13.10.2013

Todesengel - Andreas Eschbach - Buchbesprechung

Eben gerade habe ich das neue Buch von Andreas Eschbach fertig gelesen. Nach der Ankündigung letzte Woche und dem Hinweis, dass das E-Book im Angebot nur 9,99 € kostet, konnte ich mich nicht zurückhalten. Eschbach hat generell eine flotte Schreibe, die ich sehr mag, deswegen war die Hemmschwelle sehr niedrig ;)

"Fertig gelesen" muss ich etwas betonen, weil ich beim Lesen kurz vor Schluss einen kleinen Durchhänger hatte. Den Großteil habe ich die letzten Abende immer sehr gespannt gelesen, bis ungefähr zum 30. Kapitel (von 39). Heute abend las ich einen Hinweis, dass Eschbach am 16. Oktober eine Lesung in Lauterbach halten wird. Da Lauterbach nicht sehr weit weg von uns ist und wir sogar Verwandte dort haben, beschlossen meine Frau und ich, uns um Karten zu bemühen, und ich wollte unbedingt das Buch vorher fertig gelesen haben ;)

Nun, was soll ich sagen? Das Unbehagen, das ich seit den letzten Büchern unterschwellig empfunden hatte, setzte sich auch hier fort ... Eschbach schreibt wirklich super, das Buch ist fesselnd, aber der Höhepunkt und der Schluss lassen mich ratlos zurück, genauso übrigens wie bei "Eine Billion Dollar" und "Quest". Fairerweise muss ich dazu sagen, dass im Verhältnis die Bücher überwiegen, die mir gut gefallen haben, und auch die o.g. Bücher sind sehr gut geschrieben und enthalten viele nachdenkenswerte Thesen. Besonders gut gefallen haben mir als altem SF-Fan die Bücher "Solar-Station", "Die Haarteppichknüpfer" und "Das Jesus-Video" und die Kurzgeschichtensammlung "Eine unberührte Welt". Auch der Thriller "Nobel-Preis" um eine Erpressung eines Jury-Mitglieds war genial, und die Schlusspointe mehr als überraschend.

Das Buch "Todesengel" handelt auf mehreren Handlungsebenen davon, wie die Opfer von Gewalt mit der Tat fertig werden - oder auch nicht. Die Geschichte beginnt mit jugendlichen Schlägern, die einen älteren Herrn misshandeln, weil er sie zurechtweisen will, als sie in der U-Bahn randalieren. Ein "Engel" in überirdisch anmutendem Licht erscheint und erschießt die Randalierer, als sie den Mann zusammenschlagen. Zunächst wird sogar das Opfer verdächtigt, die Täter erschossen zu haben, bis nach Tagen ein Handy-Video auftaucht, das endlich das Opfer entlastet. Ein Journalist schafft es, ein Interview zu ergattern, indem er sich an die Tochter "heranmacht" und sich dabei langsam in sie verliebt (dazu später mehr).

Im Verlauf der Geschichte wird er zum Moderator einer sensationsheischenden Fernsehshow in "City-TV", einem örtlichen Sender der namenlosen Stadt. Er freundet sich immer mehr mit der Tochter des ersten Opfers an, die ihm das Interview ermöglicht hat.

Das nächste "Opfer" wird ein jüdischer Lehrer einer Selbstverteidigungslehre namens "Krav Maga", der sich gegen vier (!) Angreifer unverletzt zur Wehr setzen kann. Das - in diesem Fall glückliche und unverletzte - Opfer gerät in das Visier eines sehr eifrigen Staatsanwalts, der erst von ihm als "Täter" ablässt, als er vom jüdischen Hintergrund und der KZ-geprägten Familiengeschichte erfährt. Der Staatsanwalt lässt sich hier auch eher von der Überlegung leiten, wie die Öffentlichkeit ihn wahrnehmen wird, als vom wirklichen Geschehen.

Die Fernsehshow wird immer sensationeller, als nacheinander diverse Gewaltopfer eingeladen werden, die von Gerichten verurteilt wurden, weil entweder die Beweislage zu Nothilfe oder Notwehr unklar war, oder weil die Gerichte die Notwehr als unangemessen schwerwiegend beurteilten. Die Betonung bei den Berichten über all diese Gewaltopfer liegt darauf, dass sie vom Gericht zu Schadenersatz verurteilt wurden, was teilweise existenzbedrohend wurde, die eigentlichen Täter hingegen außer wenigen Monaten Strafe, typischerweise noch zur Bewährung, nichts Schwerwiegendes zu befürchten hatten.

Als roter Faden zieht sich also durch die Geschichte, dass die eigentlichen Täter nur sehr milde bestraft werden ("in dubio pro reo" freigesprochen werden, nur zu Sozialstunden oder nur zur Bewährung verurteilt werden), hingegen die Opfer oder zu Hilfe eilende Dritte ebenfalls bestraft werden, und suggestiv anklingt, zu schwer bestraft zu werden.

Im Verlauf der Geschichte taucht eine Gruppe von Klassenkameraden auf, die vor Jahren als Jugendliche Zeugen eines Totschlags wurden, als ein Erwachsener ihnen gegen andere jugendliche Schläger beistand. Einer von ihnen wurde jetzt traumatisch zum Racheengel, die anderen verarbeiten das Erlebnis auf ihre Weise mehr oder weniger gut.

Diverse persönliche Verstrickungen, darunter die Ex des Journalisten, und eine Beziehung zwischen zwei der "Beschützten" von früher, werden ausgewalzt, sind aber in der Nachbetrachtung eher bedeutungslos für mich geblieben.

Besonders tragisch empfand ich das Ende der Geschichte, als der Enkel des ersten Opfers durch ein merkwürdiges Mißverständnis ebenfalls zum Opfer wird.

Der Racheengel entpuppt sich als von Krebs, der Krebstherapie und diverser Drogen psychisch Verwirrter. Bequemerweise (für den Autor ;) ) stirbt er kurze Zeit nach der Verhaftung an seiner Krankheit, so dass hier in der Handlung keinerlei Auseinandersetzung mehr mit seinen Irrungen und Wirrungen stattfindet.

Nach dem Epilog folgt ein - reales - Interview mit einem Kriminologen, der viele der durchaus bemerkens- und bedenkenswerten Thesen aus dem Buch geradezu auf den Kopf stellt und feststellt, dass genau im Gegenteil die Kriminalität im angesprochenen Bereich seit Jahren deutlich rückläufig ist, insbesondere durch die zunehmend gewaltlose Erziehung und andere Verbesserungen im sozialen Umfeld.

Schlussendlich grüble ich immer noch darüber nach, was eigentlich der Zweck des Buchs ist, wenn durch das o.g. Interview die meisten Aussagen gleich wieder widerlegt werden. Mir bleibt auch nach längerem Nachdenken nur die Überlegung plausibel, dass das Thema Gewalt und die Behandlung von Tätern und Opfern durch die Justiz nur ein vordergründiger Aufhänger ist, und dass es im Wesentlichen um die Rolle der Massenmedien geht, die für einen kurzfristigen Scoop (in diesem Fall sogar wortwörtlich) "über Leichen gehen". Kernaussage also: traue keinem Massenmedium, es geht ihnen nur um die Quote bzw. die Verkaufszahlen.

Im Interview am Schluss wird gesagt, dass die Kriminalität signifikant rückläufig ist, dass aber durch die verstärkte Berichterstattung und den Schwerpunkt dieser Berichterstattung, insbesondere durch die unglaublich schnelle Zugänglichkeit mittels Internet, auf schwere, brutale Gewalt eine Wahrnehmung und Aufmerksamkeit erzielt wird, die in keiner Relation steht zum tatsächlichen Auftreten dieser Art von Verbrechen.

Bleibt zum Schluss natürlich festzuhalten, dass als Kernaussage des Buchs ohne weitere Diskussion mitzunehmen ist, dass Selbstjustiz in keinem Fall gerechtfertigt ist, und dass niemand in Personalunion zum Richter und Henker werden darf. Zu Recht gibt es in demokratischen Staaten die Gewaltenteilung, in der Exekutive und Judikative streng getrennt sind, und sich natürlich auch niemand anmaßen darf, die Todesstrafe zu verhängen.

[Update 14.10.2013: Der interviewte Kriminologe Christian Pfeiffer ist sehr umstritten]