11.06.2015

Leserbrief zu einer Pressemitteilung über Impfungen

Neulich am 23.05.2015 hat die Wetterauer Zeitung eine Pressemitteilung veröffentlicht, die über eine Veranstaltung des Naturheilvereins Bad Nauheim/Bad Vilbel berichtet. Bei dieser Veranstaltung hat ein österreichischer Journalist gegen Impfungen und Kaiserschnitt gewettert und Verschwörungstheorien abgesondert. Besagter Journalist hat einen spärlichen Wikipedia-Eintrag, in dem seine wissenschaftlichen Qualitäten beschrieben werden: "Ehgartner studierte in Wien Publizistik, Politikwissenschaften und Informatik (ohne Abschluss)". Man erkennt, dass er perfekt qualifiziert ist, um über medizinische Themen fundiert zu berichten. Nachdem kürzlich erst ein Leserbrief erschien, in dem ebenfalls einzelfallartig das Impfen schlechtgemacht wurde, ist mir der Kragen geplatzt und ich hab mal wieder in die Tasten gegriffen. Allerdings bezweifle ich, dass der Brief abgedruckt wird.

Leserbrief zu "Kritik an Kaiserschnitt und Impfung" (23.05.2015)

Liebe Redaktion der WZ,

ich empfinde es als schweren journalistischen Mißgriff, dass Sie ohne Würdigung der Tatsachen über einen "Dokumentarfilmer" berichten, der einen Zusammenhang zwischen Impfen, Kaiserschnitt, Umweltverschmutzung und Krankheiten wie ADHS, Autismus etc. herstellen will und unwidersprochen Unfug absondern darf.

Die WZ trägt leider mit der kritiklosen Veröffentlichung solcher Artikel massiv zur Verunsicherung von Eltern bei, die dann vielleicht ihre Kinder nicht impfen lassen und dadurch leider das Risiko für sich selbst und für ihre Umgebung massiv verstärken. Das ist nun schon das zweite Mal in kurzer Zeit, dass die WZ sich so kritiklos von Impfgegnern vereinnahmen lässt.

Was genau soll denn die Alternative zum Kaiserschnitt sein? Mutter und Kind sterben lassen? Man kann über den Trend zum geplanten Kaiserschnitt diskutieren, aber doch bitte nicht so.

Keines der aufgeführten Pseudo-Argumente belegt auch nur im Geringsten, dass das Impfen als medizinische Maßnahme schlecht ist. Stattdessen kommt es dann wie in Berlin zu einer Masernepidemie mit 700 Kranken und einem toten Baby.

Zitat: "Babys (...) mit zwei oder drei Monaten ihre ersten Impfungen, obwohl deren Wirkung sehr zweifelhaft sei". Genau das Gegenteil ist der Fall! Das Impfen ist eines der wissenschaftlich am Besten erforschten Gebiete, und die Meldepflichten bei vermuteten Impfschäden sind sehr streng. "Impfschaden" ist z.B. auch, wenn danach zwei Tage leichtes Fieber auftritt - auch solche Bagatellen fließen in die Statistiken mit ein. Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut gibt z.B. im Web alle Informationen heraus, wie hoch das Impfrisiko ist. Bei den üblichen Impfungen für Kinder sollte es keine Diskussionen geben. Eine Langzeitstudie an der Charité in Berlin hat übrigens festgestellt, dass der plötzliche Kindstod (SIDS) statistisch wesentlich seltener bei Säuglingen auftritt, die gegen Keuchhusten, Diphtherie und Polio geimpft sind.

Es mag ja wirklich sein, dass pures Aluminium im Körper giftig ist. Genauso sind aber pures Natrium und pures Chlor im Körper hochgiftig, aber als Verbindung "Kochsalz" lebensnotwendig. Es ist also wissenschaftlich absolut haltlos, bei Wirkungsverstärkern in Passivimpfstoffen die puren Bestandteile wie Aluminium zu betrachten.

Gerade bei Masern haben sich die Impfstoffe seit den 70ern entscheidend verbessert. Bei Lebendimpfstoffen (also abgeschwächten Erregern) werden üblicherweise gar keine Zusatzstoffe verarbeitet. Bei anderen Impfstoffen gibt es Zusatzstoffe, aber in vollkommen unkritischer Dosierung. Wer z.B. eine Pizza mit Thunfisch isst, hat schon 100 mal mehr Quecksilber zu sich genommen, als in einer Dosis Impfstoff in der Verbindung Thiomersal enthalten ist. Nebenbei ist der Konservierungsstoff Thiomersal seit Jahren nicht mehr in Verwendung.

Ebenso hält sich immer noch hartnäckig das Gerücht, dass die MMR-Impfung für Autismus und ADHS verantwortlich sei. Der Autor dieser fragwürdigen Studie wollte aber nur den MMR-Impfstoff in Misskredit bringen, weil er finanzielle Interessen hatte.

Wenn man überlegt, dass die Impfschäden bei Masern in Millionstel gemessen werden, die Todesfälle und bleibenden Schäden durch die Masern hingegen bei bis zu 5 von Tausend liegen (USA), 3 von Tausend (Schweiz) bzw. 1 von Tausend (D), sollte sich jede Diskussion erledigt haben. Es heißt nicht "Kinderkrankheit", weil sie so harmlos wäre, sondern nur deshalb, weil ungeschützte Kinder am häufigsten die Opfer sind. An Masern, Keuchhusten etc. kann man sterben!

Die Impfgegner haben nur deshalb eine Chance, der Darwin'schen Auslese zu trotzen und zu überleben, weil es genügend andere geimpfte Menschen gibt, so dass einfach die Chance, sich anzustecken, extrem gering ist. Die Impfgegner wälzen also das gesamte Impfrisiko von sich selbst ab, wollen aber wie selbstverständlich von der Durchimpfung profitieren. Dazu mag sich jeder selbst ein Urteil bilden.

Update 2015-06-11:
Nach einem Gespräch mit unserem Kinderarzt habe ich überrascht zur Kenntnis genommen, dass tatsächlich bei Kindern ein Zusammenhang besteht zwischen der Anfälligkeit für Asthma und ähnliches, wenn das Kind durch Kaiserschnitt auf die Welt geholt wurde. Tatsächlich nehmen die Kinder beim Durchgang durch den Geburtskanal schon einen Teil der Keimflora der Mutter an, was sich positiv auf die Entwicklung eigener Abwehrkräfte auswirkt.
Nichtsdestotrotz ist natürlich ein Kaiserschnitt nicht zu vermeiden, wenn es während der Geburt zu Komplikationen kommt. Einen "Wunschkaiserschnitt" aus Bequemlichkeit sollte man aber vermeiden.