05.05.2013

Die Frankfurter Rundschau regt mich schon wieder auf

In der Samstagsausgabe vom 04.05.2013 ist schon wieder ein Artikel vom selben Journalisten, dem ich letzte Woche schon geschrieben habe zum selben Thema DSL-Drosselung. Diesmal führt er ein Interview mit Prof. Torsten Gerpott von der Uni Essen, dort hat er den Lehrstuhl für Telekommunikationswirtschaft inne. Ich finde das Interview sehr schlecht.

Leserbrief zu „Interview zu Drosselkom“ von Hr. Wenzel, FR vom Sa. 04.05.2013

Lieber Herr Wenzel,

Sie haben schon wieder so einen unkritischen Artikel zur DSL-Drosselung der Telekom veröffentlicht.

Ihr Experte behauptet ohne Quellenangabe, dass Deutschland beim Kabelausbau im 16-MBit/s-Bereich weit vorne liegt. Ich empfinde den 18. Platz nicht als "weit vorne".

Die Studie der Breitband-Rangliste wird seit 2008 jährlich von der Oxford University durchgeführt und von Cisco Systems in Auftrag gegeben. Innerhalb dieser Studie wird eine Rangliste nach Werten erstellt, welche die Qualität der Breitbandnetze (vor allem die Geschwindigkeit) und deren Verbreitung in städtischen und ländlichen Gebieten messen. Spitzenreiter ist Südkorea mit einer Haushaltsanschlussquote von 100%. Die Downloadgeschwindigkeit beträgt hier 33,5 Megabit pro Sekunde, die Uploadgeschwindigkeit 17Mbps. Mit dem weiter hinten liegenden 18. Platz und einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 11,63Mbps (D) bzw. 1,28Mbps (U) wird deutlich, dass in der Bundesrepublik noch Nachholbedarf besteht. Die Anschlussquote hierzulande beträgt 66%. (Zitiert aus DStGb-Newsletter).

Machen Sie doch mal eine Umfrage, wer die "bis zu" 16 MBit/s auch wirklich bekommt. Ich wette mit Ihnen um einen Meter Glasfaser, dass die meisten Telekom-Kunden irgendwo zwischen 8 und 12 MBit/s herumdümpeln. Bezahlen dürfen sie aber trotzdem den Preis für 16 MBit/s.

Außerdem behauptet er auch wiederum ohne Belege, dass es "einige wenige Vielnutzer" gibt, die deshalb unsolidarisch mehr Geld für den kommenden Ausbau bei der Telekom abliefern sollen. Der Anschluss als solcher hat doch überhaupt nichts damit zu tun, wie stark er genutzt wird! Meiner Meinung nach sollte der grundsätzliche Anschluss mit einer menschenwürdigen Geschwindigkeit für alle gleich viel kosten.

Ich bin gern bereit, für eine höhere Geschwindigkeit mehr zu bezahlen, aber eine Drosselung auf 384 KBit/s ist moderne Folter. Wenn sogar die veraltete Breitbandstrategie der Bundesregierung von 2010 ein Ziel von 1 MBit/s vorgibt, kann eine Drosselung auf 384 KBit/s nur ein schlechter Scherz sein.

In meinem ursprünglichen DSL-Vertrag (von 2004 etwa) steht auch drin, dass ich aufgrund "technischer Gegebenheiten" vielleicht nur 384 oder 768 KBit/s bekommen werde, aber trotzdem für 1 MBit/s bezahlen muss.

Ich kann die "technischen Gegebenheiten" nachvollziehen, weil ich mich ein bißchen für diese Technik interessiere, aber nicht die geschäftlichen Konsequenzen, die die Telekom daraus ableitet.

Die Konkurrenz z.B. bietet auf der gemieteten "letzten Meile" meistens höhere Geschwindigkeiten an, weil sie die Toleranzgrenze für die sog. "Dämpfung" aggressiver einstellen, auch wenn die Entfernung von der Basisstation (DSLAM) höher ist als jeweils vorgesehen. Das erlaubt höhere Geschwindigkeiten, kann aber zu gelegentlichen Ausfällen führen, wenn sich die beiden Gegenstellen erst wieder auf bestimmte Übertragungsmechanismen einstellen müssen (nennt sich "Re-Training"). Mir wären gelegentliche kurze Abbrüche lieber als dauerhaftes Langsamsurfen.

Auf die ländlichen Gebiete gehen Sie im Interview kaum ein. Es wird am Rand erwähnt, dass die Telekom sich insbesondere in Städten engagieren will, weil hier mit wenig Aufwand viel Rendite erzielt werden kann. Der Ausbau auf dem Land ist Ihrem Experten aber lediglich ein Schulterzucken wert. Die Gekniffenen sind aber hauptsächlich die Menschen auf dem Land! Die Landeier dürfen also mit langsamen Anschlüssen leben, sollen aber auch kräftig zahlen und sich solidarisch zeigen. Hört sich doch merkwürdig an, oder?

Das Ziel der Breitbandstrategie der Bundesregierung, bis Ende 2010 alle Haushalte flächendeckend mit Breitbandanschlüssen von mindestens 1 MBit/s zu versorgen, wurde verfehlt und wurde jetzt einfach in die Zukunft verlegt, außerdem mit Mobilfunk-Lösungen wie LTE krückenhaft geflickt. Leider haben die LTE-Anschlüsse denselben Nachteil, nur noch schlimmer: eine Zwangsdrosselung nach 10/15/30 GB im Monat (bei Telekom, Vodafone ähnlich), je nach Vertrag. Man kann einmalig für 14,95 nochmals Kontingent nachkaufen, aber dieses nachgekaufte Kontingent verfällt am Monatsende. Viele Kunden werden also nicht am 28. nochmals 14,95 bezahlen; das Geld wäre größtenteils zum Fenster hinausgeworfen.

Genau das ist aber nicht der Sinn einer deutschlandweiten Breitbandpolitik! Die sog. weißen Flecken auf dem Land hinken dann immer hinterher. Es klingt ja so toll, dass ich zu einem anderen Anbieter gehen könnte. Das ist insofern korrekt, als der "andere Anbieter" dann die letzte Meile von der Telekom anmietet. Das ist aber auch nur möglich, wenn diese letzte Meile nicht mit "DSL Vectoring" unter die alleinige Kontrolle der Telekom zurückgeholt wird. Die Kabelgesellschaften haben denselben Standpunkt wie die Telekom: ein neues Kabel wird nur vergraben, wenn sich genügend Interessenten finden. Mein Wohnort z.B. bekommt in den nächsten zehn Jahren sicherlich kein Kabel, und von Glasfaser kann ich nur träumen.

Insgesamt gesehen finde ich das Interview sehr schwach und einseitig und Sie hätten ruhig mit mehr Fakten kritischer nachfragen sollen. Außerdem würde ich gern wissen, ob Ihr interviewter Experte oder sein Institut irgendwelche finanziellen Beziehungen zur Telekom hat. Es soll ja vorkommen, dass Firmen Drittmittel an Unis geben und forschen lassen. Dann könnte ich dieses Hurra-Interview besser einordnen.
[Update 05.05.2013: Quelle für Zitat Breitbandstudie 18. Platz D eingefügt]