02.08.2013

Butzbach Open Air - James Bond - Skyfall

Gestern war Kino-Tag. Ich liebe Kino, leider hab ich nur so wenig Zeit.

Dummerweise hab ich letztes Jahr den neuen James Bond-Film im Kino verpasst.
Umso erfreuter habe ich neulich in der Zeitung gelesen, dass er zum Programm des Butzbacher Open Air-Kinosommers im Landgrafenschloss gehört.

Da meine Frau - obwohl James Bond-Fan - den Schauspieler Daniel Craig gar nicht leiden kann, musste ich ohne sie hingehen. Ich muss dazusagen, dass mir die vorherigen Schauspieler auch deutlich besser gefallen. Schon "Casino Royale" war ein austauschbarer Action-Kracher ohne den feinen Humor und die Selbstironie der früheren Filme. Hier stechen insbesondere Roger Moore und Pierce Brosnan hervor.

Auch die Restauration in Butzbach ist sehr empfehlenswert, ich hatte einen Fleischspieß vom Grill für 4 Euro, und das Geld war gut angelegt. Popcorn ist natürlich im Kino ebenfalls ein Muss ;)

Mit einbrechender Dunkelheit fing der Film an. Es gab einen kurzen Vorfilm von etwa fünf Minuten zur Unterhaltung,  auf niederländisch mit deutschen Untertiteln, der auch sehr nett war. Genau wie auf das Bingo-Spiel will ich aber darauf nicht weiter eingehen.

Um es kurz zu machen: der Film hat mich ziemlich enttäuscht. Während des Films riss es mich noch einigermaßen mit, weil die Action und die Tricks wirklich gut gemacht sind, aber die ruhigen Szenen zogen sich wie Kaugummi, und wenn es dermaßen langweilig wird, fange ich an, über das Bisherige nachzudenken, und da taten sich doch einige dramaturgische und inhaltliche Lücken auf.

Zur Erinnerung: eine verschlüsselte Festplatte mit den Daten und Klarnamen nahezu aller NATO-Agenten, die in Terrororganisationen infiltriert wurden, wird gestohlen. Während eines dramatischen Kampfs auf dem Dach eines fahrenden Zugs befiehlt "M" der zweiten Agentin, trotz unklaren Schussfelds zu schießen. Sie trifft nicht den Bösewicht, sondern Bond, und die Festplatte verschwindet mit dem Zug in einem Tunnel. Bond wird vermisst, überlebt aber natürlich. Klar, eine Schulterwunde und ein Sturz aus geschätzten 50 m Höhe machen einem britischen Superagenten wenig aus. Warum die Agentin nicht einfach noch einmal geschossen hat, um den zweiten Schwarzfahrer zu erwischen, wurde mir nicht klar.

Die Festplatte wird entschlüsselt und der Unbekannte droht, jede Woche fünf Agenten zu enttarnen. Ein Anschlag auf das MI6-Gebäude führt zu einer politischen Affäre, und ein Staatssekretär legt "M" einen ehrenhaften Rücktritt nah. Sie verweigert dies und besteht darauf, das "Problem" selbst zu lösen. Der Anschlag wurde durch Hacking und computergesteuerte, geöffnete Erdgas-Ventile ausgeführt: der Angreifer scheint also sehr gute Computerkenntnisse zu besitzen. Bond kehrt zurück, ist aber in katastrophaler körperlicher Verfassung und besteht keinen Test. "M" belügt ihn darüber und versetzt ihn zurück in den aktiven Dienst.

Der Dieb der Festplatte wird identifiziert und Bond verfolgt ihn nach Shanghai. In einem Hochhaus führt Patrice seinen Killerjob aus und stürzt danach ab. Bond erfährt zwar nicht, wer der Auftraggeber war, aber er findet einen Casino-Chip. Er löst ihn an der Kasse ein und erhält einen Koffer mit 4 Mio. Euro. Außerdem trifft er eine elegante Frau, die schon in der Suite des Ermordeten anwesend war. Sie scheint die Vertraute des Bösewichts zu sein. Falls Bond es schaffe, ihre Bodyguards zu besiegen, erwarte sie ihn an Bord eines bestimmten Schiffes.

Natürlich schafft Bond das und trifft Sévérine. Das Schiff fährt zu einer von ihren Bewohnern aufgegebenen Insel. Dort erschießt der Bösewicht Sévérine in einem grausamen Schießspiel und wird danach festgesetzt, weil Bond mit Hilfe eines Peilsenders seine Position bekannt geben konnte.

Allerdings war die Festnahme Teil des Plans: der (sehr junge und sehr von sich überzeugte) "Q" schließt den "bösen" Laptop mit zwei (?) Kabeln an und untersucht ihn. Dabei schafft es ein sehr aggressives Virus, aus dem Laptop ins MI6-Computernetz auszubrechen und alle computergesteuerten Türen und Klappen zur Kanalisation zu öffnen, so dass der Bösewicht entkommen kann. Er verübt einen Anschlag auf den Untersuchungsausschuss, in dem "M" gerade Rede und Antwort stehen muss. Bond flüchtet mit "M" zunächst in ihrem Bentley, dann steigen sie um auf Bonds eigenen DB5.

Der Showdown findet im Anwesen von Bonds Eltern "Skyfall" in Schottland statt. Mit viel Bums und Feuerwerk werden die meisten Meuchelmörder und ein großer Armeehubschrauber besiegt. Dabei geht das Gebäude in Flammen auf. "M", Bond und der Wildhüter der Bonds, der gerade im Begriff war, nach Bonds angeblichem Tod den Besitz aufzulösen, flüchten durch einen Tunnel. "M" wird angeschossen und flüchtet in eine Kapelle. Dort tötet Bond den Ex-Agenten Silva. "M" stirbt.

Als Schlusspointe und vermutlich Grundstein für eine Neuauflage der kommenden Filme lernt Bond zurück im Büro seinen neuen Chef kennen, den früheren Staatssekretär Mallory, nun "M". Die Agentin, die ihn zu Beginn statt des Festplattendiebs angeschossen hat, erklärt, lieber im Innendienst bleiben zu wollen, und stellt sich als "Eve Moneypenny" vor.

Der Film hat mehrere gravierende logische Fehler. Ich konnte mir bis eben nicht einmal den Namen des Bösewichts merken und musste sogar bei Wikipedia nachschlagen, damit ich wenigstens einmal seinen Eigennamen hinschreiben konnte ;). Einen Tag später ...

Der schlimmste Fehler ist natürlich, dass nach der Gefangennahme auf der Insel "Q" Silvas Laptop anscheinend ohne weiteren Sicherheitsvorkehrungen mit einem Netzwerkkabel verband und in Betrieb nahm. Eine ernsthafte forensische Analyse setzt voraus, dass während der Untersuchung keine Änderungen am Untersuchungsobjekt geschehen können. Insbesondere darf das Gerät nicht eingeschaltet sein. Am besten wäre es, die Festplatte auszubauen, zu kopieren und nur die Kopie zu untersuchen. Das höchste der Gefühle wäre, eine virtuelle Maschine mit dem Festplattenabbild zu starten, die keine Verbindung zum echten Netzwerk hat.

Andererseits sieht man hier sehr schön die Gefahren, die das "Internet der Dinge" mit sich bringt, wenn also Geräte des täglichen Lebens einen Netzwerkanschluss bekommen und gesteuert werden können. Warum sollte man die Gasleitungen im MI6-Gebäude von außen über Internet erreichbar machen? Warum hatte der Laptop von "M" Zugang zu diesen Gasventilen, wenn er gehackt werden kann? Üblicherweise gestattet man Zugriff nach dem "need to know"-Prinzip. Wer den Zugriff nicht braucht, bekommt ihn nicht, selbst wenn er der oberste Boss ist. Jeder Zugang ist prinzipiell ein möglicher Angriffspunkt ("attack vector").

Ein weiterer Logikfehler geschieht während des Kampfs gegen die Bodyguards: der Gegner nimmt die Walther-Pistole, die durch Fingerabdrucksensoren auf Bond geeicht ist, und während des Angriffs der Echse fällt sie in den Staub. Bond springt auf den Rücken einer anderen Echse, um von dort wieder nach oben zu gelangen. Er hat keine Zeit, seine Pistole zu suchen. Später steckt er sie aber ganz gelassen wieder ein.

Besonders langweilig fand ich die Befragung im Untersuchungsausschuss, als "M" von ihrem verstorbenen Mann erzählt und ein längliches Gedicht von Tennyson rezitiert. Dabei gibt es Umblendungen zu Bond auf dem Weg zu ihr.

Im Lichte der gerade tobenden Debatte um das umfassende Abhören ist es natürlich besonders erschreckend, wenn am Anfang des Films während der Verfolgung des Diebs durch die Stadt die Bond-Kollegen im Büro Zugriff auf "Überwachungskameras, Satelliten, Verkehrsüberwachung" verlangen und nahezu sofort widerspruchslos bekommen. Jeder von ihnen weiß also, wie umfangreich die Überwachung ist, und kann sie wie selbstverständlich sofort in Anspruch nehmen.

Eigentlich bin ich ein großer James Bond-Fan. Mir gefallen die technischen Spielereien, die "Q" erfindet, und sein running gag, Bond möge wenigstens diesmal ein Auto heile wieder zurückbringen. Natürlich wird jedes Auto zerstört, und auch sonst hat Bond ein Händchen für die Schwachpunkte von "Q"s Erfindungen ;). Außerdem mag ich die intellektuellen Wortgefechte, die sich Bond mit seinen Gegnern liefert. Nun gut, das unsichtbare Auto war ein bißchen zu extrem, das war sogar mir zu unglaubwürdig ;).

Im aktuellen Film gibt es eine Andeutung von homosexuellen Streicheleien, als Bond auf der Insel gefesselt ist und der Bösewicht ihm wie üblich eine längliche Rede hält, damit Bond und die Zuschauer verstehen, warum alles so ist, wie es ist, und ein missmutiger Bond erklärt: "Wie kommen Sie darauf, dass es für mich das erste Mal ist?". Das kommt in keinster Weise an die Dialoge in den früheren Filmen heran. Das tiefschürfendste in den Craig-Bond-Filmen war noch der Dialog zwischen Vesper Lynd und Bond in "Casino Royal" im Zugrestaurant auf dem Weg zum Poker-Wettbewerb, als sie beide sich gegenseitig analysieren und feststellen, dass sie Waisen sein müssen.

Update 2013-08-04:

Inhaltlich war die Geschichte auch nicht so toll: der Ex-Agent, der die Seiten wechselt, ist schon in "Goldeneye" aufgetreten, und das Folter-Opfer, das aus Rache "M" im Visier hat, gab es auch schon in "Die Welt ist nicht genug". Ein doppelter Neu-Aufguss also ;)