03.08.2013

Das FrankenS(2)tein-Handy - Operation am offenen Herzen

Mit Kindern erlebt man was ... ich erlebe mit Kind 1 den gelegentlichen Handyverlust im Kino, oder das gelegentliche gebrochene Display, oder auch gelegentliche feuchte Unfälle auf Ferienfreizeiten.

Dieser letzte Vorfall hat zu einem teilweise unbrauchbaren Galaxy S2 geführt. Das Display war noch in Ordnung, aber beim Anschließen des Ladegeräts wurde ein Warnschild auf dem Display angezeigt, dass der Akku zu heiß wird, mit anderen Worten: durch die Feuchtigkeit war es zu einem Kurzschluß und Defekt des Mainboards gekommen.

Natürlich ist das besonders ärgerlich, weil das Display schonmal repariert wurde und der Spaß auch 160 Euro und zwei Fahrten nach Gießen gekostet hat. Bei Samsung sind in der Galaxy-Baureihe Glas und Display leider verklebt und man kann diese beiden Bauteile, also das Glas mit dem sogenannten Digitizer, dem eigentlichen "Touchscreen", und das Display (eigentlich AMOLED und nicht LCD), ohne professionelles Heißluftgerät nur schwer zerstörungsfrei trennen. Andere Smartphones sind da wartungsfreundlicher, man kann Glas und Display getrennt austauschen.

Kind 1 war nun verständlicherweise sehr unglücklich, weil das Handy letztes Jahr mit selbst zusammengespartem Geld finanziert war.


Was macht der mutige Bastler nun: er beschafft ein baugleiches Galaxy S2 mit einem defekten Display, um das Mainboard zu transplantieren. Praktischerweise sogar im benachbarten Ortsteil, so daß es mit wenig Aufwand abgeholt werden kann. Kleiner Schreck beim Abholen: der Vorbesitzer erklärt, dass das Telefon vom Auto überrollt wurde. Bange Frage: hat das Mainboard überlebt, war das Gehäuse stabil genug? Auf dem Glas war noch eine Displayschutzfolie befestigt, so dass keine Splitter zu befürchten waren.


Diese Frage beantwortet erst der erfolgreiche Umbau ... um es vorweg zu nehmen: das Mainboard hat diese brachiale Behandlung wirklich unbeschadet überstanden. Die Transplantation war erfolgreich.

Man kann natürlich Glück haben wie ich und ein defektes Handy mit intaktem Mainboard sehr günstig bekommen. Bei Ebay gibt es mit den richtigen Suchbegriffen auch nahezu alle Ersatzteile für Handys als Einzelteile zu kaufen. Bei meiner Recherche habe ich ein Mainboard einzeln vom Händler für 120 Euro gefunden. Das ist natürlich jenseits aller Wirtschaftlichkeit, wenn man ein i9100 gebraucht vom Händler für unter 180 Euro bekommt.

Die Anschaffung einer leistungsfähigen Arbeitsplatzleuchte mit Lupe ist eine lohnenswerte Anschaffung für solche Bastelarbeiten. Solche Leuchten gibt es schon für 20 bis 25 Euro bei ebay. Außerdem benötigt man Feinwerkzeug, also Uhrmacherschraubendreher mit Flachklinge und Kreuzschlitz, 1 und 2 mm, und wenn man nicht sehr stabile Fingernägel hat, am besten ein flaches nichtmetallisches Hebelwerkzeug. Musiker können auch ein Gitarrenplättchen aus Plastik verwenden. Eine schmale Pinzette hilft, wenn die lockere Schraube sich nicht greifen lässt. Ich mag die gebogenen lieber ("gekröpft"), aber das ist Geschmackssache.

Wenn man nicht gerade zwei linke Hände hat, sollte ein solcher Umbau gut gelingen, das Galaxy S2 kann man sehr leicht auseinander- und zusammenbauen.

Pedanten können auch ein antistatisches Armband tragen oder vor Beginn der Bastelei an ein blankes Heizungsrohr fassen, um eventuelle statische Elektrizität los zu werden.

Man beginnt damit, den Akkudeckel zu öffnen und dann Akku, SIM- und SD-Karte zu entnehmen.

Zumindest das Telefon mit dem funktionsfähigen Display sollte man nur auf einer weichen Unterlage lagern (Brillenputztuch), wenn man es bearbeitet, damit es während der Operation keine Kratzer bekommt.

Unter dem Akkudeckel finden sich nun 7 kleine Kreuzschlitzschrauben, die entfernt werden wollen. Da alle gleich groß sind, erübrigt sich, festzuhalten, welche wohin gehört. Bei anderen Geräten gibt es unterschiedlich lange, man sollte die Schrauben dann schematisch so lagern, dass es der Position im Gerät entspricht, oder mit einem feinen Filzstift sogar im Gerät Markierungen, Nummern etc. vermerken.

Nach der Entfernung der Schrauben muss man mit (sehr!) sanfter Gewalt das Display vom Rücken trennen. Man sucht eine Ansatzstelle, um mit dem Hebelwerkzeug oder einem Fingernagel zwischen Rücken und Displayrand zu drücken. Dann fährt man einmal um den gesamten Rahmen herum. Vorsicht an den Plastikknöpfen für Lautstärke und Einschalten! Den Rückendeckel kann man dann beiseite legen, es gibt keine Kabel, Stecker o.ä. zu lösen.

Das Mainboard selbst wird mit weiteren zwei Schräubchen gehalten, eine in der Mitte des schmalen Teils, die andere direkt neben dem dicken, würfelförmigen Kameramodul.

Nach dem Lösen der Schrauben muss man mit dem Hebelwerkzeug einige Stecker lösen, die die Einzelteile elektrisch miteinander verbinden. Alle Stecker sind von oben aufgesteckt; am besten nimmt man wieder einen Fingernagel oder das Plastikteil, um seitlich anzugreifen und vorsichtig nach oben zu hebeln. Dann kann man den Stecker an der Folie vorsichtig hochbiegen. Das sollte man nicht übertreiben und auch nicht allzu oft machen, sonst riskiert man einen Bruch in den Leiterbahnen auf der Folie. Ein feines Kabel verbindet das Mainboard mit einer zweiten kleinen Platine, die unten quer eingebaut ist. Auch hier vorsichtig mit dem Fingernagel den Stecker nach oben abhebeln.

Etwas trickreich wird das Lösen der Schalter für Lautstärke und Einschaltknopf: die sind ebenfalls mit Folien mit dem Mainboard verbunden, und werden von hinten mit Klebeband in senkrechter Position gehalten. Ich habe diese kleinen Module gelöst, indem ich die Platinchen von mehreren Seiten mit dem feinsten Schraubenzieher gelockert habe, bis ich seitlich flach dahinter pieksen konnte (nicht kratzen!). Jetzt können die Platinen immer weiter gelockert werden. Das Klebeband sollte am Untergrund bleiben, weil es noch gebraucht wird.

Falls man alle Stecker gelöst und sanft hochgebogen hat, sollte nun das Mainboard ohne Gewalt vom Display abzuheben sein. Falls nicht, nochmals kontrollieren, wo es klemmt. Vorsicht, das Kameramodul ist recht schwer und wird nur von der Folienleiterbahn gehalten. Nicht allzusehr biegen und wackeln!

Bei Unsicherheiten, welche Platine defekt ist, sollte man auch den Träger für USB und Mikrofon mit austauschen. Dies bietet sich nun an, da zu dessen Auswechseln das große Mainboard sowieso komplett demontiert werden muss. Hier gilt dieselbe Warnung wie bei der Kamera: das Mikrofon wird nur von einer weichen Folie gehalten, also nicht zu stark biegen.

Die kleine Platine wird mit zwei Schrauben und einer Plastiknase gehalten. Am besten hebt man die Seite leicht an, an der das Antennenkabel ankommt, und drückt dann am USB-Stecker nach hinten, so dass die Platine unter der Plastiknase herausrutscht. An dieser kleinen Platine ist noch ein recht langes Stück Folie mit einem Stecker zur anderen Platine befestigt. Diese Folie ist mit Klebeband fixiert. Sehr, sehr vorsichtig vom Klebeband abziehen!

Dieselbe Operation führt man an beiden Handys durch (nicht defekte und funktionsfähige Teile verwechseln ;) und der Einbau geschieht in umgekehrter Reihenfolge. Achja: nicht die Teile verwechseln und wieder ein defektes Bauteil einbauen!

USB-Platine vorsichtig in Position schieben und festschrauben.
Mainboard vorsichtig einschieben, so dass alle Stecker bündig aussehen.
Vor dem Festschrauben die Lautstärke- und Einschaltplatine senkrecht an die richtige Stelle schieben und vorsichtig am Klebeband andrücken. Unten am Boden auf Bündigkeit achten.
Zwei Schrauben anziehen.
Stecker senkrecht von oben ohne Gewalt auf ihr Gegenstück drücken. Man hört das Einrasten deutlich!
Antennenkabel ebenfalls senkrecht von oben aufdrücken. Beide Seiten kontrollieren!
Vor dem Aufdrücken des Deckels Akku einlegen, beim Umdrehen festhalten und einen ersten Test machen, ob sich das Handy einschalten lässt.

Akku wieder ausbauen, Rückendeckel festdrücken. Vorher darauf achten, dass die Wippe für die Lautstärke und der Einschaltknopf mit den feinen Gummilaschen in der Führung sitzen (im Bild links)
.
Schrauben festdrehen. Nach fest kommt ab, also nur sachte anziehen.
SIM, SD und Akku wieder einbauen, Deckel drauf und fertig!


Nach dem Einschalten begrüßte mich ein 1&1-Branding und Android 2.3.5. Dazu aber mehr im nächsten Beitrag.


[Update 20140815: Bilder plötzlich kaputt]