02.07.2013

Politiker wollen keine Bürgermeinung wissen

Mal schnell zwischendurch neue Meldungen bei Facebook und Google+ lesen, das eine oder andere "liken" und "plussen", vielleicht sogar kommentieren ... das ist mittlerweile der Normalzustand, das Web zu nutzen.

Wenn dann dazu noch das Gefühl kommt, man kann Politiker erreichen und mit ihnen interagieren, hat man sogar noch ein höchst demokratisches Wohlgefühl dabei.

Bis ... ja bis man auf den "Social Media Superstar" Peter Tauber trifft, der erstaunlicherweise trotz CDU-Mitgliedschaft gegen das Leistungsschutzrecht gestimmt hat und auch sonst in netzpolitischen Dingen eigentlich recht vernünftig erscheint.

Andererseits lässt er immer wieder Lobarien über Kanzlerin Merkel ab, die sehr geschönt klingen und nicht immer allzu nah an der Realität sind. Aber dafür ist er ja in der CDU ...

Neulich gab es ein peinliches Interview mit "DJane" Marusha, einer B-Promi, die in bemerkenswerter Unkenntnis von Fakten ziemlich viel Unsinn von sich gegeben hat, und auf die Nachlieferung von Fakten durch den Interviewpartner sehr ... flexibel reagiert hat. Daraufhin hat Sascha Lobo das Interview zerpflückt und wunderschön kommentiert.


Herr Tauber nun hat das original in der Welt erschienene Interview auf Facebook geteilt und dazu geschrieben "Zweitstimme ist Merkelstimme".

Ich konnte mir nicht verkneifen, den Link zu Lobos Kommentar darunter zu setzen und einen weiteren zur "taz", die dieses Interview ebenso liebevoll in kleine Teile zerlegte.



Heute nun lobpreist Tauber sich und die CDU wegen des ersten Entwurfs für eine Verordnung zur Netzneutralität. Diese Verordnung kommt in der Fachpresse nicht besonders gut weg. Ich wollte das entsprechend kommentieren und stelle fest, dass Facebook mir kein Eingabefeld zum Kommentieren anbietet. Außerdem ist der Knopf "Nachricht senden" verschwunden. Leider habe ich keinen Screenshot dieses Artikels vorher mit meinem Kommentar darunter.

Offensichtlich hat Herr Tauber mich also aufgrund meiner unerwünschten Kommentare in Facebook blockiert und wünscht nicht mehr, Volkes Stimme aus seinem Wahlkreis zu vernehmen. Ebenso sind meine Kommentare unter dem Facebook-Beitrag gelöscht worden.

Genauso so stelle ich mir Politik vor: man darf alle vier (oder fünf) Jahre wählen gehen, dazwischen soll man aber schön seinen Mund halten, und wenn man protestiert (wie in Frankfurt), wird man von der Polizei eingekesselt, einzeln abgeführt, erkennungsdienstlich behandelt und ist als Aufrührer in sämtlichen Informationssystemen von Polizei und Geheimdiensten vermerkt (das letztere ist eine reine Vermutung, sozusagen ein "educated guess" ;) ).

Als ich mit meiner Familie darüber sprach, meinte meine Frau zu meinem größten Erstaunen, dass es absolut in Ordnung sei, wenn jemand unter "seinen" Artikeln Kommentare löscht. Wohlgemerkt: es geht um harmlose, weder (meiner Meinung nach) rechtlich noch moralisch zu beanstandende Kommentare. Ihr einziger Makel ist der falsche politische Stallgeruch.

Was meinen die anderen Leser: darf ein Politiker bei seinen öffentlichen Artikeln in sozialen Netzwerken Kommentare löschen, nur weil sie ihm nicht in die politische Richtung passen? Technisch kann er es offensichtlich, aber ist das bei einem Politiker in Ordnung, der im öffentlichen Rampenlicht steht und sich selbst gern für seine Auftritte bei Facebook und Twitter loben lässt?