17.10.2013

Lesung - Andreas Eschbach - Lauterbach

Wow, ich bin so was von begeistert!

Anders geht es nicht, kleiner kann ich es nicht beschreiben.


Gestern war ich mit Frau und Kind 1 in Lauterbach zu einer Autorenlesung unter dem Motto "Der Vulkan lässt lesen", und zwar bei meinem deutschen Lieblingsautor Andreas Eschbach (weitere Termine für Lesungen in seinem Terminkalender).






Die Bewirtung erfolgte durch das Lauterbacher Weinkontor, und passend zum Getränk des Journalisten im Buch hatte Eschbach neben dem obligatorischen Wasserglas des Vorlesers auch ein Glas Rotwein vor sich stehen. Ich gehe aber davon aus, dass das Budget des Veranstalters einen besseren Wein erlaubte als der im Buch beschriebene ;)





Er las den Anfang seines neuen Buchs "Todesengel" vor, nämlich den Teil, in dem der alte Mann zusammengeschlagen wird, bis zu der Stelle, als sich der Journalist ins Krankenhaus einschleicht und ein Interview mit ihm führen kann.


Die Lesung begann schon mit einer anfangs unangenehmen Überraschung, als in der ersten Reihe ein Streit zwischen zwei jungen Männern um einen Sitzplatz entbrannte. Dieser Streit eskalierte sehr schnell über Schubsen bis hin zu einer - sichtlich gespielten - Prügelei. Das Publikum wurde leicht unruhig, aber die Situation entspannte sich, als einer der beiden sich dann als Inhaber der örtlichen Kampfsportschule vorstellte, und nebenbei zu "kostenlosen Schnupperstunden" einlud.

Der Streit war natürlich vorher abgesprochen, um zu illustrieren, wie schnell man in eine Auseinandersetzung geraten kann, und wie wenig Hilfe man von Umstehenden üblicherweise erfährt - zumindest habe ich das so wahrgenommen. Andererseits war es ziemlich offensichtlich gestellt, so dass man hier niemandem einen Vorwurf machen kann. Der gespielte Kampf erinnert an zwei Stellen im Buch: die zwei Schläger, die im ersten Kapitel den alten Mann misshandeln, und die gestellte Szene kurz vor Schluss, als die Schüler der Kampfsportschule ebenfalls einen gespielten Kampf inszenieren.

Nach dieser körperlichen Einlage und einer kurzen Vorstellung durch die Moderatorin, die sehr glücklich war, dass sie es nach zehnjährigem Bemühen endlich geschafft habe, ihn zu einer Lesung nach Lauterbach zu bekommen, hat Eschbach mit kleinen Auslassungen den Anfang seines Buchs sehr gut vorgelesen, dabei auch die verletzungsbedingten Sprachschwierigkeiten des alten Mannes beim Interview im Krankenhaus andeutend.

Nach der Lesung als erstem Teil des Programms hat er äußerst charmant und mit humorvoller, teilweise spitzzüngiger Diplomatie Fragen beantwortet und über sich, seine Arbeit, seine Ideen, die Verfilmung des "Jesus-Videos" und sein breites Themenspektrum gesprochen. Ausgeschlossen hat er in der Einleitung zur Fragestunde nur Fragen zu seiner Steuererklärung und zum nächsten Buch, das wüsste noch nicht mal sein Verlag ;)

Mal sehen, ob ich noch alles zusammenbekomme ...

Zum aktuellen Buch hat er dem Publikum zunächst einen der Grundpfeiler unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens ins Gedächtnis gerufen: die Bürger übertragen dem Staat das Gewaltmonopol, und dafür verspricht der Staat, die Bürger zu beschützen. Allerdings klingt im Buch die Frage an, wie gut der Staat das derzeit vermag: die Strafen für Vergehen gegen Sach- und Vermögenswerte (Betrug, Steuerhinterziehung, wenn man nicht gerade Hoeness heisst ...) sind sehr hoch im Verhältnis zu den Strafen, die für körperliche Gewalt gegen Menschen vorgesehen sind. Im Buch kommen einige Gewaltopfer zu (fiktivem) Wort, dass ihre Schädiger nur sehr mild - wenn überhaupt - bestraft wurden, und sogar teilweise das Opfer oder ein Nothelfer zu Schadenersatz verurteilt wurde oder ein Vergleich geschlossen wurde, und zwar nicht in der erwarteten Richtung, sondern das Opfer musste dem Täter (!) Schmerzensgeld zahlen.

Kritisch sieht er auch generell die Tendenz, Kriminalstatistiken "schönzurechnen" und auf abnehmende Kriminalitätszahlen zu verweisen. Er meint allerdings, dass hierbei unbedingt auch die demografische Entwicklung in die Betrachtung mit eingehen muss: wenn der Anteil der Jugendlichen an der Bevölkerung stärker fällt als der Anteil der Jugendlichen an der Gesamtheit der Vergehen, steigt offensichtlich die Anzahl an Vergehen, die von Jugendlichen begangen wird. Diese Korrelation wird aber in gängigen Zahlenwerken vollständig ausgeblendet.

Eine der weiteren Fragen war, wie ihm als Autor der Film zum "Jesus-Video" gefallen habe ... Dies war die Antwort, die ich weiter oben mit "spitzzüngig diplomatisch" beschrieben habe ;). Einerseits sei der Film nur ungefähr die ersten 30 Sekunden mit dem Buch identisch, und der Drehbuchautor habe wohl das Motto gehabt "warum zwei Verfolgungsjagden, wenn es auch drei sein können", aber andererseits sei er nun ein verfilmter Autor, und das wäre ungefähr vergleichbar mit dem Aufstieg von der Regional- in die Bundesliga. Es gebe an dem Film auch Teile, die ihm gefielen, zum Beispiel ... die Musik, und die Tricks wären auch gut gelungen, wenn man bedenke, dass das Budget nur etwa einem "Tatort" entsprochen habe, aber die Tricks trotzdem aussähen wie aus einem 100 Millionen teuren Hollywoodschinken, wenigstens aber wie aus einem 50 Millionen teuren ;). Er erzählte außerdem sehr unterhaltsam von den Dreharbeiten in Marokko, die bei Null Grad im Mai stattfanden, die Schauspieler aber in sehr dünner Sommerkleidung zu spielen hatten, dass sie stark schwitzend archäologisch arbeiten müssen. Dazu wurde ihnen in Ermangelung von echtem stattdessen künstlicher Schweiß auf die Stirn gesprüht.

Zu "Eine Billion Dollar" erzählte er, dass er die Idee schon als Jugendlicher mit sich herumgetragen habe, und während des Schreibens immer befürchtet habe, dass ein anderer Autor diese "offensichtliche Idee" früher auf den Markt brächte. Eigentlich sei auch nicht der Erbe die Hauptperson, sondern das Geld selbst, und er wollte ein Buch schreiben, in dem nicht der Protagonist am Happy-End das Geld bekäme, sondern er wollte ein Buch schreiben, in dem der "Held" das Geld am Anfang bekäme und dann die Story ihren Lauf nehmen sollte.

Wie auch schon in anderen Interviews zu lesen ist, führt er Notizbücher über seine Ideen, und bei neuen Gedankenblitzen wird das Notizbüchlein erweitert. Genau wie man sich direkt nach dem Aufwachen noch an einen Traum erinnern könne, sei es - zumindest bei ihm - mit Ideen. Kurz danach kann man sich schon nur noch daran erinnern, dass man eine Idee gehabt habe, und noch ein bißchen später sei auch das vergessen. Deshalb müsse er gleich alles aufschreiben, und aus diesem Fundus schöpfe er dann noch jahrelang. Im Schnitt vergingen bei ihm sechs Jahre von der Ideensammlung bis zum fertigen Buch.

Zum Thema "Lob für gute Recherche" meinte er, dass es ihm seltsam vorkäme, etwa so, wie einen Autor für seine Rechtschreibung zu loben. Er wolle lieber für seine Phantasie gelobt werden.

Eine etwas wirre und ziellose Frage aus dem Publikum, ob er denn nach religiösen Büchern wie "Jesus-Video" und "Todesengel" selbst an Engel glaube, umging er auch sehr diplomatisch mit einer Antwort, dass es ja in den Büchern gar nicht um tatsächliche übernatürliche Wesen ginge, sondern um die Reaktion der Menschen darauf.

Auf meine eigene Frage, dass bei manchen Büchern das Ende sehr abrupt erfolgt und ob das eine Einflußnahme des Verlags wäre, antwortete er, dass er bei manchen Themen gar kein Happy-End präsentieren wolle, sondern den Leser zum intensiven Nachdenken über die Geschichte anregen wolle. Die ebook-Variante von "Todesengel", die ich gelesen hatte, enthält als Bonus ein (echtes) Interview mit Prof. Christian Pfeiffer, einem in der Wissenschaft durchaus umstrittenen Kriminologen, und dazu erklärte Eschbach, dass das Interview diametral zur Story stehe, Pfeiffer z.B. gewisse Statistiken anders interpretiere als er, und dass er (natürlich) seine eigenen Recherchen und Interpretationen für plausibler halte. Erst auf dieser Lesung erfuhr ich, dass das Interview im gedruckten Buch nicht enthalten ist, sondern geplant war, zwei Varianten des ebooks herzustellen, sich aber Autor und Verlag dann dazu entschlossen, nur eine Variante zu veröffentlichen. Etwas irritierend war, das musste auch Eschbach zugeben, dass das Interview den Leser unkommentiert direkt nach dem Epilog anspringt, ohne dass der Standpunkt des Autors in Hinblick auf dieses Interview klar wird.

Nach der Fragestunde schloss sich eine Signierstunde an, und mit großer Geduld versah er meine (bzw. seine) sämtlichen mitgebrachten Werke, auch die Perry-Rhodan-Hefte, mit seiner Unterschrift. Leider hatte ich ausgerechnet das "Jesus-Video" und "Solar-Station" gerade verliehen und konnte sie nicht signieren lassen, aber dafür fast alles andere, was derzeit von ihm in gedruckter Form erhältlich ist (soweit ich das überblicke, fehlen mir noch "Herr aller Dinge" und die Trilogie "Hideout", "Blackout", "Timeout"). "Todesengel" und "Eine unberührte Welt" besitze ich nur als ebook, und da ist die Technik noch nicht so weit, dass man bei Signierstunden damit etwas anfangen kann ...


Als Fazit lässt sich sagen: Andreas Eschbach ist ein sehr angenehmer Unterhalter und es war ein rundum gelungener und spannender Abend!
Wer die Gelegenheit hat, eine solche Lesung zu besuchen, sollte das unbedingt tun. Das Geld für den Eintritt ist mehr als gut angelegt.







(Bilder mit Erlaubnis von Andreas Eschbach verwendet)