17.12.2012

Die digitale Kluft auf dem Dorf

In letzter Zeit mache ich mir immer öfter Gedanken über die digitale und reale Zukunft, insbesondere unserer eigenen Kinder natürlich, aber ebenso auch etwas abstrakter um die Zukunft meiner Mitmenschen, Kinder und Erwachsener. In den folgenden Absätzen mal eine Sammlung von interessanten Stellen, die mir letztens über den Weg gelaufen sind, und ein paar Gedanken, wie schnell das dann auch wirklich bei den Menschen ankommt.

Wir stehen vor einer gigantischen Umwälzung, und obwohl ich in einer Technologiefirma arbeite (mit dem blaugestreiften Logo ...), kann ich mir kaum vorstellen, wie die Technik unser weiteres Leben verändert. IBM z.B. behauptet in einer kühnen Voraussage, dass in fünf Jahren Computer die 5 Sinne des Menschen nachbilden können, als "Versteher", d.h. Konsument von Reizen, und damit nicht nur z.B. Pixel auf einem Bild wahrnehmen, sondern den Inhalt des Bildes erkennen und damit dem Bild einen Sinngehalt zuordnen können.

Meiner Meinung nach ist das "tragbare Internet" in Form von Smartphones eine der tollsten und grandiosesten Erfindungen, die überhaupt jemals gemacht wurden. Smartphones bieten den Zugriff auf Wissen wie Wikipedia, Google usw., aber ebenso können sie alltägliche Daten speichern, die man sich nicht mehr mit Mühe selbst merken muss (Termine, Einkaufslisten usw.). Die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten von "Apps" auf Smartphones ist sicherlich noch nicht annähernd ausgereizt, und ich persönlich bin gespannt darauf, was alles noch kommen mag.

Auf die Vernetzung von Geräten will ich gar schon mal gar nicht eingehen, zum Einen gibt es die "Car-2-Car"-Kommunikation. die gerade mit WLAN rund um Frankfurt erprobt wird, und der Opel Adam baut da bei der Unterhaltung und Bedienung auf ein ganz neues Konzept. Und auch der Unterhaltungswert ist mit tragbaren Geräten ganz anders, die GPS, Lagesensoren wie Gyroskop, Beschleunigungssensor, manche sogar ein Barometer enthalten. Google macht es mit dem Spiel Ingress vor (derzeit beta nur mit Einladung), was alles mit "augmented reality" möglich ist, also der Überlagerung von realen Informationen mit computergenerierten.

"Google Now" ist auch eine ganz hübsche Idee, bei der persönliche Lebensdaten in ihrer Gesamtheit ausgewertet werden, um daraus zu schlussfolgern, was als nächstes ansteht, und dann zielgerichtet Vorschläge dazu zu machen (z.B. im Terminkalender feststellen, dass eine Besprechung in Frankfurt stattfindet, die Verkehrsnachrichten auswerten und dann selbständig vorschlagen, wann auf welcher Route loszufahren ist).

Was ich mir aber außerdem durchaus vorstellen kann, ist, dass dabei ganz viele Menschen abgehängt werden und sich auf diese Weise eine Kluft bildet, die kaum aufzuholen ist, und die noch viel schlimmer werden wird als die Industrialisierung im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Dabei denke ich nicht nur daran, dass die Smartphones Geld für Anschaffung und Betrieb kosten, sondern auch, dass für die sinnvolle Nutzung von Smartphones ein gewisses Interesse und - derzeit noch - Neugierde bei der Erforschung und leider auch ein dickes Fell bei der Duldung von Problemen und Fehlern bedeutet. Der Normalfall ist, dass die "üblichen" Dinge einwandfrei funktionieren, dass aber eben manchmal der Teufel im Detail steckt und eben nur mit Ausprobieren oder Ändern von Einstellungen zum Funktionieren gebracht werden können. Da geben viele bestimmt entnervt auf, bevor sie zuviel Zeit hineinstecken ... Ich könnte auch mal wieder meckern, wie langsam Smartphone-Hersteller Android-Updates liefern, aber das hab ich schon ein paarmal gemacht und spar's mir hier ;-)

Nebenbei könnte ich mir auch noch im Sinne von 1984 vorstellen, dass die Lieferanten von Inhalten und Apps damit eine Filterfunktion entfalten können und damit Möglichkeiten zur Meinungssteuerung haben ... Das klingt ganz schön gruselig. Wenn man nicht über ein Ereignis berichtet, und man nicht zufällig direkt daneben wohnt, findet es in der Wahrnehmung der Menschen nicht statt.

In den Vorträgen über Privatsphäre und Datenschutz ("manage your identity" - halte ich kostenlos nach Vereinbarung für Schulklassen oder Elternbeiräte; sinnvoll ca. ab 7. Klasse, wenn die Kurzen loslegen mit Facebook und Co.) sind die Zuhörer meistens ganz schön erschrocken, was so alles mit ihren Daten passieren kann, insbesondere, wenn man Daten aus vielen verschiedenen Lebensbereichen zusammenführen kann. Besonders erschrecken die meisten, wenn ich das Beispiel mit der iPhone-App "Where are the girls" anführe und beschreibe, dass mit der Löschung der App aus dem Store das grundsätzliche Problem der öffentlichen Daten ja eigentlich gar nicht gelöst ist ... Ein anderes schönes Beispiel dafür, was Konzerne aus ihren Daten alles schlussfolgern können, findet sich hier: Versandhaus weiß von Schwangerschaft vor den Eltern.

Zurück zum Thema "Filterfunktion": da haben sich die deutschen Verlage z.B. im Moment nicht gerade mit Ruhm bekleckert, weil in der Totholzindustrie (=Presseverlage) die Diskussion um das Leistungsschutzrecht zu 99% totgeschwiegen wird, und auch die Gegenseite quasi gar nicht zu Wort kommt (ich erinnere an meinen abgelehnten Leserbrief für die WZ ...). Eine Diskussion, die nur "im Internet" geführt wird, wird von geschätzt 80% der Bevölkerung kaum oder gar nicht wahrgenommen.

Ich und meine Frau sind in diversen Institutionen ehrenamtlich (ein wenig ...) tätig, z.B. im Elternbeirat (Kindergarten, dann Grundschule, Gymnasium), Förderverein der jeweiligen Schulen, Kirchenvorstand, und in Vereinen.

Bei den Sitzungen oder sonstigen Besprechungen fällt mir in letzter Zeit ganz massiv auf, dass es verschiedene Typen von Menschen gibt, zumindest, was die Nutzung und überhaupt den Nutzungswillen von Technik angeht. Die folgende Liste betrifft nicht nur Smartphones, sondern ganz allgemein alles, was mit Strom betrieben wird ;)

  • Aufgeschlossene Neugierige, die Wert auf Ausgereiftheit legen (jo, das bin ich ;) ... mittlerweile, mein Fell ist nicht mehr so dick, was die Toleranz von Fehlern im Produkt angeht)
  • Zögerliche, die man mit ein wenig Überredung dazu bringen kann, etwas zu nutzen (dazu zählt meine Frau, die seit neuestem ein Motorola Milestone 2 hat, nachdem ihr das abgelegte Motorola Flipout von Kind 1 zu klein war - jetzt muss sie sich "nur noch" an den Google-Kalender und Einladungen gewöhnen und das Dings immer dabei haben)
  • Widerstrebende, die Technik nutzen, wenn man sie ihnen erklärt und vorbereitet. Dann nutzen sie sie auch gern, weil es einen Mehrwert bietet (meine Schwiegermutter lässt mich Anleitungen lesen und erwartet dann, dass mit einem Knopf alles funktioniert - schwierig, wenn man für Fernseher und Sat-Receiver zwei Fernbedienungen hat ;) )
  • Ignorierer, die von der Existenz einer Technik wissen, aber sie nicht nutzen *wollen* und das auch unmißverständlich alle spüren lassen.
  • Widerstrebende, die eine Technik nutzen, weil es von ihnen "irgendwie" erwartet wird; aber eigentlich wollen sie nicht, trauen sich aber nicht, dies so vehement zu vertreten wie die "Ignorierer". Der Widerstand besteht darin, die Technik (z.B. Email) so selten zu nutzen, dass das Gegenüber es nach einem oder zwei Fehlschlägen aufgibt, z.B. weil eine Einladung per Email nicht wahrgenommen wurde.

Diese Klassifizierung ist sicherlich nicht erschöpfend, aber nahezu meine komplette eigene Umgebung kann ich da schon ziemlich vollständig einsortieren ;)

In einer Elternbeiratssitzung der 6. Klasse von Kind 1 hatte ich mal vorgeschlagen, ein Wiki mit einer geschlossenen Benutzergruppe einzurichten, um dort Informationen abzulegen, die für die ganze Klasse relevant sind. In einer Klasse von 30 Kindern waren gerade mal 3 Eltern, die überhaupt verstanden, von was ich eigentlich gesprochen hatte. Wikipedia kannten zwar fast alle, aber die Tatsache, dass man a) so etwas selbst einrichten und b) selbst darin schreiben kann, kam für *alle* total überraschend.

Im Elternbeirat der Grundschule haben wir es nichtmal geschafft, unsere Mitteilungen als Email zu schicken ("ich guck nur alle 3 Wochen in meine Email ..."). Also weiterhin ausdrucken und in die Ranzenpost ...

Immerhin: Email funktioniert im Gymnasium, aber das war's auch schon. Termine über Doodle? Blog? Google-Kalender? Ach nö, danke.

Ganz bemerkenswert und total klasse finde ich, dass die Gemeinde Wölfersheim die Müllabfuhr-Termine als öffentlichen Google-Kalender anbietet. Das ist simpel und genial bequem. Ich liebe es.

Zu diesem Dilemma der Aufspaltung in "Umarmer" und "Ablehner" trägt natürlich auch bei, dass sich die Telekom-Konzerne nicht gerade mit Ruhm bekleckern, was die Internet-Versorgung auf dem platten Land betrifft. Mit ein klein wenig Verschwörungstheorie könnte ich mir sogar erklären, warum bei meinem DSL der variable RAM-Modus abgeschaltet wurde und ich plötzlich wieder mit 384 statt 1700 KBit/s surfen musste.

Seit Oktober haben wir stattdessen LTE mit 7200 KBit/s, aber dafür mit einer mobilfunktypischen Beschränkung auf 10 GB Volumen pro Monat (Korrektur: seit Dezember gibt es S/M/L-Tarife mit 10/15/30 GB pro Monat und für 9,95 Euro sogar zusätzliche 30 GB auf Zuruf), und danach mit Drosselung auf die vorherige DSL-384-Geschwindigkeit. Das führt dazu, dass man immer mit dem Hintergedanken surft, wann die Drosselung zuschlägt ;(. Dienste wie Internet-Radio und Streaming sind so natürlich illusorisch.

In diesem Sinne: jeder sollte sich ein wenig mehr mit Technik beschäftigen, und sei es nur, um mit seiner Privatsphäre bewusst umzugehen. Nicht nur Facebook und Google wollen unsere Daten, sondern auch die Konzerne, die sich an Rabattkartensystemen und anderen Kundenbindungsprogrammen beteiligen, wollen gern soviel wie möglich über uns wissen.