22.03.2013

Leserbrief zur G8/G9-Podiumsdiskussion in Bad Vilbel


Leider kann ich den Bericht über die Podiumsdiskussion nicht zitieren und nicht verlinken (aus Prinzip wegen #LSR), aber es ging im Kern darum, dass ein Vertreter der Landesregierung auf dem Podium komische Sachen behauptet hat, die so nicht stimmen.

Im Bericht über die Podiumsdiskussion sind mir zwei Punkte sauer aufgestossen:
Zum Einen behauptet Hr. Hahn, dass seine Regierung den Schulen eine Wahlmöglichkeit lassen will, ob G8 oder G9 besser zum Schulkonzept passt. Das hört sich toll an, aber ehrlicherweise sollte er auch dazusagen, dass dieselbe Regierung vor zehn Jahren überhaupt erst dieses unselige Experiment gestartet hat und damals eben keine Wahlmöglichkeit bestand: im Gegenteil war G8 obligatorisch für alle Gymnasien. Das finde ich - wohlwollend genannt - unvollständig.
Zum Zweiten spricht Hr. Hahn von 56 Schulen, die bei G8 bleiben. Auch das ist nicht korrekt, sondern höchstgradig unvollständig. Er hätte sagen müssen: derzeit sind noch 56 Schulen bei G8. Allerdings weiß ich von vielen Schulen, dass der Entscheidungsprozess noch nicht abgeschlossen ist.
Zum Zweck der Diskussion hätte es besser gepasst, die Anzahl der Gymnasien zu nennen, die sich ausdrücklich für G8 ausgesprochen haben. Das hätte sicherlich einigen im Publikum die Augen geöffnet.
Die Schulen in Butzbach und Gießen haben letztes Jahr sofort nach der Gesetzesänderung den Umstieg in Angriff genommen und lehren tatsächlich schon in diesem Jahr wieder nach G9. Respekt!
Andere Schulen im Wetteraukreis diskutieren noch, allerdings zeichnet sich hier auch bei einigen davon ab, dass sie auch zu G9 wechseln werden.
Aus meiner Sicht ist G8 gescheitert. Vielleicht war die Idee an sich gar nicht mal schlecht, aber ausgerechnet in der Mittelstufe zu kürzen (7.-9. statt 7.-10. Klasse), war die schlechteste Idee überhaupt.
Abgesehen davon ist G8 auf demselben wirtschaftspolitisch einseitigen Gedankengang entstanden, dem wir ebenfalls die tollen Bachelor- und Masterstudiengänge an den Universitäten zu verdanken haben: Hauptsache, es wird schnell viel Wissen in die Schüler gepumpt. Die Entwicklung von kritischen Denkern oder das Beschäftigen mit "Randthemen" ist unerwünscht, und das erreicht man leicht damit, dass die "Pflichtthemen" soviel Zeit kosten, dass sonst für nichts mehr Zeit übrig ist.
Mich wundert, dass die anderen Podiumsteilnehmer Herrn Hahns doch sehr einseitigen Darstellung nicht widersprochen haben.
Aber das passt alles zur generell eher technik- und innovationsfeindlichen Unternehmenslandschaft in Deutschland, angeführt von einer Mutti Merkel, die noch besser aussitzen und nicht entscheiden kann als Kohl vor ihr. Bei den ganzen schrecklichen juristischen Diskussionen derzeit (Urheberrecht, Leistungsschutzrecht, Überwachung, Vorratsdatenspeicherung, erneuerbare Energien, um nur einige zu nennen) wundert es mich nicht, dass es kein deutsches Google, ebay, Amazon oder Apple gibt. Oh, gab es? Ja, Nachmacher gab es, und die haben sich dann ganz schnell von ihren amerikanischen Pendants aufkaufen lassen (Ricardo) oder haben aufgegeben wegen unklarer Rechtslage (Abspeichern von Vorschaubildern etc.).