31.10.2013

Ausgebrannt - Andreas Eschbach - Buchbesprechung

Ja ja, ich weiß, dass ich zu spät bin. Dieser Roman ist 2007 erschienen. Ich hab' ihn auch schon vor einiger Zeit gekauft, aber aus Gründen bin ich jetzt erst zum Lesen gekommen. Geblättert hatte ich schon mal nach dem Kaufen, aber irgendwie kam mir immer etwas anderes dazwischen. Aber der Besuch der Lesung in Lauterbach, die mich total begeistert hat, hat mir dann doch einen Schub(s) gegeben.

Bücher werden zwar mit der Zeit nicht besser, wenn man sie wie Wein liegenlässt, aber die Neugierde steigt. Nachdem ich also endlich den Anfang gefunden hatte, konnte ich das Buch kaum weglegen, und manche Abende wurden etwas länger als sonst, weil ich gerade an eine besonders spannende oder interessante Stelle gekommen war. Dies ist eines der besten Werke von Eschbach, soviel schon vorneweg.

Über den Inhalt will ich nicht besonders viel erzählen, sondern eher etwas über meine Eindrücke während des Lesens. Eine gute Zusammenfassung findet sich in der Wikipedia. Einige kleine Spoiler kann man dort finden, aber ehrlich gesagt, finde ich nicht, dass dieses Buch das Attribut "Thriller" so verdient wie z.B. "Nobelpreis", in dem es wirklich um echte und vorgetäuschte Verbrechen geht und alles auf einen Höhepunkt zustrebt. Von daher schmerzt es nicht besonders, wenn man Zusammenhänge schon vorher kennt, mich schon gar nicht ;). Ich bin sowieso jemand, der zuerst den Schluss liest, genau wie Harry in "Harry und Sally". Nebenbei nennt Sally in der Flugzeugszene nach fünf Jahren genau deswegen Harry einen "Engel des Todes", und das ist jetzt die Überleitung zum nächsten Absatz ;)

Genau wie auch das spätere Buch "Todesengel" liest sich "Ausgebrannt" streckenweise wie ein Sachbuch mit sehr vielen fachlichen und numerischen Details zu Ölförderung, Eisenbahnbau, Strahlungsleistung der Sonne, Solarzellen, Plausibilitätsrechnungen u.ä. Genau das finde ich an Eschbachs Büchern extrem spannend: diese Fülle an akribischen Details trägt dazu bei, dass ich mich als wissenschaftlich interessierter Mensch in dieser fiktiven Welt so zuhause fühlte.

Faszinierend fand ich an diesem Buch, wie glaubwürdig die Intrigen der diversen Geheimdienste, Firmenlenker und Politiker beschrieben wurden. Teilweise hat Eschbach hier die Realität von 2013, z.B. die NSA-Abhörgeschichte, vorweggenommen. Er bezieht sich zwar auf das früher bekanntgewordene ECHELON, aber grundsätzlich wirkt alles so extrem nachvollziehbar, dass es beunruhigend ist.

Die Charaktere handeln einfach, sie haben keine besonderen Eigenschaften, auf die das Buch eingeht. Im Wesentlichen ist "Ausgebrannt" ein buchgewordenes Roadmovie, in dem Markus Westermann immerzu hin und her reist. Sein Unfall und das Koma geschehen auf den ersten paar Seiten, und ungefähr in der Mitte bei Buches, nach knapp 300 Seiten, hat die Handlung den Bogen zurück zu diesem dämlichen Autounfall geschlagen. Dieser, ausgelöst durch einen leeren Tank, ist natürlich symptomatisch für die gesamte Geschichte, in der es darum geht, wie wichtig Erdöl ist und wie abhängig unsere gesamte Gesellschaft davon geworden ist.

Wenn ich versuchen wollte, die Ziele chronologisch aufzuzählen, wird das ein ganz schön langer Absatz ... Mal sehen: Westermann reist als Software-Entwickler in die USA, um eine amerikanische Finanzsoftware an die deutsche Sprache und Rechtsprechung anzupassen. Auf dem ersten Stück der Reise trifft er Block und besucht mehrere Ölförderstätten, darunter auch in Saudi-Arabien. Block verschwindet, er reist zurück nach USA, will die Unterlagen aus dem Schließfach holen und stellt fest, dass es von der CIA per Gerichtsbeschluss leergeräumt wurde. Er forscht nach Taggard und findet ihn über Kommilitonen, frühere Freunde, Nachbarn und den Wohnort seiner Eltern. Auf dem Weg zu Taggard geschieht der Autounfall. Sein Bruder schmuggelt ihn nach Deutschland in eine Klinik. Von dort reist er mit einem Zweit-Reisepass über die Niederlande zurück nach USA und findet Taggard in "Bare Hands Creek". Von dort flüchtet er und findet Amy in dem aufgegebenen Forschungszentrum. Dann trifft er eine Senatorin und den Präsidenten der USA in Washington. Im Epilog reist er per Schiff und Luftschiff zu seinem Neffen nach Deutschland.

Abgesehen von seinem Ehrgeiz und dem Drang, "etwas" in USA zu erreichen, hat Westermann nicht viel, was ihn dem Leser näherbringt (mir zumindest nicht). Es gibt einige minimal übernatürlich angehauchte Andeutungen, so haben er und seine Geliebte Amy Visionen über die Zukunft. Amys Vision allerdings stellt sich als kindliche Erinnerung heraus, weil sie damals zufällig im Keller die Akte "Alfred Westermann" beim Spielen gefunden hat, dazu gleich noch mehr. Markus' Vision von einem "gläsernen Turm" ist kein Hochhaus, das ihm gehört und in dem er residiert, sondern die "Westerman"-Maschine, die billig Alkohol gewinnen kann.

Seitenhiebe auf aktuelle (genauer: damals schon aktuelle) Entwicklungen machen das gesamte Buch sehr unterhaltsam, z.B. erlebt Dorothea das Auftreten eines Rechtsanwalts, der ihr eine Abmahnung persönlich zustellt und verlangt, dass sie ihren Dorfladen schließt. Die Begründung dafür klingt aberwitzig, aber juristisch vermutlich haltbar, so dass sich der "normale Menschenverstand" sträubt, das für bare Münze zu nehmen: ihr Sohn hat Werbezettel verteilt, in denen er die (an dieser Stelle schon massiv gestiegenen) Spritkosten in Relation zum Einkauf beim Dorfladen und beim 30 km entfernten Supermarkt setzt. Die Abmahnung behauptet nun, sie habe unerlaubte "vergleichende Werbung" betrieben. Denkbar ist das natürlich, andererseits gab es vor einigen Jahren eine Gesetzesreform, die - sachliche - vergleichende Werbung erlaubt, und was wäre sachlicher, als die konkreten Preise zu benennen und die eigenen Transportkosten zu addieren?

Einige dramaturgisch nachvollziehbare, aber auch nicht wirklich glaubwürdige Verrenkungen beschreiben, dass der ehemalige CIA-Agent Taggard Markus' Vater Alfred kannte und dessen Erfindung zugunsten der amerikanischen (Erdöl-)Wirtschaft verschwinden lässt, sogar hilft, ihn am Ende durch Manipulationen am Auto ermorden zu lassen. Rein zufällig landen die Unterlagen über diese Erfindung bei Amys Vater, und bei Markus' Einbruch in ein abgelegenes, geheimes Forschungslabor stellt sich heraus, dass es deren Vater gehört und von der mittlerweile von Markus hochschwangeren Amy bewohnt wird.

Der Schluss ist abrupt, aber das bin ich mittlerweile von Eschbach gewöhnt. Das Buch hat etwas Happy End, aber nicht viel.

Durch die wiederentdeckte Erfindung von Alfred Westermann ist es möglich, mit wenig Aufwand Gärungsalkohol zum Antrieb für Motoren zu gewinnen, ohne aufwändig Energie in die Destillation zu stecken. Die Idee mit einer osmotisch wirksamen Folie ist plausibel genug für das Buch. Nicht wirklich plausibel ist das generöse Auftreten der USA, die der ganzen Welt diese "Westerman"-Maschinen zur Verfügung stellt, nachdem vorher eher der Führungsanspruch durchschimmerte und der Versuch, sich Vorteile zu verschaffen.

Mir hat nicht besonders gut gefallen, wie leicht die Massenherstellung der "Westermans" anläuft. Eine unterhaltsame Anekdote am Rand findet sich aber auch hier in einem Seitenhieb: eine bestimmte Maschine zur Stoffherstellung wird benötigt. Der Geheimdienst hat aber "rein zufällig" die Pläne dieser deutschen Maschine greifbar.

Die Welt verändert sich massiv, die Regionalität nimmt zwangsläufig zu, auf Erdöl basierende Produkte werden extrem teuer oder fallen ganz weg (Plastik, Medikamente, Dünger, ...), aber die USA bleiben noch lange Zeit eine starke Hegemonialmacht, auch wenn der föderale Staatenverbund im Epilog 30 Jahre später massiv zu bröckeln begonnen hat. Es gibt kaum noch Flugverkehr, kaum noch Tourismus, religiöser Extremismus nimmt wieder zu.

Die Rolle der USA und ihr massives geheimdienstliches Eingreifen zum Schutz der eigenen Politik und Wirtschaft klingt heute weniger überraschend als zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung. Hier ist nichts erfunden, durch die Enthüllungen von Snowden wissen wir, dass es tatsächlich so ist, und vielleicht noch schlimmer.

Hier kann sich jeder Leser selbst eine Meinung darüber bilden, wie selbstverständlich Mächte ohne Rücksicht auf Menschen, Staaten und Umwelt in fremde Politik eingreifen und auf Menschen- und Bürgerrechte pfeifen. Auch andere Verschwörungstheorien werden aufgegriffen und plausibel eingeordnet, z.B. der Bau des Panama-Kanals, die Ausbeutung von Erdölfeldern in Venezuela und Ecuador, der Bau von Pipelines, die Protektion der saudi-arabischen Königsfamilie und vieles mehr.

Fazit: heute lesenswerter denn je. Unbedingt zugreifen!