10.09.2012

Unser Leserbrief zu "Beförderung nur zur nächstgelegenen Schule" (Bericht über die VGO in der WZ vom 05.09.12)

Am 05.09. war in der WZ ein Bericht zu einer Pressemitteilung der VGO zu lesen. Diese Pressemitteilung bezog sich darauf, dass es Elternbeschwerden über zu geringe Buskapazitäten bei der Schülerbeförderung gibt (z.B. in früheren Artikeln hier und hier und in Leserbriefen an die WZ), und dass sogar Schüler an der Bushaltestelle zurück gelassen werden.
Besonders absurd ist die Situation, dass Kinder in Nieder-Wöllstadt aus dem Bus aussteigen sollen, mit der S-Bahn nach Bad Nauheim fahren und dort in exakt diesen Bus wieder einsteigen müssen, damit z.B. die Kinder aus Ober-Wöllstadt Platz im Bus finden (die S-Bahn fährt Ober-Wöllstadt bekanntermaßen nicht an).

Zu dieser Stellungnahme der VGO habe ich (mit meiner Frau zusammen) mal wieder einen Leserbrief verfasst. Da die WZ ein Limit von 600 Worten bei Leserbriefen setzt, gibt es hier die Langfassung. Bei der Kurzfassung entfallen die Absätze über spezifische Wölfersheimer Probleme. Dieser Brief wurde auch in Kopie an die Wölfersheimer Schulleitungen und persönlich an Hr. Klein und Hr. Landrat Arnold geschickt.

Leserbrief zum Thema "Beförderung nur zur nächstgelegenen Schule"

Lieber Herr Klein von der VGO, mit Ihrer Äußerung "Wenn sich die VGO an die Entscheidungen des Kreises hält, kann die Politik nicht verlangen, dass wir zusätzliche Busse oder gar Linien einrichten, um Kinder zu einer nicht zuständigen Schule zu befördern, ohne dass der Kreis die Kosten hierfür übernimmt", verschicken Sie eine Pressemitteilung, die gänzlich am Thema vorbeigeht.

Die Beschwerden der Eltern, die bislang in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, beziehen sich darauf, dass die Schulbuslinien nicht genügend Kapazität aufweisen und deshalb Schüler an der Haltestelle zurückbleiben müssen oder im Bus ein fürchterliches Gedränge entsteht.

Wenn Sie nun die Frage ins Spiel bringen, ob Schüler an die nächstgelegene oder eine andere Schule fahren, sollten Sie die Leser anstandshalber auch informieren, dass die Jahresfahrkarten für diese Schüler von den Eltern bezahlt werden und nur der Anteil der Kosten zur nächstgelegenen Schule hinterher wieder erstattet wird. Diese Fahrkarten bestellen die Eltern übrigens jeweils vor den Sommerferien direkt bei der VGO, also bei Ihnen! Die Namen und Wohnorte der "regulären" Schüler erhält die VGO jeweils weit vor den Sommerferien von den Schulen. Dann erstellt die VGO die personalisierten Schülerjahresfahrkarten (sog. Clever-Cards), die dann noch vor den Ferien über die Schulen an die Schüler verteilt werden. Es sollte mit Hilfe moderner EDV kein großes Problem sein, hieraus den tatsächlichen Kapazitätsbedarf für das kommende Schuljahr zu ermitteln und entsprechende Kontingente bei den Busunternehmen zu bestellen. Seit Jahrzehnten schaffen es Speditionen, "just in time" zu liefern. Dabei lässt kein Transporteur ein paar Kisten am Straßenrand oder im Lager zurück, sondern er fährt bedarfsgerecht. Warum bleibt dann das "Transportgut" Kind auf der Strecke? Vielleicht sollte bei der VGO auch mal ein gelernter Speditionskaufmann die Buslinien auf Basis der vorhandenen Daten optimieren? Dem würde vermutlich rasch langweilig werden, da er ja mind. 8 Wochen Zeit für die Planung hat und dieser Plan dann sogar noch ein ganzes Schuljahr lang Bestand haben kann. Oder will die VGO vielleicht gar nicht bedarfsgerecht arbeiten? 

Statt nun wieder den Schwarzen Peter in Form von Pressemitteilungen hin- und her zu schieben und Zeit zu schinden, schlage ich vor, dass alle Beteiligten (Schulen, VGO, Kreis, ggfs. SEB) sich im Interesse der steuerzahlenden Eltern an einen Tisch setzen und sich daran machen, das grundsätzliche Problem zu lösen.

Diese Gespräche gibt es zwar auch schon jetzt, es wäre aber hilfreich, wenn die Probleme dort endlich mal ernst genommen würden. Es ist jedenfalls vollkommen sinnlos, jetzt wochenlang über Pressemitteilungen zu kommunizieren und die Schüler (mit beginnendem Herbst) buchstäblich im Regen stehen zu lassen. Das Schuljahr läuft bereits seit vier Wochen!

Die o.g. Verschleppungstaktik hat sich allerdings seit vielen Jahren bewährt. Bei uns gab es vor 9 Jahren ein Problem mit dem Bus zur Grundschule. Die Eltern beschwerten sich, sie zählten Kinder, sie schrieben Briefe, es gab Pressetermine ... Geschehen ist nichts! Durch die natürlichen Schwankungen der Geburtenrate hat sich das Problem dann bei uns binnen 2 Jahren erledigt. Allerdings nur, um an anderer Stelle im Kreis wieder aufzutauchen. Es ist also keineswegs so, dass kreisweit Hunderte von Bussen zusätzlich fahren müssten! Es wird eher darauf hinauslaufen, dass dieses Jahr z.B. in Wölfersheim und nächstes Jahr vielleicht in Friedberg und übernächstes Jahr vielleicht in Karben zusätzliche oder größere Busse benötigt werden.

Da die Anzahl der Fahrkinder bekannt ist, erwarten wir ausreichende Kapazitäten zu den Zeiten, an denen Schüler befördert werden müssen. Die VGO kennt diese Anzahl. Sie wird seit langem vor Schuljahresbeginn von den Schulen an die VGO gemeldet. Es sollte ein leichtes sein, von den Schulen außerdem zu erfahren, wieviele Kinder zur 4., 5., 6. usw. Stunde die Schule verlassen, und entsprechend dieser Meldungen kleine, große, Gelenk- oder sogar zwei Busse einzusetzen. Wenn (ein fiktives Beispiel) zur 6. Stunde der Singbergschule 100 Kinder einen Bus in eine bestimmte Richtung benötigen, ist es sinnlos, diese Linie mit einem 40-sitzigen Bus zu befahren.

Herr Klein (und alle anderen beteiligten Institutionen), bitte unterlassen Sie themenfremde Nebelkerzen wie die "nächstgelegene Schule" und weitere Pressemitteilungen, außer, sie kündigen darin eine Lösung an. Wir Eltern erwarten Lösungen und kein Aussitzen des Problems wie in den vergangenen Jahren.

[ab hier Langfassung]

In Wölfersheim kocht es übrigens auch seit 2 Jahren gewaltig. Hierzu eine fiktive Rechenaufgabe: 100 Kinder mit Fahrtrichtung Berstadt-Wohnbach haben nach der 6. Stunde der Singbergschule aus. Die VGO hat einen 40-sitzigen Bus mit zusätzlichen 25 Stehplätzen beim Busunternehmen bestellt. Wieviele Kinder bleiben dann am Singberg stehen? Oder wie gut kann ich die Kinder quetschen, damit noch ein paar mehr hineinpassen? Wussten Sie eigentlich, dass die Kapazitätsangaben der Stehplätze gar nicht nach dem vorhandenen Platzangebot, sondern aus der zulässigen Achslast und dem Durchnittsgewicht Erwachsener errechnet werden? Dies ist genau dasselbe wie bei den Angaben in Fahrstühlen. Lesen Sie mal, wieviele Leute da so theoretisch reinpassen würden und probieren Sie es mal mit Ihren Kollegen aus! Der ehemalige Landrat Herr Gnadl hat dies vor wenigen Jahren eindrucksvoll bei einer Tagung des Hessischen Landeselternbeirates in Karben vorgeführt, und die Herren hatten nicht einmal Schulranzen dabei. 

Bei der Gelegenheit könnten Sie sich bitte auch mal endlich des Problems annehmen, dass vor den Ferien nach dem Hessischen Schulgesetz Unterricht von der 1. bis zur 3. Stunde zu erfolgen hat, es aber überhaupt keine Busse und Bahnen gibt, die nach der 3. Stunde fahren. Im Rahmen der jährlich stattfindenden Regionalgespräche (Schulen, Verkerhsbetriebe, VGO und ZOV) wurde dieses Thema mehrfach angesprochen und immer wieder abgewiegelt. Das Ganze ist an unserer Jim-Knopf-Grundschule in Södel besonders absurd, da die hier fahrenden Busse *ausschließlich* die Kinder befördern. Die Schulleitung hat nun schon extra den Unterricht von Stunde 2 bis Stunde 4 gelegt, damit es überhaupt möglich ist, nach Hause zu kommen. So fährt dann also ein leerer Bus vor der ersten Stunde, ein supervoller vor der 2. Stunde, ein supervoller nach der 4. Stunde und zwei leere Busse nach der 5. und 6. Stunde. Es sei nicht möglich, diese leeren Busse ausfallen zu lassen, und statt dessen einen Bus mehr zur 2. und zur 4. Stunde zu schicken. Man könne Linienbusse nicht ausfallen lassen, im Fahrplan steht aber schon "S= an Schultagen", also bitte!  Meine Kinder fahren seit 7 Jahren zu dieser Grundschule, es ist noch nie ein anderer Fahrgast mit dem Bus gefahren. De facto handelt es sich also um einen "Schulbus". Verzeihung, das ist das böse Wort, denn wenn es ein Schulbus wäre, würde ja auch Anschnallpflicht im Bus herrschen, und das geht ja gar nicht! Soviel habe ich schon verstanden, die Beförderung soll, bitte sehr, so billig wie möglich sein -- Sicherheit zählt da wenig. Übrigens ist ein überfüllter Bus nicht nur eine Frage des Komforts. Wenn kleinere Schüler mit Ranzen im Gang stehen müssen und es dort nicht mal überall Haltegriffe an den Sitzen gibt, ist das in allererster Linie eine Frage mangelnder Sicherheit, und die Bemerkung, es gehe um "Komfort", ist mehr als zynisch. Dafür sollten Sie, Herr Klein, sich bei den Betroffenen besser entschuldigen!