hat Fr. Woldemichel erklärt, dass sie der dpa ein Interview gegeben hat und dpa daraus zwei Veröffentlichungen erstellt hat, eine für Erwachsene, eine für Kinder. Offensichtlich hat die WZ sich aus dem Artikel für Kinder bedient.

Woldemichel: "DPA wollte Statements/Empfehlungen zu dem Dienst TikTok für die Zielgruppen Eltern und für Kinder. Daraus sollten 2 Artikel gebastelt werden (1 für Eltern, 1 für Kinder). Wahrscheinlich hat sich die regionale Zeitung an dem DPA-Artikel für Kinder bedient. Das Interview hat über eine halbe Stunde gedauert und ich habe natürlich sehr viel mehr v.a. zu den Risiken gesagt! Viele meiner Aussagen und Empfehlungen zu TikTok finden sich in unseren Tipps im Webbereich TikTok wieder und leider spiegelt dieses Zitat nicht meine Haltung zu TikTok wider."

[veröffentlicht am 18.12.2019]

Leserbrief zur "Meine Seite" 06.12.19
In der WZ vom Freitag verblüfft mich, wie enthusiastisch auf der Kinderseite über "TikTok" berichtet wird, eine Mitmach- und Mitsing-App für Smartphones, die besonders bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt ist. Die App bietet eine Art Karaoke mit Videoaufnahmen, die im Internet übertragen werden. Insbesondere ist der Artikel im Tenor deutlich im Widerspruch zu anderen Artikeln der WZ über TikTok, die durchaus kritisch berichten, welche Mängel die App beim Datenschutz und den Nutzungsbedingungen hat. Die zitierte Expertin Deborah Woldemichael ist bei klicksafe.de engagiert, einer sehr empfehlenswerten Website für Schüler und Eltern, und dort gibt es ebenfalls mehrere kritische Berichte über TikTok.
TikTok ist der Nachfolger von "musical.ly" und wurde von einer chinesischen Firma aufgekauft. Schon "musical.ly" ist vor Jahren oft unangenehm als Tummelplatz für Pädophile aufgefallen, die sich an die jungen Teilnehmer im integrierten Chat der App angewanzt haben. Woldemichael meint dazu ganz lapidar, dass man Kontakte blockieren könnte, die man unangenehm findet und dass das Einverständnis anderer Personen vorliegen muss, die in einem Video auftauchen, bevor es im Internet veröffentlicht wird. Leider wird nicht mehr von Woldemichael zitiert, was wesentlich bedenkenswerter ist als die schlichte Blockademöglichkeit.
Was in diesem Artikel vollkommen untergeht und nicht einmal angerissen wird: Kinder und Jugendliche dürfen sich unter einem Alter von 16 Jahren gar nicht selbständig bei einem sozialen Netzwerk anmelden. Die DSGVO verlangt, dass die Eltern ihre Zustimmung erteilen. Auch klicksafe.de weist darauf hin, dass die DSGVO Altersgrenzen vorsieht.
Außerdem können Jugendliche gar nicht rechtsverbindlich ihr Einverständnis erklären, in einem Video eines anderen Jugendlichen aufzutauchen - das letzte Wort haben auch hier natürlich die Eltern.
Überhaupt nicht erwähnt wird weiterhin, wie neugierig die TikTok-App ist und an welche Trackingdienste bei der Anmeldung und Nutzung der App persönliche Daten weitergegeben werden. Der Experte Mike Kuketz, der in der Fachzeitschrift c't schon viele Artikel über Datenschutz veröffentlicht hat, hat bei einer Prüfung von TikTok Erschreckendes festgestellt.
Als App einer chinesischen Firma hat TikTok nebenbei gänzlich andere Vorstellungen von Meinungsfreiheit als wir sie in Europa gewohnt sind: die Videos werden von Moderatoren nach dubiosen Kriterien eingeschränkt, wenn darin unliebsame Inhalte wie z.B. Politik, Konkurrenzfirmen, hässliche Menschen (wer entscheidet das?), LGBT (schwul/lesbisch/...) uvm. auftauchen. Eine detaillierte Liste von Zensurkriterien hat das "Social Media Watch Blog" gesammelt.
Mit all diesen Aspekten finde ich es außerordentlich fragwürdig, wie positiv TikTok beschrieben wird und wie lapidar die Mankos weggelächelt bzw. bekannte problematische Fakten gar nicht erwähnt werden.