11.06.2015

Leserbrief zu einer Pressemitteilung über Impfungen

Neulich am 23.05.2015 hat die Wetterauer Zeitung eine Pressemitteilung veröffentlicht, die über eine Veranstaltung des Naturheilvereins Bad Nauheim/Bad Vilbel berichtet. Bei dieser Veranstaltung hat ein österreichischer Journalist gegen Impfungen und Kaiserschnitt gewettert und Verschwörungstheorien abgesondert. Besagter Journalist hat einen spärlichen Wikipedia-Eintrag, in dem seine wissenschaftlichen Qualitäten beschrieben werden: "Ehgartner studierte in Wien Publizistik, Politikwissenschaften und Informatik (ohne Abschluss)". Man erkennt, dass er perfekt qualifiziert ist, um über medizinische Themen fundiert zu berichten. Nachdem kürzlich erst ein Leserbrief erschien, in dem ebenfalls einzelfallartig das Impfen schlechtgemacht wurde, ist mir der Kragen geplatzt und ich hab mal wieder in die Tasten gegriffen. Allerdings bezweifle ich, dass der Brief abgedruckt wird.

Leserbrief zu "Kritik an Kaiserschnitt und Impfung" (23.05.2015)

Liebe Redaktion der WZ,

ich empfinde es als schweren journalistischen Mißgriff, dass Sie ohne Würdigung der Tatsachen über einen "Dokumentarfilmer" berichten, der einen Zusammenhang zwischen Impfen, Kaiserschnitt, Umweltverschmutzung und Krankheiten wie ADHS, Autismus etc. herstellen will und unwidersprochen Unfug absondern darf.

Die WZ trägt leider mit der kritiklosen Veröffentlichung solcher Artikel massiv zur Verunsicherung von Eltern bei, die dann vielleicht ihre Kinder nicht impfen lassen und dadurch leider das Risiko für sich selbst und für ihre Umgebung massiv verstärken. Das ist nun schon das zweite Mal in kurzer Zeit, dass die WZ sich so kritiklos von Impfgegnern vereinnahmen lässt.

Was genau soll denn die Alternative zum Kaiserschnitt sein? Mutter und Kind sterben lassen? Man kann über den Trend zum geplanten Kaiserschnitt diskutieren, aber doch bitte nicht so.

Keines der aufgeführten Pseudo-Argumente belegt auch nur im Geringsten, dass das Impfen als medizinische Maßnahme schlecht ist. Stattdessen kommt es dann wie in Berlin zu einer Masernepidemie mit 700 Kranken und einem toten Baby.

Zitat: "Babys (...) mit zwei oder drei Monaten ihre ersten Impfungen, obwohl deren Wirkung sehr zweifelhaft sei". Genau das Gegenteil ist der Fall! Das Impfen ist eines der wissenschaftlich am Besten erforschten Gebiete, und die Meldepflichten bei vermuteten Impfschäden sind sehr streng. "Impfschaden" ist z.B. auch, wenn danach zwei Tage leichtes Fieber auftritt - auch solche Bagatellen fließen in die Statistiken mit ein. Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut gibt z.B. im Web alle Informationen heraus, wie hoch das Impfrisiko ist. Bei den üblichen Impfungen für Kinder sollte es keine Diskussionen geben. Eine Langzeitstudie an der Charité in Berlin hat übrigens festgestellt, dass der plötzliche Kindstod (SIDS) statistisch wesentlich seltener bei Säuglingen auftritt, die gegen Keuchhusten, Diphtherie und Polio geimpft sind.

Es mag ja wirklich sein, dass pures Aluminium im Körper giftig ist. Genauso sind aber pures Natrium und pures Chlor im Körper hochgiftig, aber als Verbindung "Kochsalz" lebensnotwendig. Es ist also wissenschaftlich absolut haltlos, bei Wirkungsverstärkern in Passivimpfstoffen die puren Bestandteile wie Aluminium zu betrachten.

Gerade bei Masern haben sich die Impfstoffe seit den 70ern entscheidend verbessert. Bei Lebendimpfstoffen (also abgeschwächten Erregern) werden üblicherweise gar keine Zusatzstoffe verarbeitet. Bei anderen Impfstoffen gibt es Zusatzstoffe, aber in vollkommen unkritischer Dosierung. Wer z.B. eine Pizza mit Thunfisch isst, hat schon 100 mal mehr Quecksilber zu sich genommen, als in einer Dosis Impfstoff in der Verbindung Thiomersal enthalten ist. Nebenbei ist der Konservierungsstoff Thiomersal seit Jahren nicht mehr in Verwendung.

Ebenso hält sich immer noch hartnäckig das Gerücht, dass die MMR-Impfung für Autismus und ADHS verantwortlich sei. Der Autor dieser fragwürdigen Studie wollte aber nur den MMR-Impfstoff in Misskredit bringen, weil er finanzielle Interessen hatte.

Wenn man überlegt, dass die Impfschäden bei Masern in Millionstel gemessen werden, die Todesfälle und bleibenden Schäden durch die Masern hingegen bei bis zu 5 von Tausend liegen (USA), 3 von Tausend (Schweiz) bzw. 1 von Tausend (D), sollte sich jede Diskussion erledigt haben. Es heißt nicht "Kinderkrankheit", weil sie so harmlos wäre, sondern nur deshalb, weil ungeschützte Kinder am häufigsten die Opfer sind. An Masern, Keuchhusten etc. kann man sterben!

Die Impfgegner haben nur deshalb eine Chance, der Darwin'schen Auslese zu trotzen und zu überleben, weil es genügend andere geimpfte Menschen gibt, so dass einfach die Chance, sich anzustecken, extrem gering ist. Die Impfgegner wälzen also das gesamte Impfrisiko von sich selbst ab, wollen aber wie selbstverständlich von der Durchimpfung profitieren. Dazu mag sich jeder selbst ein Urteil bilden.

Update 2015-06-11:
Nach einem Gespräch mit unserem Kinderarzt habe ich überrascht zur Kenntnis genommen, dass tatsächlich bei Kindern ein Zusammenhang besteht zwischen der Anfälligkeit für Asthma und ähnliches, wenn das Kind durch Kaiserschnitt auf die Welt geholt wurde. Tatsächlich nehmen die Kinder beim Durchgang durch den Geburtskanal schon einen Teil der Keimflora der Mutter an, was sich positiv auf die Entwicklung eigener Abwehrkräfte auswirkt.
Nichtsdestotrotz ist natürlich ein Kaiserschnitt nicht zu vermeiden, wenn es während der Geburt zu Komplikationen kommt. Einen "Wunschkaiserschnitt" aus Bequemlichkeit sollte man aber vermeiden.

29.05.2015

Leserbrief zur bejubelten Mindestspeicherfrist

Hurra, unser regionaler Hardliner Rudi Wais hat in der WZ wieder mal einen Kommentar zur Vorratsdatenspeicherung #VDS verbrochen, und wie immer ist er resistent gegen jede Art von Argumenten dagegen. Diesmal wird ja alles viel besser, alle Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts eingehalten, keine Verfolgung von Bagatellen wie Urheberrechtsverletzungen, und Geheimnisträger sind ja auch geschützt. Alles paletti also?

Mitnichten, schrieb ich in einem Leserbrief.

Leserbrief zur Glosse Hr. Wais 28.05.15, "Vorratsdatenspeicherung"

Hr. Wais, Sie wiederholen sich mit Ihren Behauptungen, dass die Vorratsdatenspeicherung bei irgend etwas helfen könnte.
Wirkliche Argumente kann ich Ihrem Kommentar nicht entnehmen, Gegenargumente zu Ihren Positionen wollen Sie nicht wahrnehmen.

Die jetzt "Mindestspeicherfrist" genannte Vorratsdatenspeicherung hat zwar öffentlichkeitswirksam einen Richtervorbehalt, aber der wird durch zahlreiche Ausnahmen in einer "Nebenabrede" ausgehebelt, wie netzpolitik.org aufgedeckt hat. Alles, was der Gesetzgeber jetzt oder in Zukunft als "Bestandsdaten" festlegt, unterliegt eben gerade nicht der richterlichen Prüfung. Insbesondere fällt darunter auch, dass ohne Prüfung die Zuordnung von IP-Adresse zu Anschlussinhaber abgefragt werden darf. Dies ist genau der eine Fall, den Sie mit der neuen Variante als "ausgeschlossen" behaupten.

Die Aufklärungsquoten für die im neuen Gesetz aufgelisteten Katalogstraftaten liegen bereits jetzt über 80 oder gar 90 Prozent. Ich frage mich, wo die Verhältnismäßigkeit liegt, wenn dadurch massiv Grundrechte eingeschränkt werden. Mit der Speicherung werden über jeden von uns Metadaten, Aufenthaltsorte, Bewegungsprofile über einen langen Zeitraum festgehalten - warum? Deutschland wandelt sich von einer Demokratie zu einem Präventionsstaat, in dem erst mal jeder verdächtig ist. Wollen wir das?

Die in jedem Fall vorhandenen Daten umfassen dabei auch Berufsgeheimnisträger wie Rechtsanwälte, Seelsorger, Ärzte usw.! Auch deren Mandanten und Patienten werden natürlich erfasst. Aber sie dürfen "natürlich" nicht verwendet werden. Wer's glaubt ...

Wenn Daten vorhanden sind, wachsen die Begehrlichkeiten, die Nutzung immer mehr auszuweiten. Das sieht man ja an der LKW-Maut, die jetzt flugs um die Datenerfassung für die PKW-Maut ergänzt wird. Dabei wurde im damaligen Mautgesetz klar und deutlich jegliche weitere Nutzung ausgeschlossen. "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern ...".

Ein Untersuchungsausschuss in USA hat festgestellt, dass die Datensammlung des FBI durch den "Patriot Act" genau keine Erfolge bewirkt hat.
Das Max-Planck-Institut für internationales Strafrecht stellte fest, dass die Vorratsdatenspeicherung nichts nutzt.
In Frankreich hat die Vorratsdatenspeicherung die Charlie-Hebdo-Morde nicht verhindert.
Die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland von 2008 bis 2010 hat keinerlei messbare Erfolge vorzuweisen.
Die EU-Kommission legt ein Dokument "Beweise für die Notwendigkeit der Vorratsdatenspeicherung" vor und bestätigt gleichzeitig "Das Dokument erhebt nicht den Anspruch, dass die Notwendigkeit bewiesen wurde".
Es ist erschreckend, dass Sie selbst in Ihrer Glosse schon darauf hinweisen, dass das Bundesverfassungsgericht schon wieder eingreifen muss, um diese Fragen zu klären. Die amtierende deutsche Regierung ist offensichtlich nicht in der Lage, handwerklich so zu arbeiten, dass ihre Gesetze verfassungsgemäß sind. Was für ein Armutszeugnis!

Ende 2014 twittert Maas noch: "#VDS lehne ich entschieden ab. Verstößt gegen Recht auf Privatheit.". Drei Monate später kippt er um, die Karriere ist ihm wichtiger als seine Integrität. Leutheuser-Schnarrenberger ist 1995 für ihre Überzeugung noch eingestanden und wegen des Gesetzes zur Wohnraumüberwachung zurückgetreten. Dafür habe ich immer noch größten Respekt. Für Maas nicht mehr.

Die Aufklärung von Verbrechen ist auch heute schon möglich, ohne anlasslos jeden unter Verdacht zu stellen: die Staatsanwaltschaft kann in Eilfällen schon heute quasi auf Zuruf das Kommunikationsverhalten Tatverdächtiger speichern lassen. Die von der Bundesregierung nun geplante unterschiedslose Jedermannspeicherung würde dagegen hochsensible Daten Millionen unverdächtiger und ungefährlicher Bürger dem ständigen Risiko von falschem Verdacht, Datenklau oder Datenmissbrauch aussetzen. Das droht freie Kommunikation zu ersticken. Wenn Menschen nicht mehr ohne Furcht vor Nachteilen durch Anrufe oder im Internet Hilfe suchen können, verhindert dies eine sinnvolle Prävention und kann sogar Leib und Leben von Unbeteiligten gefährden.

Es ist nach wie vor keine gute Idee, anlasslos Daten zu speichern!

28.05.2015

[en] Wyrd sisters - theatre play in Hanau

It's been a while already since I enjoyed this play, because there was a lot of everything else, both private and professional, but I finally wanted to report about another wonderful piece of drama in Hanau, Germany (some kilometres from Frankfurt), before I forget too much of it.

Once a year we can expect a new play from the young Dramateure ensemble. Well, obviously it won't be "new" anymore since the regrettable passing of Sir Terry Pratchett earlier this march, but "new" as in "it's new in our repertoire".

Just as a sidenote the last piece of work by STP will be published late this autumn and it will be the long-expected 5th part of the Tiffany Aching series called "The shepherd's crown".
The Dramateure ensemble

"Wyrd Sisters" resp. "MacBest", as it is titled in german translation, is one of the early works by STP in which he used up dramas and fairy tales from our roundworld. The german title reveals a lot more about the main topic than the english one: obviously it deals with "MacBeth" by Shakespeare, the instigated king's murder, bad conscious afterwards, narrowly rescued king's son and of course the three witches who want to meet again ("next tuesday would be fine" ...). Nevertheless STP adds his very own special flavour to this mixture of threads.

Magrat Garlick, youngest witch
At least equal in quality to their previous plays the actors together with director Jonas Milke do a wonderful performance. In fact I dare say they continually improve, while keeping the same scarce scenery as in previous years. I absolutely love it each time. Since I like footnotes very much after I started playing "Hitchhiker's Guide to the Galaxy" around 1985 on my Apple ][ I especially enjoyed them in the play. Footnotes are characteristic for nearly all of Pratchett's books and they add a very particular piece of fun and pun (sorry, "pune" it is in the books - a play on words). Approaching certain keywords in the play the whole acting froze, one of them picked up a big * sign and a speaker appeared, explaining - quite hilariously - some detail that had just been mentioned but required a little bit more of a definition or sidenote. After the speaker disappearing the frozen time thawed and acting continued ;)

v.r.t.l.: Magrat, Esme, Nanny
As already mentioned the scenery was mostly rather scarce apart from some notable exceptions (see later), but this was not the least negative, it perfectly matched - the actors were always so present as to create the exact impression of the scenery the audience should have. One example for this acting presence was the "play in the play" when the witches and some peasants were watching a play on stage but Esme Weatherwax does not or does not want to recognize that it's only a play. Whenever there's a twist she jumps up and shouts it out to the actors on stage. The other viewers start to think that the witches (easily recognized as such) are part of the play being placed inbetween the audience by intent. Grand!

Timeshift
In comparison to that the scenery becomes overwhelmingly copious when the witches move Lancre into the future by 20 years. They are so impatient that the king's son stands in as a heir and fights the murderers that they employ magic and travel the whole kingdom with their magic brooms to accomplish this time travel, and they have to do this in just one night.
Witches at work


The director did not of course hire a company like ILM or Pixar to make the brooms fly but instead settled on a wallet-friendly implementation by moving the scenery around and the witches' actors only move in slow-motion through the countryside.

Encarcerated





Same is true for the incarceration: a huge steel grid door cannot keep the witches.

DEATH and late king
At the beginning and of course near end of the play we meet DEATH which is a recurring and probably one of the most popular characters on the discworld. He explains facts about his passing to the quite surprised king Verence I. The late king is dressed and rouged completely in white (I admit the verb "rouged" sounds like a pun in itself for this role). The king is playing superbly and during the "showdown" theatre play in the castle even takes control of the living actor's king's role to confront the acting king being a murderer. Both actors - live and late king - speak in unison and this is so great and so creepy!
Evil queen

The queen, being the real evil person in this play, and having instigated the murder in the first place, flees into the forest and makes some unpleasant encounters there which did not like trees being cut ...

Murderous King

The acting king removes himself from life - he thinks that he's dead already and tries to fly from the castle's tower. Reminds me of a funny poem by 50's writer and actor Heinz Erhard, "Ritter Fips und sein anderes Ende" ... (I cannot translate this, sorry!)



Tomjohn
Tomjohn, the real son of the late king Verence I., wants to stay with the actors troupe, and the jester, hinted to maybe be an illegitimate son of the late king, is crowned as Verence II., and we already know from succeeding books as well as from one of the previous plays that he will marry Magrat.
Jester and king


My final conclusion: I enjoyed the play very much as did my daughter, and I can't wait for next year's plans.




Ensemble at encore
There was no particular actor who excelled - they all acted equally fine and performed together perfectly as a team - I loved all of them. I could not name a single favourite when asked. Kudos to all of them!

23.05.2015

[de] Wyrd Sisters - Theater in Hanau

Eigentlich ist es ja schon eine ganze Weile her, aber irgendwie bin ich nicht zum Schreiben gekommen, weil so viele andere Dinge zu tun waren, sowohl privat als auch beruflich ist im Moment ziemlich viel Hektik. Aber bevor ich zuviel vergesse, wollte ich unbedingt noch einen kurzen Bericht über einen Theaterbesuch abliefern.

Jährlich einmal kann man sich auf eine Darbietung der Dramateure freuen, wenn sie ein neues Stück von Terry Pratchett aufführen. "Neu" natürlich nur in dem Sinne, dass es neu auf der Bühne der Dramateure zu sehen ist. Leider gibt es ja nach "The shepherd's crown" (Ende 2015) keine neuen Werke mehr von Sir Terry Pratchett (STP), nachdem er im März leider verstorben ist.
Das Ensemble der Dramateure

"Wyrd Sisters" bzw. "MacBest", so der eingedeutschte Titel, gehört zu den Frühwerken von STP, bei denen er verschiedene Märchen und Dramen von der "Rundwelt" verarbeitet hat. In diesem Fall ist der deutsche Titel wesentlich suggestiver und verrät schon eine ganze Menge über die Handlung: es geht natürlich um "MacBeth" von Shakespeare, um den angestifteten Königsmord, das schlechte Gewissen nach dem Mord, den um Haaresbreite geretteten Königssohn und um die drei Hexen, die sich wieder treffen wollen ("nächsten Dienstag hätte ich Zeit" ...). Allerdings verleiht Pratchett diesem Thema eine ganz eigene Note, und das Ende ist einigermaßen überraschend, obwohl es sich im Verlauf der Handlung durch die eine oder andere harmlose Bemerkung fast schon andeutet.

Magrat Garlick, die jüngste Hexe
Wie schon bei den bisherigen Stücken legen die Dramateure mit Regisseur Jonas Milke eine tolle Vorführung hin, und ich wage zu behaupten, dass sie sich von Jahr zu Jahr steigern, und das alles wie gewohnt bei minimaler Bühnendekoration. Ich bin jedesmal begeistert. Da ich seit dem damaligen "Hitchhiker's Guide to the Galaxy"-Spiel auf dem Apple ][ ein Anhänger von Fußnoten bin, hat mir die Umsetzung der Fußnoten, die charakteristisch für Pratchetts Bücher sind, besonders gut gefallen. Bei bestimmten Stichworten hielt einer der Schauspieler ein Schild mit einem sehr großen * hoch, die Zeit fror für alle Schauspieler ein, und die Fußnotensprecherin fügte eine Erklärung ein. Nachdem sie verschwunden war, durfte die Zeit im Stück weiter verfließen ;)

v.r.n.l.: Magrat, Esme, Nanny
Wie oben schon erwähnt, ist die Bühnendekoration meistens sehr sparsam (Ausnahme siehe weiter unten), aber dies passt perfekt zur Aufführung - die Darsteller schaffen es, durch ihre Präsenz zu jeder Zeit genau den richtigen Eindruck bei den Zuschauern hervorzurufen. Die Szene, in der die Hexen Zuschauer des Theaterstücks (ein Stück im Stück ...) sind, ist brillant gespielt. Esme Weatherwax erkennt nicht oder will nicht erkennen, dass es geschauspielert ist und ruft den Darstellern auf der (nicht sichtbaren) Bühne immer wieder Hinweise zu, so dass am Ende die "normalen" Theaterbesucher im Stück denken, dass die drei Hexen Teil des aufgeführten Stücks seien und absichtlich im Saal platziert wurden. Grandios!

Zeitenwechsel
 Gerade verschwenderisch umfangreich ist das Bühnenbild während der Beschleunigung des Zeitablaufs.
Hexen bei der Arbeit
Die Hexen sind extrem ungeduldig und wollen nicht abwarten, bis der gerettete Königssohn auf natürlichem Weg ins thronfolgerreife Alter gekommen ist, sondern sie versetzen das gesamte Königreich Lancre mittels Magie um knapp 20 Jahre in die Zukunft. Dazu müssen sie in einer Nacht mit ihren Besen rund um das gesamte Königreich fliegen, um ihre Magie wirken zu lassen. Der Regisseur lässt nun nicht die Besen rund um die Bühne fliegen, sondern das Land bewegt sich, während die Darsteller still stehen.

Hinter Gittern
Auch der Kerkeraufenthalt der drei Hexen während der Theateraufführung auf dem Schloss ist für Dramateure-Verhältnisse ziemlich üppig: ein riesiges Eisengitter, das die Hexen aber nicht wirklich aufhalten kann.

Der TOD und der tote König
Beginn und Ende des Stücks bringen klassisch den TOD der Scheibenwelt auf die Bühne, der den ermordeten König über sein Schicksal aufklärt. Verence I. - ganz in weiß - spielt dann weiterhin mit und hat am Ende sogar die Gelegenheit, die Kontrolle über Tomjohn, den Schauspieler des Königs, zu übernehmen, als die Theatertruppe am Hof spielt. Er konfrontiert den Mörder mit seiner Tat. Dabei sprechen Verence I. (tot) und Verence II. (lebend) im Gleichklang extrem schaurig. Toll gemacht!
Die böse Königin

Die Königin als Anstifterin des Mordes findet natürlich ihr wohlverdientes Ende, als die Bewohner des Waldes sich für das Fällen der Bäume auf ihre Weise bedanken ...

Der König hat Blut an den Händen
Auch der König selbst verschwindet aus eigenem Antrieb aus der Welt der Lebenden. Er hält sich selbst bereits für tot und glaubt, als Gespenst könne er vom Wehrturm fliegen. Die Schwerkraft belehrt ihn dann kurz und knapp eines Besseren. Das erinnert ein klein wenig an "Ritter Fips und sein anderes Ende" von Heinz Erhard ...



Tomjohn
Der eigentliche Königssohn Tomjohn bleibt bei den Schauspielern, weil er sich selbst nicht für die Königswürde würdig befindet, und stattdessen wird der Hofnarr, andeutungsweise ein Seitensprung des alten Königs, als Verence II. gekrönt, und wie wir aus den folgenden Büchern bzw. einem der vorhergehenden Theaterstücke wissen, wird er Magrat heiraten.
Narr und König

Alles in allem erneut eine wunderbare Vorstellung, insbesondere, aber nicht nur für Terry-Pratchett-Fans. Ich bin wie immer gespannt auf die Pläne für das nächste Jahr.





Das Ensemble verabschiedet sich
Alle Schauspieler haben in meinen Augen wunderbar zusammen gespielt, es würde mir schwerfallen, wenn ich einen Favoriten benennen müsste. Chapeau!

22.05.2015

Leserbrief zum Bahnstreik

Meine Güte, da hat sich jemand letzte Woche ausgelassen in einem Leserbrief und hat dermaßen gezeigt, dass er das Grundgesetz nicht sehr gut kennt ...

Anscheinend war dieser jemand richtig angefressen, weil sein Zug nicht fuhr, dass er dann in einem Leserbrief behauptet hat, das Streikrecht fiele im Grundgesetz unter "freie Entfaltung der Persönlichkeit" und man müsse das doch unbedingt gesetzlich einschränken, weil das öffentliche Interesse am Bahnbetrieb ja viel höher wiege. Au Weia!

Naja, wie üblich ein Leserbrief ;) [veröffentlicht am 22.05.2015, Streichungen rot, Änderungen der Red. blau]
Leserbrief zum Leserbrief von Hr. H., 08.05.2015

Lieber Herr H.,
Sie fragen Herr H. fragt in seinem Leserbrief nach der gesetzlichen Grundlage für Gewerkschaften und Streiks und fabulierten einen ganzen Absatz darüber, dass dies unter das "Recht auf Entfaltung der Persönlichkeit" fallen könnte und natürlich Begrenzung durch die Grundrechte der anderen Menschen fände.

Sie liegen Er liegt falsch, wie ein einziger Blick in ein Lexikon oder in die Wikipedia gezeigt hätte:

"Die in Art. 9 Abs. 3 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (GG) verankerte Koalitionsfreiheit ist ein Sonderfall des allgemeinen Grundrechts der Vereinigungsfreiheit. Als Doppelgrundrecht schützt es die individuelle wie auch kollektive Koalitionsfreiheit. Es wirkt unmittelbar auch zwischen Privaten, meistens den Arbeitsvertragsparteien. Damit ist es das einzige Grundrecht mit unmittelbarer Drittwirkung."

Hier wird also im Grundgesetz (genauso übrigens in einem UNO-Pakt, in der EMRK und in der Europäischen Grundrechtecharta) festgelegt, dass Arbeitnehmer eine Gewerkschaft bilden dürfen.

Die Bahnvorstände haben sich gerade eine üppige Erhöhung gegönnt, auch wenn die Geschäftszahlen das eher nicht hergeben, und auf der anderen Seite wird mit intensiver Lobbyarbeit ein "Tarifeinheitsgesetz" herbeigeredet, das nur der Wirtschaft nutzt, aber die Rechte der Arbeitnehmer massiv einschränkt. Mit diesem Gesetz soll erzwungen werden, dass es nur eine Gewerkschaft in einem Unternehmen geben darf, die Verträge aushandeln darf. Im Bereich der "Daseinsvorsorge" sollen strengere Regeln gelten. Das kann man weit fassen: Verkehr in der Luft und auf dem Land, Erziehung, was noch? Heute trifft es die Lokomotivführer. Morgen Lehrer und Erzieher. Und übermorgen?

2010 hat das Bundesarbeitsgericht festgestellt, dass in einem Unternehmen mehrere Gewerkschaften tätig sein dürfen (BAG, 07.07.2010 - 4 AZR 549/08). Das mißfällt der Bahn und sie weigert sich deshalb kategorisch, vernünftig zu verhandeln. Stattdessen nimmt sie in Kauf, dass dadurch das öffentliche Leben stark beeinträchtigt wird.

Ich sehe die Schuld aber nicht bei den Gewerkschaften - die Forderungen nach familienverträglichen Arbeitszeiten und einer moderaten Lohnerhöhung sind durchaus angemessen. Schon in den Siebziger Jahren haben die Gewerkschaften für bessere Arbeitszeiten gekämpft ("Am Samstag gehört mein Papi mir").

Man sieht deutlich: es ist nicht immer eine gute Idee, auf Teufel-komm-raus alle staatlichen Unternehmen zu privatisieren. Wenn die  Lokführer weiterhin Beamte wären, hätte sich kein Mensch darüber aufgeregt, dass die Lohnerhöhungen automatisch jährlich stattfinden. Aber jetzt ist der Staat gleichzeitig Aktionär und macht sich das Gesetz so passend, dass der Profit maximiert wird? Das nenne ich Interessenkonflikt.

19.05.2015

Avengers 2 - wow

Gestern war ich mit Kind 2 im Kino - seit einiger Zeit haben wir dieselben Vorlieben für Comic-Verfilmungen ;). Mutter und Kind 1 waren zu einem Konzert unterwegs und deshalb den ganzen Nachmittag und Abend abwesend. Also gab es analog zum Vater-Tochter-Tag mit Justin Bieber jetzt mal einen Vater-Sohn-Tag. Und der hat diesmal auch dem Papa richtig gut gefallen ;)

Ich bin ja eher der "alles vorher wissen"-Typ. Ich lese die letzten paar Seiten in Büchern zuerst, und ich lese auch Filmkritiken und Zusammenfassungen, bevor ich ins Kino gehe. Für mich ist die Überraschung dann die künstlerische Ausführung und nicht so sehr das Ergebnis. Ich mag eigentlich keine Überraschungen. Das ist dann genauso wie bei Harry und Sally ("ich lese das Ende zuerst, damit ich weiß, wie es ausging, falls ich vorher sterbe").

Deshalb hatte ich vorher ein bißchen im Netz gelesen, was andere schon über Avengers 2 geschrieben haben, und hinterher mache ich mir dann meine eigenen Gedanken.

Nicht unerwähnt lassen will ich auch den finanziellen Aspekt und die Marktmacht von Disney, die bei diesem Film versucht haben, kleinen Kinos eine höhere Filmmiete abzuverlangen. Das kann man hier sehr schön nachlesen - auch die Kommentare sind hochinteressant (manche).

Bei phantanews.de findet sich eine wunderbare, recht kurz geratene Schwärmerei, die mir voll aus der Seele spricht.

Der Film ist eine geniale Mischung aus Action und ruhigen Szenen, in denen die bisherige Handlung recht intelligent reflektiert wird. Besonders gut gefallen hat mir der "Wettbewerb", Thors Hammer hochzuheben, und keinem gelingt es. Allerdings wackelt der Hammer ein bißchen, als Cap es versucht, und man sieht im Hintergrund, wie Thor das Lachen aus dem Gesicht fällt ;)

Als eher paranoid denkender Software-Entwickler mit der Tendenz, zuviele Mailinglisten über Sicherheitsprobleme zu lesen, hat mich sehr gewundert, dass Tony Stark eine Software mit "künstlicher Intelligenz", deren Fähigkeiten er nicht abschätzen kann, ungefiltert mit seinen eigenen Rechnersystemen, mit Jarvis und mit dem Internet verbindet. Eigentlich sollte ihm als passionierten Hacker doch klar sein, dass nicht nur er in Regierungssysteme einbrechen kann (wie in Iron Man 2 schön gezeigt), sondern umgekehrt auch er Opfer werden könnte. Diese Idiotie hat mich schon bei James Bond in Skyfall gewundert, als der neue, junge Q eine ähnliche Dummheit begeht, einen unbekannten Laptop über Kabel ans interne Firmennetz anzuschließen.

Genau das passiert natürlich: Ultron "erwacht" (gewisse Ähnlichkeiten mit Skynet und Terminator sind natürlich rein zufällig ...), zerstört Jarvis und erzeugt erstmal jede Menge Sicherheitskopien seines Bewusstseins im Internet.

Andere Kritiken bejammern, dass Black Widow das Frauchen-Schema bedient, indem sie bei der Diskussion mit Banner (Hulk) über ihre Sterilisation spricht, als Banner erwähnt, dass er wegen seiner Gefährlichkeit Angst hat, eine Familie zu gründen. Ich finde, dass das Gespräch ziemlich gut abgelaufen ist und die gegenseitigen Geständnisse zusammen gepasst haben - Natascha wollte ihn trösten und ihm zeigen, dass er nicht allein Probleme hat. Ganz offensichtlich wollte sie ihm eine goldene Brücke bauen, damit er sich auf die Freundschaft einlässt. Leider hat's dann doch nicht geklappt, er flieht vor ihr, oder auch vor sich selbst, und am Ende sind die ursprünglichen Avengers wieder in alle Winde verstreut. Immerhin hat Thor jetzt eine Idee, dass das kurzfristige Auftauchen von gleich 4 der 6 Infinity-Steine kein gutes Omen ist, und er plant Nachforschungen in Asgard. Offensichtlich weiß er also davon, dass der "Star Lord" ebenfalls eines dieser Artefakte gefunden hat.

Die Entstehungsgeschichte von Vision finde ich außerordentlich gelungen: durch Thors Eingreifen wird Vision Leben eingehaucht und ich bin sicher, dass Mjölnir für ein Wesen mit hohem ethischen Standard gesorgt hat - immerhin kann er den Hammer auch heben und benutzen.

Das Auftauchen von Nick Fury war relativ überflüssig. Eigentlich ist ja nicht mehr er Boss von S.H.I.E.L.D., sondern Coulson (Finale von Staffel 1 der "Agents of S.H.I.E.L.D."). Aber naja, er darf halt mal wieder einen Heli-Carrier fliegen. Ich finde diese Dinger toll, und wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich das Lego-Modell kaufen und bauen.

Bis vor einigen Wochen lief die Fernsehserie der ersten Staffel in RTL2, und genau zeitlich passend dazu hatte ich die DVD von Captain America 2 beschafft, dessen Handlung genau das Ende dieser Staffel darstellt. Ähnlich hat Marvel die zweite Staffel von S.H.I.E.L.D. konzipiert, die exakt in Avengers 2 mündet. Leider bringen es die Sender nicht fertig, die Serien zeitnah auszustrahlen. In USA ist die zweite Staffel durch, und in Deutschland gibt es sie nicht gegen Geld und gute Worte - zumindest nicht, wenn das Internet über LTE mit Volumenquote zu mir kommt.

Wunderbar finde ich den "Running Gag" durch den ganzen Film hindurch, dass Captain America keine Kraftausdrücke wünscht. Dieser Spruch rutscht ihm zu Beginn des Films einmal heraus, und durch eine gezielte Indiskretion spötteln alle anderen Figuren bei guter Gelegenheit dann darüber. Diese kleinen Scherze halten den Film inhaltlich auf einem höheren Niveau, als es reine Action- und Ballerszenen könnten.

Aus den Zwillingen hätte man mehr machen können: ich finde es bedauerlich, dass der Charakter Quicksilver schon wieder aus der Handlung geschrieben wurde, und es ist auch ärgerlich, dass es hier zu Widersprüchen kommt: in der X-Men-Reihe hat Quicksilver einen ganz anderen Hintergrund (in "Days of Future Past") und bleibt am Leben. Dumm, dass Marvel hier die Franchise-Rechte aufgeteilt hat und daraus heftige Logikbrüche resultieren. In den Comics sind Quicksilver und Scarlet Witch die Kinder Magnetos und keine künstlich leistungsgesteigerten Geschöpfe, deren Eltern bei einem Raketenangriff starben (natürlich mit damals von Stark Industries gefertigten Raketen ..., ähnlicher Ablauf wie am Anfang von Iron Man 1). Schön immerhin, dass das frisch geschlüpfte Kind von Hawkeye "Pietro" als zweiten Vornamen bekommt, hat er doch Hawkeye mit seinem Opfer das Leben gerettet.

Auch Nataschas Gefangenschaft in Struckers ehemaliger Burg finde ich halbwegs plausibel: sie kann mit einem primitiven Funkgerät ihre Position im Morsecode melden und die restlichen Avengers rufen, um gemeinsam anzugreifen. Offensichtlich erkennt sie anhand der Maschinen wieder, wo sie ist. Hydra-Chef Strucker wollte offensichtlich ebenfalls Roboter herstellen lassen, als er mit Lokis Szepter Experimente durchgeführt hat.

Der übliche Nachfilm, um die Neugierde zu wecken, kommt diesmal unmittelbar nach dem Ende - der Oberbösewicht Thanos ist zu sehen, wie er den Handschuh anzieht und ankündigt, dass er sich ab jetzt selbst der Sache annehmen wird. Es ist nicht nötig, den ewig langen Abspann bis zum Ende auszusitzen. Schade, dass hatte ich nicht kommen sehen ;)

Man erkennt die "Halterungen" im Handschuh, in die die Infinity-Steine eingesetzt werden können. Offen bleibt noch, wie Thanos an den Handschuh gelangt ist - in "Thor 1" war der "Gauntlet" noch in Odins Schatzkammer in Aufbewahrung. Am Ende von "Thor 2" ist zu vermuten, dass Loki sich zurück nach Asgard geschlichen und Odin getötet hat, aber richtig offiziell ist diese Tatsache nicht. Insbesondere weiß Thor nicht, dass Loki ihm vorgetäuscht hat, er sei Odin, und ihm Befehle gegeben hat.

Vision ist tatsächlich ein toller Charakter - ich habe nur die Befürchtung, dass aus Spannungsgründen tatsächlich im Showdown alle 6 Infinity-Steine in den Handschuh eingesetzt werden, und das impliziert, dass der gelbe Gedankenstein aus Vision herausgerissen wird. Ob er das irgendwie wird überleben können? Ich bin gespannt.

Entgegen früheren Vermutungen ist das Ende des derzeitigen 2. Zyklus erst mit "Ant-Man" erreicht, der im Sommer ansteht. Die Vorschau sah schon mal sehr nett aus, ich freu mich drauf.

28.04.2015

Überraschender Leserbrief zum Thema Impfen

Am Samstag war ein Leserbrief von mir in der WZ, obwohl ich gar keinen geschrieben hatte - dachte ich.

Und was war nun wirklich passiert?

Eigentlich hatte ich eine Email an die Redaktion geschrieben und mich darüber gewundert, warum ein ausgesprochener Impfgegner in einem Leserbrief fast eine halbe Seite lang seine eigenen schlimmen Erlebnisse mit vermuteten Impfschäden aufgrund einer Tetanusimpfung ausbreiten durfte. Der Leserbrief gipfelte darin, dass er sich seit seiner Frühpensionierung 8 Jahre lang selbst zum Impfexperten ausgebildet habe und jetzt von Impfungen abrate, weil die Impfschäden viel zu riskant seien. Er hat viele Zahlen aus "Studien" zitiert und die üblichen Arien der Impfgegner verwendet.

Eigentlich wollte ich wirklich einen Leserbrief mit Fakten schreiben. Dann dachte ich mir, es wird ja wohl hoffentlich jemand mit medizinischer Ausbildung schreiben und den Leserbrief widerlegen.

Leider ist das fast zwei Wochen lang nicht passiert, deshalb schrieb ich dann folgendes:

vor knapp zwei Wochen gab es einen in meinen Augen sehr fragwürdigen Leserbrief von K. J., in dem er sich massiv gegen das Impfen ausgesprochen hat, weil er selbst - angeblich - durch das Tetanus-Impfen geschädigt und zum Frührentner wurde.

Abgesehen davon, dass er nicht die Kenntnisse hat, um seinen Rundumschlag gegen das Impfen fachlich und kompetent zu untermauern, sorgt so ein Leserbrief zu Verunsicherung unter Eltern, die dann vielleicht ihre Kinder nicht impfen lassen, wenn sie eine solche Horrorgeschichte lesen und das Verhältnis von Impfrisiko zu Impfschadenrisiko selbst nicht bewerten können.

Selbst wenn ursächlich die Impfung die Ursache war, ist wissenschaftlich hervorragend erforscht, dass Impfen generell sinnvoll ist - Einzelfälle sind immer tragisch, das streite ich auch gar nicht ab, aber sie dürfen nicht ohne Prüfung Grundlage für Entscheidungen werden.

Ich selbst bin kein Mediziner, meine Frau ist Tierärztin, aber als Elternteil finde ich beunruhigend, wenn die WZ einem radikalen Impfgegner auf diese Weise ein Forum bietet und dem überhaupt nichts entgegensetzt.

Ich hätte gehofft, dass Sie als Reaktion darauf - z.B. mit einem Kinderarzt zusammen - einen redaktionellen Beitrag veröffentlichen, der das Impfen und die jeweiligen Risiken sachlich beschreibt und die Irrationalität der Impfgegner auf's Korn nimmt.

Ansonsten verweise ich auf die Diskussionen, die z.B. beim Blog von Kinderdoc (das sind 3 Links!) und auf der Facebookseite von hr1 toben.

Und eine schöne Zusammenstellung der Mythen, mit denen Impfgegner gern argumentieren. 
Überraschenderweise hat die Redaktion sich aber nicht selbst als Adressaten empfunden und meine Email kurzerhand als Leserbrief veröffentlicht. Und dummerweise habe ich meine mitgeschickten URLs nicht bei goo.gl abgekürzt, und die WZ hat drei davon wirklich in voller Länge als Fußnote gedruckt. Natürlich tippt so etwas niemand ab. Deshalb hier alles nochmal bequem zum Anklicken ;)

22.04.2015

OpenOffice-Dokumente mit perl-Skript bearbeiten

Offene Dateiformate sind eine tolle Sache!

Das merke ich immer wieder bei lustigen Problemen, wenn mir z.B. jemand ein Office-Dokument schickt und ich damit irgendetwas total langweiliges erledigen soll.

Es macht viel mehr Spaß, dafür ein Programm oder ein Skript zu schreiben und den Computer die Arbeit machen zu lassen, statt selbst dröge Arbeiten zu erledigen, die nur aus Wiederholungen von Tastendrücken und Mausbewegungen bestehen!

Letzte Woche hatte ich so einen Auftrag: ein Kollege schickte mir eine Excel-Datei mit mehreren Tabellenblättern und bat mich, daraus mehrere Tables einer Datenbank zu befüllen.

Mein erster Ansatz war, jedes Blatt als Textdatei (CSV) abzuspeichern und mit ein wenig Skripting die SQL-Befehle pro CSV-Datei zu generieren.

Der nächste Gedanke war einiges cooler und hat mir deshalb noch viel besser gefallen: ich speichere die Excel-Datei im OpenOffice-Format (ODF=OpenDocumentFormat) ab und lasse ein Skript die ganze Arbeit machen! Die Datei enthält um die 15 Tabellenblätter - allein vor dem Abspeichern von 15 CSV-Dateien in Handarbeit grauste es mir schon!

Hinzu kommt, dass mein Arbeitgeber OpenOffice als Standardwerkzeug und Standardformat festgelegt hat und es somit vollkommen natürlich ist, mit dem OpenDocument-Format zu arbeiten. Erwähnte ich schon, dass mein Arbeitsplatz mit Linux ausgestattet ist?

Ein ODF-Dokument ist eigentlich ganz einfach aufgebaut: es ist im Wesentlichen eine zip-Datei und der Inhalt ist immer in der Datei content.xml zu finden. Alles andere ist Beiwerk (Stylesheets, Bilder, ...), das ich für meinen Zweck ignorieren kann.

Natürlich verwende ich perl zum Programmieren meiner Umwandlungsskripte, und natürlich gibt es ein Modul für jeden Zweck. Für die Verbindung zu OpenOffice gibt es sogar mehrere, und ich habe mir OpenOffice::OODoc ausgesucht. Mir ist nämlich in der Beschreibung aufgefallen, dass es eine ganz bestimmte Funktion gibt, die haargenau das erledigt, was ich mir als Lösungsweg überlegt hatte: den Tabelleninhalt als CSV-Text auszuliefern.

Damit war mein perl-Skript plötzlich fertig, kaum dass ich 20 Zeilen geschrieben hatte, wobei das meiste davon sogar ein fast fertiges Beispiel aus der man-page war! Ich musste nur ein wenig die Daten massieren, als ich mit einem Testskript anfing und die ersten Daten probeweise auf dem Bildschirm ausgeben ließ.

Das folgende Skript erledigt nun den ersten Teil meiner Aufgabe: es zerlegt ein OpenOffice-Spreadsheet in mehrere CSV-Dateien, eine pro Tabellenblatt.
Als Ziel schwebt mir vor, dass die temporären CSV-Dateien gar nicht mehr gebraucht werden und ich direkt den SQL-Code erzeuge, aber ich denke, die Umwandlung von .ods in .csv kann man immer mal brauchen.

Einzige Bedingung: der Name des Tabellenblatts sollte sinnvoll gesetzt sein, weil daraus nämlich der Name der CSV-Datei gebildet wird.  Wenn man das nicht macht, heißen die Dateien einfach "Sheet1.csv", "Sheet2.csv" usw.

#!/usr/bin/perl -w
use OpenOffice::OODoc;
sub out {
  my ($table,$data)=@_;
  my $f=$table->{'att'}->{'table:name'}.".csv";
  return unless (open(OUT,">",$f));
  print STDERR "# $f\n";
  print OUT $data;
  close(OUT);
}
my $file=shift||"file.ods";
my $doc = odfText(file => $file);
foreach my $table ($doc->getTableList()) {
  $doc->normalizeSheet($table);
  my $data = $doc->getTableText($table);
  $data=~s!(<<|>>)!!msgo;
  $data=~s!^[\s;]*$!!msgo;
  $data=~s!;$!!msgo;
  chomp($data);
  out($table,$data);
}
Die Ausgabe-Funktion bildet den Dateinamen aus dem Attribut table:name des Blatts. Die eigentliche Umwandlung findet in der Methode getTableText statt: hier wird ein gesamtes Tabellenblatt mit einstellbaren Trennzeichen für Spalten und Zeilen in CSV-Text zurückgeliefert. Manche Blattnamen werden von "<<" und ">>" eingerahmt, was ich natürlich in Dateinamen nicht brauchen kann, deshalb werden die Daten noch etwas gesäubert. Welche Blattnamen es gibt, kann man mit getTableList erfragen.

Natürlich kann man auch andere Methoden einsetzen, um einzelne Zeilen, Spalten oder Zellen zu adressieren, und man kann mit diesem perl-Modul auch Daten ändern und die Änderungen abspeichern. Ein geniales Modul! Wie gesagt, die bequemste Funktion war für mich die Umwandlung in CSV mit einem einzigen Aufruf.

[Update: OpenOffice optimiert die Tabellenstruktur in der internen Verwaltung (content.xml), wenn mehrere Zellen denselben Inhalt haben; deshalb muss man vor der Benutzung der Methode getTableText das XML wieder "entzerren". Dazu setze ich vor das Auslesen der Tabelle die Methode normalizeSheet ein. ]

Und zack!, schon ist der erste Teil der Aufgabe erledigt - das Auslesen einer ODF-Datei.

Den zweiten Teil - die Umwandlung von Text in SQL - gibt es bei der nächsten Märchenstunde.

Und jetzt am Schluss verrate ich noch ein Geheimnis: ich erzähle, wie man dieses Modul in sein eigenes perl integriert (Punkte zwischen [...] optional).
  1. Modul herunterladen
  2. Auspacken
  3. In das Directory wechseln
  4. perl Makefile.PL
  5. make
  6. [make test]
  7. make install
oder noch viel bequemer mit dem CPAN-Modul:
  1. perl -MCPAN -e 'install OpenOffice::OODoc'
[Update 20150521: Umbruch im perl-Skript repariert]
[Update 20180810: dito]