12.07.2022

Fracking ist keine gute Idee - Leserbrief

[gekürzt veröffentlicht am 08.07.2022]

Hr. F. gibt sich nun genau wie Jens Spahn als Experte für Energiewirtschaft aus, und die Glosse vom Dienstag von Hr. Astanasiadis schlägt in dieselbe Kerbe. Voller Selbstvertrauen schreibt Hr. F. in seinem Leserbrief, dass “sämtliche Gutachten” dem Fracking (kurz für “Hydraulic Fracturing”) die Harmlosigkeit bescheinigen und schwärmt von der riesigen Menge an Gas im deutschen Schiefergestein. Die Glosse fordert, es dürfe keine “ideologischen Denkverbote” für Fracking und Atomkraft geben.

Das sind ganz schön mutige Aussagen, wenn ich auf der Seite des Bundesministeriums für Umwelt und Naturschutz finde: “Am 11. Februar 2017 ist ein Gesetzes- und Verordnungspaket in Kraft getreten, durch das die Erdgasgewinnung in Schiefer-, Ton-, Mergel- und Kohleflözgestein (sogenannte unkonventionelle Fracking-Vorhaben) aufgrund der fehlenden Erfahrungen und Kenntnisse in Deutschland grundsätzlich verboten ist. Lediglich zu wissenschaftlichen Zwecken können die Bundesländer bundesweit maximal vier Erprobungsmaßnahmen im Schiefer-, Ton-, Mergel- oder Kohleflözgestein zulassen. Dafür sind strenge Bedingungen vorgesehen. Ebenso werden an das sogenannte konventionelle Fracking in anderen Gesteinen strenge Anforderungen gestellt.”

Bislang war keine wissenschaftliche Auswertung dieser Probebohrungen möglich, weil “die für entsprechende Forschungsbohrungen in Frage kommenden Bundesländer, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, das Fracking im Schiefergestein ablehnen.” - Tja, warum nur?

Entgegen seiner Behauptung über “sämtliche Gutachten sind positiv” finde ich nach kurzer Recherche genau gegensätzliche Untersuchungen:

“Eine Auswertung der im Zeitraum 2009 bis 2015 veröffentlichten rund 685 Studien und Berichte zum Thema Fracking, ergab folgendes Bild:

  • 84 Prozent der Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen wiesen auf potenzielle Risiken für die öffentliche Gesundheit oder tatsächlich beobachtete negative Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit hin;
  • 69 Prozent der Studien zur Wasserqualität zeigten potenzielle oder ein tatsächliches Auftreten von Wasserkontaminationen
  • 87 Prozent der Studien zur Luftqualität wiesen auf erhöhte Luftschadstoffemissionen und/oder eine erhöhte Konzentration in der Atmosphäre hin.”

Wenn neben den beim Verbrennen entstehenden CO2-Emissionen auch die bei Förderung, Transport und Lagerung anfallenden Methanleckagen berücksichtigt werden, fällt die Klimabilanz von Erdgas – insbesondere von gefracktem Erdgas – so schlecht wie die von Kohle aus.

Berechnungen zufolge ist gefracktes Gas für mehr als die Hälfte des globalen Anstiegs der Emissionen aus fossilen Brennstoffen sowie für etwa ein Drittel des Anstiegs aus allen Quellen in den letzten zehn Jahren verantwortlich.

Nebenbei benötigt das Fracking unglaubliche Mengen an Wasser, um unter hohem Druck und Zusetzung von teilweise höchst gefährlichen Chemikalien Gesteine aufzubrechen, um das darin enthaltene Gas zu extrahieren. Für jede Bohrstelle ist soviel Wasser nötig, wie eine mittlere Großstadt pro Tag verbraucht (ca. 175.000 m3).

Offensichtlich greift Hr. F. verzweifelt nach jedem Strohhalm, damit sein Leben so weitergehen kann wie bisher. Genau wie in seinem letzten Leserbrief zur Atomkraft sind ihm die Auswirkungen auf die Umwelt und die Gefahren vollkommen gleichgültig.

Wir müssen endlich aufhören, fossile Brennstoffe aus dem Boden zu holen, die dem atmosphärischen Kreislauf Millionen von Jahren entzogen waren. Wir sehen heute die Erwärmung der Atmosphäre durch die CO2-Emissionen von vor ca. zehn Jahren (390 ppm). Die Auswirkungen von 420 ppm CO2 (heutiger Stand) werden wir erst in zehn Jahren erleben, und sie werden nicht schön sein.

Zum Abschluss nochmals zur Atomkraft: die Betreiber haben schon mit dem Abbau der Bauwerke begonnen, z.B. werden keine Sicherheitsüberprüfungen mehr durchgeführt. Auch werden schon mit aggressiven Reinigungsmitteln Dekontaminationsmaßnahmen durchgeführt, die das Material angreifen. All das müsste rückgängig gemacht bzw. repariert werden, bevor nur an einen Weiterbetrieb zu denken ist. Die jetzigen Brennstäbe haben eine kalkulierte Lebenszeit und Kapazität bis Ende 2022 und werden für jedes Kraftwerk speziell hergestellt. Die Lieferzeit für eine Neubestellung betrüge dadurch 18 bis 24 Monate.

Abgesehen davon haben wir kein Energieproblem, sondern ein Wärmeproblem: Strom ist genug da, aber mit Atomkraftwerken können wir nicht heizen.

09.06.2022

Selbsttäuschung als Ausweg aus der Klimakatastrophe

Ein weiterer Leserbrief behauptet, dass Deutschland nicht aus der Kernkraft aussteigen soll. Herr F. findet, dass wir mehr kaputte Atome brauchen. Auf Bagatellen wie Versicherung, Gefahren oder Atommüll geht er nicht weiter ein - das sind vermutlich alles Probleme für nachfolgende Generationen?

All diese hilflosen Versuche sind Symptome einer Flucht vor der Wirklichkeit und ignorieren, wie aufwändig es wäre, bestehende Kernkraftwerke weiter zu betreiben oder neue zu bauen. Atomstrom ist, wenn man alle Folgekosten betrachtet, die teuerste Option. Statista hat eine Aufstellung über die Kosten der verschiedenen Arten der Stromerzeugung:

Atomkraft

37,8 ct/kWh

Braunkohle

25,5 ct/kWh

Steinkohle

23,3 ct/kWh

Solar

22,8 ct/kWh

Wind Offshore

18,5 ct/kWh

Wind Onshore

8,8 ct/kWh

Selbst wenn man annimmt, dass das Ausmaß der Klimakatastrophe verstanden wurde - was ich bezweifle - ist die Forderung nach mehr Kernkraft ein Zeichen für ein "weiter so". Man verschiebt die vermeintliche Lösung des Problems immer weiter in die Zukunft, damit jetzt in der Gegenwart keine Einschnitte nötig sind. Das ist Raubbau auf Kosten unserer Kinder. Ein Großteil der Brennstäbe kommt aus Russland. Wollen wir Putin noch mehr Geld für Kriege geben?

Die Befürworter von Kernkraft wollen nicht akzeptieren, dass der Zeitrahmen für wirksame Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu kurz ist, um neue Kernkraftwerke zu bauen und damit fossile Brennstoffe stark genug zu reduzieren. Wir sollten kein Geld in die Zukunft verschieben, das wir jetzt brauchen, um erneuerbare Energien auszubauen.

Ein neues Kernkraftwerk hat eine Bauzeit von zehn bis fünfzehn Jahren, und wenn ein Feldhamster gesichtet wird, dauert es nochmals fünf Jahre länger.

Wir haben aber insgesamt nur noch 5 Jahre Zeit, und selbst diese Zeitspanne garantiert uns nur ungefähr eine Zweidrittel-Chance, unter dem Ziel von 1,5 ° C zu bleiben, das im Pariser Abkommen 2015 festgelegt wurde. Zur Erinnerung: Deutschland hat dieses Ziel ratifiziert, es hat also Gesetzeskraft. Nur leider handelt man nicht danach.

In Frankreich sind mittlerweile die Hälfte aller Atomkraftwerke abgeschaltet, größtenteils langfristig wegen schwerer Baumängel, teilweise wegen Wassermangel für die Kühlung - auch diese Trockenheit ist eine Folge der Klimakatastrophe.

Über Pfingsten lag der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung in Deutschland bei über 70 %, Deutschland konnte zu einem guten Preis von über 10 ct/kWh Strom ins Ausland verkaufen. So schwer kann es also nicht mehr werden, den Anteil noch weiter zu steigern. Der Schritt der Ampel, länderspezifische Abstandsregeln zu verbieten, ist ein richtiger und überfälliger Schritt, um die Fortschrittsverhinderer Söder in Bayern und die AfD in Thüringen einzubremsen.

Selbst eine globale Erwärmung um "nur" 1,5 ° C hat schon gravierende Auswirkungen, die uns teuer zu stehen kommen werden. Die letzten Jahre waren in Deutschland ungewöhnlich heiß und trocken. In Indien, Pakistan, Afrika und Südamerika gibt es Hitzewellen mit über 50 ° C. Die Schwankungen des Wetters, d.h. die extremen "Ausreißer" zu beiden Seiten, werden immer stärker.

Die "National Oceanic and Atmospheric Administration" NOAA, die Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA, hat einen erschreckenden Vergleich der auf uns zukommenden Probleme erstellt:

5 ° C

Ein Großteil der Erde wird unbewohnbar

4 ° C

Hunderte überschwemmte Städte

3 ° C

Dürren und Hungersnöte für Milliarden Menschen

2 ° C

Tödliche Hitzewellen und Essensknappheit

1,5 ° C

Hitzewellen, Fluten, Dürren

1 ° C

Instabile Lebensmittelversorgung

0,5 ° C

Mehr extreme Wetterereignisse

Was wir anstatt von Kernkraftwerken brauchen, sind kurzfristige Maßnahmen, um fossile Verbrennung zu reduzieren:

  • Photovoltaik auf alle öffentlichen Gebäude
  • Mehr Windkraftanlagen statt Verhinderung wie in Thüringen oder Bayern
  • Luftfiltergeräte mit Wärmetauschern in Schulen statt Lüften
  • Billiger, gut getakteter ÖPNV
  • Weniger Individualverkehr
  • Mehr Homeoffice, wo immer möglich
  • Weniger LKW
  • Güter auf die Schiene

02.05.2022

Zurück zur Kernenergie? - Leserbrief

Die Diskussion um die Energieversorgung in Deutschland hat durch den Ukraine-Konflikt einen neuen Impuls bekommen. Immer mehr Stimmen fordern, Atomkraftwerke nicht abzuschalten, oder wieder in Betrieb zu nehmen oder sogar neu zu bauen. Einer der energischsten Verfechter schreibt dazu Leserbriefe. Auf den ersten davon antwortete ich. Nach einem ersten Widerspruch eines anderen Leserbriefschreibers kam dann als Antwort auf den Einwand "Atommüll" die lapidare Erwiderung "Atommüll haben wir doch schon, da macht ein bisschen mehr auch nichts mehr aus".

[veröffentlicht am 30.04.2022]

In letzter Zeit mehren sich die Rufe, den Atomausstieg rückgängig zu machen oder wenigstens die derzeit noch funktionsfähigen Atomkraftwerke länger als geplant zu betreiben, wie z.B. kürzlich in einem Leserbrief von Hr. F.

Diese Idee hat mehrere gravierende Nachteile:

  1. Kraftwerksbesitzer haben in Hinblick auf den Atomausstieg die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsüberprüfungen verringert oder ganz ausgesetzt. Für eine längere Laufzeit müssen diese Überprüfungen nun nachgeholt werden. Falls dabei Mängel erkannt werden, müssen diese mit hohem finanziellen Aufwand behoben werden.
  2. Kernkraftwerke sind real nicht versicherbar, weil die Schäden unabsehbar sind. Keine Versicherungsgesellschaft schließt mehr neue Haftpflichtversicherungen ab. Es gibt zwar formal den “Atompool”, einen Verbund von Versicherern, aber die Versicherungssumme für einen Schaden beträgt nur 255 Mio €. Höhere Schäden werden bis 2,5 Mrd. € vom Gesamtkonsortium der Mitglieder getragen. Das bedeutet, dass der Staat für alle weiteren Schäden aus Atomunfällen haftet. Dieser “Atompool” bestand vor 10 Jahren noch aus mehr als 30 Mitgliedern, von denen bis jetzt über 20 wieder ausgeschieden sind, weil die Risiken zu groß sind.
  3. Die Besitzer haben Entschädigungszahlungen erhalten, die der Staat zurückfordern müsste.
  4. Europaweit gibt es Vereinbarungen über Einspeisemengen. Falls "zuviel" produziert wird, müssen Anlagen abgeregelt werden, um weniger Strom zu erzeugen. Ältere Kernkraftwerke sind nicht sehr flexibel im "Abregeln" - dies hat hauptsächlich Kostengründe. Deswegen trifft es in der Regel die flexibleren Wind- oder Solarkraftwerke, die ihren Strom dann nicht mehr einspeisen können.
  5. Einer der Hauptlieferanten von Kernbrennstäben ist Russland. Wollen wir uns darauf verlassen?
  6. Die Entsorgung ist nach wie vor nicht geklärt. Es gibt kein Endlager.
Zumindest für den letzten Punkt scheint es aber eine Lösung zu geben: einer der lautesten Schreier nach einer Verlängerung der Laufzeiten ist Markus Söder. Dann wird es sicherlich auch bald einen Standort in Bayern für ein Endlager geben (das wäre natürlich blöd für uns Hessen als unmittelbare Nachbarn). Herr Söder würde sich doch nie die Blöße geben, Kernkraft zu fordern und dennoch ein Endlager in Bayern wegen der Gefahren abzulehnen.

Ein Blick ins Nachbarland Frankreich zeigt, dass die Atomkraft nicht dauerhaft handhabbar ist. Von den 56 Kraftwerken dort sind 26 langfristig (!) außer Betrieb, weil aus Sicherheitsgründen größere Instandsetzungen nötig sind. Netto ist Frankreich ein Stromimporteur, und Deutschland ist im Jahresmittel ein Stromexporteur.

Letztes Wochenende Am letzten April-Wochenende z.B. hat Deutschland nur mit erneuerbaren Energien (!) netto mehr Strom erzeugt als verbraucht (also mehr als 100 %) und konnte den Überschuss gut ins Ausland verkaufen. Eine Kombination von Photovoltaik und Windkraft kann uns langfristig von Öl, Gas und Kernkraft unabhängig machen.

Es ist also sinnvoll, in die sterbende Kernkraft kein gutes Geld mehr zu investieren, sondern dieses Geld in Technologien für erneuerbare Energien zu stecken. Dazu können Subventionen für private Photovoltaik zählen, aber auch Infrastruktur für ein “Smart Grid”, also ein leistungsfähiges Stromnetz, in das man z.B. die Akkus von E-Autos integrieren kann, während sie an einer Ladestation angeschlossen sind. Auch ein Recycling von alten E-Auto-Akkus als Puffer wird schon erforscht.

27.04.2022

"Endemisch" heißt nicht "harmlos" - Leserbrief

Heute war wieder der Tag der grausamen Leserbriefe in unserer regionalen Tageszeitung, der WZ.

Einer stach besonders hervor: eine Mathematikerin (nach eigenen Angaben) schrieb, dass das Virus endemisch werde, dass die beste Vorgehensweise eine durchstandene Infektion sei und dass man nach einer Infektion immun sei. Das ist sehr traurig, weil nichts davon stimmt und damit nur die Argumentationslinie von Streeck und Konsorten aufgegriffen wird, alles laufen zu lassen ("wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben" ...).

[veröffentlicht am 22.04.22]

Frau B. schreibt, dass wir in einem Stadium der Pandemie angelangt seien, in dem wir das Virus als normalen Bestandteil unseres Lebens akzeptieren sollen. Sie argumentiert damit, dass das Virus mittlerweile endemisch sei und die beste Vorgehensweise eine durchstandene Infektion sei, und dass man nach einer Infektion immun sei.

Leider stimmt nichts davon: "endemisch" ist nur der Fachbegriff für eine weite Verbreitung einer Krankheit. Das heißt nicht automatisch, dass die Krankheit deswegen harmlos geworden ist. Tuberkulose und Malaria sind auch endemisch und gute Gegenbeispiele dafür, dass das Wort "endemisch" allein keine Begründung sein kann.

Dinge einfach laufen zu lassen, führt zu den katastrophalen Ergebnissen wie in Dänemark und Schweden. Diese Länder haben absichtlich auf das Prinzip "Durchseuchung" gesetzt, wie eine Untersuchung letzte Woche aufgedeckt hat.

Wir wissen inzwischen genau, dass weder eine durchstandene Infektion noch eine Impfung eine Immunität hervorruft. Das Risiko, bei einer Infektion schwer zu erkranken, ist nicht zu vernachlässigen, deswegen ist eine Impfung die einzige sinnvolle Möglichkeit, das Risiko bei erfolgter Infektion so weit wie möglich zu reduzieren. Alles andere (AHA+L+A usw.) sind Hilfsmaßnahmen, die zusätzlich erforderlich sind oder waren.

Der Verlauf einer durchstandenen Infektion gibt außerdem keinerlei Hinweises darauf, dass die nächste Infektion denselben Verlauf haben wird. Jede Infektion kann harmloser oder schlimmer aufallen.

Es gibt zwar Forschungsansätze, dass manche Menschen immun zu sein scheinen, weil ihr Immunsystem andere Marker des Virus erkennt, so dass sie nicht auf das Spike-Protein reagieren, sondern auf Teile des Virus, die für dessen Reproduktion nötig sind und kaum mutieren. Diese Forschung könnte irgendwann zu besseren Impfstoffen führen, aber das ist noch Zukunftsmusik.

Wenn wir nicht alles daran setzen, die Infektionen zu reduzieren, bieten wir mit jeder Infektion dem Virus die Chance zu mutieren, und niemand kann vorhersagen, ob die neuen Mutationen harmloser oder gefährlicher sein werden.

Abgesehen davon gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass viele Infizierte (je nach Studie um die 10%) ein oder mehrere Post- oder LongCovid-Symptome entwickeln. Diese Auswirkungen auf das Gesundheitssystem und den Arbeitsmarkt sind langfristig überhaupt noch nicht absehbar.

23.04.2022

was ist das "Institut Mobile Zukunft"? - Leserbrief

Mitte März druckte die WZ ein großes Interview mit einem Vertreter des "Instituts für mobile Zukunft" (IMZU), Johannes Hübner. Das Institut wurde als Sammlung von Experten für quasi alles und jedes vorgestellt. Das machte mich neugierig und ich versuchte herauszufinden, welche Experten das sind und in welchen Fachgebieten sie das sind.

Außerdem fragte ich die Redaktion der WZ, wie das Interview zustande kam, ob Hr. Hübner sich als Interviewpartner anbot oder ob die WZ auf ihn zuging, um ein Interview zu führen. Diese Frage wollte die WZ-Redaktion nicht beantworten, da grundsätzlich keine Interna zu redaktionellen Entscheidungen nach außen gegeben würden. Ich denke aber, das beantwortet sich von selbst.

Spoiler: es sind im Wesentlichen Experten für bezahlte PR, das Interview erschien auch in anderen Blättern der Ippen-Verlagsgruppe (FR, FNP u.a.). Das schrieb ich der WZ in einem Leserbrief. Respekt trotz allem dafür, den Leserbrief abzudrucken.

Mit Hr. Hübner hatte ich nach Veröffentlichung einen eher schrägen Emailaustausch, in dessen Verlauf ich einen "Fragebogen" ausfüllen sollte, um mich zu "identifizieren". Vermutlich ist damit gemeint, dass Hr. Hübner herausfinden wollte, wie ich zum Klimawandel stehe. Er blieb hartnäckig bei der Behauptung, dass sich der CO2-Anteil in der Atmosphäre nicht verändert hat. Seine wissenschaftlichen Kenntnisse erschöpfen sich darin, zu behaupten, dass 1 Liter Kraftstoff (850 g Diesel) nicht zu 2,6 kg CO2 verbrennen könne. Also Chemie: setzen, sechs.

Aus Platzgründen nicht mehr in den Leserbrief gepasst hat eine Beispielrechnung, warum eine Halbierung der Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe keine besonders große Entlastung darstellt. Nebenbei gibt es eine rechtliche Hürde: die Mehrwertsteuer ist EU-weit harmonisiert, es gibt Mindestsätze von 15 bzw. 5 %, die die Mitgliedsstaaten nicht unterschreiten dürfen. Eine Halbierung ist also gar nicht möglich. Die Corona-bedingte Reduzierung auf 16 bzw. 5% war schon hart am rechtlichen Limit. Kraftstoffe stehen übrigens auf einer Liste von Waren, die ausdrücklich nicht für die reduzierte Mehrwertsteuer in Frage kommen, also könnte der Staat auch nicht einfach den Satz für Kraftstoffe auf 7 % senken.

Die Preissteigerung beim Benzin und Diesel dem Finanzamt anzulasten, ist unterkomplex.
Einfach mal als Rechenbeispiel, wieviel Einfluss die Mehrwertsteuer auf den Preis hat:

Zur Vereinfachung der Rechnerei mal angenommen, Diesel hat vor der Erhöhung 1,50 gekostet, davon sind dann 0,24 MwSt. (1,50 geteilt durch 1,19).

Jetzt kostet Diesel 2,00, davon sind dann 0,32 MwSt., ohne MwSt. also 1,68 (2,00 geteilt durch 1,19).

Diesel mit halbierter MwSt. (ich rechne mit 1,09) würde dann 1,83 kosten (1,68 mal 1,09), die MwSt betrüge 0,15 statt 0,32.

Eine Halbierung der MwSt auf Diesel würde den Verbraucher also um gigantische 17 Cent pro Liter entlasten, bei einem Tankinhalt von 50l macht das immerhin 8,50 pro Tankvorgang. Diese Entlastung wäre ziemlich ungerecht, weil sie PKW mit hohem Verbrauch massiv bevorteilt. Wer ein dickes Auto und/oder weite Strecken fährt und deswegen viel verbraucht, hat also deutlich mehr von dieser selektiven Steuerentlastung als Autofahrer mit einem kleinen Auto, wenig Fahrtstrecke oder Personen, die gar kein Auto fahren. Da die meisten Firmenwagen mit Diesel fahren, fehlt hier jeglicher Anreiz, spritsparend zu fahren - es zahlt ja die Firma und nicht der Fahrer.

[abgedruckt am 31.03.2022]

Das „Institut Mobile Zukunft (IMZU)“ hat seinen Sitz angeblich in Friedberg, auch wenn das Impressum der Website Frankfurt nennt. Die WZ feiert die „Experten für Fachrichtungen der Wissenschaft, Technik, Politik und Gesellschaft“ – also Experten für quasi alles, und das so nah!

Nur verwunderlich, dass man über das IMZU so gut wie nichts findet, wenn man recherchiert. Die Namen im Impressum sind unbeschriebene Blätter in der Welt der Klimawissenschaft, man erfährt von der Website nicht, welche Fachgebiete die „Experten“ beherrschen und inwieweit sie darin Besonderes geleistet haben. Die letzte offizielle Publikation war von 2020, kurz nach dem Beginn der Corona-Pandemie. Die Titel der aufgeführten Werke lassen eher auf eine Nähe zur Industrie schließen als auf „Unabhängigkeit“. Sogar noch 2015 findet sich ein Beitrag „Irrweg Elektromobilität“, und der Klimawandel durch CO2 wird schlicht geleugnet. Zitat: „die behauptete Anreicherung der Atmosphäre mit CO2 und NOx seit Beginn der Industrialisierung ist in der Atmosphäre nicht nachweisbar - die o.a. Zusammensetzung der Atmosphäre ist, wie obige Fakten belegen, seit Jahrhunderten gleich.“

So weit kann es mit der Kompetenz des Gremiums nicht her sein, wenn alle sonstigen Fachleute den Vorstoß Lindners zu Rabatten in der Luft zerreißen, sogar die Tankstellenbetreiber, die eine ausufernde Bürokratie bei der Rückerstattung des Rabatts befürchten.

Ein paar weitere Nachforschungen über dieses „Institut“ und damit verbundene Namen lässt erkennen, dass die weiteren an IMZU Beteiligten trotz beeindruckender akademischer Titel im Wesentlichen Journalisten und PR-Profis sind, die das schreiben, was ihre Auftraggeber bestellen und bezahlen: Johannes Hübner - Institut für zielgerichtete Kommunikation, Johannes Hübner autoconsult, Johannes Hübner PubliZitat, Das Fuhrwerk - Alfred F. Fuhr - AIVS, Dr. Susanne Roeder (Doktortitel in englischer Philologie).

Die fragwürdige Kompetenz erkennt man daran, dass Hr. Hübner eine Senkung der Steuern fordert und behauptet, dass die Preissteigerung auf die Steuern zurückzuführen ist. Aber: die Energiesteuer auf Diesel und Benzin beträgt fix 47 bzw. 65 ct. Der Löwenanteil der Preissteigerung fließt an die Mineralölfirmen! Natürlich steigt auch der Mehrwertsteueranteil, aber im Verhältnis ist das nur ein kleiner Teil (Details beim Datenjournalisten Kreutzfeldt). Die Erdölfirmen machen sich nun mit Spekulationsgewinnen die Taschen voll, sogar das Kartellamt ist eingeschaltet.

Die Gaspipeline Nordstream 2 war von Anfang an eine Totgeburt, und als Nebeneffekt der derzeitigen Krise freuen sich die Amerikaner, dass Europa nun dreckiges, umweltschädliches Frackinggas aus den USA bezieht.

Die Gasspeicher, die nun nur zu 30% gefüllt sind, sind eine Folge der Kündigung von langfristigen Lieferverträgen zugunsten von Einkäufen auf dem Spotmarkt. Das mag vor einiger Zeit aus BWL-Sicht billiger gewesen sein, aber man hat dabei der Hoffnung auf weiterhin niedrige Preise Vorrang vor Versorgungssicherheit gegeben und sich verzockt. Die Speicher selbst sind gar nicht mehr in deutschem Besitz, man hat sie vor einiger Zeit verkauft – Überraschung: an Gazprom.

Abgesehen davon ist es absolut sinnvoll, dass Diesel teurer ist als Benzin, denn Diesel ist deutlich umweltschädlicher als Benzin, und selbstverständlich sollte sich das bei der CO2-Bepreisung auch widerspiegeln. Ein Liter Diesel verbrennt zu ca. 2,6 kg CO2, ein Liter Benzin zu 2,3 kg CO2. Die derzeitige CO2-Abgabe war von Anfang an zu niedrig angesetzt und müsste noch deutlicher steigen. Die ersten Kipppunkte sind überschritten, wir haben effektiv nur noch knapp 5 Jahre, um deutliche ökologische Verbesserungen zu erzielen. Dazu gehört auch, die Blockade des Neubaus von Windkraftanlagen aufzuheben, z.B. die 10H-Regel. Der Flächenverbrauch von Windkraftanlagen ist lächerlich gering, und durch die Aufforstung an anderen Standorten gibt es sogar netto einen Gewinn an Bewuchs. Die Mär vom gefährlichen Infraschall ist lang widerlegt und resultiert nur aus einem Rechenfehler, und Hauskatzen töten jährlich mehr Vögel als alle Windkraftanlagen zusammen.

22.02.2022

"Ich beuge mich nicht" - Leserbrief

In der WZ am 18.02.22 ist ein Leserbrief als Antwort auf meinen Leserbrief über "Verachtung für die Demokratie" abgedruckt worden. Am 01.03. wurde dies als Antwort darauf abgedruckt.

Hr. B. zeigt absolut eindrucksvoll, dass er nichts verstanden hat und weiter in seiner schlichten Welt der Querdenker lebt und dort bleiben will.

Er hat mit seinem Leserbrief exakt das bewiesen und bestätigt, was ich schrieb: die Impfgegner suchen sich aus den Rechten und Pflichten eines Bürgers unserer Demokratie genau die Regeln heraus, die ihnen in den Kram passen, und den Rest ignorieren sie, weil das ja "ihr Recht" ist, sich frei zu entfalten. Das wichtigste für Impfgegner ist der Egoismus, nur für sich selbst zu entscheiden und zu leben.

Hr. B. zitiert Art. 8 unseres Grundgesetzes und betont, dass die "Spaziergänge" konform sind mit dem Recht auf Versammlungsfreiheit. Dummerweise oder vielleicht auch ganz gezielt unterschlägt er dabei den zweiten Satz dieses Artikels: "Versammlungen im Freien müssen angemeldet werden".

Diese selektive Wahrnehmung der Realität zieht sich durch das gesamte Verhalten der Impfgegner: wenn ihnen Gesetze nutzen, werden sie lauthals eingefordert. Wenn sie nicht erwünscht sind, werden sie als "Zwangsmaßnahme" genauso lauthals abgelehnt. Hr. B. vergisst nur die Kleinigkeit, das eine demokratische Gemeinschaft nur funktionieren kann, wenn man nicht nur die Rechte nutzt, sondern auch solidarisch die Pflichten befolgt, die sich aus den gewährten Freiheiten ergeben. Die Freiheit des Einen findet ihre Grenzen in der Freiheit der Anderen. Und auch aus meinem vorherigen Leserbrief hat er nur das herausgelesen, was ihn stört, damit er es kritisieren kann. Fakten interessieren nicht.

Der "verdammte Impfstoff" wurde mehr als zehn Milliarden Mal gegeben. Die WHO untersucht derzeit um die 80 Verdachtsfälle von Menschen, die vielleicht aufgrund der Impfung verstorben sind. Noch nie in der Geschichte gab es in so kurzer Zeit so viele gesammelte Daten über ein Medikament - deshalb fallen auch extrem seltene Nebenwirkungen tatsächlich so schnell auf. Traurig nur, dass so viele Menschen versuchen, Kausalitäten zu finden, wo keine sind, und fabulieren sich aus zufälligen Ereignissen eine Verbindung zurecht zwischen Krankheiten und der kurz zuvor erfolgten Impfung.

An der Herstellung von mRNA-Medikamenten und -Impfstoffen wird seit 30 Jahren geforscht, leider über sehr lange Zeit hinweg mit wenig Budget, als Heilmittel z.B. für Krebs. Eine leicht verständliche Beschreibung findet sich hier beim Heise-Verlag. Die Pandemie hat hier weltweit so viel Geld locker gemacht, dass innerhalb von wenigen Monaten tatsächlich wirksame Impfstoffe hergestellt werden konnten. Das ist eine unglaubliche und wunderbare wissenschaftliche Leistung! Biontech fertigt nun mobile Herstellungscontainer an, die z.B. nach Afrika geliefert werden können, wo mehr als 50 Staaten nach wie vor massiv unterversorgt sind.

12.02.2022

Freiheit ist das neue Wort für Egoismus

[Veröffentlicht in der WZ vom 11.02.22]

Erneut zeigen die Querdenker und Impfgegner, wes Geistes Kind sie sind: der Leserbrief von Hr. Marel bringt es mit zwei kurzen Sätzen auf den Punkt. Diese Zitate klingen harmlos, aber mit etwas Hintergrundwissen offenbart sich dahinter ein Abgrund von Verachtung für Mitbürger und Demokratie.

Hintergrund dazu: Hr. Marel war Kandidat der AfD bei der letzten Kreistagswahl, unterzeichnete die als extrem eingestufte „Erfurter Resolution“ und wurde 2021 von immerhin 23.500 Menschen gewählt. Das von ihm angeführte Zitat stammt von Ken Jebsen, einem ehemaligen Moderator des rbb, der seit 2011 in Verschwörungstheorien abgedriftet ist. Er klagte mehrfach gegen Medien wegen deren Behauptung, er sei wegen antisemitischer Äußerungen entlassen worden. Klagen gegen die taz und den Spiegel verlor er.

Die Wikipedia weiß zum Künstlernamen "Ken Jebsen" interessante Details, hier nur ein kurzer Ausschnitt: "2014 und 2015 trat Jebsen als Hauptredner bei den umstrittenen Mahnwachen für den Frieden, ab 2020 bei „Querdenken“-Demonstrationen hervor. Wegen seiner Bill-Gates-Verschwörungstheorie und anderen Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie sperrte YouTube den KenFM-Kanal im November 2020 dauerhaft. Der Verfassungsschutz Berlin beobachtet KenFM seit März 2021 als Verdachtsfall."

Die rechte Ideologie basiert auf einer verqueren Auslegung von darwinistischen Ideen: nur die Starken setzen sich durch, und auf Schwächere muss keine Rücksicht genommen werden.

Es geht den Impfgegnern überhaupt nicht mehr um die Einhaltung von demokratischen Regeln und Solidarität mit schwächeren Mitmenschen, sondern nur noch um die Durchsetzung des eigenen Willens, eben auch auf Kosten der Allgemeinheit, die im dritten Jahr mehr schlecht als recht durch diese Pandemie taumelt, mit politischen Beschlüssen, die aktiv wissenschaftliche Erkenntnisse und Expertenempfehlungen ignorieren.

"Freiheit" ist für Impfgegner das Kampfwort, um ihren Egoismus zu rechtfertigen. "Freiheit" bedeutet, dass es egal ist, wie voll die Krankenhäuser werden und dass dadurch Behandlungen und Operationen verschoben werden müssen. "Freiheit" bedeutet, an unangemeldeten Demonstrationen teilzunehmen, sie mit dem Feigenblatt des "Spaziergangs" zu tarnen und dabei Hygieneauflagen vorsätzlich zu mißachten. "Freiheit" bedeutet, wissenschaftliche Erkenntnisse als "Meinung" abzulehnen und die eigene Meinung zu Tatsachen zu erhöhen. "Freiheit" bedeutet, den Widerspruch als Verletzung ihrer demokratischen Rechte zu bejammern.

Es ist traurig, erschreckend und bezeichnend, dass Hr. Marel einen Menschen wie Ken Jebsen für zitierfähig hält und sich sogar die Mühe macht, dafür einen Leserbrief zu schreiben.

10.02.2022

Linux from Scratch in einer Linux-VM installieren

Ich bin seit langem ein großer Fan von "Linux from Scratch", bei dem man ein komplettes Linux-System aus den Quelltexten kompiliert und installiert. Ich schrieb vor längerem schon mal darüber, wie man dieses Kompilieren automatisieren kann.

Das hat bislang auf "Blech" gut funktioniert. In letzter Zeit habe ich sehr viel mit virtuellen Maschinen gearbeitet und den Ehrgeiz entwickelt, auch ein LFS in einer VM zum Laufen zu bekommen.

Ich habe meine bisherigen LFS-Versionen direkt nach dem ersten erfolgreichen Booten als tar-Archiv gesichert, und ich dachte mir, es wäre doch schön, diese ganzen historischen Schätzchen auch ohne zugehörige Hardware weiter zu benutzen.

Es hat ein bißchen Schweiß gekostet, aber schlussendlich ist es gelungen. Ich habe eine VM mit einer alten LFS-Version bootfähig machen können. Zwischendurch gab es ein paar Stolpersteine, deshalb schreibe ich das alles mal auf ;)

Das Gastsystem ist ein Fedora mit dem installierten @Virtualization-Paket. Darin enthalten ist eine nette GUI namens virt-manager, mit der man bequem neue VMs erstellen oder eine VM aus einem bestehender Imagedatei importieren kann.

Genau wie "Linux from scratch" wollte ich aber auch eine "VM from scratch" bauen. Dafür brauche ich zuerst eine "leere" Datei im Format qcow2. Das ist gut für kleine Festplatten, weil es ein "sparse" Dateiformat ist - die Datei ist nicht so groß wie definiert, sondern wächst an ihren Aufgaben bzw. der Füllung, "leere" Lücken belegen keinen Speicherplatz. Diese leere Datei habe ich mit dem folgenden Befehl erzeugt:

# qemu-img create -f qcow2 LFS-11.0-32.qcow2 2048M

Wie üblich bei LFS braucht man für den allerersten Schritt ein Gastsystem, auf dem man die LFS-Quellen kompilieren kann. Wenn man schon ein fertiges LFS als Archiv hat, entfällt dieser Schritt, aber es ist sehr praktisch, auf dem Gastsystem eine ISO-Datei mit einem "Live Linux" für Reparaturzwecke greifbar zu haben. Diese ISO-Datei bietet man der VM als virtuelles CD- bzw. DVD-Laufwerk an und kann ggfs. sogar davon booten, um sich die VM "von innen" anzuschauen. Das funktioniert selbst dann, wenn das LFS noch nicht bootfähig ist.

qcow2 kann man als Dateisystem auf dem Gastsystem mounten, wenn die VM nicht gestartet ist. Auf diese Weise kann man die virtuelle Festplatte (in Linuxjargon aus Sicht der VM /dev/vda) partitionieren und formatieren.

Das Stichwort "virtuelle Festplatte" deutet schon den ersten Stolperstein an: als Sparbrötchen habe ich beim Kompilieren des Linuxkernels für LFS auf echtem Blech nur die allernötigsten Optionen eingeschaltet, und die reichen nicht aus für den Betrieb in einer VM. Man muss die Optionen für "virtio" (das bedeutet "ich bin eine virtuelle Maschine") aktivieren, und ohne Basteleien an der "initial ramdisk" initrd ist es besser, wenn man alle virtio-Funktionen fest in den Kernel aufnimmt und gerade nicht als Module. Wenn man das Modul virtio_blk beim Booten nicht hat, findet der Kernel seine virtuelle Festplatte nicht und stoppt mit einem "kernel panic".

Während man also die virtuelle Festplatte vorbereitet, kann in einem anderen Fenster nebenbei ein Kernel kompiliert werden ;). Mindestens die Optionen CONFIG_VIRTIO und CONFIG_VIRTIO_BLK müssen in der .config-Datei auf "y" gesetzt werden (nicht "m"). Alle einzuschalten (console, net, iommu etc.) ist natürlich nicht verkehrt, soviel größer wird der kompilierte Kernel dadurch nicht. Da ich nur eine Sorte Kernel kompilieren will, der auf Blech und virtuell funktionieren soll, brauche ich auch das Modul für SATA-Festplatten fest eingebaut, d.h.  das SCSI-Disk-Modul "sd" ist nötig, also ist auch CONFIG_BLK_DEV_SD auf "y" zu setzen. Wer sich mit initialen Ramdisks auskennt, kann natürlich sportlich alle Optionen auf "m" für "module compile" setzen und eine initrd erzeugen. Das wird aber in LFS nicht gut unterstützt und ist deshalb "left as an exercise to the reader" ;)

Für das Mounten der VM-Festplatte auf dem VM-Host ist ein Linuxmodul "nbd" nötig, das die Verbindung zwischen der qcow2-Datei und einem Device in /dev herstellt. Ob man nun eine Partition für alles baut oder sich am moderneren EFI-Layout mit separaten Partitionen für /boot etc. orientiert, ist bei LFS eigentlich ziemlich egal.

Nach dem Erzeugen der qcow2-Datei muss das Device mit qemu-nbd gemountet ("connected") werden. Danach kann man mit fdisk oder parted die gewünschten Partitionen anlegen und formatieren. Die Größe der Partitionen ist im Skript unten hartkodiert und muss ggfs. angepasst werden. Die Größe der 3. Partition (root) erfährt man mit dem Befehl "parted devicename print". Dies ist der Wert beim letzten mkpart-Befehl (hier fett hervorgehoben).

# parted /dev/nbd0 print
Model: Unknown (unknown)
Disk /dev/nbd0: 2147MB
Sector size (logical/physical): 512B/512B
Partition Table: msdos
Disk Flags:

Number  Start   End     Size    Type     File system  Flags
 1      1049kB  257MB   256MB   primary
 2      258MB   514MB   256MB   primary
 3      515MB   2147MB  1633MB  primary

Dieses Skript erledigt nun die ganze Arbeit, eine qcow2-Datei als virtuelle Festplatte für die VM vorzubereiten und mit Filesystemen zu versehen.

TO=/dev/nbd0
BOOT="${TO}p1"

SWAP="${TO}p2"

ROOT="${TO}p3"

img=~ths/kvm/LFS-10.1-32.qcow2
size=2048M
MNTROOT=/mnt/lfs
MNTBOOT="${MNTROOT}/boot"

modprobe nbd max_part=8
mkdir -p "${MNTROOT}"
qemu-img create -f qcow2 "${img}"
"${size}"

qemu-nbd --connect="${TO}" "${img}"

P="parted --script --fix ${TO}"

${P} mklabel msdos
${P} mkpart primary ext4   1  257
${P} mkpart primary ext4 258  514
${P} mkpart primary ext4 515 2147
${P} set 1 boot on
${P} print 

mkfs -t ext4 "${BOOT}"
mkfs -t ext4
"${ROOT}"
mkswap /dev/nbd0p2

mount "${ROOT}" "${MNTROOT}"
mkdir -p "${MNTBOOT}"
mount "${BOOT}" "${MNTBOOT}"

Als nächstes wird das LFS-Archiv ausgepackt. Mein Beispiel zeigt ein historisches LFS 8.0 mit einem damaligen Kernel 4.10 ;), man könnte aber auch ein aktuelles LFS verwenden.

cd /mnt/lfs
tar xf LFS-8.0-32.tar

Danach müssen die grub.cfg und die fstab angepasst werden, damit die Namen der Partitionen mit denen übereinstimmen, die die VM zur Verfügung stellt.

/dev/vda3 /      ext4  defaults  1 1
/dev/vda2 swap   swap  pri=1     0 0
/dev/vda1 /boot  ext4  defaults  1 1

Es ist auch eine gute Idee zu kontrollieren, ob die Verzeichnisse, die so ein Linuxsystem zum Betrieb benötigt, alle da sind, z.B. /tmp mit den richtigen Berechtigungen (wer weiß, was die "1" in "1777" bedeutet?), /var/log, /run, /sys usw. Danach folgt der (für mich) größte Stolperstein. Es ist nun nötig, dem Bootloader grub mitzuteilen, wie Linux von der Festplatte gestartet wird.

Der dazu nötige "Trick" ist sogar in der LFS-Anleitung beschrieben. Man muss nur auf die Idee kommen, dass diese Schritte auch für das Erzeugen einer VM nötig sind!

Die virtuellen Devices, die ein Linuxkernel zum Funktionieren benötigt, muss man in die künftige VM "duplizieren". Diesen Vorgang nennt man "bind mount", das ist eine Kopie eines Mounts an einer zweiten Stelle. Mit Hilfe dieser Devices ist grub erst in der Lage, die virtuelle Festplatte bootfähig zu machen.

export LFS=/mnt/lfs
mkdir -pv $LFS/{dev,proc,sys,run}
mknod -m 600 $LFS/dev/console c 5 1
mknod -m 666 $LFS/dev/null c 1 3
mount -v --bind /dev $LFS/dev
mount -v --bind /dev/pts $LFS/dev/pts
mount -vt proc proc $LFS/proc
mount -vt sysfs sysfs $LFS/sys
mount -vt tmpfs tmpfs $LFS/run
if [ -h $LFS/dev/shm ]; then
  mkdir -pv $LFS/$(readlink $LFS/dev/shm)
fi

Beim Auspacken eines "fertigen" LFS-Archivs sind die Device-Nodes für console und null natürlich schon da; die Fehlermeldungen kann man getrost ignorieren. Der Vollständigkeit halber habe ich die Schritte aus der LFS-Anleitung komplett zitiert.

Der nächste Schritt ist genauso wichtig: grub muss die "echten" Pfad- und Dateinamen sehen können. Dazu muss man mit chroot in das neue LFS-System wechseln.

export LFS=/mnt/lfs
chroot "${LFS}" /usr/bin/env -i \
    HOME=/root                  \
    TERM="${TERM}"              \
    PS1='(lfs chroot) \u:\w\$ ' \
    PATH=/usr/bin:/usr/sbin     \
    /bin/bash --login +h

In dieser schon "halb" simulierten Umgebung führt man grub-install auf die virtuelle Festplatte aus. Falls Host und Gast unterschiedlich "große" CPUs verwenden, muss grub Bescheid wissen, ob das Gast-LFS mit 32 Bit läuft. Ansonsten reicht es, das Device anzugeben.

grub-install /dev/nbd0

bzw.

grub-install --target=i386-pc /dev/nbd0

Danach kann man mit exit die chroot-Umgebung verlassen und die "bind mounts" wieder rückgängig machen.

export LFS=/mnt/lfs
umount $LFS/dev/pts
umount $LFS/dev
umount $LFS/proc
umount $LFS/sys
umount $LFS/run
 

Weiter oben hatte ich vorgeschlagen, in einem anderen Fenster einen Linuxkernel vorzubereiten, in dem die VIRTIO-Optionen alle fest in den Kernel eingebaut sind. Diesen Kernel sollte man nun nach /boot in die virtuelle Festplatte kopieren und den exakten Dateinamen in die grub.cfg eintragen. Die Anweisung "set root" in grub.cfg weist den Bootloader auf die Partition hin, in der der Kernel zu finden ist. In der Kernelkommandozeile hingegen ist "root=..." die Angabe, auf welcher Partition das Root-Filesystem dieser Linuxinstallation zu finden ist. Meine sehr schlichte /boot/grub/grub.cfg sieht so aus:

# Begin /boot/grub/grub.cfg
set default=0
set timeout=2

insmod ext2
insmod gzio
insmod part_msdos
set menu_color_normal=white/black
set menu_color_highlight=black/light-gray
font="/usr/share/grub/unicode.pf2"

menuentry "Linux from Scratch 11.0 5.15.21-64 vda3" {
    set root=(hd0,1)
    linux  /vmlinuz-5.15.21-64 root=/dev/vda3 ro
    initrd /initrd-5.15.21-64.img
}

Als vorletzten Schritt muss man nun die virtuellen Festplattenpartitionen unmounten und nbd anweisen, die Verbindung zwischen der qcow2-Datei und dem Device aufzuheben.

umount "${MNTBOOT}"
umount "${MNTROOT}"
qemu-nbd --disconnect "${TO}"
rmmod nbd

Nachdem die Datei der virtuellen Festplatte freigegeben ist, kann entweder mit dem GUI virt-manager oder auf der Kommandozeile mit virsh die eigentliche virtuelle Maschine aus der qcow2-Datei erzeugt werden. Im GUI klickt man sich durch das "create"-Menü und wählt "import existing disk image" und den Dateinamen aus. In der virsh verwendet man am besten eine bestehende VM als Muster, um die Definition als XML-Datei zu exportieren, ein paar Zeilen zu ändern (falls später die beiden VMs parallel laufen sollen), insbesondere natürlich den Dateinamen der neuen qcow2-Datei.

# virsh dumpxml vm-lfs1-11.0-64 > vm-lfs2-11.0-64.xml

Ich schlage vor, die folgenden Einträge in der XML-Datei zu verändern. Die man-Page von virsh empfiehlt, auch die UUID zu verändern oder die Zeile komplett zu löschen - dann vergibt virsh eine neue UUID.

>   <name>vm-lfs2-11.0-64</name>
>   <title>vm-lfs2-11.0-64</title>
>   <description>vm-lfs2-11.0-64</description>
<       <source file='/home/ths/kvm/vm-lfs1-11.0-64.qcow2'/>
>       <mac address='52:54:00:01:d1:22'/>

Dann kann man mit "define" die neue "Domain" bekannt machen. "Domain" ist der Begriff, mit dem KVM die virtuellen Maschinen bezeichnet.

# virsh define vm-lfs2-11.0-64.xml

Die VM kann jetzt gestartet werden, entweder im GUI des virt-manager oder mit virsh auf der Kommandozeile. Falls der Bootvorgang mit einem "kernel panic" und dem Hinweis "unknown block device (0,0)" endet, kann der Linuxkernel die virtuelle Festplatte nicht erkennen. Dann hat etwas beim Kompilieren des Kernels nicht geklappt mit der Aktivierung der VIRTIO-Optionen.

# virsh start vm-lfs2-11.0-64

Eine alternative Möglichkeit zur Reparatur ist das Starten der VM mit einer ISO-Datei eines Live-Linux-Systems. Dieses System sollte die virtuelle Festplatte ebenfalls erkennen, und man kann erneut versuchen, mit dem chroot-Schritt von oben die VM bootfähig zu machen.