08.07.2014

Wirrer Leserbrief über Verschwörungen - Leserbrief

Am 01. Juli war ein in meinen Augen sehr wirrer Leserbrief in der WZ, geschrieben von einem der (anderen) Leserbrief-Vielschreiber, einem emeritierten Professor. Seine Leserbriefe strotzen in letzter Zeit nur leider vor christlicher Orthodoxie, offener Ablehnung anderer politischer Meinungen, ebenso offener Ablehnung nachgewiesener wissenschaftlicher Erkenntnisse und nicht wirklich gut versteckten Verschwörungstheorien jüdischer Bankiers mit der UN.

In Summe fand ich den Leserbrief so schrecklich schlecht, dass ich nach dem Kopfschütteln eine Antwort dazu schrieb (veröffentlicht am 08.07.2014).

Leserbrief zum Leserbrief von Hr. L., 01.07.14

Schade, dass sich das Niveau der Leserbriefe zum Klimawandel in so einer Abwärtsspirale befindet.
Eine Zeitlang dachte ich, hier findet eine sachliche Diskussion statt, aber dann hieß es plötzlich, dass die Religion uns helfen wird, und nun kommen als Steigerung die Verschwörungstheorien.

Ich kann immer noch kaum glauben, dass man in einem Leserbrief zum Thema Klimawandel soviele verschiedene, verworrene Dinge und Gedankengänge unterbringen kann. Respekt dafür schon mal. "Neomarxisten", die "Vorfahren der Grünen" 1974, und dann auch noch eine Verbindung zwischen einer "Rothschild-Bank" und der UN bei der Kreditvergabe an die Dritte Welt. Unglaublich. Eigentlich fehlen nur noch die Illuminaten und die Nazis mit den Reichsflugscheiben auf der Rückseite des Mondes. Beim Lesen heute morgen stand ich kurz vor einem Schleudertrauma wegen Dauerkopfschütteln.

Ich hatte gehofft, dass Hr. L. sich an seinen eigenen Vorschlag aus dem Frühjahr hält, nicht mehr über den Klimawandel zu diskutieren. Ich hatte nicht erwartet, dass er die wissenschaftlichen Fakten akzeptieren kann oder will, aber solch eine Ansammlung von Thesen mit einer auffälligen, mehrfachen Nennung eines augenscheinlich jüdischen Namens in Verbindung mit spekulativen finanziellen Verstrickungen finde ich grenzwertig.

Hr. L., Sie sind emeritierter Professor in einem naturwissenschaftlich-technischen Fach. Ich kann nicht nachvollziehen, auf welche diffuse Quelle Sie die lockere Behauptung stützen, dass es keinen Klimawandel gibt, ersatzweise, dass er keine menschlichen Ursachen hat. In mehr als 4.000 wissenschaftlichen Studien stellen ca. 13.000 Wissenschaftler fest, dass der Klimawandel definitiv menschgemacht ist. Mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat eines Mitarbeiters von IPCC und der ebenso lockeren Behauptung, dass der "Club of Rome" in den "Grenzen des Wachstums" quasi nur Unsinn erzählt hat, lässt sich das nicht seriös entkräften. Zusätzlich zu den Quellen aus meinen bisherigen Leserbriefen biete ich ihnen eine Infografik der NASA an, die mit Satelliten den CO2-Gehalt in der Atmosphäre misst. Der CO2-Gehalt ist so hoch wie noch nie seit Beginn der meteorologischen und klimatologischen Aufzeichnungen.

Abgesehen davon ist der Klimaschutz mittlerweile auch in der Rechtsprechung angekommen: der EuGH entschied gerade, dass Ökostromförderung sinnvoll ist, weil "das im Allgemeininteresse liegende Ziel gerechtfertigt ist, die Nutzung erneuerbarer Energiequellen zu fördern, um die Umwelt zu schützen und die Klima-Veränderungen zu bekämpfen".

Ich finde es auch nicht besonders redlich, als rhetorischen Trick einen Gegensatz zwischen Klimaschutz und Geldverdienen zu konstruieren. Selbstverständlich darf man Geld verdienen, wenn man klimafreundliche Produkte und Maschinen herstellt, z.B. Solarpanels oder Elektroautos. Sie tun geradezu so, als wäre Klimaschutz nur dann moralisch vertretbar, wenn er kostenlos stattfindet.

Nun gut, wie wäre es damit: der Chef des amerikanischen Elektroauto-Herstellers Tesla (Elon Musk, übrigens auch der Gründer von Paypal) hat angekündigt, dass jedermann kostenlos die Tesla-Patente nutzen darf, ohne Geld zu zahlen. Diese Patente beinhalten z.B. Akku-Schnellladeverfahren, Ladesäulen, und noch viel mehr nützliche Dinge rund um Elektroautos. Ist das nicht eine tolle Entscheidung?
[Update 20140708: Links anklickbar]