27.08.2012

[de] Carpe Jugulum ("Ruhig Blut!") Theatervorstellung in Hanau

In der Ausgabe 184 von Discworld monthly gab es eine Ankündigung, dass - endlich! - ein Stück von Sir Terry Pratchett in Deutschland aufgeführt wird.
Dabei handelt es sich um das Stück "Ruhig Blut!" (orig. "Carpe Jugulum" - analog zu Carpe Diem - nutze die Halsschlagader).

Endlich, endlich eine Theateraufführung von der Scheibenwelt in Deutschland, und auch noch so bequem in der Nähe! Ich konnte es kaum glauben, dass tatsächlich in Hanau an der Hohen Landesschule eine Aufführung stattfindet. Das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen!

Ich habe vorher mal meine übliche Suchmaschine angeworfen, um etwas über die Theatergruppe "Die Dramateure" herauszufinden, und bekam einen Treffer in Zürich geliefert. Ich wollte schon beeindruckt sein, dass sie ein Gastspiel in Hanau geben, aber der Terminplan der Website hat nichts über Termine in Deutschland verraten. War wohl nix ... "Die Dramateure" ist ebenfalls der Name der Theatergruppe an der Hohen Landesschule in Hanau, wo das Stück aufgeführt werden sollte.

Das Stück wurde an zwei Terminen aufgeführt, ich hatte mir den ersten Termin am Freitag vorgenommen. Die Bühne ist ein abgeteilter Bereich in der Lobby des Schulgebäudes, nicht über-, aber gut gefüllt. Da es abends um 20.00 Uhr noch über 30 Grad heiß und sehr schwül war, kamen die im Foyer verkauften Getränke bei den Besuchern sehr gut an ;)

Die meisten Besucher waren vermutlich Eltern und andere Verwandte der Schauspieler, die vorher noch wenig bis nichts von der Scheibenwelt gehört hatten. Es gab einen Erzähler, der vor dem eigentlichen Stück einige grundsätzliche Informationen gab, die sicher zum Verständnis ganz nützlich waren. Schwer zu sagen, wieviele hartgesottene Pratchett-Fans anwesend waren, abgesehen von mir ;)


And now for something completely different: jetzt kommt endlich was über das Stück und die Aufführung!

Das Stück sollte um 19.30 Uhr beginnen, hatte eine 20-minütige Pause um 20.30 Uhr, und war um 22.00 Uhr beendet. Es begann mit leichter Verspätung; das war aber nicht schlimm, weil ein Beamer vorab schon einige Infos über die Scheibenwelt und die Schauspieler gab.

In einem kurzen Satz zusammengefasst: es war klasse, und es hat mir und meinen Kindern (9 und 12) sehr gut gefallen. Meine 12-jährige Tochter hat just in den Ferien angefangen, Pratchett zu lesen (Ich habe ihr letztens "Nation", dt. "Eine Insel" geschenkt), und außerdem wusste sie schon einige Details (aus den Filmen, die ich auf DVD habe -- Hogfather, Going Postal, Wyrd Sisters, Soul Music). Mein 9-jähriger Sohn wusste vorher noch nichts über die Scheibenwelt, das war aber nicht schlimm, weil er sich ansonsten schon ziemlich gut mit Vampiren auskennt  ... oder Vampyren, was etwas moderner klingt ;).

Alte Pratchett-Leser wissen natürlich schon über den Inhalt Bescheid: die Geschichte hat hauptsächlich zwei Schauplätze, das Schloss in Lancre, wo die Taufe des königlichen Babys stattfinden soll, und das Schloss der d'Elstyrs (engl. Magpyr) in Überwald. Dort findet dann der große Showdown zwischen den Hexen und den Vampi^Hyren statt. Ich war am Anfang etwas verwirrt, weil ich seit langem nur die englischen Bücher lese, genauer: seit "Pyramids", und deshalb dauerte es ein bißchen, bis ich mich an die eingedeutschten Namen gewöhnt hatte. Der omnianische Priester, im Original der "Quite Reverend Oats" heißt "Mächtig Himmelsang". An und für sich sind die Übersetzungen gar nicht so schlecht, aber natürlich geht immer etwas von Pratchetts Wortwitz verloren. Eine Erklärung der englischen Wortspiele findet sich für alle Bücher in den "Annotated Pratchett Files", und insbesondere hier für Carpe Jugulum.

Die Bühne war sehr minimalistisch; der Thronsaal in Lancre hatte z.B. nur einen Tisch mit Tischtuch und Kerzenständern, und der Saal im Schloss der d'Elstyrs hatte auch nicht viel mehr Ausstattung. Das war aber alles kein Problem, weil alle Schauspieler so gespielt haben, dass die Zuschauer sich immer alles genau vorstellen konnten. Am meisten hat mich Nanny Ogg beeindruckt; sie hatte eine tolle Präsenz und hat gut und lebhaft gesprochen und intoniert. Auch der Sprecher wusste seine Zwischenbemerkungen sehr gut einzustreuen und zu betonen. Ab und zu hat er übrigens den König Verence II gespielt ;).

Mein Sohn und ich mochten den Igor am meisten. Er konnte wunderbar hinken, schlurfen, sich anschleichen und lispeln. Sein Lieblingsspruch war "Der alte Meithter war ein ethter Gentleman". Sein Hund Fetthen (Fetzen) war ein knuddeliges Stofftier mit einem fast unsichtbaren ;) "Puppenspieler". Der Hund "ist 28 Jahre alt ... zumindest Teile von ihm". Er konnte sogar Kunststücke wie "stell dich tot! [zack] - Er erinnert sich!" (ok, der Witz ist nur verständlich, wenn man weiß, dass die Igors wie in Mary Shelleys Buch Frankenstein Tote zum Leben erwecken können).

Obwohl Oma Wetterwachs per Definition die präsenteste Hexe ist, wird sie im Stück dieser Rolle nicht gerecht. Die Schauspielerin spricht und spielt nicht so, wie ich mir Granny aus den Büchern vorgestellt hatte. Sie ist zwar auch in dieser Geschichte nicht Supergirl, sondern hat ihre Zweifel, ob die Vampire besiegt werden können, aber trotz allem ist die Rolle zu schwach ausgefüllt. Der Priester hat seine Rolle sehr gut gespielt und man konnte seine Selbstzweifel, ob er dem Glauben oder dem Wissen zuneigt, gut nachvollziehen. Die finale Szene des Kampfs zwischen ihm und dem Obervampir wurde aufgrund Brutalität mit einer Hellebarde von zwei Statisten und einem Vorhang mit dem Schriftzug "(Zensiert)" gnädig verdeckt.

Agnes und ihr zweites Ich Perdita wurden von zwei identisch gekleideten Frauen gespielt, wobei Agnes einige zusätzliche "Polster" an manchen Stellen hatte, so wie sie auch in den Büchern beschrieben wird (z.B. auch in "Maskerade") -- "in jedem dicken Mädchen steckt ein dünnes Mädchen, das heraus will ... und jede Menge Schokolade". Perdita war eine wundervoll zickige innere Stimme. Es gab einige sehr dezente Anpassungen im Stück, die von den Zuschauern gut aufgenommen wurden, z.B. hat der Brückentroll eine Art schnoddriges Hessisch-Türkisch gesprochen, in etwa wie Erkan&Stefan, und das Verlies im Schloss der Vampire waren die "Hola-Verliese" (Hola als Abkürzung für die Hohe Landesschule).

Im Großen und Ganzen hat es mir sehr gut gefallen, bis auf anfängliche Irritationen über die Namen, aber das hat sich schnell gelegt. Die Schauspieler haben den Geist des Stücks, den Kampf gegen Aberglauben, sehr gut dargestellt. Wenn diese Theatergruppe nochmals ein Stück von Sir Terry Pratchett aufführen sollten, würde ich unbesehen jederzeit wiederkommen! Allerdings füchte ich, dass die Chancen nicht sehr gut stehen, weil eine Lehrerin aus dem Kollegium in ihrer Dankesrede davon gesprochen hat, dass einige der Schauspieler schon ehemalige Schüler sind und andere ebenfalls kurz vor dem Schulabschluss stehen. Trotzdem Respekt!


Das Publikum gab lang und ausdauernd verdienten Applaus und Standing Ovations.

Die Website der HoLa trägt zur Zeit ein Baustellenschild und die Termine sind von 2009. Falls man keine persönlichen Beziehungen dorthin hat, wird es also schwierig, etwas über künftige Aufführungen zu erfahren. Hoffentlich werden die Pratchett-Stücke wieder in DWM angekündigt.
In der Lobby wurde Werbung für Shakespeares "Sturm" gemacht, aber das gehört hier nicht zum Thema ;)